
Man kann über Matthias Moosdorf (AfD) vieles sagen. Dass der AfD-Bundestagsabgeordnete nichts von Musik versteht, gehört nicht dazu. Moosdorf war jahrzehntelang Cellist des Leipziger Streichquartetts, lehrte in Köln und ist bis heute als Musiker unterwegs. Wenn er über Russland spricht, klingt allerdings nicht nur das Cello mit. Dann wird aus Kultur schnell Außenpolitik – auch wenn Moosdorf darauf besteht, das eine habe mit dem anderen möglichst wenig zu tun.
Der aktuelle Anlass kommt aus dem Wahlkampf in Sachsen-Anhalt. Bei seiner Unterstützung für die dortigen Grünen warnte der baden-württembergische Ministerpräsident Cem Özdemir vor einem russlandfreundlichen Kurs einer möglichen AfD-Regierung. Moosdorf nannte er nicht ausdrücklich; dessen Moskauer Verbindungen sind allerdings ein ziemlich anschauliches Beispiel für das, worauf Özdemirs Warnung zielt. Die Ruhrbarone berichteten.
Genau darin liegt die hübsche kleine Dissonanz seiner Moskauer Unternehmungen: Der Abgeordnete reist privat, der Musiker konzertiert unpolitisch, der Honorarprofessor lehrt versöhnlich und der Ehrenbotschafter des Weltchorverbandes redet mit einem Berater Wladimir Putins über ein Großereignis in Russland. Am Ende sitzt stets derselbe Matthias Moosdorf am Tisch.
Erst einmal: weniger Waffen
Wie Moosdorf sich diese Völkerverständigung politisch vorstellt, erklärte er bereits am 13. März 2024 im Bundestag. Die AfD-Fraktion veröffentlichte seine Rede am folgenden Tag unter der Überschrift „Wertegeleitete Rüstungsexporte sind nicht im deutschen Interesse!“. Beraten wurde ein AfD-Antrag für ein Vetorecht des Bundestages bei Waffenexporten in Konflikt- und Kriegsgebiete – kein ausdrücklich auf die Ukraine beschränkter Antrag und auch kein pauschaler sofortiger Stopp sämtlicher Lieferungen.
Moosdorfs Stoßrichtung war dennoch eindeutig. Alle politischen Anstrengungen müssten darauf gerichtet sein, die Kriege im Jemen und in der Ukraine zu beenden. Lieferungen in Kriegsgebiete, behauptete er, „befeuern und verlängern den Krieg“. Der Bundestag solle Exporte nachträglich stoppen können, wenn sie bewaffnete Auseinandersetzungen eskalieren, aufrechterhalten oder verschärfen könnten.
Das ist Moosdorfs politische Behauptung. Bewiesen ist damit zunächst gar nichts über die Wirkung westlicher Waffenhilfe. Für die Ukraine läuft seine Forderung darauf hinaus, weitere Lieferungen unter den Vorbehalt eines parlamentarischen Vetos zu stellen.
Die angegriffene Ukraine und deren Recht auf militärische Selbstverteidigung kommen in dieser Friedensrechnung dagegen nur sehr leise vor. Moosdorf ist eben Musiker: Er weiß, welche Stimme im Arrangement tragen soll und welche besser im Hintergrund bleibt.
Der Professor und das Honorar
Seit September 2024 führt die Moskauer Gnessin-Akademie Moosdorf als Honorarprofessor. Die Hochschule meldete damals offiziell, Moosdorf habe eine Meisterklasse gegeben und anschließend den Titel erhalten. Das Treffen sei durch die Zusammenarbeit mit der Stiftung „Brücke der Künste“ des deutschen Kulturmanagers Hans-Joachim Frey (Frey steht wegen seiner Zusammenarbeit mit autokratischen Regimen wie denen in Ägypten und Russland sowie deren positiver Darstellung in der Kritik. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine distanzierte sich die Semperoper von ihm – auch wegen seines öffentlichen Bekenntnisses zur Politik Moskaus.) ermöglicht worden.
Die Gnessin-Akademie ist keine kleine private Musikschule mit Samowar im Lehrerzimmer, sondern eine renommierte, vom russischen Kulturministerium finanzierte staatliche Hochschule. Moosdorf sagte 2024 gegenüber t-online, die Vertragsbedingungen seien noch offen; Grundlage seien die international üblichen Honorare. Wenig später erklärte er, eine Ehrenprofessur sei definitionsgemäß nicht mit einer Bezahlung verbunden.
Die aktuellste offizielle Angabe findet sich ironischerweise beim Deutschen Bundestag: Dort ist die Gnessin-Akademie in Moosdorfs Biografie unter „entgeltliche Tätigkeiten neben dem Mandat“ aufgeführt. Eine öffentlich genannte Summe gibt es nicht. Belegt ist deshalb eine als entgeltlich gemeldete Tätigkeit – nicht, wie viel Geld tatsächlich geflossen ist.
Hans-Joachim Freys Brücke aus russischem Staatsgeld
Eine zentrale Figur in Moosdorfs Moskauer Kulturwelt ist Hans-Joachim Frey. Der frühere Dresdner Opernball-Chef erhielt 2021 die russische Staatsbürgerschaft und 2023 von Putin persönlich den russischen Freundschaftsorden. Seine Stiftung „Brücke der Künste“ beschreibt Kultur ganz offen als Instrument internationaler Beziehungen: Projekte sollten Kontakte stärken und zu wirtschaftlichen und politischen Vereinbarungen beitragen.
Nach einer Recherche von t-online erhielt Freys Stiftung für zwei Tschaikowski-Festivals in den Jahren 2023 und 2024 mehr als 600.000 Euro aus dem russischen Präsidentenfonds für Kulturinitiativen. Moosdorf trat bei beiden Festivals als Cellist auf. Das offizielle Programm des Festivals 2024 führte ihn gemeinsam mit der Pianistin Olga Gollej bei einem Konzert in der Eremitage.
Wichtig ist die juristisch eher unromantische Pause zwischen zwei Takten: Die mehr als 600.000 Euro gingen an Freys Stiftung beziehungsweise die Festivals. Daraus folgt nicht, dass Moosdorf persönlich diese Summe oder auch nur einen bestimmten Anteil erhalten hat. Zu Honorar, Reise- und Hotelkosten beantwortete er damals die konkreten Fragen von t-online nicht. In unterschiedlichen Zusammenhängen sprach er einmal von einem international üblichen Honorar und später davon, auf ein Honorar verzichtet zu haben. Mehr lässt sich seriös nicht behaupten. Weniger wäre allerdings auch eine recht großzügige Auslassung.
Ein Termin mit Putins Berater
Im März 2025 wurde aus der musikalischen Völkerverständigung endgültig ein Termin mit politischem Beipackzettel. Moosdorf nahm in Moskau an einem Gespräch mit Anton Kobjakow teil, einem Berater Wladimir Putins und Exekutivsekretär des Organisationskomitees des Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg. Ebenfalls dabei waren Vertreter des Weltchorverbandes Interkultur und Hans-Joachim Frey.
Nach der von Roscongress verbreiteten Mitteilung ging es um die russische Initiative, die World Choir Games 2027 auszurichten. Das russische Außenministerium unterstützte das Vorhaben; Roscongress und Interkultur vereinbarten eine Zusammenarbeit. Moosdorf nahm als Ehrenbotschafter von Interkultur teil. In der russischen Darstellung spielte seine Tätigkeit als AfD-Bundestagsabgeordneter keine erkennbare Rolle.
Das ist zunächst kein Beleg für geheime Absprachen und schon gar nicht für eine Steuerung durch den Kreml. Es ist aber ein dokumentierter Termin eines deutschen Abgeordneten mit einem Putin-Berater zu einem international wirksamen Kulturprojekt, flankiert von einer kremlnahen Veranstaltungsorganisation und dem russischen Außenministerium. Wer darin ausschließlich einen privaten Ausflug in die Welt des Chorgesangs sieht, hört vermutlich auch beim Don-Kosaken-Chor nur die hohen Stimmen.
Der Chor fährt nach Linz
Aus dem Moskauer Plan wurde nichts. Die World Choir Games 2027 finden vom 21. bis 31. Juli in Linz statt. Interkultur gab den österreichischen Austragungsort im April 2026 bekannt. Russland war also Gesprächsgegenstand und politische Initiative, aber nicht der bestätigte Gastgeber. Das ist eine wichtige Unterscheidung, weil aus russischen Absichtserklärungen in der deutschen Berichterstattung sonst erstaunlich schnell vollendete Tatsachen werden.
Friedensmusik mit sehr deutlichem Bass
Moosdorf begründet seine Russlandkontakte gern mit der verbindenden Kraft der Musik. Das ist ein ehrenwertes Argument.
Nur äußert sich der Musiker eben nicht im luftleeren Konzertsaal, sondern als Abgeordneter einer Partei, deren Verhältnis zu Russland selbst intern für Streit sorgt.
Im Bundestag sagte Moosdorf am 22. Februar 2024: „Wer sich mit Russland anlegt, endet entweder wie Napoleon 1812 oder – noch schlimmer – wie 1945.“ Das steht im amtlichen Plenarprotokoll. Nach einer Moskau-Reise schrieb er auf seiner eigenen Internetseite, dort werde „die Welt von Morgen“ gebaut; vieles, was westliche Medien über Russland berichteten, bezeichnete er pauschal als Lüge. Den russischen Angriff auf die Ukraine ordnet er regelmäßig in eine Erzählung westlicher Provokation und verpasster Friedenschancen ein.
Moosdorf setzt bei der deutsch-russischen Verständigung also auf Musik. Das ist erfreulicher als andere historische Formen russischer Klangkörper.
Das bekannte russische Musikinstrument „Stalinorgel“ dürfte für die World Choir Games ohnehin schon wegen ihrer überschaubaren Eignung zur Mehrstimmigkeit ausscheiden.
Die Pointe ändert nichts am Ernst der Sache: Kultureller Austausch ist legitim. Aber wenn ein Bundestagsabgeordneter russische Staatsnarrative übernimmt, an staatlich finanzierten Kulturprojekten teilnimmt und mit einem Putin-Berater über ein international ausstrahlendes Großereignis spricht, ist die politische Einordnung keine böswillige Erfindung seiner Kritiker. Sie ergibt sich aus seinen eigenen Worten und Terminen.

Selbst der AfD wurde es zeitweise zu viel
Moosdorfs Russlandkurs sorgte auch in der AfD für Ärger. Nach Recherchen der Tagesschau reiste er 2024 trotz eines ausdrücklichen Verbots der Fraktionsspitze nach Russland und soll dort auch Duma-Abgeordnete getroffen haben. Im September 2025 verhängte die Fraktion wegen eines nicht genehmigten Russlandbesuchs ein Ordnungsgeld von 2.000 Euro und sechs Sitzungswochen ohne Redezeit. Moosdorf erklärte, er sei privat als Musiker und zu einem Geburtstag gereist, und legte Widerspruch ein.
Nach mehreren verlorenen Kampfabstimmungen zog Moosdorf sich im Mai 2025 aus dem Rennen um einen Sitz im Auswärtigen Ausschuss zurück; Markus Frohnmaier wurde neuer außenpolitischer Sprecher.
Der nächste Konflikt hatte dann einen anderen unmittelbaren Anlass und darf nicht mit der Russlandreise vermischt werden: Im Mai 2026 belegte die Fraktionsführung Moosdorf nach einem Brandbrief gegen Frohnmaier mit 5.000 Euro Ordnungsgeld, sechs Wochen Redeverbot und drei Monaten Ausschluss von Fraktionsveranstaltungen. Moosdorf warf seinem Nachfolger eine zu starke Orientierung an den USA vor und verteidigte den bisherigen „Friedenskurs“ als Kernbestand der AfD.
Das zeigt keinen sauberen Bruch der Partei mit Moskau, sondern einen Richtungs- und Machtkampf darüber, wie offen die Russlandnähe nach außen getragen werden soll. Die AfD kann sich dabei sogar über einen Cellisten zerlegen. Andere Parteien brauchen dafür mindestens einen Parteitag.
Was belegt ist – und was nicht
Es gibt keinen belastbaren Beleg dafür, dass Matthias Moosdorf vom Kreml gesteuert wird. Ebenso wenig ist belegt, dass er persönlich die mehr als 600.000 Euro russischer Kulturförderung erhalten hat. Belegt sind seine als entgeltlich gemeldete Tätigkeit an einer russischen staatlichen Hochschule, seine Auftritte bei aus russischem Präsidentenfonds geförderten Festivals, seine Zusammenarbeit mit Hans-Joachim Frey, der Termin mit Putins Berater Kobjakow, die politische Unterstützung des damaligen Moskauer Chor-Plans und Moosdorfs eigene, auffallend russlandfreundliche öffentliche Aussagen.
Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine Reihe dokumentierter Vorgänge. Man muss daraus keine Geschichte über einen aus Russland gesteurten Einflussagenten erfinden. Es reicht, die Noten auf den Ständer zu legen und sie in der richtigen Reihenfolge zu lesen.
Wie solche Kontakte und Narrative in das größere Bild russischer Einflussversuche und politischer Netzwerke passen, haben die Ruhrbarone bereits ausführlich dokumentiert:
Russlands nützliche Netzwerke: Wo sich AfD, BSW und Kreml-Propaganda berühren
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