Unwichtig, aber bitte nicht zeigen: AfD-Vize Tillschneider und seine russische Armeetasse

Hans-Thomas Tillschneider, AfD (Foto: blu-news.org, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Im Wahlkreisbüro des stellvertretenden AfD-Landesvorsitzenden Hans-Thomas Tillschneider steht eine Tasse mit rotem Stern und der kyrillischen Aufschrift „Armee Russlands“. Als ein Reporter nachfragt, wird nicht das Porzellan entfernt. Stattdessen soll die Veröffentlichung der Aufnahmen verhindert werden.

Eine Tasse beweist keine politische Steuerung durch Moskau. Sie verrät zunächst nur  – nun ja: Geschmack. In Tillschneiders Fall steht sie allerdings nicht allein im Regal.

Porzellan mit politischem Inhalt

Paul Ronzheimer entdeckte die Tasse bei einem Interview in Tillschneiders Wahlkreisbüro in Querfurt. Auf die Frage, warum dort ein Fanartikel der russischen Streitkräfte stehe, antwortete der AfD-Politiker zunächst, er habe ihn geschenkt bekommen: „Ich wollt’ sie jetzt nicht wegtun.

Ronzheimer erinnerte daran, dass die russische Armee die Ukraine angreift. Tillschneider erklärte, er verbinde mit der Tasse „nichts Besonderes“, und sagte: „Es ist nicht unser Krieg.“ Als der Reporter weiterfragte, wurde es dem Hausherrn zu viel: „Jetzt hören Sie mit dieser blöden Tasse auf, ja.“ Staaten hätten weder Freunde noch Feinde, sondern Interessen.

Das ist eine interessante Theorie für einen Politiker, der auf dem Gegenstand mit der Aufschrift „Armee Russlands“ offenbar so wenig Bedeutung erkennt, dass er nach dem Interview erheblichen Aufwand betrieb, um dessen öffentliche Betrachtung zu verhindern.

X-Beitrag von Paul Ronzheimer über die Tasse der russischen Armee im Wahlkreisbüro des AfD-Politikers Hans-Thomas Tillschneider
Paul Ronzheimer über die Tasse der russischen Armee in Tillschneiders Wahlkreisbüro (Foto: Screenshot X)

Nach Angaben Ronzheimers schickte Tillschneider seine Anwälte los. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur bestätigte der Politiker, dass die Veröffentlichung unterbunden werden sollte. Grund sei das „impertinente Verhalten“ Ronzheimers und seines Teams gewesen. Freie Medien sind für die AfD offenbar besonders wertvoll, solange sie sich bei der Themenwahl an die Wünsche des Interviewten halten.

Zur Herkunft lieferte Tillschneider unterschiedliche Formulierungen. Im Video spricht er von einem Geschenk, das ihm jemand in Berlin gemacht habe. Später erklärte er der dpa, es handele sich um ein Mitbringsel von einer Russlandreise 2023 oder 2024, über das schon mehrfach berichtet worden sei. Darum verstehe er die „Skandalisierung“ nicht.

Das Souvenir war also bekannt, unwichtig und harmlos. Nur veröffentlichen sollte man die Aufnahmen davon möglichst nicht. Politische Unauffälligkeit kann anstrengend sein.

Die Feinde sitzen nicht in Moskau

Seit dem Wochenende wird außerdem wieder eine sieben Sekunden lange Aufnahme Tillschneiders verbreitet. Neu ist sie nicht. Der X-Beitrag mit dem Ausschnitt stammt vom 14. April 2023; die darin gezeigte Rede fiel bereits 2022 bei einer Kundgebung vor dem Rathaus in Querfurt. Tillschneider sagt darin: „Unsere Feinde sitzen nicht in Moskau. Unsere Feinde sitzen in Magdeburg und Berlin.

Aktuell wird dieses schlecht gealterte Video bei Facebook persifliert:

Über die Äußerung wurde damals auch im Landtag von Sachsen-Anhalt gesprochen. Dort nutzte Tillschneider die Gelegenheit zur Richtigstellung. Er habe nicht gesagt, seine Feinde säßen in Magdeburg und Berlin. Er habe gesagt: „Unsere Feinde sitzen in Magdeburg, Berlin und Washington.

Das machte es, wie die CDU-Abgeordnete Anne-Marie Keding im Plenum trocken kommentierte, „nicht besser“ und, wie die SPD-Abgeordnete Katja Pähle ergänzte, „nicht so viel besser“.

Aber Tillschneider hatte wenigstens die geopolitische Reichweite seines Feindbildes wieder vollständig hergestellt.

Die Aufnahme darf nicht als aktueller Ausspruch verkauft werden. Sie ist etwas journalistisch Nützlicheres: dokumentierte Vorgeschichte. Wer heute behauptet, die Armeetasse habe keinerlei politische Bedeutung, muss erklären, warum sie so gut zu einer seit Jahren öffentlich vertretenen Haltung passt.

Die Tasse steht nicht allein

Auch hier gilt: Ein Souvenir belegt weder Finanzierung noch Anweisungen aus Russland. Dafür gibt es öffentlich keinen Nachweis. Der politische Zusammenhang muss nicht erfunden werden. Tillschneider hat ihn selbst über Jahre hergestellt.

2022 gehörte er zu einer Gruppe von AfD-Abgeordneten, die nach Russland reiste und auch in russisch besetzte Gebiete der Ukraine fahren wollte. Der Donbass-Teil wurde nach massiver Kritik abgebrochen. Der Landtag von Sachsen-Anhalt missbilligte die Reise; Tillschneider verteidigte sie im Parlament. Diese Verbindungen sind in unserem Beitrag „Russlands nützliche Netzwerke“ mit den jeweiligen Quellen dokumentiert.

Seit Anfang 2023 veröffentlicht er Gastbeiträge in der russischen Wirtschaftszeitung Wedomosti. Im selben Jahr gründete er gemeinsam mit dem COMPACT-Herausgeber Jürgen Elsässer den Verein „Ostwind“, der sich der deutsch-russischen Freundschaft widmet. 2024 reiste Tillschneider nach Kaliningrad. Im Oktober 2025 nahm er an einer von COMPACT organisierten Veranstaltung zu Wladimir Putins Geburtstag in der russischen Botschaft teil. (Mehr dazu auf Ruhrbarone: Russlands nützliche Netzwerke: Wo sich AfD, BSW und Kreml-Propaganda berühren)

Auch der Verfassungsschutzbericht Sachsen-Anhalt 2023 beschreibt Tillschneider als den innerhalb des Landesverbandes „mit Abstand vehementesten Fürsprecher einer pro-russischen Politik“. Nach der Bewertung des Verfassungsschutzes versuchte er, direkte Kontakte nach Russland aufzubauen, und reiste 2023 mehrfach zu Veranstaltungen in die Russische Föderation. Das ist die Einschätzung der Behörde, kein Strafurteil. Tillschneiders Reisen und öffentlichen Auftritte sind davon unabhängig dokumentiert.

Man kann daher über die Bedeutung einer Tasse streiten. Man muss nur sehr fest die Augen schließen, um zu behaupten, sie stehe ohne jeden politischen Zusammenhang in diesem Büro.

Der Spitzenkandidat stellt sich hinter ihn

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, distanzierte sich nicht. Er stellte sich hinter Tillschneider und erklärte auf Nachfrage: Wer die Tasse angesichts der Probleme Deutschlands für wichtig halte, solle sich fragen, ob er „nicht selber alle Tassen im Schrank hat“.

Das ist ein hübscher Satz. Er lenkt die Debatte zuverlässig auf das Gefäß und weg von dem Mann, den Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze als Verfasser des AfD-Wahlprogramms bezeichnet, der für russische Medien veröffentlicht, nach Russland reist und in einem dokumentierten Auftritt die politischen Feinde in Magdeburg, Berlin und Washington verortete.

Die russische Armeetasse ist kein Beweis für all das.

Sie ist das passende Souvenir dazu.

Autorenseite: Peter Ansmann
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