Meine Israelfahne und ich

Ein Demonstrant hält eine Israelfahne. Foto: Tim Sheerman-Chase / Wikimedia Commons / CC BY 2.0
Ein Demonstrant hält eine Israelfahne. Foto: Tim Sheerman-Chase / Wikimedia Commons / CC BY 2.0

Irgendwann Anfang der 2000er-Jahre habe ich mir, vermutlich bei eBay, eine Israelfahne gekauft. Ihre Geschichte erzählt auch davon, wie sich die politischen Milieus verändert haben, in denen mir Israelfeindschaft und Antisemitismus begegneten.

Ich hatte die Fahne gekauft, um damit Neonazis auf Demonstrationen zu provozieren. Und das gelang auch überaus gut. Auf zahlreiche Nazidemos im gesamten Bundesgebiet begleitete mich die Fahne, feinsäuberlich zusammengelegt und in einer Bauchtasche verstaut.

Doch irgendwann, es muss in Magdeburg gewesen sein, fiel mir auf, dass sich neben den Nazis auch viele Gegendemonstranten an der Fahne störten. Wir hörten eine Gruppe, die darüber beratschlagte, wie der restliche Tag zu nutzen sei, da man offenbar nicht an die Nazis herankam, weil die Polizei alles abgeriegelt hatte. Einer warf ein, dass eine „antideutsche“ Gruppe aus Bayern gesichtet worden sei. Vielleicht könne man den Frust an ihnen auslassen. Wir begriffen recht schnell, dass wir damit gemeint waren, und verzichteten für den Rest des Tages darauf, die Fahne herauszuholen.

Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, dass von einigen Antifas, mit denen man eigentlich gemeinsam gegen einen Naziaufmarsch demonstrieren wollte, eine größere Gefahr für mich ausging als von den Nazis selbst.

Ein paar Jahre später zog ich nach Berlin, wo ich zunächst Philosophie studierte. Israel und der Nahostkonflikt waren zu dieser Zeit in den Hintergrund gerückt. Zwar kam es im Nahen Osten weiterhin regelmäßig zu Eskalationen, doch in meinem damaligen Umfeld interessierte man sich dafür vor allem dann, wenn man einem dieser beiden linken Lager angehörte: den „Antideutschen“ und den Antiimperialisten.

Die „Antideutschen“ waren eine innerlinke Bewegung, die sich die Solidarität mit Israel auf die Fahne geschrieben hatte und ihre Positionen in Szenepublikationen wie der Bahamas und damals noch in der als Wochenzeitung erscheinenden Jungle World vertrat. Auf der anderen Seite stand das pro-„palästinensische“ antiimperialistische Lager. Doch beides waren eher Nischen innerhalb der Linken als deren bestimmende Strömungen. Während sich die Antideutschen aus akademischen Theoretikern rekrutierten, die sich in Lesekreisen über Adorno, Marx, Horkheimer und andere intellektuelle Vordenker austauschten, bestand die Szene der „Antiimps“ aus ehemaligen K-Gruppen-Mitgliedern, anderen Stalinisten und Mao-Fans.

Irgendwie musste ich mich in Berlin in diesem Gefüge zurechtfinden. In meiner WG wohnten Leute, die den Antideutschen zugerechnet wurden. Trotzdem musste man mit anderen Linken auskommen, da die meisten Konzerte in Läden stattfanden, die fest in der Hand antiimperialistischer Linker waren. Wenn man auf Punk und artverwandte Musik stand, führte kein Weg an diesen Orten vorbei. So kam es, dass ich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase weniger Zeit auf Demonstrationen verbrachte. Unsere WG hatte ein Abonnement der Jungle World, und irgendjemand kaufte immer die neueste Ausgabe der Bahamas. Es war also stets ausreichend Lesestoff vorhanden, über den wir uns am Küchentisch austauschten. Man blieb, was Politik anging, unter sich und konnte Konflikte auf diese Weise größtenteils vermeiden.

Meine Israelfahne wurde nun vom Außendienst pensioniert und fristete von da an ihr Dasein als behelfsmäßiger Vorhang in meinem Zimmer. Im vierten Stock eines Wohnhauses unweit des Plattenladens „Bis aufs Messer“ in Friedrichshain war sie viele Jahre lang sichtbar.

Obwohl die Antideutschen auch zu dieser Zeit bei anderen Linken nicht sonderlich beliebt waren, pflegte ich Freundschaften mit Leuten aus dem „feindlichen Lager“. Abgesehen von einigen Auftrittsverboten, bei denen meinen Bands aufgrund meiner Solidarität mit Israel die Bühne verweigert wurde, kam es zu keinen nennenswerten Zwischenfällen.

Nachdem ich 2021 mitten in der Corona-Pandemie mein Bachelorstudium abgeschlossen hatte, schrieb ich mich für einen Masterstudiengang am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZFA) der Technischen Universität Berlin ein. Die Seminare und Vorlesungen dort beschäftigten sich größtenteils mit der Geschichte des Antisemitismus. Der Fokus lag auf dem Nationalsozialismus und dem Rechtsextremismus im Nachkriegsdeutschland bis in die Gegenwart. Zwar gab es einige wenige Veranstaltungen zu Antisemitismus in der politischen Linken und zur Verknüpfung von Antisemitismus und Islamismus, doch diese Themen waren größtenteils Leerstellen im Vorlesungsverzeichnis. Antizionismus und Israel wurden ebenfalls eher als Nebenschauplätze behandelt.

Zeitgleich fanden immer mehr postmodern geprägte Veranstaltungen ihren Weg in das Lehrangebot. „Einführung in die Critical Race Theory“, Identitätspolitik oder Seminare mit Titeln wie „Europe and Its Others“ tauchten von Semester zu Semester immer häufiger auf. In der Annahme, dass es in dem Seminar zur „Critical Race Theory“ um eine kritische Auseinandersetzung mit dieser gehen würde, besuchte ich gemeinsam mit einigen gleichgesinnten Kommilitonen die erste Sitzung. Dabei stellten wir fest, dass dies nicht der Fall war. Ich hielt drei Wochen durch, ehe ich mich dazu entschloss, meine Credit Points anderweitig zu sammeln.

In meinem vorletzten Semester fand ein Seminar mit dem Titel „Der muslimische Andere in deutschen und israelischen Medien“ statt. Irritiert entschloss ich mich erneut dazu, mir die erste Sitzung anzusehen. Dort wurde relativ schnell klar, dass sich der Inhalt der Veranstaltung mit „Der Muslim als der neue Jude“ zusammenfassen ließ. Als einige Kommilitonen und ich zu argumentieren versuchten, dass es laut Kriminalitätsstatistiken sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Kultur, Herkunft und Kriminalität gebe, wurde dies mit einem Rassismusvorwurf erfolgreich abgewehrt. Es blieb bei dieser ersten Sitzung des Seminars.

Während meiner Zeit am ZFA wurde meine Israelfahne noch ein paar Mal in den Außendienst zurückbeordert. Bei diesen wenigen Einsätzen handelte es sich um Teilnahmen an Protesten gegen den „Al-Quds-Marsch“, einer jährlich stattfindenden Veranstaltung, bei der Israelfeinde unterschiedlichster Couleur gemeinsam gegen den jüdischen Staat demonstrieren und hetzen. Neben islamistischen Teilnehmern waren dort auch Neonazis und Linke wie der damals aktive „Jugendwiderstand“ vertreten.

Als sich meine WG auflöste, zog ich in eine Wohnung am östlichen Stadtrand, die ich mit einer Punkerin teilte. Dort gab es bereits richtige Vorhänge, weshalb meine Israelfahne nicht mehr zweckentfremdet werden musste. Meine Mitbewohnerin, die ich als bauchgefühl-links beschreiben würde, schlug vor, die Fahne in der gemeinschaftlich genutzten Küche aufzuhängen. Da mir die Israelsolidarität, die sie und viele ihrer Freunde, die regelmäßig bei uns zu Besuch waren, an den Tag legten, nicht sonderlich überzeugend erschien, lehnte ich ab. Von da an fristete die Fahne ihr Dasein zusammengefaltet in einer dunklen Ecke meines Schranks.

Im September 2023 musste ich aus meinem Zimmer in Ostberlin ausziehen. Der Wohnungsmarkt war zu diesem Zeitpunkt katastrophal. Ich stand kurz vor dem Ende meines Studiums und hatte vor, entweder beruflich Fuß zu fassen oder, sollte dies scheitern, eine Promotion anzustreben. Ich fand keine neue Bleibe und kam übergangsweise bei einem Freund unter, dessen Beziehung zur gleichen Zeit in die Brüche ging und der in seiner für eine Person zu großen Wohnung in Schöneberg etwas Gesellschaft gut gebrauchen konnte. Außerdem konnte ich meine Sachen dort im Keller unterstellen.

Da ich als Plattensammler ohnehin schon kistenweise Vinyl mit mir herumschleppte, beschloss ich, alles Entbehrliche loszuwerden. Ich verschenkte meine Möbel über eBay Kleinanzeigen und stellte die meisten meiner Bücher und meinen sonstigen Kram einfach auf die Straße. Irgendjemand würde sich schon darüber freuen – so macht man das eben in der Hauptstadt!

Beim Aussortieren fiel mir meine Israelfahne in die Hände. Die Lage im Nahen Osten erschien mir damals so ruhig, dass ich es nicht für möglich hielt, in naher Zukunft wieder mit einer Israelfahne demonstrieren zu müssen. Also legte ich sie zu den anderen Dingen auf die Straße.

Ich hätte niemals geahnt, dass nur einen Monat später das größte Massaker an Juden seit der Shoah stattfinden sollte. Der 7. Oktober 2023 änderte alles. Ich hatte recht behalten, was meine ehemalige Mitbewohnerin anging. Auch sie folgte dem Trend und stimmte in den sozialen Medien in den antizionistischen Kanon ein.

Ich frage mich, wo meine Israelfahne heute wohl ist. Wer hat sie vor meinem alten Haus mitgenommen, und wo hängt sie jetzt? Heute frage ich mich, wie ich so naiv sein konnte, zu glauben, dass sich das Problem des Antisemitismus größtenteils erledigt hätte. Der 7. Oktober 2023 und die Reaktionen darauf haben mir vor Augen geführt, wie sehr ich mich darin getäuscht hatte. Manchmal wünschte ich, ich hätte meine Israelfahne nicht in Berlin zurückgelassen. Gibt es doch mehr als genug Gelegenheiten, bei denen man Flagge zeigen sollte.

Autorenseite: Andreas Wolf
Diesen Artikel beobachten
Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x