Tauchsport, Freitag, 26. November, 20.00 Uhr, U27, Bochum
Der Ruhrpilot

Loveparade: 1336 Zeugen wegen Loveparade-Tragödie befragt…Der Westen
Loveparade II: Ketchup-Spritzer will Sauerland wieder provozieren…Der Westen
Ruhr 2010: KNSK startet abschließende Dankeschön-Kampagne…Horizont
NRW: Grundschüler müssen häufiger zur Nachhilfe…RP Online
NRW II: Mehr Platz für Pendler in NRW…Ruhr Nachrichten
Duisburg: Wie die Terrorangst auf Muslime wirkt…Zeit
Dortmund: Polizei durchsucht Wohnungen nach Nazi-Tonträgern…Ruhr Nachrichten
Gelsenkirchen: Bergmannsglück Inititative…Hometown Glory
Umland: Haarmann in Hell…Frontbumpersticker
Bildung: Manchmal macht das Internet richtig Spaß…Zoom
White IT Symposium: Immer noch kein Massenmarkt für Kinderpornographie…Netzpolitik
Fußball: NRW-Liga vor dem Aus…RP Online
Offener Brief gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV): Jens hat mit unterzeichnet…Pottblog
Wenn der Integrationskurs stumm macht

Alle Politiker wollen sie, alle Zugewanderten sollen sie belegen: Die Integrationskurse gelten als Wundermittel für den Zugang zur deutschen Gesellschaft. Wie es in den strammen Kursen wirklich zugeht, erzählen hier MigrantInnen
Neun Monate lang hat Violeta geschwiegen. Hat den Kopf über das vor ihr liegende Heft gebeugt darauf gewartet, dass der unverständliche Integrationkurs endlich vorüber geht. „Es war eine Qual“, sagt die 41 Jahre alte gebürtige Polin. Sie habe sich geschämt etwas zu sagen und nur sehr wenig verstanden. Jetzt aber ist die Frau mit den sorgfältig manikürten Fingernägeln und der schnellen Zunge aufgeblüht. Sie besucht an der Volkshochschule in Münster die Kurse „Basiskompetenzen für Arbeit“. Dazu gehören Deutschkurse, EDV-Stunden und persönliche Beratungen. Es ist ein bundesweit einmaliges Projekt, dass Migranten den Zugang zur deutschen Gesellschaft erleichtern soll. Ein Auffangbecken für die vielen Zugewanderten, die der Integrationskurs hilflos zurück ließ. „Hier verstehe ich und hier lerne ich zum ersten Mal“, sagt Violeta.
Dabei hat die vor wenigen Tagen beendete Innenministerkonferenz noch einmal einmütig betont, die Integrationskurse müssten deutschlandweit ausgebaut werden. Sie gelten den Politikern fast aller Parteien als Allheilmittel für den Zugang zur deutschen Gesellschaft. An der VHS in Münster wird offenbar, wie fatal sich hingegen diese Kurse auswirken können: In sechs bis neun Monaten sollen Zugewanderte deutsch lernen und die vergangenen Bundeskanzler kennen, sie sollen die Bundesländer aufzählen und die Daten den II. Weltkrieges auswendig können. Viele Migranten sind nach den Kursen völlig verunsichert: Darin sitzen Analphabeten mit geflohenen Ärzten und Unidozenten zusammen, Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen und Menschen, die in ihrer Heimat gefoltert wurden.

„Einige sitzen seit Monaten in den Kursen und können anschließend kaum ein Wort deutsch sprechen“, sagt Helena Donecker. Die Sprachlehrforscherin berät an der VHS die Zugewanderten, wie sie sich dem Deutschen nähern können. Einige von ihnen haben nur wenige Jahre eine Schule besucht und wissen gar nicht, wie sie lernen sollen. „Häufig verlieren die Menschen jedes Vertrauen in ihre Fähigkeiten, das müssen wir hier erst wieder aufbauen,“ so die Lernberaterin. Die 29-Jährige beobachtet, wie schwer es manchen fällt, die Integrationskurse zu nutzen. „Manche haben Gewalt erfahren, sind alleinerziehend verantwortlich für vier oder mehr Kinder oder müssen existenzielle Fragen über ihren Aufenthaltsstatus klären – da ist wenig Raum für lange Vokabellisten.“
Deshalb lernen die Teilnehmer in ihren Kursen auch nicht stumpf die Grammatik auswendig. Sie pauken die Obst- und Gemüsenamen, lernen eine Kündigung zu schreiben oder welche Vokabeln beim Frauenarzt wichtig sind. Auch die bislang unverständliche Post vom Amt wird hier geöffnet und erschlossen. Violeta möchte gerne wieder in ihrem früheren Job arbeiten, sie war Friseurin. Bislang scheint das unmöglich. „Ich spreche nicht gut genug und sehe vielleicht etwas anders aus“, ist ihre Erklärung. Auch ihre Sitznachbarinnen können den Beruf ihrer Heimat nicht ausüben, sie waren zum Beispiel Modedesignerinnen, Handelskauffrauen oder Kosmetikerinnen. Keine von ihnen glaubt, jemals wieder in ihrem erlernten Job arbeiten zu können.
Die Integrationskurse werden von der Bundesregierung immer wieder als wichtigster Schritt in den deutschen Arbeitsmarkt hervor gehoben. Auch auf der vor wenigen Tagen beendeten Innenministerkonferenz sprachen sich alle Politiker dafür aus, diese Kurse noch auszuweiten. Denn entgegen der Warnungen von Christdemokraten, den „Verweigerern“ ein Bleiberecht zu verwehren, sind die Wartelisten lang. Häufig kommen die Teilnehmer in der VHS mit dicken Aktenordner aus den Kursen an. Sie haben ordentlich jeden einzelnen Buchstaben des Alphabets abgemalt und können doch kein Wort schreiben.

„Niemand achtet darauf, was in den Kursen passiert“, sagt Amir Pirzad. Der Iraner ist vor drei Jahren nach Deutschland gekommen und hat in seinem Integrationskurs „drei Monate verzweifelt rumgesessen.“ Die Lehrer hätten zu schnell gesprochen und das Buch durchgepaukt. Auch Pirzad ist jetzt an der VHS und glücklich über die verständnisvollen Pädagogen. „Zum ersten Mal lerne ich wirklich etwas“, sagt der junge Mann mit der trendigen Sportjacke. Aufgebracht und heftig gestikulierend erzählt er vom Integrationskurs, der ihm offenbar nicht geholfen hat und „nur verunsichert“ hat. Die Prüfung am Ende des Kurses hätten nur drei von 30 Menschen bestanden. „Das ist doch ein Skandal“, meint er. Pirzad findet, alle Migranten sollten zuerst so einen Kurs wie an der VHS besuchen dürfen.
Finanziert wird dieses Angebot von der Arbeitsagentur in Münster. In der bürgerlichen Stadt in Westfalen mit rund 300 000 Einwohnern leben 1500 arbeitslose Menschen mit Migrationshintergrund. „Menschen aus anderen Kulturen mit extremen Erfahrungen müssen viel individueller gefördert werden“, sagt Marianne Jaehnke, Teamleiterin bei der Agentur. Sie sollen lernen, sich in Deutschland zurecht zu finden. Dazu sei es wichtig, die Geschlechter in den Kursen zu trennen, weil gerade islamische Frauen in gemischten Gruppen sehr gehemmt seien. „Wir wollen auch diese Rollenbilder kräftig aufmischen“, sagt sie. In ihrem Amt säßen häufig die Ehemänner auf dem Flur, um ihre Frau direkt nach der Beratung abzufangen. „In diesen Kursen hier sind Frauen alleine und gehen selbstbewusster wieder nach Hause“, so Jaehnke.
Amir Pirzad möchte am liebsten wieder als Heizungs-und Sanitärinstallateur arbeiten, wie er es schon sieben Jahre lang im Iran getan hatte. Aber seine Ausbildung wird nicht anerkannt. So reihen sich auch bei ihm die „Maßnahmen“ der Arbeitsagentur und Praktika aneinander. Zuletzt hat er als Hausmeister gearbeitet und sein Chef, sagt er, sei „sehr zufrieden mit ihm gewesen“. Weil er aber nicht ausreichend auf deutsch schreiben kann wurde er nicht länger beschäftigt.
Der Russe Andrej Krasnokutzki lacht unaufhörlich über die „absurden Kurse“, die er schon besucht hat. Darunter waren ein Sprachkurs am Goetheinstitut, zwei Integrationskurse, zahlreiche Praktika als KFZ-Mechaniker und im Metallbau. Dutzende Bewerbungen hat er geschrieben, für Möbelhäuser, eine Metallfabrik, als Gabelstaplerfahrer. Bislang hat er nicht einmal eine Antwort erhalten. Aysche war Bürokauffrau in der Türkei und wurde hier vom Arbeitsamt „putzen geschickt“. Die quirlige junge Frau spricht verächtlich über den Job, den sie gegen ihren Willen ausüben musste. Sie habe sich am Berufskolleg beworben, um Erzieherin zu werden, sie wollte an der katholischen Schule Sozialarbeiterin lernen. „Aber das Amt hat gesagt: Du hast schon eine Ausbildung, wir geben Dir kein Geld dafür,“ sagt die alleinerziehende Mutter von drei Kindern. „Ich will aber nicht immer nur von Wasser und Brot leben, sondern möchte auch mal Süßes essen“, sagt sie blumig. „In Deutschland sind wir nicht Menschen zweiter Klasse, wir sind in der vierten oder fünften Klasse.“
Muschelschubses neues Blog
Die Zeit von Muschelschubserin ist vorbei. Sonja Kaute hat ein neues Blog gestartet: Stift und Blog.
Schade: Sonja hat – erst einmal – ihr Blog Muschelschubserin geschlossen.
Ich bin seit über vier Jahren die Muschelschubserin. Über dieses Blog habe ich nicht nur das Social Web für mich entdeckt, sondern auch Vieles für meinen Beruf gelernt. Und es hat den Ausschlag gegeben für mein Diplomarbeitsthema.Schon lange denke ich darüber nach, etwas Neues anzufangen. In ganz anderer Form. Jetzt habe ich endlich die Zeit gefunden, das anzugehen. Was das für dieses Blog bedeutet, weiß ich noch nicht.Ich lasse das auf mich zukommen und bin gespannt. Und ich danke bei der Gelegenheit meinen Lesern hier, die mich zum Teil die ganzen vier Jahre lang begleitet haben und die so ein Blog erst richtig lebendig machen. Danke für die schöne Zeit, auch wenn sie weiter geht. Vielleicht.
Aber Sonja macht weiter. In einem neuen Blog und der heißt Stift und Blog. Vom Design her etwas kühler als Muschelschubse geht es um das Spannungsfeld Social-Media / Journalismus:
Stift und Blog soll die Ergebnisse meiner Diplomarbeit zugänglich machen und aufarbeiten. Außerdem wird es hier auch die ein oder andere Reportage zu lesen geben.
Faithless
Faithless, Donnerstag, 20.00 Uhr, Philipshalle, Düsseldorf
So warb die GTZ für den PCB-Verseucher Envio
Das Dortmunder Unternehmen Envio verseuchte über Jahre hinweg seine Mitarbeiter und die Umwelt mit hochgiftigem PCB. Die bundeseigene Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) arbeitete mit dem Unternehmen zusammen. Und war mit dabei, als Envio einen Werbefilm produzierte. Wir dokumentieren die verschwundenen Videos über diese Zusammenarbeit.
Das gemeinsame Projekt mit Envio lief von Januar 2007 bis Oktober 2008. In dem Projekt ging es um die Planung eines Zwischenlagers für PCB-kontaminierte Geräte sowie Trainingsmaßnahmen zur Inventarisierung derselben in Mazedonien. Die Filme, die sie mitfinanzierte, sieht die GTZ nicht als Werbung an. Auf Anfrage wurde uns mitgeteilt:
Die GTZ hat auch nicht bei der Anwerbung internationaler Kunden mitgeholfen oder Aufträge besorgt.
Gut, so kann man die Filme auch interpretieren. Man kann sie aber auch als Reputationshilfe für ein Unternehmen sehen, das keine Reputation verdient hat. Der Laden hat Insolvenz angemeldet, die Staatsanwaltschaft ermittelt und die Chancen sind hoch, dass für die Reinigung des Geländes der Steuerzahler aufkommen wird.
Vor diesem Hintergrund wirkt eine Antwort der GTZ makaber. Wir fragten wie die GTZ sichergestellt hat, in Envio einen zuverlässigen und seriösen Partner zu haben.
Wie üblich prüfen dies unsere Experten, bevor wir einen Vertrag schließen. Envio hatte sich als zuverlässig erwiesen und dies hatte sich auch während der Projektlaufzeit bestätigt.
Die von uns hier veröffentlichten Videos hat Envio vor ein paar Wochen aus dem Netz genommen. Wir baten Euch um Hilfe, um die Videos wieder zugänglich zu machen. Ihr habt uns geholfen – vielen Dank. Hier nun die Dokumente:
UZDO: Stadt erteilt Absage für den 4. Dezember – Zwischennutzung jedoch möglich
Die von der Initiative für ein Unabhängiges Zentrum (UZDO) am 4. Dezember geplante Veranstaltung im ehemaligen Museum am Ostwall kann nicht stattfinden. Aber es gibt auch eine gute Nachricht.
Die Stadt hat UZDO mitgeteilt, dass die Initiative das Museum am Ostwall nicht am 4. 12. für eine Diskussionveranstaltung nutzen kann. Noch werde das Gebäude als Lager und Büro genutzt. Auch die Reinigung und Sicherung könne nicht gewährleistet werden. Erst zum Jahreswechsel, wenn auch die Mitarbeiter in den U-Turm ziehen werden, wird das Gebäude für andere Nutzungen zur Verfügung stehen. Das teilte uns auf Nachfrage mit.
Dann soll in einem offenen Verfahren über die neue Nutzung des ehemaligen Museums entschieden werden. Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann wird sich bald mit einem Brief an die UZDO-Leute wenden in denen er ihnen versichert, dass die Stadt in diesem Verfahren versuchen wird, auch ihre Interessen zu berücksichtigen.
UZDO: Offener Brief an die Stadt Dortmund
Die Initiative für ein Unabhängiges Zentrum in Dortmund (UZDO) möchte am 4. Dezember das leerstehende ehemalige Museum am Ostwall für eine Veranstaltung nutzen. Wir dokumentieren einen offenen Brief der Intiative und zahlreicher Unterstützer an die Stadt Dortmund
OFFENER BRIEF (für offene Türen)
Das Dortmunder U ist eröffnet. Das kann man finden, wie man will: ästhetisch, ökonomisch, stadtpolitisch. Die Initiative UZDO hat vor allem den Umzug der Ausstellung des Museums am Ostwall am 09. Oktober zu Kenntnis genommen. Das wollen wir zum Anlass nehmen und uns am Samstag, 04.12.2010, ÜBER das Museum am Ostwall IM Museum am Ostwall unterhalten. Hierbei wollen wir uns über “Progressive Formen der kollektiven Selbstverwaltung” informieren und über die Stadt ohne Geld sowie die Zukunft des Hauses diskutieren. Wir, die Unterzeichner/innen fordern die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung zur Kooperation auf, vermeintliche Hindernisse (Versicherungsdetails und letzte Umzugskartons) aus dem Weg zu räumen. Es ist “5 vor 12”, also Zeit, dass die Bewegungen für ein UZDO im Kulturhauptstadtjahr erneut diskutiert werden und im Museum am Ostwall ihre Bühne finden. Die Initiative drängt auf diesen Termin, da eine Lagernutzung, dem Raum nicht angemessen ist und vor allem, weil öffentliches Interesse an diesem Gebäude besteht. Eine Verzögerung des Umzugs betrachten wir als bürokratischen Akt, der einmal mehr zeigt, wie weit entfernt Stadtpolitik und Verwaltung von der Idee kreativer Veränderung sind. Was soll das werden? Eine Machbarkeitsstudie ohne Macher/innen? Versicherungsbedenken als (Ver) sicherung des Leerstands sind nicht akzeptabel. Die Entwicklung rund um die Privatisierung und Neustrukturierung des FZWs sendet ebenfalls ein deutliches Zeichen in eine ganz andere Richtung. Es ist nicht hinnehmbar, dass das FZW in wenigen Wochen auf mainstream und Kommerz gebürstet wird, und Alternativen keine Alternative mehr haben.
Das Museum am Ostwall (MaO) entspricht unserem Anspruch auf Zentralität in der Stadt und bietet dem UZDO ausreichend Raum für soziale, kulturelle, politische Veranstaltungen, Ausstellungen, Diskussionen, Lesungen, Konzerte. Auch wenn hier Arbeitsräume wie Ateliers, Proberäume und Werkstätten erst einmal zu kurz kommen, stünde eine Nutzung des MaO für soziale Bewegung und kreative Veränderung der Sub/kultur/politszene dieser Stadt. Wenn der kreative Imagewandel der Stadt Dortmund ernst gemeint ist, dann sollte vonseiten der Politik Bestreben gezeigt werden, das Gebäude in einer kulturellen Nutzung zu belassen. Eine Neunutzung des Gebäudes mit damit einhergehender Instandhaltung (Heizung, Lüftung) sowie kulturellen Angeboten sollte im öffentlichen Interesse liegen.
Am Ostwall treffen wir auf eine gute öffentliche Infrastruktur, in der das UZDO keine Lücke in der Dortmunder Clubszene schließt, sondern vor allem Raum für unkommerzielle Experimente fernab der ökonomischen Verwertungslogik bietet. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Leonie Reygers im Zuge der MaOGründung damit begonnen ein Gegenkonzept zur konventionellen, bürgerlichen Kunst zu entwickeln. Dazu gehörte auch, die moderne Kunst, die unter dem NS-Regime als “entartet” galt, wieder in den stadtgesellschaftlichen Blickpunkt zu rücken.
Das MaO wurde ein Treffpunkt für Kreative – junge internationale und unbekannte Künstler/innen stellten aus. Neue Kunstbewegungen wurden dort gezeigt und diskutiert. Das MaO wurde zu einem Platz, an dem Neues entstand. Diese Chance bietet sich nun am selben Ort erneut.
Eine Diskussionsveranstaltung am 04.12.2010 + Tag der offenen Tür am 05.12. stehen für Transparenz, Bewegung und tatsächliche Partizipation in der Stadtentwicklung. Abwarten, Verzögerung, Nichtverhandlungen stehen symbolisch für den städtischen Anspruch auf die Planbarkeit des Unplanbaren und für das große Missverständnis kreativer Veränderung in Dortmund. Umzugskartons und ein Keller voller Bilder sind keine ernstzunehmenden Hindernisse, sondern lassen sich anders sichern, ausstellen, bewegen. Gerne bieten wir hier unsere Mitarbeit an, eine kreative Lösung zu finden und/ oder beim Umzug zu helfen. Das machen wir gerne.
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
UZDO
Unterstützer: Addicted, AG Kritische Kulturhaupstadt 2010, Almut Rybarsch, ASTA Fachhochschule Münster ,Aponaut, Büro für Möglichkeitsräume (BFM), Banana Underground, Buko/ASSR,Bataclan, Evil Flames, Fräulein Nina, Freiräume für Bewegung, Freiraum2010, Freiraumtanz, Gängeviertel Hamburg, Get addicted, GrünBau Dortmund, Immerwinter, INURA Rhein/Ruhr, Johannes Lührs, Rosette, KLuW e.V., Kratzeis, Kulturgrube e.V., Labor für sensorische Annehmlichkeiten e.V., LabourNet, Land For What, Langer August e.V., Lenny Weinstein, Martin Kaysh, Mauerblümchen e.V. Marc Suski, Mieterverein Dortmund, Musik und Kulturzentrum Güntherstraße e.V., Patrick Joswig, Progressiver Eltern- und Erzieherverband e.V., Radio BonteKoe & EL Zapote, Recht auf Stadt (NRW), Reclaiming Spaces, Kaltscha Club, Taranta Babu, Theater Lebendich, Transnationales Aktionsbündnis, Uwe Rothe
Interpol in Dortmund- eine Show, die keine sein will
Zwei Gitarren durchfräsen in Moll-Harmonien die Dunkelheit, umrahmen wie dichte, erdrückende Wände die latent psychotisch anmutende Stimme von Paul Banks. Dazu donnert die Rhythmusgruppe in basslastig treibendem Viererbeat – nicht ohne vereinzelt mit charakteristischen Joy Division-Synkopen auf der Snaredrum aufzuwarten. Auch wenn bei der New Yorker Band Interpol im Jahre 2010 ein Album, der Sound und zum Teil die Besetzung neu sind, blieben die live in der Dortmunder Westfalenhalle erzeugten Stimmungsbilder verlässlich monochrom.
Karg mutet diese Show an, denn sie will gar keine solche sein. Bewegungen auf der Bühne, irgendwelche Konversation mit dem Publikum, ja sogar die gerademal auf trübes Halbdunkel dosierte Bühnenbeleuchtung – all das scheint nach maximaler Verflüchtigung des Äußeren streben zu wollen. Das Erzeugen und Rezipieren von Interpols morbider Romantik ist eben als möglichst autistischer Vorgang intendiert. Aber dadurch wirken solche Emotionen auch so unmittelbar und direkt, eben wie ein gepflegt zelebrierter November-Blues, der jede Massenextase außen vor lässt. Die Versenkung in solche Gefilde hat in Dortmund aber auch wieder etwas latent routinemäßiges.
Treffsicher, nicht wirklich risikofreudig, dosieren Interpol die Mischung ihrer Songs. Da evozieren ältere Stücke vor allem vom zweiten Alben „Antics“ die wütend-treibende, erfrischend punkige Aufbruchsstimmung – was in der Westfalenhalle sogar phasenweise die Tanzbeine in Bewegung versetzt. Zum anderen markieren Stücke wie „Summer Well“, „Safe Without“ oder „Lights“ vom aktuellen, selbstbewusst „Interpol“ betitelten Album die Gegenwart der Band. Theatralischer, grüblerischer und irgendwie auch erwachsener geworden scheint diese.
Es ist ja auch viel passiert inzwischen: Nach Fertigstellung des aktuellen Albums stieg Bassist Carlos Dengler wegen gewandelter Lebenspläne aus der Band aus. Bassist David Pajo und Keyboarder Brendan Curtis setzen das Erbe fort und damit auch die unbestechliche handwerkliche Perfektion dieser Musiker.
Verlässlich verweigern sich Interpol den meisten aktuellen Trends. Denn die düster-melancholischen Rock-Existenzialisten schöpfen nach wie vor aus dem Gründergeist der Jahrtausendwende, der sich bei Post-Punk-Bands wie den Strokes bediente und der -natürlich!- die Austrahlung der „ewigen“ Joy Division reflektiert. Das macht 2010 den zeitlosen Sound von Interpol so wirkungsvoll.
CD-Tipp
„Interpol“ (2010)
Dies und das und irgendwie Kultur – Nachhaltigkeit der Ruhr.2010
Das Logo ist Hölle, der Text furchtbar, das Motto indiskutabel. Die SPD, genauer gesagt ihr Kulturforum Emscher-Lippe, lädt zum 9. Kulturgespräch auf Schloss Herten, es geht um die Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadt, und die Bude ist voll.
Am Mittwochabend, obwohl Deutschland in Schweden Fußball spielt. Ich sitze als Experte auf dem Podium und habe mir vorher meine Rolle überlegt. Ich werde als Journalist angekündigt und beschließe, dem Berufsstand, dem ich allenfalls als Randexistenz angehöre, alle Schande anzutun. Ich trage missbräuchlich die babyblaue Volunteeruniform der Ruhr.2010 und sehe aus wie ein Volldepp. Prima.
Ein bisschen Vorstadtentertainment kann die Veranstaltung gebrauchen. Wer im Flyer rot-grün auf schwarzem Grund dichtet: „Ruhr Region Kultur Region“, grafisch angereichert, als müsse der C64 noch erfunden werden, hat es so verdient. Die 80 Leute im Saal haben sich nicht von der Proseminarlyrik der Ankündigung abhalten lassen, in der es darum geht, „wie Kulturarbeit als kreativer und produktiver Kern von Kulturpolitik für das Gemeinwesen nachhaltig entwickelt und gestärkt werden kann, und zwar im Sinne einer Gemeinschaftsaufgabe von Kunst und Kultur, Zivilgesellschaft, Land und Kommune.“ Solche Texte entstehen normalerweise, wenn die Antragsberatungskommisssion des Bezirksparteitages den Abend vorher zu lange an der Hotelbar gesessen hat. Das Problem ist, ich kann die Leute auf dem Podium gut leiden. Hella Sinnhuber als Moderatorin, den ehemaligen Gelsenkirchener Kulturdezernenten Peter Rose und Hertens Bürgermeister Dr. Uli Paetzel. Der Akademiker mit dem Kosenamen kommt nicht, er ist krank. Gerne hätte ich mit ihm über mein „Griechenriechen“-Blog gesprochen, in dem es um die touristischen Qualitäten seiner Stadt geht. Stattdessen schickt er Uli Stromberg, den Kulturchef der Stadt, auch ein alter Kumpel. Herten ist eindeutig uliaffin. Dazu kommt Ute Schäfer, Landesministerin für dies und das und irgendwie auch Kultur.
Hella erklärt uns, dass wir uns siezen, damit sich das Publikum nicht ausgeschlossen fühlt. Ich dachte immer, in der SPD duzt man sich bis zum Bundeskanzler, so denn die Partei in diesem Jahrhundert diesen Posten noch mal besetzt. Siezen kann ja auch ganz lustig sein, vor allem, wenn ein Diskutant in der Hitze des Gefechts diese Vereinbarung vergisst. Wie Rudi Völler den völlig entschnäuzerten Waldemar Hartmann nach dem Länderspiel in Reykjavik anging – das ist immer noch eine Sternstunde deutscher Fernsehgeschichte. Hitzigkeit droht heute im Hertener Wasserschloss nicht.
Seitdem ich in der Süddeutschen gelesen habe, dass Ursula von der Leyen für einen Auftritt bei Maybritt Ilner zwei Stunden von ihrem Pressesprecher gebrieft wurde, um schick zu vertreten, wofür sie gut bezahlt wird, weiß ich, dass Scripted Reality keine Erfindung des Nachmittagstrash auf RTL ist, sondern dem politischen Gerede im Öffentlich-Rechtlichen entstammt. Ich habe mich vorbereitet. Leider findet der Off-Kultur-Vertreter aus Essen Ruhr.2010 gar nicht so übel, und den Ruhrbaron Laurin will ich nicht anrufen, ich wäre da nur schlechte Kopie.
Ute Schäfer lobt die Kulturhauptstadt. Die Zahl der Übernachtungen in Essen sei enorm gestiegen. Was wohl mehr dem Umzug der ThyssenKrupp-Zentrale und der anspringenden Konjunktur geschuldet sei, haue ich später raus. Sie formuliert den dadaistischen Satz: „Die Nachhaltigkeit lag in der Einmaligkeit“, der ist nah dran an dem Wandel durch Kultur durch Wandel der Ruhr.2010. Dann verkündet sie stolz den Mediawert des Stilllebens auf der A40. Die weltweite Berichterstattung bringe es auf 200 Millionen Euro. Wow, denke ich, da ist aber auch jeder Bericht der Deutschen Welle enthalten, der den verdutzten Bewohner von Burkina Faso erzählt, dass der verrückte Europäer sonntags gerne auf der Autobahn hockt, Bier trinkt und Spaß hat. Wie hoch mag dabei der Wert der beiden 15-Minuten-Live-Schalten im WDR-Fernsehen sein? In denen sah man stundenlang, wie in Duisburg Gurken geschält werden und der Moderator darob vor Glück kurz vorm Kollabieren stand. Und welchen Mediawert mag erst die umfangreiche Berichterstattung von der Loveparade eine Woche später haben? Der muss in die Milliarden gehen. Davon spricht die Ministerin nicht, denn die Loveparade war nicht Ruhr.2010, und mit fremden Federn schmückt man sich heute Abend unter Genossen nicht. Ich mache später eine Gegenrechnung auf. Mit dem Geierabend, jener netten Kleinkunstveranstaltung auf Zeche, hatten wir in der nachrichtenarmen Zeit Anfang Januar Logo und Anmutung der Kulturhauptstadt gekapert und dadurch 800 000 Google-Einträge erschlichen. Eigentlich sei ich virtueller Mediamillionär, ob das mal jemand meiner Bank erklären könne?
Die übrigen Podiumsvertreter tun, wofür sie da sind. Uli Stromberg setzt sich für die kulturelle Bildung ein, was man so tut, wenn man in einer Stadt arbeitet, die eine wunderbare Bibliothek besitzt und ansonsten eine Kleinkunstreihe. Peter Rose redet, dass man glaubt, gleich schneiten Hilmar Hoffmann und Hermann Glaser herein, söffen uns alle unter den Tisch und riefen ein Hertener Manifest zur Kulturrevolution durch Teilhabe aus. Ich denke mir: Passt mal auf, liebe Kulturverwalter, wenn irgendwo wieder Stress ist in einem Ruhrpottghetto, dann schickt Bullen, Sozialarbeiter und die Bildzeitung da rein, aber lasst die Künstler mal in Ruhe. Ob ich das auch gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Aber ich habe es hiermit geordnet und sozialdemokratisch zu Protokoll gegeben.
Wie es mit der Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadt aussehen kann, erläutert abschließend Ute Schäfer. Das Land stehe bereit, aber die Kommunen müssten sich melden. Man könne gemeinsam weitermachen, wenn die Städte gemeinsam wollen. Auf dem Heimweg wird sie schallend gelacht haben, weil sie sich geschickt aus der Affäre gezogen hat, wohl kalkulierend, dass die Kulturhauptstadt, vom RVR erschöpfend geführt, am 1.1.2011 wieder aus 53 einzelnen Städten bestehen wird. Das Grend in Essen wird weiter schöne Projekte anstoßen, Rolf Dennemann spannende Inszenierungen hinlegen, die Wattenscheider Schule Geschichten recherchieren, schreiben und lesen. Meine Volunteeruniform wird vielleicht in der Tagesschau auftauchen nach einer Katastrophe in Burkina Faso oder sonst wo auf der Welt, einem Afrikaner würde sie super stehen.