
Eine Desinformationskampagne muss eine Partei nicht loben, um ihr relativ zu nutzen. Es kann reichen, ihre Konkurrenten mit erfundenen Skandalen zu überziehen. Eine aktuelle MDR-Auswertung zeigt genau so ein auffälliges Muster. Sie beweist allerdings weder eine Zusammenarbeit mit AfD oder BSW noch Wissen, Billigung oder Steuerung durch diese Parteien.
Mutmaßlich russische Desinformation im deutschen Wahlkampf ist leider keine exotische Randerscheinung mehr. Interessant wird es bei der Frage, wen eine Kampagne angreift – und wen sie in einer konkreten Auswertung nicht angreift.
Zum Hintergrund: In unserem Beitrag „Russlands nützliche Netzwerke: Wo sich AfD, BSW und Kreml-Propaganda berühren“ haben wir dokumentierte Kontakte, politische Überschneidungen und bekannte russische Einflussnetzwerke getrennt voneinander aufgearbeitet. Auch diese Recherche ist kein Nachweis dafür, dass AfD oder BSW an „Matrjoschka“ beteiligt wären.
338 Posts – und eine auffällige Leerstelle
MDR INVESTIGATIV berichtet über einen Datensatz des anonymen russischen Kollektivs „Antibot4Navalny“, das nach eigener Darstellung seit 2018 Desinformationskampagnen untersucht. Der Datensatz erfasst seit dem 24. Juli 2026 338 Posts, die der Kampagne „Matrjoschka“ zugerechnet werden. Es handelt sich damit um eine konkrete Stichprobe – nicht um den amtlichen Nachweis, dass weltweit jeder Beitrag des Netzwerks vollständig erfasst wurde.
Die vom MDR genannten Zahlen sind dennoch bemerkenswert:
- 107 der 338 Posts zielen nach der MDR-Auswertung darauf, die gesellschaftliche Spaltung zwischen Ost- und Westdeutschland zu verschärfen.
- In mehr als einem Viertel der Beiträge werden Falschbehauptungen über die CDU oder ihre Politiker verbreitet.
- 65 Beiträge richten sich gegen die Grünen, 41 gegen die SPD.
- Rund ein Dutzend Beiträge treffen die FDP, drei die CSU.
Über AfD oder BSW seien in diesem Datensatz bislang keine entsprechenden Beiträge bekannt, schreibt der MDR. Das ist ein auffälliger Befund. Nicht mehr – aber eben auch nicht weniger.
Aus der Leerstelle folgt ausdrücklich nicht, dass AfD oder BSW die Kampagne bestellt, unterstützt, gebilligt oder auch nur gekannt hätten. Der Datensatz zeigt keine Absprache und keine Kooperation. Er zeigt zunächst nur eine asymmetrische Auswahl der Angriffsziele.
Politisch relevant ist das trotzdem: Wenn in einem Wahlkampf Konkurrenten mit erfundenen Straftaten und Skandalen beschädigt werden, während zwei Parteien in der untersuchten Stichprobe nicht als Ziele auftauchen, kann daraus ein relativer Vorteil entstehen. Das ist eine Analyse der möglichen Wirkung eines Angriffsmusters – keine Behauptung über eine Verbindung zwischen den ausgesparten Parteien und den Urhebern.
Was der Verfassungsschutz sagt
Der MDR zitiert aus einem ihm vorliegenden Papier des Bundesamtes für Verfassungsschutz:
„Betroffen sind insbesondere Politikerinnen und Politiker von Parteien, die politische Positionen vertreten, die nicht im Sinne der strategischen Interessen der Russischen Föderation sind.“
Die Formulierung beschreibt die behördliche Einschätzung zur Auswahl der Ziele. Sie ist keine Aussage darüber, dass nicht angegriffene Parteien mit den Kampagnenmachern kooperieren. Auch der zugrunde liegende Behördenvermerk liegt uns nicht im Original vor; das Zitat und seine Einordnung werden hier deshalb ausdrücklich dem MDR zugeschrieben.
Nach Angaben des MDR richtet sich die seit Ende Juni beobachtete Manipulationswelle darauf, Spannungen zwischen Ost- und Westdeutschland zu verschärfen. Seit Juli würden verstärkt Falschbehauptungen über Kandidaten bei Kommunal- und Landtagswahlen verbreitet; im August erschienen zahlreiche Beiträge unter dem Hashtag „TimeToDivideGermany“.
Verleumdung im Kostüm seriöser Medien
Die Methode ist so plump wie wirksam: Gefälschte Titelseiten und Videos verwenden die Logos bekannter Medien. Laut MDR sind die Inhalte häufig KI-generiert, oft englischsprachig und auf Empörung getrimmt. Vor allem Politiker von CDU und Grünen wurden mit schweren persönlichen Vorwürfen konfrontiert – darunter angebliche Korruption, Gewalt, Drogen- und Sexualdelikte. Der MDR fand in keinem der untersuchten Fälle Anhaltspunkte dafür, dass diese Vorwürfe zutreffen.
Das Bundesinnenministerium nannte „Matrjoschka“ am 5. August 2026 eine „ernstzunehmende Desinformationskampagne“, verwies aber zugleich auf ihre bislang relativ geringe Reichweite. Das ist wichtig: Eine erkennbare Manipulationsabsicht ist nicht dasselbe wie nachgewiesene große Wirkung. Auch Propagandisten können an der Realität scheitern. Gelegentlich hat sie ihre guten Momente.
Russische Spur – aber keine abgeschlossene amtliche Attribution
Beim Absender ist sprachliche Genauigkeit nötig. Der MDR überschreibt seine Recherche mit „Mutmaßlich russische Desinformationskampagne“ und berichtet, „Matrjoschka“ werde Russland zugeschrieben. Die von ihm befragte CeMAS-Expertin Julia Smirnova sagt, die Kampagne werde „mit großer Wahrscheinlichkeit Russland zugerechnet“; welche Organisation oder welches Unternehmen dahinterstehe, sei jedoch nicht genau bekannt.
Die Bundesregierung zog für diese konkrete Kampagne bislang keinen eindeutigen amtlichen Schlussstrich. Auf die Frage, ob „Matrjoschka“ aus Sicht der Bundesregierung aus Russland gesteuert werde, antwortete ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am 5. August 2026: „Ich habe keine Informationen darüber, dass wir das eindeutig sagen könnten.“ Das Auswärtige Amt verwies in derselben Pressekonferenz auf staatlich gewollte und gesteuerte russische Einflussoperationen im Allgemeinen – und stellte ausdrücklich klar, dass dies keine Aussage über diesen konkreten Fall sei.
Am 12. August 2026 erklärte das Bundesinnenministerium erneut, eine klare, eindeutige Zuordnung werde offiziell bekanntgegeben, sobald sie vorliege. Nach dem MDR-Bericht wurde für „Matrjoschka“ bislang kein Nationales Attributionsverfahren durchgeführt.
Die sachgerechte Kurzform lautet daher: Sicherheitsbehörden ordnen die Beiträge einer bekannten ausländischen Manipulationskampagne zu; Fachleute und der MDR sehen eine starke russische Spur. Eine eindeutige staatliche Urheberschaft der aktuell untersuchten Welle ist von der Bundesregierung bislang nicht offiziell festgestellt worden.
Was man aus den Zahlen sagen kann – und was nicht
Die MDR-Auswertung trägt vier Aussagen:
- In dem ausgewerteten Datensatz wurden 338 der Kampagne zugerechnete Posts seit dem 24. Juli 2026 erfasst.
- Die Angriffe verteilen sich nicht gleichmäßig auf die Parteien.
- AfD und BSW tauchen nach MDR-Angaben bislang nicht als Ziele dieser Stichprobe auf.
- Der Verfassungsschutz sieht besonders Politiker von Parteien betroffen, deren Positionen nach seiner Einschätzung nicht den strategischen Interessen Russlands entsprechen.
Nicht getragen wird die Behauptung, AfD oder BSW hätten mit den Urhebern zusammengearbeitet, von der Kampagne gewusst oder deren Auswahl beeinflusst. Auch die Motive der unbekannten Verantwortlichen sind mit der Parteienverteilung allein nicht abschließend bewiesen.
Die Leerstelle bleibt politisch bemerkenswert, aber sie muss zunächst als das bezeichnet werden, was sie ist: ein Muster in einer begrenzten Auswertung. Man kann und muss daraus keine geheime Kooperation bauen.
Die vorhandenen Zahlen sind stark genug. Man muss ihnen keine Verschwörung hinzuerfinden.
Russlands nützliche Netzwerke: Wo sich AfD, BSW und Kreml-Propaganda berühren
Einloggen, um Themen zu beobachten. Einloggen