Pierluigi Collina: Klötenboxen is voll okay!

 

Jonathan Tahs Tor in der Verlängerung des WM-Spiels gegen Paraguay zählte nicht, weil Waldemar Anton im Strafraum stand. Dass Paraguays Torwart dabei Antons Familienplanung ausführlich prüfte, war offenbar regelkonform.

Es gibt Momente, in denen der Fußball sich selbst erklärt. Und dann gibt es Momente, in denen Pierluigi Collina kommt und das Gegenteil tut. Der Fifa-Schiedsrichterchef, vor seiner Zeit als Chefverteidiger des Fußball-Weltverbands ein weltweit geachteteter Unparteiischer, hat nun also erklärt, warum Jonathan Tahs Treffer gegen Paraguay nicht zählen durfte. Nicht etwa, weil Waldemar Anton den Torwart gleich einer Abrissbirne umgesenst hätte. Nicht, weil er ihm den Fluchtweg mit Stacheldraht versperrte. Sondern weil er dort stand, wo man bei einer Ecke offenbar nicht mehr stehen darf: in der Nähe eines Torwarts.

Willkommen im neuen Fußball. Ein Spiel, in dem man nach einer Ecke zwar noch in den Strafraum laufen darf, aber bitte nur mit schriftlicher Genehmigung des Torhüters und unter Wahrung seiner spirituellen Bewegungsfreiheit. Wer als Angreifer in dem Moment keine innige Beziehung zum Ball nachweisen kann, begeht demnächst offenbar schon durch bloße Existenz ein Vergehen. Man möchte der Fifa vorschlagen, vor jeder Ecke kleine Wartezonen auf den Rasen zu malen. Hier Angreifer. Dort Verteidiger. In der Mitte der Torwart, sakrosankt, von Weihrauch umnebelt. Seltsam, dabei wurde der Sonderstatus der Keeper doch erst kürzlich aufgehoben. Oder? Es scheint aber so, als seien die Regeln eher ver- anstatt entschärft worden. Zumindest für diese eine Situation.

Der Torwart verteidigt lediglich den Raum eines anderen

Besonders schön wird diese Regelpoesie, wenn man sich anschaut, was auf der anderen Seite offenbar noch unter „normaler Körperkontakt“ läuft. Anton soll den Torwart behindert haben. Der Torwart wiederum landet mit seiner Hand in einer Region, in der selbst hartgesottene Ballspieler ungern Besuch empfangen. Aber das ist natürlich etwas völlig anderes. Ein Torwart, der einem Gegenspieler in die Weichteile greift, verteidigt vermutlich nur den Raum. Den sehr persönlichen Raum eines anderen.

Das wirklich Bittere daran ist nicht einmal, dass Deutschland ausgeschieden ist. Wer nach einem aberkannten Treffer noch ein Elfmeterschießen verliert, hat seine eigene Tragödie schließlich gleich mitgeschrieben. Bitter ist, dass der Videobeweis wieder einmal nicht Gerechtigkeit schafft, sondern eine neue Religion. Der VAR sucht nicht mehr nach klaren Fehlern. Er sucht nach Deutungsmöglichkeiten. Und findet sie dort, wo früher einfach Fußball war: Körperkontakt, Gerangel, Strafraum, Ecke, Tor.

Information ist das eine, die Umsetzung etwas ganz anderes

Collina sagt, die Teams seien informiert gewesen. Das ist schön. Vielleicht lagen die Regeln ja als Beipackzettel in der Kabine aus. „Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Schiedsrichter oder VAR-Keller.“ Nur hilft Information wenig, wenn die Anwendung wirkt wie eine Mischung aus Bürokratie, Willkür und ästhetischem Unfall. Wenn Antons Handlung ein Foul ist, muss künftig jede Ecke vor Ausführung von einem Statiker, einem Ethiker und einem Torwartpsychologen freigegeben werden. Am besten zieht man auch noch den Papst hinzu.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Im Fifa-Fußball des Jahres 2026 ist es gefährlich, einem Torwart im Weg zu stehen. Es ist weniger gefährlich, einem gegnerischen Spieler in die Kronjuwelen zu langen. Der eine Kontakt verhindert ein Tor. Der andere verhindert höchstens Nachwuchs.

Der Ball war zwar im Tor, aber irgendwo ist irgendwann sicher etwas passiert

Vielleicht ist das die neue Linie. Vielleicht ist es auch nur der alte Fußball, erstickt unter Monitoren, Mikrofonen und Menschen, die aus einem Spiel eine Verwaltungsakte machen. Früher hieß es: Der Ball muss ins Tor. Heute heißt es: Der Ball war zwar im Tor, aber irgendwo im Strafraum hatte jemand eine Absicht. Oder keine Absicht. Was auch immer.

Unterm Strich bleibt trotzdem ein Ausscheiden, das sich die deutsche Mannschaft irgendwie auch selbst verdient hat. Gegen Paraguayer, die kämpften, als ginge es nicht um ein Achtelfinale, sondern um die Verteidigung der letzten warmen Mahlzeit auf Erden, wirkte Deutschland phasenweise so pomadig, als habe jemand vor dem Anpfiff Baldriantee in die Trinkflaschen gefüllt. Die einen gaben alles. Die anderen gaben Anlass zu berechtigter Sorge. Und wer ohne schwarz-rot-goldene Kontaktlinsen auf so ein Spiel schaut, dessen Sympathien landen irgendwann zwangsläufig beim Underdog, der sich ins Elfmeterschießen rettet und dort weiterkommt.

Die Partei Der Verband hatnnicht immer Recht

Fair aber war das alles deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil. Und dass ausgerechnet Pierluigi Collina, einst eine Koryphäe des Fußballsports und Schiedsrichter mit der Aura eines Mannes, der ein ganzes Stadion mit einem einzigen Blick zum Schweigen bringen konnte, sich nun nicht zu schade ist, diese hanebüchene Erklärung in die Welt zu posaunen, damit bloß kein Kratzer am Lack des wirklich nicht guten Schiedsrichters Jalal Jayed entsteht, sagt viel über den Zustand des Weltfußballs. Leider nichts Gutes.

Früher hieß es in der DDR: Die Partei hat immer recht. Im modernen Fifa-Fußball gilt offenbar: Der Verband auch. Selbst dann, wenn er komplett danebenliegt, sich in der Erklärung verheddert und anschließend so tut, als sei der Rasen schuld. Denn: Vielleicht stand Waldemar Anton Paraguays Torwart irgendwie im Weg. Vielleicht hat ere ihn sogar berührt. Dass dieser ihm aber ins Gemächt packt, ist eine Tätlichkeit und hätte einen Platzverweis sowie einen Foulelfmeter nach sich ziehen müssen. Dass die Videoschiedsrichterin Tatiana Guzman aus Nicaragua das nicht gesehen hat, sondern stattdessen Antons müdes Rumstehen als Foul wertete, stellt auch ihr ein mieses Zeugnis aus, nicht nur Jalal Jayed und der FIFA.

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