
Das für heute geplante Konzert der irischen Rapgruppe Kneecap in der Turbinenhalle Oberhausen soll stattfinden.
Die Stadt hat ein Verbot prüfen lassen. Das Ergebnis ist eindeutig: Politische Ablehnung ersetzt keine konkrete Gefahrenlage.
In meinem vorherigen Beitrag zum Kneecap-Konzert in Oberhausen ging es um die Reaktion der Band auf die Kritik und um die antisemitischen Äußerungen in den Kommentarspalten rund um den Auftritt. Inzwischen hat sich auch die Stadt positioniert.
Keine konkrete Gefahr, kein Verbot
In ihrer am 19. August veröffentlichten Stellungnahme zählt die Stadt frühere Parolen wie „Fuck Israel“ und „Death to the IDF“ auf. Sie verweist außerdem auf den Ruf „Up Hamas, Up Hisbollah“ und auf den Vorwurf, ein Bandmitglied habe bei einem Auftritt eine Hisbollah-Flagge gezeigt.
Oberhausen macht daraus kein Geheimnis: Die Stadt lehnt Antisemitismus, Extremismus und die Verherrlichung terroristischer Organisationen ab. Polizei, Ordnungsbehörden, Hallenbetreiber und Veranstalter waren in die Gespräche einbezogen. Auch ein Verbot wurde behördenintern geprüft.

Nur reicht politische Abscheu für einen staatlichen Eingriff nicht. Nach § 14 Ordnungsbehördengesetz müsste eine konkrete und nachweisbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung vorliegen. Eine solche unmittelbare Gefahrenlage sieht die Stadt nach der aktuellen rechtlichen und polizeilichen Einschätzung nicht.
Die Freiheit von Kunst und Kultur ist ein hohes Gut unserer Demokratie. Sie schützt ausdrücklich auch Provokation, Zuspitzung und Positionen, die Widerspruch hervorrufen. Gleichzeitig bedeutet Kunstfreiheit nicht, dass antisemitische Narrative oder die Verherrlichung terroristischer Organisationen unwidersprochen bleiben müssen.
(Apostolos Tsalastras, Erster Beigeordneter, Stadtkämmerer und Kulturdezernent der Stadt Oberhausen)
Hinzu kommt: Die Turbinenhalle wird privatwirtschaftlich betrieben. Oberhausen kann dort kein Konzert allein deshalb untersagen, weil die auftretende Band und ihre Botschaften abstoßend sind. Kulturdezernent Apostolos Tsalastras bringt die Grenze auf den Punkt: Kunstfreiheit schützt auch Provokationen. Sie zwingt aber niemanden dazu, antisemitische Narrative oder Terrorverherrlichung unwidersprochen hinzunehmen.
Mehrere Aufrufe zum Gegenprotest
Unwidersprochen soll das Konzert auch nicht bleiben. Gegen den Auftritt kursieren mehrere Protestaufrufe. Ein anonym veröffentlichter Aufruf auf Indymedia nennt den 20. August und die Turbinenhalle, Im Lipperfeld 23. Dort heißt es, ab etwa 18 Uhr beginne die Anreise der Konzertbesucher. Der Protest solle dezentral stattfinden; Treffpunkte würden am Veranstaltungstag kurzfristig mitgeteilt.
Der Aufruf formuliert martialisch und fordert, den Auftritt „mit allen Mitteln“ zu verhindern. Das ist die Sprache eines anonymen Textes, nicht die einer bestätigten Versammlungsleitung. Eine öffentlich benannte verantwortliche Person oder einen feststehenden Sammelpunkt nennt der Beitrag nicht.

Auch auf Instagram wird unter dem Motto „Kneecap verhindern – Antisemitismus bekämpfen“ für Protest an der Turbinenhalle geworben. Das dort verbreitete Plakat nennt den Termin und den Veranstaltungsort, aber noch keine Uhrzeit. Das Bündnis „Es reicht! – Oberhausen solidarisch gegen Rechts“ und die Oberhausener SPD hatten zuvor die Absage des Konzerts gefordert. Über diese Forderungen und die Protestaufrufe hatten die Ruhrbarone bereits berichtet.
Was Kneecap selbst veröffentlicht hat
Ein fremder Kommentar ist keine Aussage der Band. Eine „terrorist connection“ im britischen Strafzumessungsrecht ist keine Verurteilung wegen eines Terrorismusdelikts. Und nicht jede scharfe Israelfeindschaft ist automatisch Antisemitismus.
Hält man diese Grenzen ein, bleibt trotzdem genug übrig:
Der Filton-Post
Kneecap veröffentlichte an diesem Tag ein Foto mit Joey Hinchcliffe. Dazu verbreitete die Band Hinchcliffes Darstellung des Einbruchs in das Elbit-Werk im britischen Filton.
„We destroyed 40 weapons in 20 minutes“, heißt es dort. Vier Freunde seien „sentenced as terrorists, simply for saving lives“. Am Ende steht: „Free our political prisoners.“
Kneecap beschränkt sich nicht darauf, diese Aussage zu dokumentieren. Die eigene Schlusszeile der Band lautet: „Solidarity from Kneecap with the Filton 25“.
Das ist keine neutrale Berichterstattung. Eine schwere, geplante Gewalttat wird als Lebensrettung moralisch überhöht. Verurteilte werden zu politischen Gefangenen erklärt. Und Kneecap schließt sich mit einer ausdrücklichen Solidaritätserklärung an.

Was das Gericht feststellte
Die Formulierung „sentenced as terrorists“ ist ungenau. Vier Beteiligte wurden wegen Sachbeschädigung verurteilt, Samuel Corner zusätzlich wegen schwerer Körperverletzung. Sie wurden nicht wegen eines Terrorismusdelikts verurteilt. Das Gericht stellte bei der Sachbeschädigung allerdings eine terroristische Verbindung im Sinne des britischen Strafzumessungsrechts fest.
Die offiziellen Strafzumessungsgründe beschreiben einen wochenlang vorbereiteten Angriff. Die Beteiligten fuhren mit einem umgebauten Gefängnisfahrzeug durch Zäune und ein Tor, waren mit Vorschlaghämmern ausgerüstet und verursachten einen versicherten Schaden von 1,175 Millionen Pfund.
Corner schlug einer knienden Polizistin von hinten mit einem 3,2 Kilogramm schweren Vorschlaghammer auf den Rücken. Sie erlitt mehrere Wirbelbrüche. Der Richter sprach von „extreme and gratuitous violence“.
Das alles auf „simply for saving lives“ zu reduzieren, ist keine kleine sprachliche Unschärfe. Es ist eine Verharmlosung des gerichtlich festgestellten Geschehens.
Ruhrbarone berichtete bereits über Palestine Action, Filton und die politische Heroisierung der Beteiligten.
Die Kommentare darunter
Unter dem Kneecap-Post standen bei meiner Prüfung 638 Kommentare. Facebook zeigte in der Ansicht „Alle Kommentare“ unter anderem zwei besonders eindeutige Reaktionen.
Nora Landa schrieb: „Destroying weapons used to kill civilians is not terrorism. It is an act of heroism and solidarity.“
Ein Nutzer mit dem Profilnamen Chuckie Ar La bezeichnete die Beteiligten als „true soldiers“ und forderte: „More people need to disarm and cause this chaos against them devils.“ Am Ende: „World needs more of it.“
Beide Kommentare waren am 17. August 2026 weiterhin öffentlich sichtbar.
Auch hier gilt die notwendige Trennung: Das sind keine Aussagen von Kneecap. Es ist nicht belegt, dass die Band oder ihre Seitenadministration sie gesehen oder gebilligt hat. Belegt ist nur, dass sie wochenlang öffentlich unter dem Beitrag standen.

Auf Instagram: Bewusstlose Soldaten und ein „legend“
Der zweite klare eigene Treffer stammt vom 9. Februar 2024.
In einem Instagram-Reel verbreitete Kneecap einen Radiomitschnitt. Ein Anrufer erzählte darin über seine frühere Gruppe: „we used to headbutt soldiers, knock them out.“
Kneecaps Reaktion darauf: Gelächter, die Bezeichnung des Anrufers als „legend“ und der Satz „We need to have a pint with this legend.“
Die Gewaltschilderung wird damit nicht kritisiert oder auch nur distanziert gezeigt. Derjenige, der erzählt, Soldaten mit Kopfstößen bewusstlos geschlagen zu haben, wird ausdrücklich gefeiert.

Der Originalkontext reicht aus
Kneecaps Verteidiger werfen Kritikern regelmäßig vor, Aussagen aus dem Zusammenhang zu reißen.
Hier macht der Zusammenhang die Sache nicht besser.
Ein Beitrag erklärt einen geplanten Angriff mit Vorschlaghämmern zur Lebensrettung und endet mit Solidarität für die Beteiligten. Ein anderer feiert einen Mann, der vom Bewusstlosschlagen von Soldaten erzählt, als „legend“.
Dafür muss niemand Motive erfinden. Niemand muss fremde Kommentare der Band unterschieben. Man muss nur lesen, was Kneecap selbst veröffentlicht hat.
Die Turbinenhalle und der Veranstalter Kingstar können das weiterhin „Provokation“ oder „Kunst“ nennen. Sie sollten nur nicht so tun, als würden die Warnungen vor Kneecap auf Gerüchten beruhen.
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