AfD-Wahlsieg: Moskau jubelt, Europas Rechte feiert – und Zemmour (Reconquête) sucht Sachsen-Anhalt

Wahlzettel mit einem Kreuz bei der AfD vor Weltkugel, Medienkameras und internationalem Publikum.
Der AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt wird international kommentiert. (Illustration: OpenAI )

Sachsen-Anhalt hat gewählt – und einen AfD-Landesverband zur stärksten Kraft gemacht, den der Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung einstuft. Die historische Premiere war das allerdings nicht: Schon 2024 lag die ebenfalls so eingestufte Thüringer AfD bei einer Landtagswahl vorn. Wie reagieren Medien, Politiker und Rechtsextremisten im Ausland – und wer macht den Wahlsieg in den sozialen Netzwerken zur Munition für die eigene Propaganda?

Putins Sonderbeauftragter Kirill Dmitrijew feiert den AfD-Erfolg gleich mehrfach, attackiert die angebliche „Kriegstreiberei“ der Bundesregierung und verstärkt Alice Weidels Abgrenzung von ukrainischen Interessen. Der frühere Putin-Berater Sergej Markow deutet den Sieg positiv um und diffamiert die Ukraine als „Junta“.

Der russische Senator Alexei Puschkow schreibt von einem Deutschland, das „erwache“ (Eine interessante Formulierung!). Der russische Telegram-Kanal „Осташко! Важное“ verbindet den Erfolg ausdrücklich mit dem Ende der Militärhilfe für Kyjiw und der Aufhebung der Russland-Sanktionen. Aus dem regierungsnahen, aber nicht amtlichen belarussischen Kanal „Белорусский силовик“ kommt ebenfalls eine positive Reaktion: Er verbindet den Wahlausgang mit der unbelegten Erzählung einer deutschen „Falle für Russland“ per Drohnenvorfall. Der belarussische Beitrag nennt die Ukraine nicht. Der Kyiv Independent warnt aus ukrainischer Perspektive vor „ernsten Problemen für die Ukraine“, macht aus dem Wahlsieg in seinem aktualisierten Text allerdings vorschnell schon eine AfD-Landesregierung. Gerade diese gegensätzlichen Deutungen gehören zu den aufschlussreichsten Befunden der Sichtung.

Internationale Medien beschreiben den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt als Einschnitt. Neonazis, Rechtsextremisten und Rechtspopulisten jubeln; andere warnen scharf. Die von der EU als kremlfreundlich beschriebene russische Wirtschaftszeitung Kommersant sprach sogar vom „Triumph“ der Partei.

Nach dem inzwischen vollständig ausgezählten, aber noch vorläufigen Ergebnis kam die AfD auf 43,8 Prozent und 39 von 83 Sitzen – drei weniger als für die absolute Mehrheit; die CDU stürzte auf 17,2 Prozent ab, während das BSW mit 5,3 Prozent und fünf Sitzen in den Landtag einzog. Gemeinsam verfügen die beiden in ihrer Russlandpolitik kremlfreundlichen Parteien damit über 44 der 83 Mandate: Durch eine Koalition oder die parlamentarische Unterstützung eines Tolerierungsmodells könnte das BSW eine AfD-geführte Landesregierung ermöglichen – beschlossen oder vereinbart ist das nicht. Die Landtagswahl ist trotzdem längst keine Regionalnachricht mehr.

Stand der Sichtung: 7. September 2026, 05.45 Uhr. Berücksichtigt wurden veröffentlichte Beiträge internationaler Medien sowie öffentlich auffindbare Stellungnahmen und Kommentare politischer und weiterer öffentlicher Akteure. Telegram-Quellen werden nach ihrer Trägerschaft unterschieden: amtliche oder staatliche Kanäle, persönliche Akteurskanäle, sanktionierte Propagandaangebote sowie regierungsnahe, aber nicht amtliche Kanäle. Wo auf den konkret geprüften öffentlichen Kanälen keine Reaktion vorlag, wird das ausdrücklich und zeitlich begrenzt benannt.

USA: Trump teilt, Musk sagt „Exactly“

Die Associated Press spricht von einem starken Sieg der AfD, lässt aber offen, ob daraus tatsächlich die erste von einer rechtsextremen Partei geführte Landesregierung der deutschen Nachkriegsgeschichte wird. Für Bundeskanzler Friedrich Merz sei das Ergebnis unabhängig von der Regierungsbildung ein schwerer Rückschlag. AP beschreibt die AfD als migrationsfeindlich und russlandfreundlich und weist zugleich darauf hin, dass Forderungen nach einem Ende der Russland-Sanktionen nicht in die Zuständigkeit eines Bundeslandes fallen.

Screenshot des AP-Berichts zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Associated Press zum AfD-Wahlsieg und der offenen Regierungsfrage, 6. September 2026. (Screenshot Associated Press)
Der deutsch-amerikanische Politikwissenschaftler Yascha Mounk, Professor an der Johns Hopkins University und Gründer des Debattenmagazins Persuasion, deutet den Erfolg in einem Kommentar für die Washington Post als Ergebnis einer deutschen Angst vor Veränderung. Die mögliche Antwort der anderen Parteien – ein breites Bündnis allein zur Verhinderung einer AfD-Regierung – beschreibt er als politisch fragil.

Der amtierende 47. US-Präsident Donald Trump (Republikaner; nationalistisch-rechtspopulistisch) griff das Ergebnis auf Truth Social auf: Er veröffentlichte kommentarlos die ARD-Hochrechnung von 19.57 Uhr. Trump verschafft der Hochrechnung Reichweite. Eine Gratulation oder Zustimmung lässt sich daraus nicht machen. Auf den zusätzlich geprüften Kanälen des Weißen Hauses, von Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio war bis zum Redaktionsschluss keine eigene Stellungnahme auffindbar.

Screenshot von Donald Trumps kommentarlosem Truth-Social-Post mit der Sachsen-Anhalt-Hochrechnung
Trump teilt die ARD-Hochrechnung ohne Begleittext, 6. September 2026. (Screenshot Truth Social)
Der Tesla- und SpaceX-Chef Elon Musk wurde deutlicher. Auf X antwortete er mit „Exactly“ – „Genau“ – auf einen Beitrag, der die AfD ausdrücklich als „nicht rechtsextrem“ bezeichnete. Sie sei vielmehr die erste nominell rechte deutsche Partei mit genügend Rückhalt, um eine angeblich „anti-White, anti-German coalition“ zu schlagen. Musk lieferte keine eigene Begründung; seine Zustimmung bezieht sich im sichtbaren Thread jedoch eindeutig auf diese Aussage.

Screenshot von Elon Musks Zustimmung zu einem X-Beitrag über den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Elon Musk stimmt der Behauptung zu, die AfD sei nicht rechtsextrem und trete gegen eine „anti-White, anti-German coalition“ an, 6. September 2026. (Screenshot X)
Der rechtskonservative US-Online-Kommentator Benny Johnson, laut eigener Biografie Moderator der „Benny Show“ und Mitarbeiter von Turning Point USA, machte daraus kurz darauf ein angebliches Mandat für Grenzschließung, Sozialstaatsabbau und Massendeportationen. Er nannte Migranten „Invaders“, behauptete, die Mehrheit des ganzen Landes denke so, und kündigte an: „Remigration is coming.“ Das ist keine nüchterne Ergebnisbeschreibung: 43,8 Prozent in einem Bundesland sind keine Mehrheit in Deutschland, und Sachsen-Anhalt kann weder die deutsche Grenze schließen noch die bundesweite Migrations- und Sozialgesetzgebung allein bestimmen.

Screenshot des X-Beitrags von Benny Johnson zum AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Benny Johnson feiert den AfD-Sieg als Mandat für Grenzschließung und „Remigration“ – und überschreitet dabei Ergebnis und Kompetenzen einer Landtagswahl, 6. September 2026. (Screenshot X)

Israelische Medien und das AJC: Wahlsieg und die Frage nach jüdischer Sicherheit

Die Times of Israel meldete einen Erdrutschsieg und stellte die mögliche erste rechtsextreme Landesregierung seit dem Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt. Bereits vor Schließung der Wahllokale fragte die Jerusalem Post in einer Analyse ausdrücklich, ob Juden angesichts des Aufstiegs der AfD besorgt sein müssten. Der Text kontrastiert die demonstrative Israel-Freundlichkeit der Partei mit antisemitischen Verschwörungsbildern einzelner Funktionäre und möglichen Eingriffen einer Landesregierung in Polizei, Verfassungsschutz, Bildung und Personalentscheidungen.

Screenshot des Times-of-Israel-Posts zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Die Times of Israel stellt die mögliche erste rechtsextreme Landesregierung seit dem Zweiten Weltkrieg heraus, 6. September 2026. (Screenshot X)
Das American Jewish Committee (AJC) wurde selbst deutlich. Die international tätige jüdische Organisation unterhält ein Büro in Berlin. In einem Facebook-Beitrag bezeichnete das AJC den Wahlsieg als „grim milestone“ – als düsteren Meilenstein. Es schrieb, die AfD sei nun in Reichweite der ersten rechtsextremen Landesregierung seit der NS-Zeit. Das AJC verwies auf einen eigenen Bericht und erklärte, sein Berliner Büro warne seit Langem vor Antisemitismus, den es in der autoritär-nationalistischen Politik der Partei verankert sieht. Den Aufstieg der AfD bezeichnete die Organisation als Gefahr für die deutsche Demokratie und Europas Zukunft.

Screenshot der Facebook-Reaktion des American Jewish Committee auf den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Das American Jewish Committee bezeichnet den AfD-Sieg als „düsteren Meilenstein“ und warnt vor Antisemitismus in der Politik der Partei, 6. September 2026. (Screenshot Facebook)
Weder diese Erklärung noch die beiden Medienbeiträge sind Stellungnahmen der israelischen Regierung. Auf den geprüften offiziellen Kanälen des israelischen Ministerpräsidenten, des Außenministeriums und des Diaspora-Ministers war bis zum Redaktionsschluss keine eigene Reaktion auf das Ergebnis auffindbar.

Großbritannien: Medienanalyse – und Jubel eines Neonazis

Der Guardian überschreibt seinen Bericht mit dem Wahlsieg der AfD, betont aber schon in der Schlagzeile, dass die absolute Mehrheit verfehlt werden könnte. Das Blatt nennt das Ergebnis historisch, erinnert an die Einstufung des Landesverbandes als gesichert rechtsextremistisch und ordnet die Partei als kremlfreundlich ein.

Screenshot des Guardian-Berichts zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Der Guardian betont den historischen Wahlsieg, hält die Mehrheitsfrage aber offen, 6. September 2026. (Screenshot The Guardian)
GB News meldete die 44-Prozent-Prognose als Sieg der „hard-right“ AfD. Ein früherer Post des Senders sprach von einer „overwhelming majority“. 44 Prozent sind jedoch keine Stimmenmehrheit; ob es für eine absolute Mehrheit der Sitze reicht, war zu diesem Zeitpunkt offen. Auf dem amtlichen Kanal des britischen Premierministerbüros sowie auf den geprüften X-Kanälen von Nigel Farage und Reform UK war keine Reaktion auf das Ergebnis auffindbar.

Screenshot des GB-News-Posts zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
GB News meldet die 44-Prozent-Projektion als Sieg der „hard-right“ AfD, 6. September 2026. (Screenshot X)
Jubel kam außerdem vom britischen Neonazi Mark Collett, den der Guardian ausdrücklich als Neonazi bezeichnet und dessen Patriotic Alternative in einem Bericht von ICCT und HOPE not hate als neonazistische, rassennationalistische Gruppe eingeordnet wird. Er kommentierte die Wahlmeldung auf seinem persönlichen, unter eigenem Namen geführten Telegram-Kanal: „Good news.“ Er hoffe, die AfD gewinne eine Mehrheit und könne dann „actually get something done“. Das ist eine direkte Reaktion eines ausländischen Neonazis – keine Stellungnahme einer britischen Partei oder Regierung.

Screenshot von Mark Colletts Telegram-Reaktion auf den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Der britische Neonazi Mark Collett nennt das AfD-Ergebnis eine gute Nachricht und hofft auf eine eigene Mehrheit, 6. September 2026. (Screenshot Telegram)

Russland: Triumph-Ton – aber kein Gruß von Putin

Kirill Dmitrijew, Chef des russischen Staatsfonds RDIF und Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten für Investitionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ausland, beließ es nicht bei einem Glückwunsch. In einem ersten X-Beitrag feierte er den „historischen Sieg“ einer „pragmatischen“ AfD und behauptete, sie werde die Migration unter Kontrolle bringen. Kurz darauf attackierte er die „Arroganz“, „Engstirnigkeit“, „Kriegstreiberei“, „Unfähigkeit“ und „Heuchelei“ der Bundesregierung. Dmitrijew schrieb: „Deutschland ist erwacht.“

Screenshot von Kirill Dmitrijews positiver X-Reaktion auf den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Kirill Dmitrijew feiert den AfD-Erfolg als „historischen Sieg“ einer „pragmatischen“ Partei, 6. September 2026. (Screenshot X)
Nach Mitternacht griff Dmitrijew ein CNN-Interview mit Alice Weidel auf, in dem die AfD-Chefin erklärte, ihre Partei vertrete die Interessen Deutschlands – „nicht die der Ukraine oder irgendeines anderen Landes“. Dmitrijew verknüpfte die Passage mit seiner These, nun habe in Deutschland auch das Denken Joe Bidens verloren. Niemand muss hier zwischen den Zeilen lesen: Ein Putin-Sonderbeauftragter bejubelt öffentlich den AfD-Erfolg, geißelt angebliche „Kriegstreiberei“ und verstärkt Weidels Abgrenzung von ukrainischen Interessen.

Der russische Senator Alexei Puschkow schrieb am späten Sonntagabend auf seinem persönlichen, unter eigenem Namen geführten Telegram-Kanal, ein Teil Deutschlands scheine „aufzuwachen“. Die von ihm als „antinational“ bezeichnete Politik von Bundeskanzler Friedrich Merz erhalte in Sachsen-Anhalt eine Abfuhr; nun stelle sich die Frage, ob auch der Rest Deutschlands erwache. Dmitrijew und Puschkow sind hochrangige russische Funktionsträger. Puschkows Kanal ist jedoch kein amtlicher Kanal des Föderationsrates. Ihre öffentlichen Äußerungen sind politisch bemerkenswert, aber nicht mit einer offiziellen Erklärung des Kremls oder einer belegten Weisung Putins gleichzusetzen.

Screenshot von Alexei Puschkows positiver Telegram-Reaktion auf den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Senator Alexei Puschkow deutet den AfD-Sieg als Zeichen eines „erwachenden“ Deutschlands, 6. September 2026. (Screenshot Telegram)
Der Fernsehmoderator Ruslan Ostashko moderiert beim staatlichen Sender Channel One, gehört zum Zentralstab der von Putin initiierten Allrussischen Volksfront und betreibt laut EU Medienplattformen, die russische Regierungsnarrative zum Angriff auf die Ukraine verbreiten. Auf dem unter seinem Namen geführten Telegram-Kanal „Осташко! Важное“ wurde der AfD-Sieg als schwerer Schlag für Merz gerahmt. Der Beitrag nennt die Wiederaufnahme des Dialogs mit Russland, das Ende der Militärhilfe für Kyjiw und die Rückkehr des Russischen an Schulen als AfD-Positionen. Über den Bundesrat könne die Partei zudem für eine Aufhebung der Russland-Sanktionen werben. Das ist eine ausdrücklich positive, pro-russische und anti-ukrainische Deutung aus einem sanktionierten Propagandaumfeld – aber keine offizielle Kreml-Erklärung.

Screenshot des Telegram-Beitrags von Ostashko zum AfD-Wahlsieg sowie zu Russland-Sanktionen und Militärhilfe für Kyjiw
Der russische Kanal „Осташко! Важное“ verbindet den AfD-Erfolg mit einem Ende der Militärhilfe für Kyjiw und der Aufhebung der Russland-Sanktionen, 6. September 2026. (Screenshot Telegram)
Die einflussreiche russische Wirtschaftszeitung Kommersant gehört dem von der EU sanktionierten Oligarchen Alischer Usmanow; die EU beschreibt ihre Linie unter seiner Eigentümerschaft als offen kremlfreundlich. Die Zeitung titelte, die AfD habe den größten regionalen Wahlsieg ihrer Geschichte errungen. Im Text ist sogar vom „Triumph“ der Partei die Rede. Inhaltlich stützt sich die Meldung allerdings vor allem auf Zahlen und Einordnungen des ZDF. (Ich schweife jetzt komplett ab – SORRY: Das Bild im verlinkten Beitrag, mit dem Trabant und der DDR-Flagge, ist nur eine Werbeanzeige für das russische Automagazin „Autopilot“ – das seit April 1994 auf dem Markt ist – und nicht von Relevanz wegen der gestrigen Wahl im Oblast Sachsen-Anhalt. Themen in der verlinkten Ausgabe im Beitrag sind: Autos bei Gefängnisausbrüchen, wie jemand in den 80er Jahren sein KPdSU-Parteibuch gegen einen Ford eingetauscht hat, mysteriöse Unfälle bei Garagenfolklore (Was auch immer das sein mag.), fingierte Verkehrsunfälle und, speziell für Bastler, eine praktische Anleitung: Falls man seinen Wolga zu einem Mercedes umbauen möchte. In Russland ging es zur Amtszeit von Boris Jelzin offensichtlich wesentlich lustiger zu, als man im Westen dachte.)

Die staatliche Nachrichtenagentur RIA verbreitete auf ihrem öffentlich einsehbaren Telegram-Kanal – einem staatlichen Nachrichtenangebot, aber keinem amtlichen Kanal des Kremls oder Außenministeriums – um 16.40 Uhr die Hochrechnung und um 19.21 Uhr Weidels Anspruch auf einen Regierungsauftrag, ohne eigene politische Bewertung. Der russischsprachige Dienst der Deutschen Welle hob zusätzlich hervor, dass Außenpolitik nicht in die Zuständigkeit der Länder fällt – Sachsen-Anhalt über den Bundesrat aber begrenzten Einfluss ausüben könnte.

Screenshot des Kommersant-Berichts zum AfD-Ergebnis in Sachsen-Anhalt
Kommersant spricht vom größten AfD-Wahlsieg ihrer Geschichte und im Text vom „Triumph“, 6. September 2026. (Screenshot Kommersant)
Eine Glückwunschbotschaft Wladimir Putins oder eine positive Erklärung des russischen Außenministeriums war auf den konkret geprüften öffentlichen Kanälen bis 05.45 Uhr am 7. September 2026 nicht auffindbar. Auf direkte Nachfrage gab es jedoch eine knappe offizielle Kreml-Reaktion: Sprecher Dmitri Peskow sagte RTVI, man habe die Wahl nicht verfolgt: „Nein. Haben wir nicht verfolgt.“ Die Hochrechnungen kommentierte er deshalb nicht. Auch bei Dmitri Medwedew, Maria Sacharowa, Leonid Sluzki, Wjatscheslaw Wolodin, Margarita Simonjan und Wladimir Solowjow fand sich auf den geprüften Kanälen keine direkte Stellungnahme zur Wahl. Dmitrijews, Puschkows und Ostashkos Einlassungen machen den russischen Jubel politisch gewichtiger; sie sind aber keine offizielle Kreml-Erklärung.

Screenshot der RTVI-Meldung mit Dmitri Peskows Antwort zur Sachsen-Anhalt-Wahl
Kremlsprecher Dmitri Peskow sagt RTVI, der Kreml habe die Sachsen-Anhalt-Wahl nicht verfolgt, 6. September 2026. (Screenshot RTVI)
Deutlicher wurde der frühere Putin-Berater und russische Politologe Sergej Markow. Markow saß von 2007 bis 2011 für die Regierungspartei Einiges Russland in der Staatsduma und leitet das Moskauer Institut für politische Studien. Er bestritt auf seinem persönlichen, unter eigenem Namen geführten Telegram-Kanal, dass die AfD rechtsextrem oder prorussisch sei, erklärte sie zur „normalen“ deutschen Partei und bezeichnete stattdessen ihre Gegner als Unterstützer einer „ukrainischen Junta“. Der Kanal ist Markow als öffentlichem Akteur zuzurechnen, aber kein amtlicher Regierungs- oder Parteikanal. Das ist keine Nachricht über das Ergebnis, sondern eine propagandistische Umdeutung: Der behördliche Befund zum Landesverband wird geleugnet, die Nähe der AfD zu russischen Positionen zum bloßen Friedenswillen umetikettiert und die Ukraine mit den bekannten Kreml-Vokabeln delegitimiert.

Screenshot der Telegram-Reaktion des russischen Politologen Sergej Markow
Markow deutet den AfD-Erfolg mit den bekannten Kreml-Narrativen um, 6. September 2026. (Screenshot Telegram)

Belarus: Regierungsnaher Jubel mit Verschwörungserzählung

Eine 2025 in der Fachzeitschrift Media, War & Conflict veröffentlichte Studie zählt „Белорусский силовик“ („Belarussischer Silowik“) zu den populären regierungsnahen Telegram-Quellen in Belarus. Die Autoren betonen zugleich: Solche Kanäle verbreiten regierungsfreundliche Botschaften, sind aber nicht zwangsläufig direkt vom Regime oder staatlichen Medien betrieben.

Der Kanal nannte den AfD-Wahlsieg eine „kuriose Episode“ und behauptete am späten Sonntagabend ohne Beleg, die Bundesregierung habe mit einem Drohnenvorfall in Ostdeutschland eine „Falle für Russland“ konstruiert, um Wähler von der AfD abzuschrecken. Das sei gescheitert; der Sieg der Partei sei ein Alarmsignal für die weitere deutsche Politik. Ein reichweitenstarker regierungsnaher Kanal begrüßt den AfD-Sieg und liefert die unbelegte Verschwörungserzählung gleich mit. Eine offizielle Reaktion der Regierung oder Alexander Lukaschenkos ist das nicht.

Screenshot der Telegram-Reaktion des regierungsnahen belarussischen Kanals Belarussischer Silowik auf den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Der regierungsnahe belarussische Kanal „Белорусский силовик“ begrüßt den AfD-Sieg und behauptet ohne Beleg eine deutsche „Falle für Russland“ mit einem Drohnenvorfall, 6. September 2026. (Screenshot Telegram)
Belarus wurde wegen der Geschäfte des sächsischen AfD-Politikers Jörg Dornau in Belarus und seines Auftretens im Sachsen-Anhalt-Wahlkampf zusätzlich geprüft. Weder der Beitrag von „Белорусский силовик“ noch die konkret geprüften öffentlichen Kanäle stellten einen Bezug zu Dornau her. Auf den überprüften Kanälen von Lukaschenko und Präsidialamt, Außenministerium, BelTA, Belarus 1/NEWS.BY, ONT, STV und SB.by war bis zum Redaktionsschluss keine eigene Reaktion Lukaschenkos und keine offizielle belarussische Glückwunschbotschaft auffindbar; Belarus 1/NEWS.BY und STV veröffentlichten lediglich sachliche Meldungen. Das ist ein begrenzter Suchbefund zu diesen öffentlichen Kanälen, keine Aussage über sämtliche belarussischen Medien.

Ukraine: Warnung – und ein grober Sprung über die Regierungsbildung

Die deutlichste ukrainische Reaktion kam zunächst aus den Medien, nicht aus der Regierung. Der Kyiv Independent bezeichnet die AfD bereits in der Überschrift als rechtsextreme, pro-russische Partei und warnt, ihr Sieg könne „ernste Probleme für die Ukraine“ schaffen. Genannt werden mögliche anti-ukrainische Initiativen über den Bundesrat, Kürzungen für ukrainische Geflüchtete und Risiken für Versorgungsrouten.

Als ukrainische Reaktion ist diese Perspektive aufschlussreich; als Beschreibung der deutschen Regierungsbildung ist der Text zu weit gesprungen. Schon die Behauptung vom ersten Landtagswahlsieg der AfD ist falsch: 2024 wurde sie in Thüringen stärkste Kraft. Der Beitrag macht aus dem Ergebnis außerdem bereits eine AfD-Landesregierung, erklärt Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten und unterstellt ein Recht auf Regierungsbildung sowie eine Vertretung im Bundesrat. Das folgt aus 43,8 Prozent und 39 von 83 Sitzen gerade nicht: Die AfD verfehlte die Mehrheit, der Ministerpräsident wird erst vom Landtag gewählt, und im Bundesrat sitzen nach Artikel 51 des Grundgesetzes Mitglieder der Landesregierungen. Die beschriebenen Ukraine-Folgen sind deshalb Szenarien – keine bereits eingetretenen Tatsachen.

Screenshot des Kyiv-Independent-Textes zur AfD-Wahl in Sachsen-Anhalt und möglichen Folgen für die Ukraine
Der Kyiv Independent warnt vor Folgen des AfD-Wahlsiegs für die Ukraine, erklärt Siegmund aber vorschnell zum Ministerpräsidenten, 6. September 2026. (Screenshot Kyiv Independent)
Auf den konkret geprüften öffentlichen Kanälen des ukrainischen Präsidenten, des Präsidialamts, des Außenministeriums, des Außenministers und der ukrainischen Botschaft in Deutschland war bis 05.45 Uhr am 7. September 2026 keine direkte Reaktion auf das Wahlergebnis auffindbar. Das ist ein zeitlich und sachlich begrenzter Suchbefund – keine Aussage über die Haltung der ukrainischen Regierung.

Frankreich: Le Monde bilanziert, Zemmour feiert im falschen Bundesland

Le Monde nahm die Wahl in seine Übersicht der wichtigsten Wochenendereignisse auf. Das Blatt spricht von einem sehr deutlichen Sieg der extremen Rechten, einem Schlag für Merz und einem „beispiellosen Schub seit 1945“. Auch Europe 1 stellte die mögliche historische Dimension einer AfD-Regierung heraus.

Frankreichs Europaminister Benjamin Haddad nannte es auf X einen „ernsten Moment für Europa“, wenn die extreme Rechte eine Regionalwahl in Deutschland gewinne. Man müsse Wut, Sorgen und Ängste mit Demut hören, schrieb er; Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit seien aber niemals eine Lösung.

Von links kam ebenfalls Alarm – allerdings mit einer sehr französischen Schlussfolgerung. Jean-Luc Mélenchon, Gründer von La France insoumise und Präsidentschaftskandidat für 2027, schrieb auf X, die extreme Rechte sei in Deutschland zurück. Verantwortlich sei die Blindheit der europäischen Zentristen. Daraus leitete er ab, das deutsche Vorhaben, Europas stärkste konventionelle Armee aufzubauen, sei für Frankreich nicht hinnehmbar. AfD-Kritik und französisches Misstrauen gegen deutsche Militärmacht passen bei Mélenchon offenbar problemlos in denselben Beitrag.

Screenshot der Le-Monde-Übersicht zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Le Monde spricht von einem beispiellosen Schub seit 1945, 6. September 2026. (Screenshot Le Monde)
Der Vorsitzende der französischen Partei Reconquête!, Éric Zemmour (Reconquête!; extrem rechts), feierte den Erfolg dagegen auf X als europaweite „Stunde der Wahrheit“. Der Cordon sanitaire („Die Brandmauer“) habe nie jemanden geschützt, sondern diese Stunde nur hinausgezögert.

Bei so viel historischem Pathos kam er jedoch bei den deutschen Bundesländern etwas durcheinander: Zemmour schrieb von 45 Prozent „en Saxe“, also im Oblast Sachsen. Gewählt wurde allerdings im Oblast Sachsen-Anhalt.

Screenshot von Éric Zemmours X-Reaktion auf den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Zemmour verkündet eine europaweite „Stunde der Wahrheit“ – und verlegt die Wahl irrtümlich nach Sachsen, 6. September 2026. (Screenshot X)
Auf den von uns geprüften Kanälen von Marine Le Pen, Jordan Bardella und dem Rassemblement National war bis zum Redaktionsschluss keine Reaktion auf das Wahlergebnis auffindbar.

Europa: Jubel rechts außen – Warnungen aus Warschau, Prag und Rom

Noch bevor mögliche Koalitionen überhaupt sortiert waren, meldete sich der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner mit einem politischen Einkaufszettel. Auf seinem persönlichen, unter eigenem Namen geführten Telegram-Kanal feierte er eine angebliche „kulturelle Hegemonie“ der AfD. Er behauptete, gemeinsam mit seinem „Institut für Remigration“ ein Papier zur Übertragung des dänischen „Ghettogesetzes“ auf Deutschland und Sachsen-Anhalt erarbeitet zu haben, verlinkte das Konzept und kündigte an, als „unabhängiger Beobachter“ die Umsetzung von AfD-Versprechen zu kontrollieren. Das dokumentiert Sellners eigenen Versuch, seine Agenda an den Wahlsieg anzudocken. Sein Kanal ist weder ein AfD-Kanal noch ein Beleg für einen Auftrag der Partei, eine Zusammenarbeit oder die Übernahme seiner Vorschläge.

Europas Rechtsaußenlager brauchte für seine Glückwünsche nicht lange. Ungarns früherer Ministerpräsident und heutiger Vorsitzender der oppositionellen Fidesz, Viktor Orbán (nationalkonservativ bis rechtspopulistisch), gratulierte auf X Alice Weidel, Ulrich Siegmund und der gesamten AfD zu einem „Erdrutschsieg“. Das sei eine große Nacht für Deutschland und Europa – und „erst der Anfang“.

Screenshot von Viktor Orbáns Gratulation an AfD, Alice Weidel und Ulrich Siegmund
Orbán gratuliert Weidel, Siegmund und der AfD und schreibt: „This is just the beginning“, 6. September 2026. (Screenshot X)
Italiens Vizepremier und Infrastrukturminister Matteo Salvini (Lega; rechtsnational und rechtspopulistisch) gratulierte seiner „Freundin“ Alice Weidel und der AfD zu einem „sensationellen Triumph“. „Angst? Terror? Gefahr? Nein, das nennt man Demokratie. Ein anderes Europa ist möglich“, schrieb der Lega-Chef auf X.

Screenshot von Matteo Salvinis Gratulation an Alice Weidel und die AfD
Salvini feiert das Ergebnis als Triumph und Zeichen für ein „anderes Europa“, 6. September 2026. (Screenshot X)
Der niederländische PVV-Fraktionsvorsitzende und Parlamentsabgeordnete Geert Wilders (PVV; rechtsradikal und rechtspopulistisch) gratulierte der AfD, Ulrich Siegmund und Alice Weidel auf X knapp auf Deutsch: „GRATULIERE“.

Screenshot von Geert Wilders' Gratulation zum AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Geert Wilders gratuliert AfD, Siegmund und Weidel zum Wahlsieg in Sachsen-Anhalt, 6. September 2026. (Screenshot X)
Der spanische Vox-Vorsitzende und für Madrid gewählte Abgeordnete des spanischen Kongresses Santiago Abascal (Vox; nationalkonservativ und rechtspopulistisch) gratulierte Weidel und Siegmund ebenfalls auf X. Das Ergebnis sei „eine große Hoffnung für Deutschland und für Europa“.

Screenshot von Santiago Abascals Gratulation zum AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Santiago Abascal nennt das AfD-Ergebnis eine große Hoffnung für Deutschland und Europa, 6. September 2026. (Screenshot X)
Der Gründer und Vorsitzende der portugiesischen Partei Chega sowie Parlamentsabgeordnete André Ventura (Chega; rechtsradikal und rechtspopulistisch) nannte das Ergebnis laut EFE einen „historischen Sieg“. Österreichs FPÖ-Bundesparteiobmann, Klubobmann und Nationalratsabgeordneter Herbert Kickl (FPÖ; rechtsradikal und rechtspopulistisch) sprach demnach von einem „demokratischen Machtwort“ und vom Beginn eines „Systemwechsels“.

Wie wenig geschlossen selbst das rechte Regierungslager in Italien reagiert, zeigt die gegensätzliche Bewertung durch Außenminister und Vizepremier Antonio Tajani (Forza Italia; liberal-konservativ). Der Forza-Italia-Chef bezeichnete das Ergebnis laut La Repubblica als „sehr schlechte Nachricht“. Die AfD stehe liberalen und westlichen Werten entgegen; Europa müsse populistischen und fanatischen Entwicklungen politisch entgegentreten.

Aus Polen kam die schärfste Reaktion eines amtierenden europäischen Regierungschefs. Ministerpräsident und Vorsitzender der Bürgerkoalition (Koalicja Obywatelska) Donald Tusk (Bürgerkoalition; liberal-konservativ und proeuropäisch) schrieb auf X, nur „Idioten oder Verräter“ könnten sich in Polen über den Triumph der AfD in Deutschland freuen. Einige davon hätten sich bei Konfederacja und PiS angesammelt. Tusks Reaktion richtet sich damit zugleich gegen die polnische Rechte.

Screenshot von Donald Tusks X-Reaktion auf den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Donald Tusk schreibt, nur „Idioten oder Verräter“ könnten sich in Polen über den AfD-Sieg freuen; dabei nennt er Konfederacja und PiS, 6. September 2026. (Screenshot X)
Auch in Tschechien verlief die Reaktion entlang einer klaren Bruchlinie. Der Präsident des Abgeordnetenhauses und SPD-Vorsitzende Tomio Okamura (SPD; rechtsradikal und rechtspopulistisch) begrüßte den Erfolg und hoffte laut iDNES/ČTK auf eine Beteiligung der AfD an der Landesregierung. Der frühere Ministerpräsident und heutige ODS-Abgeordnete Petr Fiala (ODS; liberal-konservativ und wirtschaftsliberal) sprach auf X dagegen von einem „politischen Erdbeben“ und einer beängstigenden Mischung aus Nationalismus, völlig unrealistischen Versprechen, Nostalgie, Zukunftsangst und prorussischen Stimmungen.

Ein später Kommentar des spanischen Journalisten Marc Bassets, stellvertretender Leiter des Meinungsressorts von El País und früherer Berlin-Korrespondent, geht über die Tagesmeldung hinaus. In El País schreibt er, der Sieg zwinge das demokratische Lager, seine bisherigen Strategien zu überprüfen: Weder das Kopieren rechter Positionen noch bloße Ausgrenzung hätten den Aufstieg gestoppt. Auch historische Warnungen allein erreichten Wähler nicht mehr, die von einer sehr gegenwärtigen Wut des Jahres 2026 angetrieben würden.

Screenshot des El-País-Kommentars zum AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Marc Bassets analysiert in seinem Kommentar für El País, warum bisherige Strategien den Aufstieg der extremen Rechten nicht gestoppt haben, 6. September 2026. (Screenshot El País)

Rest of the World: Deutschland ist plötzlich Weltnachricht

Auch außerhalb Europas wird die Wahl prominent aufgegriffen. Al Jazeera meldet auf Arabisch, die extreme Rechte liege in Sachsen-Anhalt vorn, und bezeichnet das Ergebnis als schweren Schlag für Merz.

Screenshot des Al-Jazeera-Berichts zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Al Jazeera meldet das Ergebnis als Weltnachricht und schweren Schlag für Merz, 6. September 2026. (Screenshot Al Jazeera)
Der Europa-Korrespondent José Henrique Mariante, der seit 1991 für die brasilianische Folha de S.Paulo arbeitet, hebt in seinem Bericht einen Unterschied zu anderen europäischen Rechtsaußenparteien hervor: Die AfD folge zwar bekannten populistischen Mustern, verzichte bislang aber auf jede Mäßigung in politischer Praxis und Sprache. Der Bericht beschreibt zudem Siegmunds TikTok-Wahlkampf und dessen Spiel mit ostdeutscher Nostalgie.

Screenshot des Folha-de-S.Paulo-Berichts zum AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt
Folha de S.Paulo sieht bei der AfD – anders als bei manchen europäischen Rechtsaußenparteien – bislang keine Mäßigung in Praxis oder Sprache, 6. September 2026. (Screenshot Folha de S.Paulo)

Analyse: Sachsen-Anhalt als internationale Projektionsfläche

Vom Landesergebnis zum europäischen Symbol

Viele der hier dokumentierten Jubelreaktionen beschäftigen sich kaum mit Sachsen-Anhalts Landespolitik. Viktor Orbán, Matteo Salvini, Santiago Abascal und Éric Zemmour deuten das Ergebnis ausdrücklich als europäisches Signal. Das geht über das hinaus, was eine einzelne Landtagswahl belegen kann. Wie weit sich die Deutung vom konkreten Bundesland entfernt, zeigt Éric Zemmours Beitrag besonders deutlich: Er ruft eine europaweite „Stunde der Wahrheit“ aus und verwechselt dabei Sachsen-Anhalt mit Sachsen.

Teilen, zustimmen, überdehnen

Die US-Reaktionen haben unterschiedliche Aussagekraft. Donald Trump teilte die Hochrechnung ohne Kommentar. Das vergrößert ihre Reichweite, belegt aber keine Zustimmung. Elon Musk ging weiter: Mit „Exactly“ stimmte er einem Beitrag zu, der die AfD ausdrücklich als „nicht rechtsextrem“ bezeichnet und von einer „anti-White, anti-German coalition“ spricht. Benny Johnson leitete aus dem Landesergebnis schließlich Forderungen nach Grenzschließung, Sozialstaatsabbau und Massendeportationen ab und kündigte „Remigration“ an. Er deutete 43,8 Prozent in einem Bundesland als Ausdruck einer gesamtdeutschen Mehrheit und verlangte Maßnahmen, die sich auf Landesebene nicht umsetzen lassen.

Russische Deutungen – politischer Jubel, keine belegte Kreml-Regie

Die russischen Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Kommersant rahmt das Ergebnis mit der „Triumph“-Vokabel positiv, stützt seinen Bericht inhaltlich aber vor allem auf Zahlen und Einordnungen des ZDF. Kirill Dmitrijew und Alexei Puschkow gehen weiter: Wladimir Putins Sonderbeauftragter greift die Bundesregierung wegen angeblicher „Kriegstreiberei“ an und verstärkt Alice Weidels Abgrenzung von ukrainischen Interessen; der Senator spricht von einem „erwachenden“ Deutschland. Der unter Ruslan Ostashkos Namen geführte Propagandakanal verbindet den AfD-Sieg besonders konkret mit dem Ende der Militärhilfe für Kyjiw und der Aufhebung der Russland-Sanktionen. Sergej Markow erklärt die AfD zur „normalen“ Partei und diffamiert die Ukraine als „Junta“.

Der AfD-Sieg findet in Teilen Russlands politischen Beifall. Daneben steht die demonstrativ knappe offizielle Antwort Dmitri Peskows, der Kreml habe die Wahl nicht verfolgt. Gerade dieser Kontrast zeigt, warum persönliche Funktionärskanäle, staatliche Nachrichtenagenturen, Propagandaangebote und amtliche Erklärungen getrennt werden müssen. Absprachen mit der AfD oder eine Steuerung durch den Kreml belegt keine dieser Äußerungen.

Hintergrund: Die bereits dokumentierten Berührungspunkte zwischen AfD, BSW und kremlnaher Propaganda wurden hier im Blog im Beitrag „Russlands nützliche Netzwerke“ ausführlich dargestellt.

Kritische Reaktionen mit unterschiedlichen Bezugspunkten

Die hier versammelten Warnungen, Kommentare und Medienberichte bilden keinen einheitlichen Block. Das AJC warnt als jüdische Organisation vor Antisemitismus und Gefahren für die Demokratie. Times of Israel berichtet, die Jerusalem Post analysiert die Lage aus israelischer Medienperspektive; beide sprechen nicht für die israelische Regierung. Der Kyiv Independent warnt aus ukrainischer Sicht vor Folgen für Ukrainehilfe und Versorgungswege, überzieht aber den Stand der Regierungsbildung und spricht ebenfalls nicht für die Regierung in Kyjiw. Donald Tusk verknüpft seine Kritik ausdrücklich mit einem Angriff auf Konfederacja und PiS. Antonio Tajani bewertet das Ergebnis innerhalb des italienischen Regierungslagers gegensätzlich zu Matteo Salvinis Jubel. Petr Fiala warnt vor Nationalismus, unrealistischen Versprechen und prorussischen Stimmungen.

Jubel von Neonazis und Rechtsextremisten belegt Rezeption, keine Verbindung

Mark Colletts Reaktion belegt, dass ein ausländischer Neonazi den Wahlsieg als Erfolg begrüßt. Martin Sellners Beiträge zeigen, wie ein prominenter Rechtsextremist versucht, seine „Remigrations“-Agenda und ein eigenes Sachsen-Anhalt-Papier an den AfD-Erfolg anzudocken. Belegt sind ihre öffentlichen Aussagen. Nicht belegt sind damit Kontakt, Zusammenarbeit, Auftrag oder Einfluss auf die AfD. Aus dokumentierter Zustimmung lässt sich kein Netzwerk ableiten.

Was fehlende offizielle Reaktionen bedeuten – und was nicht

Auf den jeweils konkret geprüften offiziellen Kanälen Israels, auf dem Kanal des britischen Premierministerbüros sowie auf den Kanälen des ukrainischen Präsidenten, des Präsidialamts, des Außenministeriums, des Außenministers und der Botschaft in Deutschland war bis 05.45 Uhr am 7. September 2026 keine direkte Reaktion auf das Wahlergebnis auffindbar. Für Russland gilt präziser: Dmitri Peskow antwortete offiziell, der Kreml habe die Wahl nicht verfolgt; eine Botschaft Wladimir Putins oder positive Erklärung des Außenministeriums war nicht auffindbar. Aus den übrigen Nichtfunden lässt sich weder Zustimmung noch Ablehnung ableiten. Das vorläufige Ergebnis aus allen 2.661 Wahlbezirken lag zu diesem Zeitpunkt vor. Belegt ist nur dieser zeitlich und sachlich begrenzte Suchbefund – keine politische Haltung.

Besonders auffällig ist die russisch-belarusische Instrumentalisierung des Wahlergebnisses:

Kirill Dmitrijew verstärkt Alice Weidels Abgrenzung von ukrainischen Interessen und attackiert angebliche „Kriegstreiberei“; Sergej Markow diffamiert die Ukraine als „Junta“. Ruslan Ostashkos Kanal verbindet den AfD-Sieg ausdrücklich mit dem Ende der Militärhilfe für Kyjiw und der Aufhebung der Russland-Sanktionen. Der regierungsnahe belarussische Kanal erwähnt die Ukraine dagegen nicht, konstruiert den Erfolg aber ebenfalls als Niederlage einer angeblichen deutschen Provokation gegen Russland. Das sind unterschiedliche Aussagen, keine gemeinsame Erklärung. Nur die russischen Beiträge nennen die Ukraine ausdrücklich innerhalb ihrer positiven oder prorussischen Deutung. Der Kyiv Independent liest dieselbe Wahl aus der Gegenrichtung und warnt vor Folgen für die Ukraine – springt bei Regierung, Ministerpräsident und Bundesrat jedoch über den belegten Stand hinaus.

Darüber hinaus kreist die internationale Resonanz weniger um konkrete Landespolitik als um die symbolische Bedeutung des Ergebnisses.

Martin Sellner versucht, seine rechtsextreme „Remigrations“-Agenda anzudocken. Viktor Orbán, Matteo Salvini, Santiago Abascal und Éric Zemmour geben dem Ergebnis ausdrücklich eine europäische Dimension; Geert Wilders, André Ventura, Herbert Kickl und Tomio Okamura gratulieren oder begrüßen den Erfolg. Benjamin Haddad, Jean-Luc Mélenchon, Donald Tusk, Antonio Tajani und Petr Fiala kritisieren ihn oder warnen vor seinen Folgen – aus sehr unterschiedlichen politischen Gründen.

Donald Trump verbreitet die Hochrechnung ohne Kommentar weiter; Elon Musk stimmt einer ethnisch aufgeladenen Deutung zu; Benny Johnson leitet aus dem Landesergebnis Forderungen für ganz Deutschland ab.

Die Wahl wird zur internationalen Projektionsfläche: Viele schreiben ihre eigene politische Botschaft auf das Ergebnis.

Diese Reaktionen belegen weder ein gemeinsames Vorgehen noch eine koordinierte Kampagne.

Autorenseite: Peter Ansmann
Diesen Artikel beobachten
Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x