
Sachsen-Anhalt hat gewählt – und einen AfD-Landesverband zur stärksten Kraft gemacht, den der Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung einstuft. Die historische Premiere war das allerdings nicht: Schon 2024 lag die ebenfalls so eingestufte Thüringer AfD bei einer Landtagswahl vorn. Wie reagieren Medien, Politiker und Rechtsextremisten im Ausland – und wer macht den Wahlsieg in den sozialen Netzwerken zur Munition für die eigene Propaganda?
Putins Sonderbeauftragter Kirill Dmitrijew feiert den AfD-Erfolg gleich mehrfach, attackiert die angebliche „Kriegstreiberei“ der Bundesregierung und verstärkt Alice Weidels Abgrenzung von ukrainischen Interessen. Der frühere Putin-Berater Sergej Markow deutet den Sieg positiv um und diffamiert die Ukraine als „Junta“.
Der russische Senator Alexei Puschkow schreibt von einem Deutschland, das „erwache“ (Eine interessante Formulierung!). Der russische Telegram-Kanal „Осташко! Важное“ verbindet den Erfolg ausdrücklich mit dem Ende der Militärhilfe für Kyjiw und der Aufhebung der Russland-Sanktionen. Aus dem regierungsnahen, aber nicht amtlichen belarussischen Kanal „Белорусский силовик“ kommt ebenfalls eine positive Reaktion: Er verbindet den Wahlausgang mit der unbelegten Erzählung einer deutschen „Falle für Russland“ per Drohnenvorfall. Der belarussische Beitrag nennt die Ukraine nicht. Der Kyiv Independent warnt aus ukrainischer Perspektive vor „ernsten Problemen für die Ukraine“, macht aus dem Wahlsieg in seinem aktualisierten Text allerdings vorschnell schon eine AfD-Landesregierung. Gerade diese gegensätzlichen Deutungen gehören zu den aufschlussreichsten Befunden der Sichtung.
Internationale Medien beschreiben den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt als Einschnitt. Neonazis, Rechtsextremisten und Rechtspopulisten jubeln; andere warnen scharf. Die von der EU als kremlfreundlich beschriebene russische Wirtschaftszeitung Kommersant sprach sogar vom „Triumph“ der Partei.
Nach dem inzwischen vollständig ausgezählten, aber noch vorläufigen Ergebnis kam die AfD auf 43,8 Prozent und 39 von 83 Sitzen – drei weniger als für die absolute Mehrheit; die CDU stürzte auf 17,2 Prozent ab, während das BSW mit 5,3 Prozent und fünf Sitzen in den Landtag einzog. Gemeinsam verfügen die beiden in ihrer Russlandpolitik kremlfreundlichen Parteien damit über 44 der 83 Mandate: Durch eine Koalition oder die parlamentarische Unterstützung eines Tolerierungsmodells könnte das BSW eine AfD-geführte Landesregierung ermöglichen – beschlossen oder vereinbart ist das nicht. Die Landtagswahl ist trotzdem längst keine Regionalnachricht mehr.
Stand der Sichtung: 7. September 2026, 05.45 Uhr. Berücksichtigt wurden veröffentlichte Beiträge internationaler Medien sowie öffentlich auffindbare Stellungnahmen und Kommentare politischer und weiterer öffentlicher Akteure. Telegram-Quellen werden nach ihrer Trägerschaft unterschieden: amtliche oder staatliche Kanäle, persönliche Akteurskanäle, sanktionierte Propagandaangebote sowie regierungsnahe, aber nicht amtliche Kanäle. Wo auf den konkret geprüften öffentlichen Kanälen keine Reaktion vorlag, wird das ausdrücklich und zeitlich begrenzt benannt.
USA: Trump teilt, Musk sagt „Exactly“
Die Associated Press spricht von einem starken Sieg der AfD, lässt aber offen, ob daraus tatsächlich die erste von einer rechtsextremen Partei geführte Landesregierung der deutschen Nachkriegsgeschichte wird. Für Bundeskanzler Friedrich Merz sei das Ergebnis unabhängig von der Regierungsbildung ein schwerer Rückschlag. AP beschreibt die AfD als migrationsfeindlich und russlandfreundlich und weist zugleich darauf hin, dass Forderungen nach einem Ende der Russland-Sanktionen nicht in die Zuständigkeit eines Bundeslandes fallen.

Der amtierende 47. US-Präsident Donald Trump (Republikaner; nationalistisch-rechtspopulistisch) griff das Ergebnis auf Truth Social auf: Er veröffentlichte kommentarlos die ARD-Hochrechnung von 19.57 Uhr. Trump verschafft der Hochrechnung Reichweite. Eine Gratulation oder Zustimmung lässt sich daraus nicht machen. Auf den zusätzlich geprüften Kanälen des Weißen Hauses, von Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio war bis zum Redaktionsschluss keine eigene Stellungnahme auffindbar.



Israelische Medien und das AJC: Wahlsieg und die Frage nach jüdischer Sicherheit
Die Times of Israel meldete einen Erdrutschsieg und stellte die mögliche erste rechtsextreme Landesregierung seit dem Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt. Bereits vor Schließung der Wahllokale fragte die Jerusalem Post in einer Analyse ausdrücklich, ob Juden angesichts des Aufstiegs der AfD besorgt sein müssten. Der Text kontrastiert die demonstrative Israel-Freundlichkeit der Partei mit antisemitischen Verschwörungsbildern einzelner Funktionäre und möglichen Eingriffen einer Landesregierung in Polizei, Verfassungsschutz, Bildung und Personalentscheidungen.


Großbritannien: Medienanalyse – und Jubel eines Neonazis
Der Guardian überschreibt seinen Bericht mit dem Wahlsieg der AfD, betont aber schon in der Schlagzeile, dass die absolute Mehrheit verfehlt werden könnte. Das Blatt nennt das Ergebnis historisch, erinnert an die Einstufung des Landesverbandes als gesichert rechtsextremistisch und ordnet die Partei als kremlfreundlich ein.



Russland: Triumph-Ton – aber kein Gruß von Putin
Kirill Dmitrijew, Chef des russischen Staatsfonds RDIF und Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten für Investitionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ausland, beließ es nicht bei einem Glückwunsch. In einem ersten X-Beitrag feierte er den „historischen Sieg“ einer „pragmatischen“ AfD und behauptete, sie werde die Migration unter Kontrolle bringen. Kurz darauf attackierte er die „Arroganz“, „Engstirnigkeit“, „Kriegstreiberei“, „Unfähigkeit“ und „Heuchelei“ der Bundesregierung. Dmitrijew schrieb: „Deutschland ist erwacht.“

Der russische Senator Alexei Puschkow schrieb am späten Sonntagabend auf seinem persönlichen, unter eigenem Namen geführten Telegram-Kanal, ein Teil Deutschlands scheine „aufzuwachen“. Die von ihm als „antinational“ bezeichnete Politik von Bundeskanzler Friedrich Merz erhalte in Sachsen-Anhalt eine Abfuhr; nun stelle sich die Frage, ob auch der Rest Deutschlands erwache. Dmitrijew und Puschkow sind hochrangige russische Funktionsträger. Puschkows Kanal ist jedoch kein amtlicher Kanal des Föderationsrates. Ihre öffentlichen Äußerungen sind politisch bemerkenswert, aber nicht mit einer offiziellen Erklärung des Kremls oder einer belegten Weisung Putins gleichzusetzen.


Die staatliche Nachrichtenagentur RIA verbreitete auf ihrem öffentlich einsehbaren Telegram-Kanal – einem staatlichen Nachrichtenangebot, aber keinem amtlichen Kanal des Kremls oder Außenministeriums – um 16.40 Uhr die Hochrechnung und um 19.21 Uhr Weidels Anspruch auf einen Regierungsauftrag, ohne eigene politische Bewertung. Der russischsprachige Dienst der Deutschen Welle hob zusätzlich hervor, dass Außenpolitik nicht in die Zuständigkeit der Länder fällt – Sachsen-Anhalt über den Bundesrat aber begrenzten Einfluss ausüben könnte.



Belarus: Regierungsnaher Jubel mit Verschwörungserzählung
Eine 2025 in der Fachzeitschrift Media, War & Conflict veröffentlichte Studie zählt „Белорусский силовик“ („Belarussischer Silowik“) zu den populären regierungsnahen Telegram-Quellen in Belarus. Die Autoren betonen zugleich: Solche Kanäle verbreiten regierungsfreundliche Botschaften, sind aber nicht zwangsläufig direkt vom Regime oder staatlichen Medien betrieben.
Der Kanal nannte den AfD-Wahlsieg eine „kuriose Episode“ und behauptete am späten Sonntagabend ohne Beleg, die Bundesregierung habe mit einem Drohnenvorfall in Ostdeutschland eine „Falle für Russland“ konstruiert, um Wähler von der AfD abzuschrecken. Das sei gescheitert; der Sieg der Partei sei ein Alarmsignal für die weitere deutsche Politik. Ein reichweitenstarker regierungsnaher Kanal begrüßt den AfD-Sieg und liefert die unbelegte Verschwörungserzählung gleich mit. Eine offizielle Reaktion der Regierung oder Alexander Lukaschenkos ist das nicht.

Ukraine: Warnung – und ein grober Sprung über die Regierungsbildung
Die deutlichste ukrainische Reaktion kam zunächst aus den Medien, nicht aus der Regierung. Der Kyiv Independent bezeichnet die AfD bereits in der Überschrift als rechtsextreme, pro-russische Partei und warnt, ihr Sieg könne „ernste Probleme für die Ukraine“ schaffen. Genannt werden mögliche anti-ukrainische Initiativen über den Bundesrat, Kürzungen für ukrainische Geflüchtete und Risiken für Versorgungsrouten.
Als ukrainische Reaktion ist diese Perspektive aufschlussreich; als Beschreibung der deutschen Regierungsbildung ist der Text zu weit gesprungen. Schon die Behauptung vom ersten Landtagswahlsieg der AfD ist falsch: 2024 wurde sie in Thüringen stärkste Kraft. Der Beitrag macht aus dem Ergebnis außerdem bereits eine AfD-Landesregierung, erklärt Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten und unterstellt ein Recht auf Regierungsbildung sowie eine Vertretung im Bundesrat. Das folgt aus 43,8 Prozent und 39 von 83 Sitzen gerade nicht: Die AfD verfehlte die Mehrheit, der Ministerpräsident wird erst vom Landtag gewählt, und im Bundesrat sitzen nach Artikel 51 des Grundgesetzes Mitglieder der Landesregierungen. Die beschriebenen Ukraine-Folgen sind deshalb Szenarien – keine bereits eingetretenen Tatsachen.

Frankreich: Le Monde bilanziert, Zemmour feiert im falschen Bundesland
Le Monde nahm die Wahl in seine Übersicht der wichtigsten Wochenendereignisse auf. Das Blatt spricht von einem sehr deutlichen Sieg der extremen Rechten, einem Schlag für Merz und einem „beispiellosen Schub seit 1945“. Auch Europe 1 stellte die mögliche historische Dimension einer AfD-Regierung heraus.
Frankreichs Europaminister Benjamin Haddad nannte es auf X einen „ernsten Moment für Europa“, wenn die extreme Rechte eine Regionalwahl in Deutschland gewinne. Man müsse Wut, Sorgen und Ängste mit Demut hören, schrieb er; Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit seien aber niemals eine Lösung.
Von links kam ebenfalls Alarm – allerdings mit einer sehr französischen Schlussfolgerung. Jean-Luc Mélenchon, Gründer von La France insoumise und Präsidentschaftskandidat für 2027, schrieb auf X, die extreme Rechte sei in Deutschland zurück. Verantwortlich sei die Blindheit der europäischen Zentristen. Daraus leitete er ab, das deutsche Vorhaben, Europas stärkste konventionelle Armee aufzubauen, sei für Frankreich nicht hinnehmbar. AfD-Kritik und französisches Misstrauen gegen deutsche Militärmacht passen bei Mélenchon offenbar problemlos in denselben Beitrag.

Bei so viel historischem Pathos kam er jedoch bei den deutschen Bundesländern etwas durcheinander: Zemmour schrieb von 45 Prozent „en Saxe“, also im Oblast Sachsen. Gewählt wurde allerdings im Oblast Sachsen-Anhalt.

Europa: Jubel rechts außen – Warnungen aus Warschau, Prag und Rom
Noch bevor mögliche Koalitionen überhaupt sortiert waren, meldete sich der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner mit einem politischen Einkaufszettel. Auf seinem persönlichen, unter eigenem Namen geführten Telegram-Kanal feierte er eine angebliche „kulturelle Hegemonie“ der AfD. Er behauptete, gemeinsam mit seinem „Institut für Remigration“ ein Papier zur Übertragung des dänischen „Ghettogesetzes“ auf Deutschland und Sachsen-Anhalt erarbeitet zu haben, verlinkte das Konzept und kündigte an, als „unabhängiger Beobachter“ die Umsetzung von AfD-Versprechen zu kontrollieren. Das dokumentiert Sellners eigenen Versuch, seine Agenda an den Wahlsieg anzudocken. Sein Kanal ist weder ein AfD-Kanal noch ein Beleg für einen Auftrag der Partei, eine Zusammenarbeit oder die Übernahme seiner Vorschläge.
Europas Rechtsaußenlager brauchte für seine Glückwünsche nicht lange. Ungarns früherer Ministerpräsident und heutiger Vorsitzender der oppositionellen Fidesz, Viktor Orbán (nationalkonservativ bis rechtspopulistisch), gratulierte auf X Alice Weidel, Ulrich Siegmund und der gesamten AfD zu einem „Erdrutschsieg“. Das sei eine große Nacht für Deutschland und Europa – und „erst der Anfang“.




Wie wenig geschlossen selbst das rechte Regierungslager in Italien reagiert, zeigt die gegensätzliche Bewertung durch Außenminister und Vizepremier Antonio Tajani (Forza Italia; liberal-konservativ). Der Forza-Italia-Chef bezeichnete das Ergebnis laut La Repubblica als „sehr schlechte Nachricht“. Die AfD stehe liberalen und westlichen Werten entgegen; Europa müsse populistischen und fanatischen Entwicklungen politisch entgegentreten.
Aus Polen kam die schärfste Reaktion eines amtierenden europäischen Regierungschefs. Ministerpräsident und Vorsitzender der Bürgerkoalition (Koalicja Obywatelska) Donald Tusk (Bürgerkoalition; liberal-konservativ und proeuropäisch) schrieb auf X, nur „Idioten oder Verräter“ könnten sich in Polen über den Triumph der AfD in Deutschland freuen. Einige davon hätten sich bei Konfederacja und PiS angesammelt. Tusks Reaktion richtet sich damit zugleich gegen die polnische Rechte.

Ein später Kommentar des spanischen Journalisten Marc Bassets, stellvertretender Leiter des Meinungsressorts von El País und früherer Berlin-Korrespondent, geht über die Tagesmeldung hinaus. In El País schreibt er, der Sieg zwinge das demokratische Lager, seine bisherigen Strategien zu überprüfen: Weder das Kopieren rechter Positionen noch bloße Ausgrenzung hätten den Aufstieg gestoppt. Auch historische Warnungen allein erreichten Wähler nicht mehr, die von einer sehr gegenwärtigen Wut des Jahres 2026 angetrieben würden.

Rest of the World: Deutschland ist plötzlich Weltnachricht
Auch außerhalb Europas wird die Wahl prominent aufgegriffen. Al Jazeera meldet auf Arabisch, die extreme Rechte liege in Sachsen-Anhalt vorn, und bezeichnet das Ergebnis als schweren Schlag für Merz.


Analyse: Sachsen-Anhalt als internationale Projektionsfläche
Vom Landesergebnis zum europäischen Symbol
Viele der hier dokumentierten Jubelreaktionen beschäftigen sich kaum mit Sachsen-Anhalts Landespolitik. Viktor Orbán, Matteo Salvini, Santiago Abascal und Éric Zemmour deuten das Ergebnis ausdrücklich als europäisches Signal. Das geht über das hinaus, was eine einzelne Landtagswahl belegen kann. Wie weit sich die Deutung vom konkreten Bundesland entfernt, zeigt Éric Zemmours Beitrag besonders deutlich: Er ruft eine europaweite „Stunde der Wahrheit“ aus und verwechselt dabei Sachsen-Anhalt mit Sachsen.
Teilen, zustimmen, überdehnen
Die US-Reaktionen haben unterschiedliche Aussagekraft. Donald Trump teilte die Hochrechnung ohne Kommentar. Das vergrößert ihre Reichweite, belegt aber keine Zustimmung. Elon Musk ging weiter: Mit „Exactly“ stimmte er einem Beitrag zu, der die AfD ausdrücklich als „nicht rechtsextrem“ bezeichnet und von einer „anti-White, anti-German coalition“ spricht. Benny Johnson leitete aus dem Landesergebnis schließlich Forderungen nach Grenzschließung, Sozialstaatsabbau und Massendeportationen ab und kündigte „Remigration“ an. Er deutete 43,8 Prozent in einem Bundesland als Ausdruck einer gesamtdeutschen Mehrheit und verlangte Maßnahmen, die sich auf Landesebene nicht umsetzen lassen.
Russische Deutungen – politischer Jubel, keine belegte Kreml-Regie
Die russischen Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Kommersant rahmt das Ergebnis mit der „Triumph“-Vokabel positiv, stützt seinen Bericht inhaltlich aber vor allem auf Zahlen und Einordnungen des ZDF. Kirill Dmitrijew und Alexei Puschkow gehen weiter: Wladimir Putins Sonderbeauftragter greift die Bundesregierung wegen angeblicher „Kriegstreiberei“ an und verstärkt Alice Weidels Abgrenzung von ukrainischen Interessen; der Senator spricht von einem „erwachenden“ Deutschland. Der unter Ruslan Ostashkos Namen geführte Propagandakanal verbindet den AfD-Sieg besonders konkret mit dem Ende der Militärhilfe für Kyjiw und der Aufhebung der Russland-Sanktionen. Sergej Markow erklärt die AfD zur „normalen“ Partei und diffamiert die Ukraine als „Junta“.
Der AfD-Sieg findet in Teilen Russlands politischen Beifall. Daneben steht die demonstrativ knappe offizielle Antwort Dmitri Peskows, der Kreml habe die Wahl nicht verfolgt. Gerade dieser Kontrast zeigt, warum persönliche Funktionärskanäle, staatliche Nachrichtenagenturen, Propagandaangebote und amtliche Erklärungen getrennt werden müssen. Absprachen mit der AfD oder eine Steuerung durch den Kreml belegt keine dieser Äußerungen.
Hintergrund: Die bereits dokumentierten Berührungspunkte zwischen AfD, BSW und kremlnaher Propaganda wurden hier im Blog im Beitrag „Russlands nützliche Netzwerke“ ausführlich dargestellt.
Kritische Reaktionen mit unterschiedlichen Bezugspunkten
Die hier versammelten Warnungen, Kommentare und Medienberichte bilden keinen einheitlichen Block. Das AJC warnt als jüdische Organisation vor Antisemitismus und Gefahren für die Demokratie. Times of Israel berichtet, die Jerusalem Post analysiert die Lage aus israelischer Medienperspektive; beide sprechen nicht für die israelische Regierung. Der Kyiv Independent warnt aus ukrainischer Sicht vor Folgen für Ukrainehilfe und Versorgungswege, überzieht aber den Stand der Regierungsbildung und spricht ebenfalls nicht für die Regierung in Kyjiw. Donald Tusk verknüpft seine Kritik ausdrücklich mit einem Angriff auf Konfederacja und PiS. Antonio Tajani bewertet das Ergebnis innerhalb des italienischen Regierungslagers gegensätzlich zu Matteo Salvinis Jubel. Petr Fiala warnt vor Nationalismus, unrealistischen Versprechen und prorussischen Stimmungen.
Jubel von Neonazis und Rechtsextremisten belegt Rezeption, keine Verbindung
Mark Colletts Reaktion belegt, dass ein ausländischer Neonazi den Wahlsieg als Erfolg begrüßt. Martin Sellners Beiträge zeigen, wie ein prominenter Rechtsextremist versucht, seine „Remigrations“-Agenda und ein eigenes Sachsen-Anhalt-Papier an den AfD-Erfolg anzudocken. Belegt sind ihre öffentlichen Aussagen. Nicht belegt sind damit Kontakt, Zusammenarbeit, Auftrag oder Einfluss auf die AfD. Aus dokumentierter Zustimmung lässt sich kein Netzwerk ableiten.
Was fehlende offizielle Reaktionen bedeuten – und was nicht
Auf den jeweils konkret geprüften offiziellen Kanälen Israels, auf dem Kanal des britischen Premierministerbüros sowie auf den Kanälen des ukrainischen Präsidenten, des Präsidialamts, des Außenministeriums, des Außenministers und der Botschaft in Deutschland war bis 05.45 Uhr am 7. September 2026 keine direkte Reaktion auf das Wahlergebnis auffindbar. Für Russland gilt präziser: Dmitri Peskow antwortete offiziell, der Kreml habe die Wahl nicht verfolgt; eine Botschaft Wladimir Putins oder positive Erklärung des Außenministeriums war nicht auffindbar. Aus den übrigen Nichtfunden lässt sich weder Zustimmung noch Ablehnung ableiten. Das vorläufige Ergebnis aus allen 2.661 Wahlbezirken lag zu diesem Zeitpunkt vor. Belegt ist nur dieser zeitlich und sachlich begrenzte Suchbefund – keine politische Haltung.
Besonders auffällig ist die russisch-belarusische Instrumentalisierung des Wahlergebnisses:
Kirill Dmitrijew verstärkt Alice Weidels Abgrenzung von ukrainischen Interessen und attackiert angebliche „Kriegstreiberei“; Sergej Markow diffamiert die Ukraine als „Junta“. Ruslan Ostashkos Kanal verbindet den AfD-Sieg ausdrücklich mit dem Ende der Militärhilfe für Kyjiw und der Aufhebung der Russland-Sanktionen. Der regierungsnahe belarussische Kanal erwähnt die Ukraine dagegen nicht, konstruiert den Erfolg aber ebenfalls als Niederlage einer angeblichen deutschen Provokation gegen Russland. Das sind unterschiedliche Aussagen, keine gemeinsame Erklärung. Nur die russischen Beiträge nennen die Ukraine ausdrücklich innerhalb ihrer positiven oder prorussischen Deutung. Der Kyiv Independent liest dieselbe Wahl aus der Gegenrichtung und warnt vor Folgen für die Ukraine – springt bei Regierung, Ministerpräsident und Bundesrat jedoch über den belegten Stand hinaus.
Darüber hinaus kreist die internationale Resonanz weniger um konkrete Landespolitik als um die symbolische Bedeutung des Ergebnisses.
Martin Sellner versucht, seine rechtsextreme „Remigrations“-Agenda anzudocken. Viktor Orbán, Matteo Salvini, Santiago Abascal und Éric Zemmour geben dem Ergebnis ausdrücklich eine europäische Dimension; Geert Wilders, André Ventura, Herbert Kickl und Tomio Okamura gratulieren oder begrüßen den Erfolg. Benjamin Haddad, Jean-Luc Mélenchon, Donald Tusk, Antonio Tajani und Petr Fiala kritisieren ihn oder warnen vor seinen Folgen – aus sehr unterschiedlichen politischen Gründen.
Donald Trump verbreitet die Hochrechnung ohne Kommentar weiter; Elon Musk stimmt einer ethnisch aufgeladenen Deutung zu; Benny Johnson leitet aus dem Landesergebnis Forderungen für ganz Deutschland ab.
Die Wahl wird zur internationalen Projektionsfläche: Viele schreiben ihre eigene politische Botschaft auf das Ergebnis.
Diese Reaktionen belegen weder ein gemeinsames Vorgehen noch eine koordinierte Kampagne.
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