Seit Sonntagabend leidet ein ganzes Land plötzlich unter Schnappatmung. Beinahe 44 Prozent für die AfD? Aber Sachsen-Anhalt hat nicht plötzlich den Verstand verloren. Das historische Ergebnis der AfD ist die Konsequenz einer Entwicklung, die seit Jahren zu beobachten ist. Wer darauf erneut nur mit Warnungen, Ausgrenzung und Beschimpfungen der Wähler reagiert, hat möglicherweise noch immer nicht verstanden, was gerade geschieht.
43,8 Prozent.
Natürlich kann man über eine solche Zahl erschrecken. Man kann warnen, mahnen, von einem historischen Rechtsruck sprechen und sich fragen, was um Himmels willen mit Sachsen-Anhalt passiert ist. Man kann es sich aber auch einfacher machen. Irgendwo dauert es erfahrungsgemäß nicht lange, bis aus 43,8 Prozent AfD-Wählern gedanklich 43,8 Prozent Nazis werden.
Damit sollte man gar nicht erst anfangen.
Nicht, weil es innerhalb der AfD keine Positionen gäbe, die Anlass zu erheblicher Kritik geben. Nicht, weil man Aussagen ihrer Politiker verschweigen müsste. Und auch nicht, weil man ignorieren sollte, dass der Landesverband Sachsen-Anhalt vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird. Das gehört zu einer ehrlichen Betrachtung dieses Wahlergebnisses dazu.
Aber daraus folgt eben nicht, dass 43,8 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt Rechtsextremisten oder gar Nazis sind. Eine solche Gleichung ist nicht nur beleidigend. Sie ist vor allem analytisch wertlos. Menschen werden nicht dadurch politisch verständlicher, indem man sie beschimpft. Vielleicht müsste man ihnen stattdessen einmal zuhören.

Wer einmal alles verlieren konnte, hört politische Beschwichtigungen anders
Viele Menschen im Osten haben in ihrem Leben eine Erfahrung gemacht, die für einen großen Teil der westdeutschen Bevölkerung abstrakt geblieben ist. Sie haben erlebt, dass eine komplette Ordnung innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen kann.
Mit der Wiedervereinigung kam die Freiheit. Das darf bei aller Kritik niemals vergessen werden. Aber mit ihr kam für Millionen Menschen auch ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbruch von einer Dimension, für die es tatsächlich kaum historische Erfahrungswerte gab.
Betriebe verschwanden. Arbeitsplätze, die als sicher gegolten hatten, existierten plötzlich nicht mehr. Qualifikationen verloren ihren Wert. Erwerbsbiografien wurden entwertet. Junge Menschen verließen ihre Heimat, weil anderswo Arbeit und Zukunft warteten. Städte und Dörfer verloren Einwohner, wirtschaftliche Bedeutung und manchmal ein Stück ihres Selbstbewusstseins.
Natürlich wurde das nicht von irgendeiner Bundesregierung geplant, um dem Osten zu schaden. Auch das gehört zur Fairness.
Die Wiedervereinigung war eine gewaltige Aufgabe, für die es kein Lehrbuch gab. Fehler waren unvermeidbar. Aber manches, was damals und in den Jahrzehnten danach geschah, war bemerkenswert naiv. Anderes war ignorant. Und einiges wirkt bis heute nach.
Dass diese Erfahrungen nicht bloß nostalgische Erzählungen älterer Ostdeutscher sind, zeigen Untersuchungen immer wieder. Vor der Wahl gaben 62 Prozent der Sachsen-Anhalter an, Ostdeutsche seien benachteiligt. Wissenschaftler beschreiben bis heute materielle Unterschiede, geringere Repräsentanz in Führungspositionen und über Jahrzehnte aufgeschichtete Kränkungs- und Verlusterfahrungen. In Sachsen-Anhalt gilt etwa jeder Fünfte als armutsgefährdet. Gleichzeitig ist das Vertrauen in die Fähigkeit des Staates bemerkenswert niedrig: Im Mai trauten gerade einmal 16 Prozent dem Staat zu, seine Aufgaben zu erfüllen.
Das erklärt nicht jede AfD-Stimme. Aber es erklärt, weshalb politische Statements dort möglicherweise anders gehört werden.
Wer einmal erfahren hat, dass eine wirtschaftliche Existenzgrundlage tatsächlich verschwinden kann, reagiert anders auf Sätze wie: Es wird schon nicht so schlimm kommen.
Wer erlebt hat, wie eine ganze Region Menschen, Unternehmen und Bedeutung verliert, lässt sich möglicherweise weniger leicht erklären, Sorgen vor erneutem wirtschaftlichem Abstieg seien hauptsächlich ein Kommunikationsproblem.
Man muss noch nicht abgestiegen sein, um Angst vor dem Abstieg zu haben.
Und man muss noch nicht arbeitslos sein, um zu sehen, dass der eigene Arbeitsplatz morgen gefährdeter sein könnte als gestern.
Das gilt inzwischen keineswegs nur im Osten. Anfang September lag die AfD im bundesweiten ARD-DeutschlandTrend mit 27 Prozent vor der Union mit 21 Prozent. Die Entwicklungen in Sachsen-Anhalt sind also längst kein exotisches ostdeutsches Sonderphänomen mehr.
Der Osten zeigt sie nur drastischer. Vielleicht auch früher.
Das Ergebnis ist kein Betriebsunfall
Die AfD erreichte bei dieser Wahl 43,8 Prozent. Die CDU, die Sachsen-Anhalt seit 24 Jahren regiert, stürzte auf 17,2 Prozent ab. Die AfD stellt nun 39 der 83 Abgeordneten. Zur absoluten Mehrheit fehlen ihr gerade einmal drei Mandate.
Und das alles geschah bei einer Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent. 2021 waren es gerade einmal 60,3 Prozent gewesen.
Diese Zahl ist wichtig. Denn mit „Protestwahl“ allein wird es langsam schwierig. Hier hat nicht eine kleine, besonders wütende Minderheit eine verschlafene Wahl genutzt. Hier sind sehr viele Menschen zur Wahl gegangen.
Die AfD hat ihr Ergebnis von 20,8 Prozent im Jahr 2021 mehr als verdoppelt. Wer nach einem solchen Ergebnis immer noch hauptsächlich darüber nachdenkt, wie man den Wählern erklärt, dass sie nicht verstanden hätten, wen sie gewählt haben, macht sich etwas vor.
Sie wissen es.
Die AfD existiert nicht seit gestern. Sie sitzt seit Jahren in Landtagen und Bundestag. Ihre Politiker sind in Talkshows, sozialen Netzwerken und Nachrichten präsent. Ihre radikalsten Äußerungen werden ausführlich dokumentiert. Der Verfassungsschutz ist Gegenstand beinahe jeder politischen Diskussion über diese Partei.
Wer am 6. September 2026 in Sachsen-Anhalt AfD gewählt hat, konnte wissen, was er tat.
Und trotzdem haben es 43,8 Prozent getan.
Die Wahlforschung zeigt inzwischen sogar, dass die Partei längst nicht mehr nur aus diffuser Unzufriedenheit gewählt wird. Die Sachsen-Anhalter trauen ihr heute in Bereichen Problemlösungskompetenz zu, in denen sie 2021 kaum eine Rolle spielte. Bei Wirtschaftspolitik stieg der entsprechende Wert beispielsweise von acht auf 30 Prozent. Auch bei Arbeitsplätzen, Bildung und sozialer Gerechtigkeit legte die Partei massiv zu.
Man kann diese Zuschreibung für völlig falsch halten. Aber man sollte zur Kenntnis nehmen, dass sie existiert.
Vielleicht ist der Osten einfach weniger verheiratet
Es gibt noch einen Unterschied zwischen Ost und West, den ich keineswegs für einen Nachteil halte: Die Menschen im Osten sind mit dem traditionellen bundesdeutschen Parteiensystem möglicherweise noch immer weniger verheiratet.
Im Westen waren politische Bindungen jahrzehntelang häufig fast biografisch. Man war Sozialdemokrat, Christdemokrat, Liberaler. Parteien gehörten zu Milieus, Familien, Gewerkschaften, Kirchen, Berufsgruppen. Manchmal wurden sie beinahe vererbt.
Diese Bindungen lösen sich auch im Westen seit Langem auf. Im Osten waren sie in dieser Form nie gleichermaßen vorhanden.
Vielleicht erklärt das einen Teil der Geschwindigkeit, mit der sich dort politische Mehrheiten verschieben können. Eine Partei bekommt eine Chance. Enttäuscht sie, bekommt eben eine andere eine Chance. Das kann man für sprunghaft halten. Man könnte es aber auch Demokratie nennen.
Gerade die CDU hat das nun auf eine Weise erfahren, die für sie existenzielle Fragen aufwirft.
Merz versprach den Wechsel – viele erkennen ihn nicht
Friedrich Merz war für viele bürgerliche und konservative Wähler mit einem Versprechen verbunden: Nach den Merkel-Jahren und nach der Ampel sollte es eine politische Richtungsänderung geben. Nicht notwendig eine Revolution. Aber einen erkennbaren Wechsel.
Heute regiert Merz mit der SPD. Und viele jener Wähler, die sich von ihm eine Korrektur erhofft hatten, erkennen diese Korrektur nicht. Man kann darüber streiten, wie gerecht diese Wahrnehmung ist. Man kann auf Sachzwänge verweisen, auf Mehrheitsverhältnisse, internationale Krisen und die Notwendigkeit von Kompromissen.
Aber Politik besteht nun einmal nicht nur darin, etwas für richtig zu halten. Politik muss auch vermitteln können, wofür sie steht. Und Friedrich Merz vermittelt derzeit vor allem eines: dass der Mann, der jahrelang erklärte, vieles anders machen zu wollen, als Kanzler bemerkenswert häufig genau dort landet, wo große Teile seiner Wählerschaft nicht hinwollten.
Dass er dabei gelegentlich tollpatschig wirkt, ist noch das kleinere Problem. Das größere ist eine Union, die einem erheblichen Teil ihrer früheren Wähler keine politische Heimat mehr bietet.
Wer sich eine konservativere Migrationspolitik wünscht, weniger staatliche Regulierung, eine andere Energiepolitik, stärkere Betonung nationaler Interessen oder schlicht eine Regierung, die sich wieder erkennbar als bürgerlich versteht, steht vor einer merkwürdigen Situation.
Die Union sagt ihm, sie sei die bürgerliche Alternative. Gleichzeitig erklärt sie ihm, dass sie zur Bildung parlamentarischer Mehrheiten notfalls sehr weit nach links schauen wird, während eine Zusammenarbeit mit der AfD unabhängig von deren Wahlergebnis ausgeschlossen bleibt.
Man kann diese Entscheidung aus guten Gründen treffen. Aber man darf sich anschließend nicht darüber wundern, wenn ein Teil der Wähler daraus seine eigenen Konsequenzen zieht.
Die Brandmauer hat ihr Ziel verfehlt
Die sogenannte Brandmauer war nie undemokratisch. Das ist mir wichtig. Keine Partei ist verpflichtet, mit einer anderen zu koalieren. CDU-Abgeordnete haben jedes demokratische Recht zu erklären, dass die politischen und weltanschaulichen Unterschiede zur AfD für eine Zusammenarbeit zu groß sind.
Eine Koalition ist kein Menschenrecht. Auch 43,8 Prozent begründen keinen Anspruch darauf. Aber die Frage ist längst eine andere. Hat die Strategie funktioniert?
Die Antwort aus Sachsen-Anhalt kann eigentlich nur lauten: nein. Die Brandmauer sollte politische Macht begrenzen. Tatsächlich hat sie die AfD nicht kleiner gemacht, sondern sie erreichte das höchste Ergebnis, das jemals eine Partei bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erzielt hat.
Mehr noch: Die Brandmauer verändert die Logik einer AfD-Stimme.
Wer weiß, dass eine Partei mit 20 oder 25 Prozent grundsätzlich von jeder Regierungsbildung ausgeschlossen wird, obwohl er genau diese Partei an der Regierung sehen möchte, hat nur eine Möglichkeit: Er muss sie noch stärer wählen.
30 Prozent reichen nicht? Dann eben 35.
35 reichen nicht? Dann 40.
40 reichen immer noch nicht? Dann muss es irgendwann die absolute Mehrheit sein.
Das ist keine Behauptung darüber, warum jeder einzelne AfD-Wähler sein Kreuz gesetzt hat. So simpel ist Wahlverhalten nicht. Aber es ist eine politische Konsequenz einer Strategie, bei der das Koalitionspotenzial einer Partei unabhängig von ihrer Stimmenzahl bei null liegt.
Und genau hier liegt vielleicht einer der größten strategischen Irrtümer der vergangenen Jahre.
Man hat geglaubt, eine immer höhere Mauer könne das Problem lösen. Der Wähler ist einfach darübergestiegen.
Die Union hat sich ihre Optionen selbst genommen
Besonders bitter ist das für die CDU. Denn die praktische Wirkung der Brandmauer besteht darin, ihre eigenen Koalitionsmöglichkeiten einzuschränken. Je stärker die AfD wird, desto weiter muss die Union auf der anderen Seite des politischen Spektrums nach Mehrheiten suchen.
Das wiederum verstärkt bei konservativen Wählern den Eindruck, eine Stimme für die CDU führe gerade nicht zu der bürgerlichen Politik, die sie sich wünschen. Und damit beginnt der Kreislauf von vorn.
Die AfD wird stärker.
Die Regierungsbildung ohne AfD wird schwieriger.
Die notwendigen Bündnisse werden breiter und politisch widersprüchlicher.
Die daran beteiligte Union kann weniger von ihrem eigenen Programm durchsetzen.
Ihre enttäuschten Wähler wandern weiter zur AfD.
Darauf reagiert die CDU mit einer noch entschiedeneren Brandmauer.
Und wundert sich anschließend über das nächste Rekordergebnis.
Wenn eine politische Strategie über Jahre hinweg zuverlässig das Gegenteil dessen produziert, was sie erreichen soll, darf man irgendwann darüber nachdenken, ob vielleicht nicht die Wähler das Problem sind.
Und dann sind da diese Alterszahlen
Vielleicht ist ein anderer Befund dieser Wahl sogar noch tiefgreifender als die 43,8 Prozent der AfD.
Nach den von Infratest dimap erhobenen und von BILD veröffentlichten Zahlen kommen AfD, Linke und BSW bei sämtlichen Altersgruppen unter 70 Jahren gemeinsam auf mehr als 60 Prozent.
Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es 65 Prozent.
Bei den 25- bis 34-Jährigen 64 Prozent.
Bei den 35- bis 44-Jährigen ebenfalls 64 Prozent.
Bei den 45- bis 59-Jährigen 63 Prozent.
Bei den 60- bis 69-Jährigen 61 Prozent.
Erst bei den Menschen ab 70 fällt der gemeinsame Anteil mit 48 Prozent unter die Hälfte.
Nun wäre es falsch, AfD, Linke und BSW politisch in einen Topf zu werfen.
Diese Parteien unterscheiden sich fundamental. Die eine kommt von rechts, die andere von links, das BSW ist aus einer Abspaltung der Linken entstanden und verbindet Positionen, die sich dem traditionellen Rechts-Links-Schema teilweise entziehen.
Auch die Behauptung, alle drei lehnten schlicht „Europa und die NATO“ ab, wäre zu ungenau. Aber sie haben etwas gemeinsam. Sie stellen zentrale Grundentscheidungen wesentlich stärker infrage als Union, SPD, Grüne oder FDP.
Zwar vereint diese drei Parteien ihre russland-freundliche Positionierung, ansonsten aber sind die Gemeinsamkeiten eher marginal. Die AfD fordert einen grundlegenden Umbau der Europäischen Union und hat einen deutschen Austritt aus der bestehenden EU als programmatisches Ziel formuliert. Die Linke will eine europäische Sicherheitsarchitektur, die die NATO überflüssig macht. Auch das BSW wendet sich gegen wesentliche Teile der bisherigen NATO-, Aufrüstungs- und Russlandpolitik.
Damit geraten Grundpfeiler jenes politischen Konsenses ins Wanken, den Konrad Adenauer für die alte Bundesrepublik durchgesetzt hat.
Westbindung.
Transatlantische Orientierung.
Europäische Integration.
Soziale Marktwirtschaft in ihrer bundesrepublikanischen Ausprägung.
Und ein bestimmtes Verständnis davon, wo Deutschland politisch und strategisch hingehört.
Das bedeutet nicht, dass 65 Prozent der jungen Sachsen-Anhalter morgens aufgestanden sind und beschlossen haben: Wir wollen eine andere Republik. So funktioniert Wählen nicht.
Aber es bedeutet sehr wohl, dass eine überwältigende Mehrheit der jüngeren und mittleren Altersgruppen Parteien gewählt hat, denen die politische Geschäftsgrundlage der alten Bundesrepublik nicht mehr heilig ist.
Das ist ein enormer Befund. Vielleicht sogar der wichtigste dieser Wahl.
Vielleicht wird nicht der Osten westdeutscher – sondern ganz Deutschland ostdeutscher
Seit der Wiedervereinigung existierte im Westen unausgesprochen eine Erwartung.
Der Osten werde Zeit brauchen.
Irgendwann aber würden sich die politischen Unterschiede angleichen. Die Menschen würden wirtschaftlich aufholen, dieselben Parteien wählen, ähnliche politische Loyalitäten entwickeln und am Ende eben genauso bundesrepublikanisch sozialisiert sein wie in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Rheinland-Pfalz.
Vielleicht war diese Annahme falsch. Vielleicht geschieht gerade etwas anderes.
Vielleicht wird nicht der Osten immer westdeutscher. Vielleicht verändert der Osten stattdessen die Bundesrepublik.
Denn was dort besonders deutlich sichtbar wird, existiert inzwischen auch im Westen: schwindende Parteibindungen, Misstrauen gegenüber Institutionen, Abstiegsängste, Unzufriedenheit mit Migration, Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Staates und die Bereitschaft, politische Gewissheiten infrage zu stellen.
Im Osten kommen historische Erfahrungen hinzu. Dort weiß man aus eigener Biografie oder aus der Familiengeschichte, dass politische und wirtschaftliche Systeme keineswegs naturgegeben sind. Dass Parteien verschwinden können. Dass Sicherheiten verschwinden können. Dass ein Staat behaupten kann, etwas sei alternativlos, bis es plötzlich doch anders kommt.
Man muss daraus nicht dieselben politischen Schlüsse ziehen wie die AfD. Aber vielleicht sollte man verstehen, weshalb der Satz „Das geht nicht“ dort weniger beeindruckend klingt.
Das Grundgesetz ist die entscheidende Brandmauer
Und genau hier beginnt für mich der Punkt, an dem die Debatte über eine AfD-Regierungsbeteiligung nüchterner werden müsste. Deutschland besitzt bereits eine Brandmauer.
Sie heißt Grundgesetz.
Menschenwürde.
Grundrechte.
Rechtsstaatlichkeit.
Gewaltenteilung.
Unabhängige Gerichte.
Föderalismus.
Parlamentarische Kontrolle.
Ewigkeitsklausel.
Auch eine Regierung unter Beteiligung der AfD kann diese Ordnung nicht einfach nach Belieben außer Kraft setzen. Wo sie es versuchen sollte, wird der Rechtsstaat mit aller Konsequenz reagieren. Das gilt aber unabhängig vom Parteinamen.
Gerade deshalb halte ich es für gefährlich, unsere Verfassung ständig als politische Verfügungsmasse zu behandeln. Das Grundgesetz ist keine beliebige Tafel, auf der jede politische Generation ein paar neue Wünsche notiert. Seine Stärke liegt gerade darin, dass es den Rahmen setzt, innerhalb dessen politische Mehrheiten wechseln dürfen.
Demokratie funktioniert nicht deshalb, weil immer die Richtigen gewinnen. Sie funktioniert, weil auch die Falschen gewinnen können, ohne deshalb die Grundordnung abschaffen zu dürfen.
Regieren ist etwas anderes als Opposition
Eine AfD-geführte Landesregierung könnte ohnehin keineswegs all das verwirklichen, was ihre Anhänger sich von ihr versprechen.
Sachsen-Anhalt ist ein Bundesland. Es kann keine deutsche Außenpolitik betreiben. Es kann Deutschland nicht aus der EU führen. Es kann die NATO-Mitgliedschaft nicht kündigen. Es kann keine eigene bundesweite Migrationspolitik beschließen.
Berlin bleibt Berlin.
Brüssel bleibt Brüssel.
Und die Bundesregierung besteht weiterhin aus Union und SPD.
Eine Landesregierung kann aber Schulen organisieren, Polizei ausstatten, Verwaltung führen, Wirtschaftspolitik im Rahmen ihrer Möglichkeiten gestalten, Infrastruktur planen, Kommunen unterstützen, Haushalte aufstellen und zeigen, ob aus Opposition tatsächlich Regierung werden kann.
Und vielleicht wäre gerade das die notwendige Probe. Denn Opposition ist bequem. Man kann fordern. Man kann versprechen. Man kann jedes Problem auf diejenigen zurückführen, die regieren.
Regieren ist etwas anderes. Plötzlich kostet jede Forderung Geld. Plötzlich gibt es Gerichte, Haushaltsrecht, Bundesrecht, europäische Vorgaben und widerstreitende Interessen. Plötzlich müssen Ministerien geführt und Kompromisse geschlossen werden. Plötzlich reicht ein guter Satz auf TikTok nicht mehr.
Wenn die AfD tatsächlich den Anspruch erhebt, eine Alternative für Deutschland zu sein, muss sie irgendwann beweisen, dass sie mehr kann als Alternative zur Regierung.
Sie muss regieren können.
Warum nicht AfD und CDU?
Ich hätte mir ein anderes Wahlergebnis gewünscht. Aber Wahlen sind keine Wunschkonzerte. Nach diesem Ergebnis halte ich deshalb eine Koalition aus AfD und CDU inzwischen für die womöglich vernünftigste demokratische Konsequenz.
Nicht als Liebesheirat. Nicht als Verschmelzung. Und schon gar nicht als Blankoscheck für die AfD.
Im Gegenteil.
Die AfD müsste Verantwortung übernehmen und zeigen, ob ihre Konzepte funktionieren.
Die CDU hätte in einer solchen Regierung die Aufgabe, genau das zu sein, was sie für sich selbst immer beansprucht: das bürgerliche, rechtsstaatliche Korrektiv. Sie könnte dort Grenzen ziehen, wo Grundpositionen unvereinbar sind. Sie könnte verhindern, dass aus dem Auftrag zur Veränderung ideologischer Übermut wird. Sie könnte die AfD zwingen, zwischen Parole und praktischer Politik zu unterscheiden.
Die FDP hat innerhalb der Ampel genau diese schwierige, aber notwendige Rolle spielen müssen: mitregieren und zugleich verhindern, was aus eigener Sicht noch schlechter gewesen wäre. Ob sie damit erfolgreich war, ist eine andere Debatte. Die Politikforschung sieht durchaus einige Erfolge auf Seiten der Liberalen. Allerdings kam das in der Bevölkerung, warum auch immer, so nie an.
Trotzdem, oder deswegen, ist das Prinzip nicht abwegig. Und eine Koalition aus AfD und CDU hätte im neuen Landtag eine komfortable parlamentarische Mehrheit.
Natürlich hat die CDU eine solche Zusammenarbeit bislang ausgeschlossen. Auch SPD, Grüne und Linke lehnen sie ab. Rechnerisch wären deshalb andere Bündnisse möglich oder zumindest politische Konstruktionen denkbar. Und: Auch die AfD hat Koalitionen bisher ausgeschlossen. Allerdings hat man sich zwischenzeitlich dann doch dazu entschieden, die Realität anzuerkennen und Koalitionen andenken zu wollen.
Aber genau darüber muss jetzt diskutiert werden dürfen. Ohne Schnappatmung. Ohne Denkverbote. Und ohne jeden, der diese Frage stellt, selbst schon zum Extremisten zu erklären.
Demokratie beginnt dort, wo einem das Ergebnis nicht gefällt
Es gibt einen Satz, den alle Parteien gerne benutzen: Der Wähler hat immer recht.
Meistens sagt man ihn am Wahlabend, wenn man gewonnen hat.
Interessant wird er, wenn man verloren hat.
43,8 Prozent AfD bedeuten nicht, dass die AfD automatisch recht hat.
Sie bedeuten auch nicht, dass Minderheitenrechte plötzlich zur Abstimmung stehen.
Sie bedeuten nicht, dass Deutschland 43,8 Prozent seiner rechtsstaatlichen Maßstäbe abgeben muss.
Aber sie bedeuten, dass 43,8 Prozent der Wähler diese Partei gewählt haben.
Bei Rekordwahlbeteiligung.
Das Ergebnis lässt sich nicht wegmoderieren.
Es lässt sich nicht durch einen besseren Faktencheck rückgängig machen.
Und es lässt sich schon gar nicht dadurch heilen, dass man den Menschen erklärt, sie seien zu dumm, zu ostdeutsch oder moralisch zu minderbemittelt gewesen, um richtig zu wählen.
Wähler-Bashing funktioniert nicht.
Es hat keine überzeugende argumentative Grundlage und politisch erreicht es vor allem eines: Es bestätigt bei den Beschimpften den Eindruck, dass genau jene politische und mediale Klasse, von der sie sich nicht mehr vertreten fühlen, sie auch noch verachtet.
Wer diese Menschen zurückgewinnen will, muss ihnen ein besseres politisches Angebot machen.
So kompliziert ist das eigentlich nicht.
Die Aufgabe liegt jetzt auch in Berlin
Sachsen-Anhalt ist deshalb keineswegs nur eine Herausforderung für Magdeburg.
Die eigentliche Botschaft richtet sich nach Berlin.
Besonders an die Union.
Sie kann nun erneut erklären, warum 43,8 Prozent AfD ein Problem sind.
Oder sie kann darüber nachdenken, weshalb ausgerechnet sie selbst innerhalb von fünf Jahren von 37,1 auf 17,2 Prozent gefallen ist.
Das ist keine kleine Korrektur.
Das ist ein politischer Zusammenbruch.
Und die AfD hat nicht irgendwo in einer fernen Ecke des politischen Spektrums gewonnen.
Sie hat in erheblichem Umfang ehemalige Nichtwähler mobilisiert und Wähler anderer Parteien, darunter der CDU, zu sich gezogen.
Wer darauf nur antwortet, die Brandmauer müsse jetzt erst recht stehen, beantwortet nicht die Frage, warum dahinter kaum noch jemand steht.
Die Bundesregierung aus Union und SPD müsste dieses Ergebnis als Warnsignal verstehen.
Migration.
Wirtschaft.
Energie.
Infrastruktur.
Rente.
Sozialstaat.
Bildung.
Innere Sicherheit.
Die Funktionsfähigkeit des Staates selbst.
Deutschland hat genügend Probleme, bei denen Bürger nicht noch eine weitere Kommunikationsstrategie erwarten, sondern Ergebnisse.
Die Menschen wollen nicht erklärt bekommen, weshalb alles kompliziert ist.
Sie wissen, dass Politik kompliziert ist.
Deshalb beschäftigen wir Politiker.
Der Osten hat abgestimmt
Vielleicht besteht die wichtigste demokratische Leistung nach dieser Wahl deshalb in etwas ausgesprochen Unspektakulärem:
Das Ergebnis auszuhalten.
Nicht schönzureden.
Nicht zu dämonisieren.
Nicht jeden AfD-Wähler zum Nazi zu erklären.
Aber auch nicht jede problematische Position der AfD plötzlich zu ignorieren.
Die Partei an denselben Maßstäben zu messen wie jede andere.
Am Grundgesetz.
An ihren Versprechen.
An ihrer Regierungsfähigkeit.
An den Folgen ihrer Politik.
Und am Ende wieder den Wähler entscheiden zu lassen.
Denn genau das unterscheidet eine Demokratie von einem System, in dem politische Ergebnisse nur so lange akzeptabel sind, wie die richtige Seite gewinnt.
Angela Merkel erklärte nach der Wahl Thomas Kemmerichs zum thüringischen Ministerpräsidenten im Jahr 2020 bekanntlich, dieses Ergebnis müsse rückgängig gemacht werden. Gemeint war damals die Ministerpräsidentenwahl im Landtag, nicht die Landtagswahl durch die Bürger.
Diesmal gibt es nichts zurückzudrehen.
77,8 Prozent Wahlbeteiligung.
43,8 Prozent AfD.
17,2 Prozent CDU.
Das ist das Ergebnis.
Man kann es bedauern.
Man kann davor Angst haben.
Man kann hoffen, dass die AfD an der Wirklichkeit des Regierens scheitert.
Man kann sogar hoffen, dass die Union daraus endlich die richtigen Konsequenzen zieht und verlorene Wähler zurückgewinnt.
Aber man sollte eines nicht mehr tun:
So tun, als hätten diese Menschen nicht verstanden, was sie gewählt haben.
Vielleicht haben sie sehr genau verstanden, was sie wählen.
Und vielleicht ist genau das die unangenehmste Erkenntnis dieses Wahlabends.
Nicht Sachsen-Anhalt hat plötzlich den Verstand verloren.
Sachsen-Anhalt zeigt, was passiert, wenn wirtschaftliche Verlustangst, enttäuschte Erwartungen an den Staat, schwächer werdende Parteibindungen und eine politische Ausgrenzungsstrategie über Jahre aufeinandertreffen.
Die Brandmauer ist nicht eingestürzt.
Der Wähler ist über sie gestiegen.
Jetzt ist es an den Parteien, erwachsen damit umzugehen.
Einloggen, um Themen zu beobachten. Einloggen
Was viele im Westen nicht verstehen ist, dass die Bürger der neuen Bundesländer es aus guten Gründen satt haben, dankbar sein zu müssen.
Sie hatten an der Deutschen Teilung genausowenig schuld wie der Bewohner der Bundesrepublik. Es war auch nicht ihre Schuld, dass die DDR von der Sowjetunion ökonomisch ausgenommen, politisch dominiert und von ihren deutschen Attrappen regiert wurde, während die westlichen Alliierten die BRD ökonomisch gepampert, sicherheitspolitisch geschützt und ihre demokratischen Strukturen erneuert und gefördert haben.
Dass dabei der Osten ökomisch und politisch zu Grunde gerichtet wurde während der Westen sich zur weltweiten Exportnation entfaltete war ebenfalls nicht ihre schuld. Sie haben sich ebenso mehrheitlich in die SED-Diktatur gefügt wie die die Westdeutschen in die Demokratie. Durch die Nazi Diktatur faschistisch verseucht waren sie genauso wie die Deutschen der neuen Bundesrepublik. Nur das Letztere historisch die besseren Karten hatten.
Die Wiedervereinigung war für die Ostler ihre erste freie ,demokratische und zugleich hoch riskante Großleistung in einer Diktatur und das obendrein mit Erfolg. Eine Leistung die die Westdeutschen nie erbringen mussten. Denen wurde stattdessen zu einem großen Teil ihre Verstrickung in die Naziherrschaft duch die Alliierten verziehen, ja viele sind unbehelligt wieder zu Spitzenposten in Politik, Unternehmen, Bildung und Kultur gekommen.
Das viele Geld, was der Westen in den Osten gepumpt hat (im ürbigen haben auch die Ostler den Soli mitbezahlt), war ein notwendiger und unausweichlicher Teil der Wiedervereinigung, den nur der Westen erbringen konnte. Und natürlich wurde die marode DDR infrastruktrurell nicht auf einen veralteten sondern auf den neusten Stand gebracht. Was sonst, wenn man weitere Investitionen und damit die Zukunft auf sichere Füße stellen will.
Das dadurch der Westen vernachlässigt wurde ist ebenfalls nicht die Schuld der Ostbürger sondern die schuld der Regierungen des vereinigten Deutschlands, die lange Zeit nur aus Westlern bestand. Den Umbruch ihre Lebensituation mussten dagegen die Bewohner der neuen Bundesländer, trotz Subventionen und Hilfen, im wesentlichen selber leisten. Der Westen sollte vielleicht umgekehrt für den Kraftakt dankbar sein, den die neuen Bürger der BRD in einem solch radikalen Umbruch zu stande gebracht haben.
Im Übrigen kann jeder Westbürger durch schlichten Umzug in den Osten von den Investitionen und Unterstützungen, die er für den Osten fraglos geleistet hat, selbst und unmittelbar profitieren. Viele ehenalige DDR Bürger haben das umgekehrt aus purer Not in die umgekehrte Richtung getan. Und das schöne daran ist, das Niemand, egal in welche Richtung er umzieht, dabei sein Land und seine Sprache verlassen musste und muss.