Hagen erhebt sich, zumindest ein wenig

Basketball. Quelle: Wikipedia, Foto: Austin Bjornholt, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Es gibt Städte, die leben von ihrem Glanz. Und dann gibt es Hagen. Die Stadt an der Volme hat in den vergangenen Jahren zuverlässig bewiesen, dass man selbst aus bescheidenen Voraussetzungen noch etwas Tristeres machen kann. Wer durch die Innenstadt spaziert, bekommt selten das Gefühl, in einem urbanen Zukunftsprojekt gelandet zu sein. Eher wirkt vieles wie die Kulisse einer Dokumentation über die Nachwirkungen wirtschaftlicher Depressionen.

Sportlich sah es lange nicht viel besser aus. Während andere Städte Meisterschaften feierten, Stadien ausbauten oder sich wenigstens über einen überraschenden Pokallauf freuen durften, sammelte Hagen eher Enttäuschungen, Insolvenzen und Durchhalteparolen. Umso erstaunlicher ist es, dass ausgerechnet jetzt wieder ein wenig Licht durch die dichten Wolken dringt.

Denn Phoenix Hagen ist zurück in der Basketball-Bundesliga. Und plötzlich hat die Stadt wieder etwas, worauf sie stolz sein kann.

Das Wunder von der Ische

Wer die entscheidende Partie gegen die Eisbären Bremerhaven gesehen hat, konnte förmlich spüren, wie sich jahrelang aufgestaute Emotionen entluden. Die alte Ischelandhalle verwandelte sich einmal mehr in das, was sie seit Jahrzehnten sein kann: ein komplett durchgedrehtes Basketball-Irrenhaus.

Während moderne Arenen mit LED-Lichtshows, VIP-Lounges und steriler Perfektion glänzen wollen, setzt die Ische auf eine deutlich rustikalere Strategie. Sie ist laut. Sie ist eng. Sie ist unbequem. Und genau deshalb lieben die Menschen sie.

Eine Stadt mit dem Charme einer eingeschlagenen Fresse

Kai Havaii von Extrabreit beschrieb seine Heimat einst als Stadt mit dem „Charme einer eingeschlagenen Fresse“. Hart? Ja. Aber nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Hagen musste in den vergangenen Jahrzehnten einiges ertragen. Strukturwandel, wirtschaftliche Probleme, Leerstände und politische Diskussionen bestimmten häufiger die Schlagzeilen als Erfolgsgeschichten. Selbst viele Hagener sprechen über ihre Stadt oft mit einer Mischung aus Galgenhumor und Resignation.

Genau deshalb bedeutet dieser Aufstieg weit mehr als nur einen sportlichen Erfolg.

Er ist eine seltene Gelegenheit, sich einmal nicht über Brückenabrisse, Haushaltslöcher oder verfallende Immobilien zu unterhalten. Stattdessen sprechen die Menschen über Dreierwürfe, Fanmärsche und Bundesliga-Gegner. Für eine Stadt, die zuletzt nicht gerade vor positiven Schlagzeilen überquoll, ist das fast schon revolutionär.

Natürlich wird Hagen dadurch nicht plötzlich schön. Die Fußgängerzone verwandelt sich nicht über Nacht in Barcelona, und auch die Müllverbrennungsanlage bleibt kein touristischer Hotspot. Aber für einen Moment fühlt sich die Stadt wieder lebendig an.

Phoenix hat seine Seele zurück

Der eigentliche Erfolg liegt jedoch tiefer als der bloße Aufstieg. Phoenix Hagen hat etwas zurückgewonnen, das nach Insolvenz und Pandemie beinahe verloren gegangen war: Glaubwürdigkeit.

Als Geschäftsührer Martin Schmidt 2022 nach Hagen kam, fand er einen Traditionsverein vor, dessen Umfeld müde geworden war. Das Vertrauen war beschädigt, die Begeisterung verschwunden. Viele Fans hatten sich innerlich verabschiedet. Doch Schritt für Schritt gelang es, die Menschen zurückzuholen. Nicht mit Millionenbudgets oder spektakulären Starverpflichtungen, sondern mit Authentizität. Phoenix wurde wieder Phoenix.

Der Verein wirkt heute wie das genaue Gegenteil vieler austauschbarer Profisport-Projekte. Nicht geschniegelt, sondern ehrlich. Manchmal chaotisch. Oft emotional. Aber eben echt. Und genau das lieben die Menschen in Hagen.

Erstklassig auf dem Parkett, Baustelle daneben

Ganz sorgenfrei ist die Zukunft allerdings nicht. Die Bundesliga stellt höhere Anforderungen, die Ischelandhalle ist langfristig zu klein und diverse Lizenzauflagen müssen noch erfüllt werden. Sponsorenverträge und Eigenkapitalnachweise warten nicht auf romantische Basketballgeschichten.

Auch sportlich wird Phoenix als Aufsteiger nicht plötzlich zu den Schwergewichten der Liga gehören. Die großen Etats spielen weiterhin in München, Berlin oder Ulm.

Doch vielleicht ist genau das der Reiz.

Hagen muss niemandem etwas vorspiegeln. Die Stadt wird auch morgen noch ihre Ecken, Kanten und Probleme haben. Aber sie besitzt nun wieder ein sportliches Aushängeschild, das Identität stiftet und Menschen zusammenbringt.

Für viele Außenstehende mag ein Basketball-Aufstieg nur eine Randnotiz sein. Für Hagen ist er deutlich mehr. Er ist ein seltenes Signal, dass nicht alles schlechter wird. Dass Tradition, Leidenschaft und Zusammenhalt manchmal doch noch belohnt werden.

 

 

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