Dauerbaustelle in Waltrops Innenstadt Mitte Oktober 2026. Foto(s): Robin Patzwaldt
Manchmal muss man gar nicht weit fahren, um zu erleben, wie herrlich öffentliche Fördergelder verpulvert werden können. Ein Spaziergang durch die Waltroper Innenstadt reicht völlig. Meine Heimatstadt ist seit Jahren chronisch klamm, finanziell kaum noch handlungsfähig und auf Fördermittel angewiesen.
Doch statt sich auf das zu konzentrieren, was wirklich notwendig wäre, wird nun einmal mehr ein Projekt zum Ärgernis, das immer mehr Bürger und Geschäftsleute zur Verzweiflung treibt.
Der Saturn am Westenhellweg in Dortmund im Juli 2026. Foto(s): Robin Patzwaldt
Ich war heute auf einer großen Beerdigung in Dortmund. Allerdings wurde dort kein geliebter Mensch zu Grabe getragen, sondern ein Kaufhaus. Für viele mag das übertrieben klingen. Wer jedoch über Jahrzehnte regelmäßig im Saturn am Westenhellweg ein- und ausging, der weiß, dass es sich eben nie nur um irgendein Geschäft gehandelt hat.
Bis Ende des Monats läuft dort noch der große Räumungsverkauf. Auch ich wollte mich nicht verabschieden, ohne noch ein letztes Mal durch die vertrauten Gänge zu laufen. Schließlich habe ich dort im Laufe meines Lebens hunderte CDs, etliche DVDs, Fernseher, Computer, Smartphones und zahllose weitere Elektronikartikel gekauft. Zigtausende Euro dürften dort im Laufe der Jahre von meinem Konto auf das des Unternehmens gewandert sein.
Doch der Besuch fühlte sich seltsam an. Statt der geschäftigen Atmosphäre vergangener Tage dominierten
Das Karstadt-Haus am Westenhellweg in Dortmund im Jahre 2023. Foto: Robin Patzwaldt
Es ist schon fast bewundernswert. Kaum glaubt man, Galeria Karstadt Kaufhof habe endlich den Tiefpunkt erreicht, folgt zuverlässig die nächste Hiobsbotschaft. Neue Geldsorgen, Lieferstopps, drohende Filialschließungen – schon wieder.
Und ebenso zuverlässig beginnt anschließend das immer gleiche Schauspiel: Irgendjemand kündigt einen Neuanfang an, Politiker sprechen vom Erhalt der Innenstädte, Mitarbeiter hoffen auf den nächsten Investor und die Öffentlichkeit tut so, als könnte diesmal tatsächlich alles anders werden.
Mal ehrlich: Wen soll das eigentlich noch überraschen?
Das Unternehmen stirbt seit über zwei Jahrzehnten öffentlich und gut sichtbar vor sich hin. Jeder neue Eigentümer wurde als Retter gefeiert, jede Insolvenz als Chance verkauft und jede Umstrukturierung als großer Befreiungsschlag angekündigt. Das Ergebnis? Galeria ist heute kleiner, schwächer und angeschlagener denn je.
Die Wahrheit ist unbequem, aber sie liegt seit Jahren offen auf dem Tisch: Nicht Corona hat Galeria ruiniert. Nicht René Benko. Nicht Thomas Middelhoff. Nicht Nicolas Berggruen. Sie alle haben ihren Anteil am Niedergang gehabt. Doch das eigentliche Problem sitzt viel tiefer. Das Geschäftsmodell des klassischen Kaufhauses ist schlicht aus der Zeit gefallen.
Eindrücke aus Recklinghausen im Mai 2026. Foto(s): Robin Patzwaldt
Es gibt Städte, die man verlässt und sofort denkt: „Da muss ich bald wieder hin.“ Und dann gibt es Recklinghausen.
Über viele Jahre war ich regelmäßig dort. Als Kind sowieso. Mein Vater arbeitete in der Stadt, mein Kieferorthopäde residierte dort, und wer im nördlichen Ruhrgebiet aufwuchs, für den gehörte die Kreisstadt einfach irgendwie dazu. Später, als Teenager und junger Erwachsener, fuhr ich freiwillig hin. Zum Shoppen. Zum Essen. Sogar zum Feiern. Recklinghausen hatte damals etwas, das vielen Städten im Revier fehlte: Atmosphäre. Davon ist heute nicht mehr viel übrig.
Der Kiepenkerlbrunnen in Waltrop wird durch einen ‚Klimaplatz‘ ersetzt – Fördergeld macht es möglich. Foto(s) Robin Patzwaldt
Dass viele Städte im Ruhrgebiet finanziell längst nur noch auf dem Zahnfleisch kriechen, ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Doch was sich aktuell wieder zwischen klammen Stadtkassen, grotesken Förderprogrammen und kommunalpolitischer Realitätsverweigerung abspielt, lässt einen als halbwegs denkenden Bürger regelmäßig zwischen Fassungslosigkeit und Galgenhumor pendeln.
Vor Saturn am Westenhellweg in Dortmund im Juli 2021. Foto: Robin Patzwaldt
Unser aller Kaufverhalten hat sich in den letzten Jahren massiv gewandelt. Das Internet hat eben fast alles verändert, auch die Lage des Einzelhandels in unseren Innenstädten. Und nein, diese Tendenzen sind nicht aufzuhalten. Das ist uns allen längst klar und wurde hier im Blog der Ruhrbarone im Laufe der vergangenen Jahre ja auch schon häufiger und emotional diskutiert.
Und dennoch war die Meldung vom Donnerstagabend, dass Saturn am Dortmunder Westenhellweg zum Sommer dicht macht, wohl nicht nur für mich ein echter Schlag in die Magengrube. Da tröstet es wenig, dass, wer den Laden in den letzten Jahren regelmäßig beobachtet hat, den Niedergang auch optisch hat schon länger kommen sehen können. Der immense Sanierungsbedarf des Gebäudes wird nun auch als Grund dafür genannt, dass der Mietvertrag nun seitens Saturn nicht verlängert wird. Wie dem im Detail auch sei. Jetzt ist es also offiziell: Bald ist Schluss. Für die City Dortmund ist das keine Randnotiz, das ist ein echter Treffer in die Weichteile.
Zu Besuch bei ‚Recklinghausen leuchtet‘ 2025. Foto(s): Robin Patzwaldt
Seit Jahren schon begleiten wir hier im Blog den schleichenden Niedergang der Recklinghäuser Innenstadt – und man muss leider sagen: Es ist kein Ende in Sicht. Die einst für Ruhrgebietsverhältnisse so charmante Altstadt, mit ihren engen Gassen, kleinen Boutiquen und traditionsreichen Cafés, hat ihren Charakter weitgehend verloren.
Wo früher Leben, Stimmengewirr und das Klirren von Kaffeetassen zu hören waren, herrscht heute zu oft gähnende Leere. Leerstände prägen das Stadtbild, viele der verbliebenen Läden schließen schon am frühen Abend ihre Türen.
Die Fußgängerzone in Waltrop ist inzwischen häufig menschenleer. Foto: Robin Patzwaldt
Bei mir vor der Haustür hier in Waltrop flammt sie gerade wieder auf, die altbekannte Diskussion um den Wochenmarkt. Seit Jahren taucht das Thema immer wieder in der Öffentlichkeit auf – meist dann, wenn die Leere auf dem Marktplatz und in der Fußgängerzone nicht mehr zu übersehen ist.
Nun also erneut der Vorschlag, den Wochenmarkt von seinem angestammten Platz in die Innenstadt zu verlegen. Ein Versuch, Leben dorthin zu bringen, wo es kaum noch pulsiert. Eine Idee, die im Kern sympathisch ist – und dennoch kaum das leisten kann, was man sich von ihr erhofft.
In der Innenstadt von Lünen im August 2025. Foto(s): Robin Patzwaldt
Seien wir ehrlich: Wer heutzutage freiwillig in die Innenstadt von Waltrop oder Datteln fährt, der hat entweder einen ganz konkreten Grund – oder einfach die falsche Ausfahrt genommen. Viel zu sehen gibt’s dort nämlich nicht. Ein paar Bäcker, eine Handvoll Drogeriemärkte, vielleicht noch ein Handyshop – das war’s. Der Rest: Leerstand in allen Variationen.
Das benachbarte Lünen dagegen wirkt im direkten Vergleich fast schon wie eine quirlige Großstadt.
Ein Stadtbummel durch Recklinghausen im Mai 2025. Foto(s): Robin Patzwaldt
Willkommen in Recklinghausen, der charmanten Metropole des stillen Niedergangs! Wer heute durch die Innenstadt schlendert, kann sich glücklich schätzen, denn hier gibt es alles, was das Herz begehrt – solange das Herz nichts begehrt.
Früher war hier mal richtig was los. Menschen bummelten durch die Straßen, Läden hatten geöffnet, und man musste nicht erst einen Archäologen beauftragen, um ein Geschäft zu finden, das tatsächlich noch etwas verkauft. Heute gleicht ein Einkaufsbummel eher einer nostalgischen Zeitreise durch das, was einmal Einzelhandel genannt wurde – garniert mit einer Prise Depression.
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