Waltrop als Negativbeispiel: Wenn die Stadt nur noch mäht, statt zu pflegen

Grünpflege in Waltrop im Jahr 2026. Foto: Robin Patzwaldt
Die gleiche Stelle im Jahr 2013. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt

OK, ihr habt es so gewollt! Nachdem mein Text über die aus meiner Sicht teilweise erschreckenden Qualitätsverluste bei den Handwerksbäckern in dieser Woche erstaunlich viel Aufmerksamkeit und Zustimmung bekommen hat, lege ich heute noch einmal nach.

Sommerloch? Von wegen! Wenn einem die Realität genügend Steilvorlagen liefert, braucht es schließlich keine künstlich aufgeblasenen Aufreger. Und deshalb geht es diesmal um ein Thema, das auf den ersten Blick vielleicht noch unspektakulärer klingt: die städtische Grünpflege.

Klingt langweilig? Ist es nicht. Denn gerade in Zeiten chronisch leerer Kassen und immer knapper werdender personeller Ressourcen sollte man doch erwarten dürfen, dass Städte bzw. Kreisverwaltungen ihre vorhandenen Möglichkeiten möglichst sinnvoll einsetzen. Genau daran habe ich allerdings zunehmend Zweifel.

Hauptsache, das Schild ist kurz zu sehen

Ein Beispiel aus meinem Wohnort Waltrop treibt mich dabei schon seit Jahren um. An einer der größeren Kreuzungen der Stadt werden Verkehrsschilder regelmäßig von Efeu und wildem Wein überwuchert. Irgendwann sind sie kaum noch zu erkennen. Dann kommt die Grünpflege und schafft Abhilfe.

Also: ein bisschen.

Die Pflanzen werden so weit zurückgeschnitten, dass das Schild wieder lesbar ist. Auftrag erledigt, Haken dahinter. Und wenige Wochen später beginnt das Spiel von vorne. Wieder Wildwuchs, wieder kaum sichtbare Schilder, wieder Rückschnitt.

Ich habe mittlerweile aufgehört zu zählen, wie oft diese kosmetische Operation dort schon durchgeführt wurde. Warum entfernt man das Problem nicht einmal ordentlich an der Wurzel? Das wäre vermutlich nachhaltiger – und auf Dauer sogar billiger. Aber vielleicht ist nachhaltiges Arbeiten inzwischen einfach zu ambitioniert.

Rasieren statt Problem lösen

Ähnliches lässt sich vielerorts an Verkehrsinseln beobachten. Dort wird das Unkraut nicht selten mit dem Kantenschneider auf eine sozialverträgliche Halmlänge gebracht. Sieht anschließend für einen kurzen Moment ordentlich aus. Problem gelöst? Natürlich nicht.

Denn das Grünzeug hat Wurzeln. Und aus denen wächst es bekanntlich wieder heraus. Kurz darauf steht dort wieder dieselbe grüne Wildnis wie vorher.

Das erinnert mich ein wenig an jemanden, der einen tropfenden Wasserhahn nicht repariert, sondern regelmäßig den Boden aufwischt. Man kann das machen. Man kann sich aber auch irgendwann fragen, ob man nicht am falschen Ende ansetzt.

Das Ruhrgebiet kann sich solche Effizienz nicht leisten

Und genau das ärgert mich. Nicht, weil ich erwarte, dass jede Verkehrsinsel aussieht wie ein englischer Schlossgarten. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht um die Frage, wie man mit knappen Ressourcen umgeht.

Wenn bei Städten und Kreisverwaltungen Personal und Geld für diese Aufgaben fehlen, muss man umso genauer hinschauen, wo ein einmaliger gründlicher Einsatz langfristig mehr bringt als fünf halbherzige Nachbesserungen. Eigentlich ist das keine Raketenwissenschaft.

Besonders absurd wird es, wenn solche Dauerbaustellen mitten im Stadtgebiet liegen und täglich von Bürgern, Verwaltungsmitarbeitern und Lokalpolitikern passiert werden. Man muss eigentlich nur die Augen aufmachen.

Vielleicht ist das tatsächlich mein ganz persönlicher Sommerloch-Aufreger. Aber wenn wir uns irgendwann daran gewöhnt haben, dass öffentliche Infrastruktur nur noch irgendwie funktioniert, solange jemand gerade zum Kantenschneider greift, haben wir ein größeres Problem als ein bisschen zu viel Unkraut.

Dann ist nicht nur die Verkehrsinsel zugewuchert – sondern möglicherweise auch unser Anspruch daran, wie eine Stadt funktionieren sollte.

In der App öffnen Autorenseite: Robin Patzwaldt
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