Nach Gaza sind ‚du und ich‘ an der Reihe: Wie MdB Mirze Edis (Die Linke) Israel zur globalen Vernichtungsmacht erklärt

MdB Mirze Edis („Die Linke“, rechts) am 4. September 2021 in Duisburg
MdB Mirze Edis („Die Linke“, rechts) am 4. September 2021 in Duisburg (Foto: Peter Ansmann)

Mirze Edis erklärt den umstrittenen Genozidvorwurf zur Gewissheit und israelische Politiker zu Feinden von uns allen. Die Opferzahlen, mit denen in der Debatte gearbeitet wird, stammen jedoch aus einer von der Hamas geführten Behörde. Was ist belegt – und was ist Propaganda?

Ein Urteil ohne Belege

Der Duisburger Linken-Bundestagsabgeordnete Mirze Edis hat sein Urteil bereits gefällt. Einen Prozess brauchte er dafür nicht. Ein Instagram-Posting genügte.

Anonymisierter Instagram-Screenshot des Postings von Mirze Edis mit Itamar Ben-Gvir, Benjamin Netanjahu und Bezalel Smotrich (Screenshot: Instagram)
Anonymisierter Instagram-Screenshot des Postings von Mirze Edis mit Itamar Ben-Gvir, Benjamin Netanjahu und Bezalel Smotrich (Screenshot: Instagram)

Auf dem Bild sind (von links nach rechts) Israels Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Finanzminister Bezalel Smotrich zu sehen. Dazu schreibt das Duisburger MdB Mirze Edis:

Sie hassen dich und mich genauso, wie sie die Palästinenser hassen. Jeden, der sich gegen den Genozid in Gaza stellt. Wir sind nur noch nicht an der Reihe.

Das ist keine Analyse. Es ist eine Unterstellung. Drei israelische Politiker hassen angeblich nicht nur die Palästinenser, sondern auch Mirze Edis, seine Leser und jeden, der sich gegen einen erfundenen Genozid stellt. Wer das nicht erkennt, muss offenbar nur warten, bis er selbst „an der Reihe“ ist.

So ersetzt Pathos jedes Argument.

Die drei Männer auf dem Bild

Edis hat sich keine guten Kronzeugen für die israelische Demokratie ausgesucht. Ben-Gvir und Smotrich wurden von Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland und Norwegen wegen der Anstachelung zu Gewalt gegen Palästinenser sanktioniert. Gegen Netanjahu besteht ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, angeblich begangen in einem Krieg, den Gaza am 7. Oktober 2023 begonnen hat – nicht wegen Genozids.

Das gehört zur Wahrheit. Die extremistische Rhetorik Ben-Gvirs und Smotrichs sollten nicht kleingeredet werden.

Trotzdem gibt es keinen juristisch festgestellten Völkermord.

Diesen Krieg hat die Hamas begonnen

Der Krieg begann nicht mit einem israelischen Luftangriff. Er begann am 7. Oktober 2023 mit dem organisierten Überfall der Hamas und verbündeter Terrorgruppen auf Israel.

Die Untersuchungskommission der Vereinten Nationen dokumentierte mehr als 1.200 Tote, darunter mindestens 809 Zivilisten. 252 Menschen wurden als Geiseln nach Gaza verschleppt. Die Kommission stellte gezielte Tötungen, Misshandlungen, sexuelle Gewalt und Geiselnahmen fest. Sie bewertet die Taten als Kriegsverbrechen.

Israel wurde angegriffen. Israel hatte und hat das Recht, sich gegen die Hamas zu verteidigen und einen erneuten Überfall zu verhindern. Dieses Recht ist nicht unbegrenzt. Es rechtfertigt nicht automatisch jeden Angriff, jede Blockade und jeden zivilen Toten. Aber wer über Gaza spricht und den 7. Oktober aus der Geschichte schneidet, betreibt keine Aufklärung. Er betreibt Propaganda.

Wie viele Menschen starben in Gaza?

Die jüngste veröffentlichte OCHA-Übersicht vom 22. Juli 2026 nennt für Gaza 73.305 gemeldete Tote und 173.918 Verletzte.

Diese Zahlen stammen nicht aus einer unabhängigen Zählung der Vereinten Nationen. Ihre Quelle ist das Gesundheitsministerium in Gaza. Dieses Ministerium gehört zur von der Hamas geführten De-facto-Verwaltung. Die Hamas ist selbst Kriegspartei und hat ein offensichtliches propagandistisches Interesse daran, möglichst viele zivile Opfer auszuweisen. Die Angaben sind deshalb mit großer Vorsicht zu genießen. Die UN rechnet sie ausdrücklich ihrer Quelle zu; sie sind keine von der UN selbst erhobene und unabhängig überprüfte Statistik.

Vor allem bei der entscheidenden Frage helfen die Summen des Ministeriums nicht weiter: Es unterscheidet in seinen laufenden Angaben nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern der Hamas oder des Palästinensischen Islamischen Dschihad. Eine belastbare Zivilistenquote liefert es damit nicht.

Vorsicht heißt allerdings nicht, die Gesamtzahl nach Belieben kleinzurechnen. Ein ranghoher israelischer Militärvertreter erklärte im Januar 2026, dass die damalige Gesamtzahl von rund 70.000 Toten weitgehend zutreffen dürfte. Legt man die aktuell gemeldeten 73.305 Toten zugrunde, wären das bei einer Vorkriegsbevölkerung von rund 2,23 Millionen Menschen etwa 3,3 Prozent der gesamten Bevölkerung. Das ist eine erschütternde Verlustquote.

Von 71.444 bis Ende 2025 namentlich erfassten Toten waren 21.283 Kinder, 10.983 Frauen, 5.100 ältere Menschen und 34.078 erwachsene Männer. Auch diese Einteilung beantwortet die entscheidende Frage nicht: Ein erwachsener Mann ist nicht automatisch ein Terrorist. Ein Minderjähriger ist nicht automatisch Zivilist.

Das Verhältnis ist nicht geklärt

Die israelische Armee erklärte vor dem Waffenstillstand, mindestens 22.000 Kämpfer getötet zu haben. Israelische Stellen gingen zeitweise von zwei bis drei getöteten Zivilisten je getötetem Terroristen aus.

Doch im Januar 2026 räumte ein ranghoher israelischer Militärvertreter ein, dass die Gesamtzahl von rund 70.000 Toten weitgehend zutreffen dürfte. Gleichzeitig erklärte die Armee, die Aufteilung zwischen Zivilisten und Kämpfern werde noch untersucht. Das Verhältnis sei nicht geklärt, berichtete die israelische Times of Israel.

Eine gemeinsame Recherche von „Guardian“, „+972 Magazine“ und „Local Call“ kam anhand einer internen israelischen Datenbank zu einem erheblich höheren Zivilistenanteil: Von etwa 53.000 damals gemeldeten Toten waren darin rund 8.900 namentlich als getötete oder wahrscheinlich getötete Hamas- und PIJ-Kämpfer verzeichnet. Das entspräche einem Zivilistenanteil von etwa 83 Prozent. Allerdings erfasste die Datenbank nach Angaben der Recherche keine unbekannten Kämpfer und nicht alle irregulären Kombattanten.

Wer heute ein exaktes Verhältnis präsentiert, verkauft daher eine Schätzung als Tatsache. Das gilt für die Hamas, für Israel und für deren jeweilige Unterstützer.

Gaza und andere Städtekriege

Bei der neunmonatigen Schlacht um Mossul gegen den „Islamischen Staat“ starben nach einer AP-Recherche zwischen 9.000 und 11.000 Zivilisten. Bei der viermonatigen Schlacht um Raqqa dokumentierten Amnesty International und Airwars mehr als 1.600 zivile Tote durch die US-geführte Koalition; andere Erhebungen liegen noch höher.

Das zeigt zweierlei: Der Kampf gegen eine Terrororganisation in dicht bebauten Städten verursacht entsetzliche zivile Verluste. Gleichzeitig ist die Zahl der Toten in Gaza auch im Vergleich mit diesen brutalen Kämpfen außergewöhnlich hoch.

Ein direkter Zahlenvergleich bleibt problematisch. Die Kriege dauerten unterschiedlich lange, die Bevölkerungsdichte war verschieden und die Statistiken erfassen nicht dasselbe. Vor allem aber entscheidet das Verhältnis zwischen getöteten Zivilisten und Kämpfern nicht darüber, ob ein Genozid vorliegt.

Dafür muss die besondere Absicht nachgewiesen werden, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu vernichten.

Kein Gericht hat einen Genozid festgestellt

Der Internationale Gerichtshof hat Israel Schutzmaßnahmen auferlegt. Er hat aber bislang nicht entschieden, dass Israel einen Genozid begeht. Das Hauptverfahren Südafrika gegen Israel läuft weiter.

Es gibt Stimmen, die Israels Vorgehen als Genozid bewerten. Dazu gehören die Internationale Vereinigung der Genozidforscher und eine UN-Untersuchungskommission.

Seriöse Völkerrechtler widersprechen. Die Fakten sprechen gegen einen Völkermord. Der Bonner Völkerrechtler Stefan Talmon sieht keine ausreichenden Belege für die für einen Genozid erforderliche Vernichtungsabsicht. Der US-Rechtswissenschaftler David Bernstein argumentiert in einer 2026 veröffentlichten Untersuchung, dass Evakuierungswarnungen, Kampfpausen, humanitäre Korridore und Hilfsmaßnahmen gegen die Behauptung sprächen, die Vernichtung der Palästinenser sei die einzig vernünftige Erklärung für Israels Handeln.

Die Falschmeldung besteht deshalb nicht darin, dass es den Genozidvorwurf gibt. Fake News ist die Behauptung, die Frage sei entschieden.

Pantisanos klare Linie

Ausgerechnet Linken-Chef Luigi Pantisano erklärte im Juni gegenüber ZDFheute, Antisemitismus dürfe in der Linken keinen Platz haben. Seine Partei müsse eine „klare Linie“ ziehen. Gleichzeitig sei er stolz darauf, dass die Linke Raum für Diskussionen über den Nahostkonflikt biete.

Anonymisierter Facebook-Screenshot des Postings von Mirze Edis mit Itamar Ben-Gvir, Benjamin Netanjahu und Bezalel Smotrich
Dasselbe Posting auf Facebook. Namen und Profilbilder der Kommentatoren anonymisiert. (Screenshot: Facebook)

Unter Edis’ Beitrag erinnert ein Kommentator Pantisano an diese Worte. Einer „von deinen Leuten“ erweise seiner ZDF-Erklärung gerade einen Bärendienst. Ob die Linke nicht gegen Extremismus sei.

Anonymisierter Instagram-Kommentar, der Luigi Pantisano auf Mirze Edis’ Beitrag und den Umgang der Linken mit Extremismus anspricht
Kommentar unter Mirze Edis’ Instagram-Posting: Ein Nutzer erinnert Linken-Chef Luigi Pantisano an dessen Aussagen gegen Extremismus. (Screenshot: Instagram)

Der Kommentar trifft den Widerspruch.

Pantisano verspricht Diskussion. Edis verkündet ein Urteil. Pantisano verspricht eine klare Linie gegen Antisemitismus und Extremismus. Edis erklärt die umstrittene Genozidbehauptung zur Voraussetzung moralischer Anständigkeit und behauptet, israelische Politiker würden uns alle hassen.

Die Toten in Gaza – die es ohne den von der Regierung in Gaza begonnen Krieg nicht gegeben hätte und deren Anzahl geringer wäre, wenn die Terrorgruppen in Gaza ihre Tunnel nicht nur für Terroristen, sondern auch für Zivilisten geöffnet hätten –  verdienen Mitgefühl, wenn diese in Opposition zu den dschihadistischen Terrorgruppen standen. Die israelischen Opfer des 7. Oktober 2023 sowieso. Beide verdienen mehr als die Parolen eines Bundestagsabgeordneten, der eine offene juristische Frage mit einem Instagram- und Facebook-Bild erledigen will.

Mirze Edis stellt sich nicht gegen Fake News. Er verbreitet die bequemste von allen: Dass in diesem Krieg längst alles geklärt sei.

Besonders widerlich wird Edis’ Empörung, wenn man sich daran erinnert, was er noch im September 2025 selbst verbreitete.

Linken-Bundestagsabgeordneter Mirze Edis ruft zur Gaza-Demo in Berlin auf und romantisiert Raketen gegen Israel

Damals teilte der Linken-Bundestagsabgeordnete einen Beitrag, in dem der Raketenbeschuss Israels musikalisch glorifiziert wurde. Wenn Raketen auf israelische Städte zur Klangkulisse des eigenen Aktivismus werden, Israels militärische Reaktion anschließend aber als Genozid gilt, ist das keine konsequente Menschenrechtsposition. Es ist eine geradezu „schizophrene“ Moral:

Der Terror gegen Israel wird ästhetisiert, Israels Gegenwehr dämonisiert. Edis stört offenbar nicht die Gewalt. Ihn stört nur, von wem sie ausgeht.

Autorenseite: Peter Ansmann
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thomas weigle
thomas weigle
1 Stunde vor

Da drängt sich ja eine Frage förmlich auf: bekommt der unerschrockene Ediz Personenschutz? Man weiß ja, der pöse,pöse Mossad…..

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