
Das Bündnis Sahra Wagenknecht unterstützt eine Protestkundgebung gegen die Verleihung des Westfälischen Friedenspreises an die NATO. Aufgerufen wird für den 1. Oktober 2026 in Münster.
Sevim Dağdelen nennt die Auszeichnung eine „Verhöhnung“ des Westfälischen Friedens – und der bis zu sieben Millionen Opfer des Dreißigjährigen Krieges.
Die Angaben zur prominenten Jury lassen sich überprüfen. Die historische Großmunition bleibt trotzdem Dağdelens eigene politische Entscheidung.
Sieben Millionen Tote als politische Munition
„Frieden statt NATO!“, schreibt Sevim Dağdelen am 25. August auf Facebook. Die NATO soll am 1. Oktober im Historischen Rathaus von Münster den Westfälischen Friedenspreis erhalten. Dağdelen und das BSW unterstützen die angekündigte Gegenkundgebung.

Gegen die Ehrung eines Militärbündnisses mit einem Friedenspreis zu protestieren, ist ein legitimer politischer Standpunkt. Dağdelen belässt es allerdings nicht bei dieser naheliegenden Kritik. Sie erklärt die Entscheidung zu einer „Verhöhnung“ nicht nur des Friedensschlusses von 1648, sondern auch „der bis zu sieben Millionen Opfer des Dreißigjährigen Krieges“.
Diese Formulierung stammt aus ihrem Beitrag und aus der Mitteilung des BSW. Es ist keine Feststellung der Preisstifter. Und es ist auch kein historischer Automatismus, der von den Verwüstungen des 17. Jahrhunderts direkt zur heutigen NATO führt. Dağdelen baut diese Brücke selbst – breit genug, damit ihre gesamte Kampagne darüberfahren kann.
Die Jury ist real, die Polemik auch
Ein Teil ihres Angriffs ist überprüfbar. Über die Preisträger entscheidet nach Angaben der ausrichtenden Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe die Jury des Westfälischen Friedenspreises. Zu ihr gehören unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz und der frühere Außenminister Sigmar Gabriel. Gabriel sitzt außerdem im Aufsichtsrat von Rheinmetall.
Dağdelen erfindet diese personellen Verbindungen also nicht. Aus realen Namen folgt nur nicht automatisch ihre Wertung. Wenn sie Merz als früheren Deutschland-Chef von BlackRock und Gabriel als „Rüstungslobbyisten“ präsentiert, setzt sie überprüfbare biografische Angaben zu einem politischen Anklagebild zusammen. Dass dieses Bild wirkt, ist Absicht; dass es die einzig mögliche Einordnung wäre, ist es nicht.
Die Veranstalter teilen mit, dass NATO-Generalsekretär Mark Rutte den Preis entgegennehmen und Merz die Laudatio halten soll. Die Preisverleihung am 1. Oktober ist damit ein hochpolitischer Termin. Kritik daran braucht keine erfundenen Hintermänner – und eigentlich auch keine vereinnahmten Toten.
Ein Friedenspreis darf strittig sein
Ob ein Militärbündnis einen Friedenspreis erhalten sollte, kann und soll man diskutieren. Wer die NATO vor allem als Abschreckungs- und Verteidigungsbündnis betrachtet, wird die Auszeichnung anders beurteilen als jemand, der sie auf Expansion, Aufrüstung und Kriegseinsätze reduziert. Genau diesen Streit hält eine offene Gesellschaft aus.
Dağdelen entscheidet sich dagegen für eine komplett andere Tonlage. Der Dreißigjährige Krieg wird bei ihr zum moralischen Geschütz gegen eine Preisentscheidung des Jahres 2026. Die Opfer einer europäischen Katastrophe können sich – einige hundert Jahre später – nur sehr schlecht gegen diese politische Einberufung wehren. Alle Teilnehmer des dreißigjährigen Krieges sind mutmaßlich zwischenzeitlich verstorben. Sie liefern dafür die maximale Fallhöhe.
Man kann die NATO als Preisträgerin kritisieren. Man kann in Münster dagegen demonstrieren.
Wer dafür aber die Toten des 17. Jahrhunderts in den aktuellen Streit um Abschreckung und Aufrüstung einzieht, sollte sich nicht wundern, wenn die Friedensrhetorik plötzlich wie politische Artillerie klingt.
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