
Der Wahnsinn hat uns also wieder. Ich habe zwar keine eigenen Kinder, aber auch das schützt einen offenbar nicht davor, pünktlich zum Schulbeginn wieder mitten im ganz normalen Wahnsinn der sogenannten Elterntaxis zu landen.
Bei meiner täglichen Fahrt vorbei an meiner ehemaligen Grundschule in Waltrop durfte ich heute jedenfalls direkt wieder erleben, was passiert, wenn besonders fürsorgliche Eltern ihre Sprösslinge möglichst sicher bis an die Eingangstür der Schule transportieren wollen. Das Ergebnis: Autos überall, unübersichtliche Situationen, blockierte Straßen – und mittendrin ich, als Anwohner, der sich fragt, warum er eigentlich gerade im Stau einer ansonsten ausgesprochen ruhigen Siedlung steht.
Dabei ist das Problem alles andere als neu. Seit Jahren wird darüber geredet, gewarnt, appelliert und auf die Gefahren hingewiesen. Es gibt Kampagnen, Elternhaltestellen und gute Ratschläge. Und trotzdem scheint sich an den grundsätzlichen Verhaltensweisen erstaunlich wenig zu ändern.
Kaum beginnt die Schule wieder, beginnt auch das große automobile Schauspiel.
Hauptsache bis vor die Tür
Natürlich kann ich verstehen, dass Eltern ihre Kinder beschützen wollen. Gerade am ersten Schultag ist die Aufregung groß. Die Kleinen tragen ihre Schultüten, sind stolz und nervös zugleich. Da möchte niemand, dass seinem Kind etwas passiert.
Aber irgendwann sollte man vielleicht auch einmal darüber nachdenken, ob die vermeintliche Sicherheit des eigenen Kindes durch das eigene Verhalten nicht sogar ins Gegenteil verkehrt wird.
Denn was genau soll sicher daran sein, wenn sich vor dem Schultor Dutzende Autos gegenseitig im Weg stehen? Wenn in zweiter Reihe geparkt wird, Einfahrten blockiert werden und Kinder zwischen Fahrzeugen hindurchlaufen müssen? Wenn hektisch rangiert und gewendet wird, während gleichzeitig zahlreiche Grundschüler aufgeregt durch die Gegend laufen?
Der Gipfel ist dabei für mich immer wieder die Selbstverständlichkeit, mit der manche Eltern offenbar davon ausgehen, dass ihr Nachwuchs unbedingt bis auf wenige Meter an den Schuleingang gefahren werden muss. Ein paar hundert Meter Fußweg scheinen inzwischen für manche Familien eine Zumutung zu sein.
Und genau da wird aus Fürsorge irgendwann Bequemlichkeit.
Waltrop hat das schon einmal versucht
Besonders amüsant ist das Ganze ausgerechnet in Waltrop, denn hier hat man dieses Problem schon vor Jahren auf eine bemerkenswerte Weise bekämpfen wollen.
Ich erinnere mich noch gut an eine Aktion aus dem Jahr 2019. Damals wurden Grundschüler vor die Kamera geschickt, um gegen Elterntaxis zu singen. Der WDR berichtete darüber, die Stadt hatte die Kampagne initiiert, und natürlich sollten die Kinder auf diesem Weg ihre Eltern zum Umdenken bewegen.
Schon damals fand ich diese Inszenierung ausgesprochen fragwürdig.
Nicht weil das Problem nicht existierte – im Gegenteil. Das Chaos vor den Schulen war schon damals offensichtlich. Fragwürdig war vielmehr die Methode. Warum mussten ausgerechnet Kinder die Botschaft transportieren, die eigentlich die Erwachsenen hätten hören müssen?
Und noch viel interessanter war die Frage, warum man das Problem nicht schlicht konsequenter angeht. Wenn Halteverbote existieren, dann könnte man sie kontrollieren. Wenn Verkehrsregeln missachtet werden, könnte man einschreiten. Wenn die Situation vor einer Schule gefährlich ist, könnten Kommunen entsprechende Maßnahmen ergreifen.
Stattdessen gibt es regelmäßig neue Kampagnen und freundliche Appelle.
Offenbar ist es einfacher, ein Lied über Elterntaxis zu produzieren, als dafür zu sorgen, dass sie tatsächlich nicht mehr zum alltäglichen Verkehrshindernis werden.
Vielleicht einfach mal loslassen
Was mich an der ganzen Geschichte am meisten stört, ist deshalb gar nicht einmal das einzelne Auto vor der Schule. Es ist diese inzwischen geradezu selbstverständlich gewordene Vorstellung, dass Kinder permanent begleitet, gefahren, überwacht und beschützt werden müssen.
Ich bin selbst in einer Zeit zur Grundschule gegangen, in der es völlig normal war, seinen Schulweg selbst zu bewältigen. Man ging zu Fuß oder fuhr mit dem Fahrrad. Man traf unterwegs Freunde, musste auf den Verkehr achten und kam irgendwann eigenständig an der Schule an.
Das war keine grausame Zumutung. Es war ein Stück Kindheit.
Vielleicht sollten Eltern ihren Kindern wieder etwas mehr zutrauen. Und vielleicht sollten Städte und Schulen aufhören, sich mit immer neuen Kampagnen aus der Verantwortung zu stehlen.
Denn wenn jeden Morgen vor einer Grundschule das Verkehrschaos ausbricht, dann ist irgendwann nicht mehr die Frage, ob die Situation bekannt ist. Sie ist schließlich seit Jahren bekannt.
Die eigentliche Frage lautet: Warum wird sie trotzdem immer wieder hingenommen?
Ich jedenfalls durfte heute direkt wieder im Stau darüber nachdenken. In einer Siedlung, in der sich ansonsten tatsächlich fast Hase und Igel gute Nacht sagen.
Nur morgens zum Schulbeginn sind plötzlich alle da.
Und ich durfte wieder einmal vor Wut ins Lenkrad beißen. Polizei und Ordnungsamt waren übrigens trotz der bekannten Situation wieder einmal weit und breit nicht zu sehen… Fast als einzige, könnte man spötten. 😉
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Sehr gut beobachtet. Nicht nur in Waltrop sondern auch in Mülheim und anderen Orten ist es ein Problem.
In Mülheim an der Ruhr wurden Haltestellen für Elterntaxis eingerichtet und von der Polizei verschärft Kontrollen durchgeführt.
Das Ergebnis, Mutti mit SUV geblitzt mit 50km/h wo nur 30km/h erlaubt sind.
Begründet wird alles mit Zeitdruck. 13 Uhr 10, Kind abholen, schnell essen machen und essen. Um 15 Uhr hat das Kind Sport. Das ist aber einmal quer durch die Stadt bis zur Turnhalle.
So ein Stress hatte ich allerdings damals nicht. Als Jugendlicher konnte ich laufen. Mit unter sehr lange Strecken, da man kein Geld für die Straßenbahn dabei hatte. Und meine Eltern konnten auch nicht anrufen, an ein Handy in den 70er überhaupt nicht zu denken war.