
Manchmal reicht ein kleines Erlebnis, um einem ziemlich deutlich vor Augen zu führen, wie sehr sich die Stimmung im Land verändert hat. Mir ist das am Samstagvormittag passiert. Auf meinem Weg in die Waltroper Innenstadt hing an einer Brücke ein Plakat, das man wohl ohne große Mühe der Querdenker-Ecke zuordnen könnte. Ich will mich an dieser Stelle gar nicht lange mit dessen konkretem Inhalt beschäftigen. Viel interessanter fand ich die Tatsache, dass es überhaupt dort hing.
Denn Waltrop ist nun wirklich nicht der Ort, den man spontan mit politischer Aufruhr, Protestbewegungen oder radikalen Botschaften verbindet. Hier geht es normalerweise eher gemütlich zu. Die Stadt ist traditionell verschlafen, das Ruhrgebiet sowieso. Viele Menschen haben sich über Jahre an den schleichenden Niedergang gewöhnt und ihren Frust eher beim Stammtisch, im Freundeskreis oder stillschweigend für sich selbst verarbeitet. Doch offenbar verändert sich etwas.
Der stille Frust wird sichtbarer
Wer seit Jahrzehnten durch Waltrop läuft, fährt oder einkauft, kann den Niedergang kaum übersehen. Geschäfte verschwinden, Innenstädte verlieren an Attraktivität, Angebote werden weniger und vieles, was eine Stadt früher einmal lebendig gemacht hat, ist irgendwann einfach verschwunden. Dazu kommen steigende Preise, politische Entscheidungen, die für viele Menschen immer schwerer nachvollziehbar werden, und das Gefühl, dass sich der eigene Alltag zunehmend verändert, ohne dass man darauf noch großen Einfluss hätte.
Das alles ist natürlich kein Freibrief für Verschwörungstheorien oder politische Radikalisierung. Aber es wäre meines Erachtens ebenso falsch, die wachsende Unzufriedenheit einfach als Spinnerei einiger weniger abzutun.
Bei der Bundestagswahl kam die AfD in Waltrop auf 18,9 Prozent. Für eine Partei, die hier kommunalpolitisch lange kaum eine Rolle spielte, ist das ein bemerkenswertes Ergebnis. Und nun tauchen entsprechende Botschaften auch ganz offen im Stadtbild auf. Vielleicht sind es nur einige wenige. Vielleicht ist das Plakat tatsächlich nur eine Einzelaktion. Aber es wäre naiv, daraus überhaupt nichts ableiten zu wollen.
Das Problem heißt nicht nur Osten
Seit Jahren wird mit besorgter Miene auf den Osten Deutschlands geschaut. Dort stehen Landtagswahlen an, dort ist die AfD besonders stark, dort wird über politische Instabilität und gesellschaftliche Spaltung diskutiert. Alles berechtigt.
Aber wer daraus schließt, dass das Problem geografisch irgendwo zwischen Elbe und Oder endet, macht es sich zu einfach.
Unzufriedenheit entsteht schließlich nicht dadurch, dass eine Region plötzlich einen besonderen Hang zur Radikalität entwickelt. Sie entsteht auch dort, wo Menschen über lange Zeit das Gefühl bekommen, dass es mit ihrer Heimat, ihrem Wohlstand und ihrer persönlichen Perspektive bergab geht. Und genau deshalb sollte man auch in Städten wie Waltrop genauer hinschauen.
Wenn selbst in einer traditionell eher trägen Ruhrgebietsstadt die Wut zunehmend sichtbar wird, ist das zumindest ein Warnsignal.
Mir ist inzwischen ziemlich flau im Magen
Was mich an dem Plakat deshalb tatsächlich beschäftigt hat, war weniger die Botschaft selbst. Es war der Gedanke dahinter: Was passiert, wenn der bisher überwiegend stille Frust irgendwann nicht mehr still bleibt?
Eine Demokratie lebt selbstverständlich vom Streit. Sie muss Kritik aushalten und sie muss auch unbequeme Meinungen ertragen. Aber sie braucht gleichzeitig Menschen, die noch daran glauben, dass sich Probleme innerhalb dieses Systems lösen lassen. Wenn immer mehr Bürger den Eindruck gewinnen, dass Politik grundsätzlich gegen sie arbeitet und ohnehin niemand mehr zuhört, wird es gefährlich.
Eine schnelle und einfache Trendwende kann ich allerdings auch nicht aus dem Hut zaubern. Ich weiß nur, dass Wegsehen keine sein wird.
Vielleicht war dieses Plakat tatsächlich nur ein Stück bedruckter Stoff an einer Waltroper Brücke. Für mich war es am Samstag trotzdem ein ziemlich unangenehmes Zeichen dafür, dass die politische Unruhe längst nicht mehr nur irgendwo im Osten stattfindet. Sie hängt inzwischen möglicherweise auch über unseren Köpfen.
Und genau deshalb ist mir gerade ziemlich flau im Magen.
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