„Biarritz“ und die „Protokolle der Weisen von Zion“: Das Schnittmuster für Judenmord ist ein Schundroman

Schnittmusterbogen um 1900 | Public Domain

Ein Postsekretär, der Schundromane schreibt. Ein Kapitel, das zum Flugblatt wird, das Flugblatt zum Protokoll, das Protokoll zum Schnittmuster fürs Pogrom. „Biarritz“ heißt der Roman, im März 1868 erschienen. „Biarritz“ heißt auch der jüngste Roman von Andrea Sawatzki. Himmelweit verschieden, aber Anlass, auch das erste „Biarritz“ zu lesen. Aus dem sind die „Protokolle der Weisen von Zion“ erwachsen, die Gussform für Verschwörungslust. Und Judenhass. Eine Fälschung, diese „Protokolle“, aber mehr als das: eine soziale Skulptur. Schon mal von Hermann Gödsche gehört?

Er ließ sich „Sir John Retcliffe“ rufen, Gödsches Hermann aus Trachenberg, dem heutigen Żmigród. Ein preußischer Postbeamter, 1835 für drei Jahre zuerst nach Bocholt, dann Düsseldorf versetzt, dann Redakteur der reaktionären Kreuzzeitung in Berlin. Ein Scharfmacher, Spitzel und Fälscher, der pseudohistorische Schinken schrieb, die pendeln zwischen Porno und Politik, zwischen Bett und Kabinett. Immense Auflagen bis in die letzten Jahre der Nazis hinein.

So auch für „Biarritz“, seine vielbändige Romanfolge, das vierte Kapitel im ersten Band ist mit „Auf dem Judenkirchhof in Prag“ betitelt. Und ist das Kapitel, das zum Bestseller wurde für Generationen weltweit, zu einer sozialen Skulptur, die Modell gestanden hat für Hitlers „Mein Kampf“, für Blockbuster in der arabischen Welt und Rap-Hits in der westlichen … und die dennoch völlig vergessen ist.

Andrea Sawatzki by Piper-Verlag (c)

Derart gründlich, dass „Biarritz“ auch Titel des jüngsten Romans von Andrea Sawatzki geworden ist, im vergangenen Jahr erschienen. Sawatzki  –  prominente Schauspielerin, erfolgreiche Autorin, eine öffentliche Stimme, die Judenhass Hass nennt und Hamas-Terror Terror  –  beschreibt in ihrem Bestseller biografisch-fiktiv, wie schwierig und wie schön sich eine Beziehung zwischen Mutter und Tochter ein Leben hindurch entwickelt.

In ihrem „Biarritz“ geht es um Versöhnung und darum, wieviel Mühe sie kostet, im gödschen „Biarritz“ um Verschwörung und darum, wieviel Wollust sie bereitet. Die Titel-Doppelung, teilt der Piper-Verlag auf Anfrage mit, habe „keinen inhaltlichen Hintergrund“, es gebe „keine Bezugnahme“, der gödsche Titel verfüge über keinerlei „Schöpfungshöhe“.

Gussform für Verschwörungslust

Ein Blick hinein in Gödsches „Biarritz“, es treten auf: Bismarck und Napoleon III., der russische Zar und der Kaiser von Österreich, der Republikaner Giuseppe Garibaldi neben Pius, dem Papst und so weiter, alle umgeben von Dutzenden fiktiver Figuren, alle postiert in einem trans-europäischen Machtpanorama voller Intrigen und Hinterlist. Und ziemlich vorneweg, von allen Erzählsträngen isoliert, ein Roman im Roman, er heißt und spielt „Auf dem Judenkirchhof in Prag“[1]. Das Bühnenbild:

„Ein Gewirr von krummen, winkligen und engen Gassen“, Türen, die in „finstere Höhlen“ führen, „schwarze Schlünde, die ein Geschlecht von schachernden, feilschenden, zeternden Männern, Frauen und Kindern ausspeien“, schmutzig elendige Räume, die nachts im Glanz von „reichen Silbergeschirr“ und „goldenen Ketten und Armbändern“ erstrahlen, mittendrin eine „verwitterte Mauer“, dahinter der jüdische Friedhof, der sei, als würden sich jeden Moment die „Gräber auftun“, um den „ruhelosen Wanderer, den Quersack auf dem Rücken, den Stab in der Hand, wieder hinaus zu senden unter die lebenden Geschlechter, sie zu betrügen und zu knechten und das neue Kanaan zu suchen: – die Herrschaft!“ Von diesem Ort gehe „der geheimnisvolle, gewaltige Impuls (aus), der die Vertriebenen zu den Herren der Erde macht, die Verachteten zu den Tyrannen der Völker, der den Kindern des goldenen Kalbes die Verheißungen erfüllen soll, die einst im flammenden Dornbusch dem Volke Gottes gegeben wurden!“

Hermann Gödsche (1815 – 1878) | Projekt Gutenberg.org

Es ist die Galerie in Gänze gleich zu Beginn, Gödsche ruft Gefühle ab, ins Bühnenbild treten:

„Ein Mann von großer schlanker Gestalt“, bleiches Aussehen, blaue Augen, der „germanische Typus“, „vergeistigt durch große Fähigkeiten und Willensanstrengung der Seele“, er wird als „Dr. Faust“ vorgestellt.

Und: „Signor Lasali“, die Haut so fahl wie der „Ton einer Wachskerze“, die Lippen blutleer, „hellbraunes Kraushaar, das der Negerwolle ähnlich war“. Ein getaufter Jude, dieser Lasali, dessen Nase aber, „kühn vorspringend, durch ihre eigentümliche Krümmung den jüdischen Ursprung verratend“.

Der Plot: Dr. Faust und Signor Lasali überklettern die Friedhofsmauer und belauschen ein hochgeheimes Treffen von „dreizehn geisterhaften Gestalten“, es könnten „Lebende oder Tote“ sein  –  die „Stammeshäupter der zwölf Stämme Israels“. Sie kommen, heißt es, alle hundert Jahre auf dem Prager Friedhof zusammen, um sich abzustimmen in ihrem großen Projekt der „Vergeltung und Verheißung“  –  der Weltherrschaft. Zitat:

„Achtzehnhundert Jahre führt das Volk Israels den Kampf um die Herrschaft, die Abraham versprochen worden und die das Kreuz uns entrissen. Unter den Sohlen unserer Feinde, unter Druck und Tod und Bedrängnis jeder Art hat Israel niemals diesen Kampf aufgegeben, und weil das Volk Abrahams zerstreut worden über die ganze Erde, wird die ganze Erde auch ihm gehören! (…) gewaltig ist die Macht geworden, die es offen und geheim ausübt bereits über die Throne und Völker; denn unser ist der Gott der Erde (…)

Wenn alles Gold der Erde unser ist, ist alle Macht unser. Dann ist die Verheißung, die Abraham gegeben ward, erfüllt. Das Gold ist das neue Jerusalem – es ist die Herrschaft der Welt. Es ist Macht, es ist Vergeltung, es ist Genuss  –  also alles, was die Menschen fürchten und wünschen. Das ist das Geheimnis der Kabala, der Lehre von dem Geist, der die Welt regiert, von der Zukunft! Achtzehn Jahrhunderte haben unseren Feinden gehört – das neue Jahrhundert gehört Israel. (…) noch kein Jahrhundert erfreute sich solcher Erfolge wie dieses. Darum dürfen wir glauben, dass die Zeit nahe ist, nach der wir streben, und dürfen sagen: unser ist die Zukunft!“

Sie beginnt, wie jede Vereinssitzung beginnt, mit der Kassenprüfung. Wieviel „bares Kapital“ sei auf den „sieben Weltmärkten Europas“ in jüdischer Hand? Rund 70 Bankhäuser  –  florierende wie erfundene  –  werden aufgeführt, die Bilanz: „zweitausend Millionen Franken“ stünden „265 Millionen Feinden“ mit „500 Millionen Fäusten“ gegenüber.

Alter Jüdischer Friedhof Prag by Uoaei1 cc 4.0

Aber: „Der Kopf wird die Faust besiegen“. Und dann werden „die Wege“ genannt, auf denen dieser Sieg errungen werde. Zwölf Stämme Israels, die  –  vom Stamme Levi nacheinander aufgerufen  –  elf Wege weisen für das eine Ziel: „Wie gewinnt Israel die Macht und die Herrschaft über alle Völker der Erde, die ihm gebührt?“ Antwort:

  •        Börse: „Indem wir die Börse beherrschen, beherrschen wir das Vermögen der Staaten“ und ebenso „die Ersparnisse der kleinen Leute“
  •        Grundbesitz: „muss in die Hand Israels übergehen“.
  •        Handwerkerstand: „muss ruiniert werden“ und zwar durch „Verwandlung der Handwerker in unsere Fabrikarbeiter“.
  •        Handel: „Ist unser angeborenes Recht.“
  •        Revolutionen: die „Erhaltung fortwährender Unruhe“ werde jüdisch angeleitet, denn: „Jede Revolution zinst unserm Kapital“.
  •        Militär und Polizei: „Aufhebung der bewaffneten Macht“, um dieses Ziel zu erreichen, werde sie verdächtigt, verleumdet, diffamiert.
  •        Kirche: „die Freigeisterei befördern, den Zweifel, den Unglauben, den Streit“ und dann: „Trennung der Schule von der Kirche unter der Firma des Fortschritts und der Gleichberechtigung aller Religionen“.
  •        Wissenschaft und Kunst: In ihnen finde „die Spekulation ihr Feld“, Spekulation sei wesenhaft jüdisch.
  •        Ehe zwischen Juden und Christen: „Wir geben das Geld und erhalten dafür den Einfluss“; für „verbotenes Gelüst“  –  Prostitution  –  „sind der Christenmädchen genug“.
  •        Staatsapparat: „Alle Staatsämter müssen (Juden) offenstehen … Die Justiz ist für uns von erster Wichtigkeit …“ Und:
  •        die Presse, die Medienmacht: „Wenn das Gold die erste Macht der Welt ist, so ist die Presse die zweite“, sie diktiere der Welt, „was sie glauben und was sie verdammen soll“. Konkret  –  und wieder im pseudo-jiddischen Slang:
  •        Krieg: „Mit der Presse in unserer Hand, wir können machen Krieg und Frieden …“

Die Turmglocke läutet, wie Vampire entschwinden die Gestalten, Lasali und Faust geben sich einen Schwur: Lasali   –  Gödsche karikiert hier Ferdinand Lasalle, einen der Gründungsväter der SPD, die beiden hatten dieselbe Schule besucht  –  Lasali will „die soziale Demokratie“ gegen „Israel“ mobilisieren, er ruft „die Armut“ an, „die Arbeit!“. Anders der vergeistigte Faust, er will „alles Edle und Höhere, die Wissenschaft, das Ideal, den Glauben mit Schrift und Wort in den Kampf führen“. Als sie den Friedhof verlassen, werden sie entdeckt, sie fliehen, Faust rettet sich in ein Haus, dort wartet die schöne Jüdin auf ihn, ein Teenie. Das Jüdische, eben noch hässlich wie Lasali, dann bedrohlich wie gespenstische Gestalten, jetzt verführerisch wie Esther, kaum 16 Jahre alt. Es kommt zum Akt, wenig später landet Faust in der Psychiatrie, damit ist der Erzählfaden am Ende, der Aufstand gegen jüdische Weltverschwörung fällt aus.

„Alles derselbe Jude“

Leidlich trivial, das Ganze, zugleich eine enorm synthetische Arbeit auf vier Dutzend Seiten: Gödsche baut herkömmlichen Judenhass in eine Wirklichkeit hinein, die sich vehement wandelt. ln 1867, während er „Biarritz“ schreibt, läuft in Paris die spektakuläre Exposition universelle d’Art et d’industrie, eine der Welt-Sensationen dort: eine riesige Glocke, gegossen im neuartigen Gussstahlverfahren und präsentiert vom Bochumer Verein, dem börsen-notierten Stahl-Giganten. Im Jahr darauf, als „Biarritz“ erscheint, revolutionieren Dynamit, Dynamo und Druckluftbremse den Bergbau, werden die ersten Ruhrpolen angeworben, wird in Bochum Stahlhausen gegründet, die zweite Zechensiedlung im Ruhrgebiet, zwei Jahre darauf in Essen die Villa Krupp …

Und in und hinter allem  –  die Juden. Eben noch war es Gott, der alle Fäden zog, jetzt Israel. Eben noch ein frommer Antijudaismus, der Judenhass begründet hat, jetzt ist er aufgeklärt und wird  –  elf Jahre später  –  „Antisemitismus“ getauft. Reihenweise ruft Gödsche religiöse Motive auf: Dornbusch, Erwählung, Goldenes Kalb, Verschwörung, die Figur des Verräters, die Figur des Ahasver, des ewig wandernden Juden [2], auch die Vampir-ähnlichen Motive gehören hierher und natürlich die Figur des Antichristen, die jüdisch sei, aber verführerisch wie eine morgenländische Schönheit …

Gödsche lässt sie alle antanzen, aber nur, um einen bedrohlichen Horizont aufzureißen, die Figuren und Motive arbeiten in seinem Roman ähnlich wie die Crescendo-Walze im Film. Entscheidend: Er verschachtelt die frommen Motive mit dem Wirtschaftsverstand des Boulevards, für den er schreibt. Gödsche, der Ultra-Reaktionär, schreibt wie ein vulgärer Marx, sein „Biarritz Band 1“ ist sechs Monate nach „Das Kapital Band 1“ erschienen.

Ob er Marx gekannt hat? Nicht zu sagen, was ideengeschichtlich nahe liegt:

  •        die Vorstellung einer „invisible hand“, 1776 von Adam Smith formuliert: Menschen agierten rational, wenn sie ihren eigenen Interessen folgten, die sich unsichtbar gelenkt zum Wohl des Ganzen fügten.
  •        Einem Ganzen, das Karl Marx zufolge durchpulst sei von einem Bewegungsgesetz, er nennt es „das Kapital“, ein Phänomen, das mal als Arbeitskraft erscheine, mal als Produktionsmittel, mal als Produkt, mal als Geld, aber selber ungreifbar bleibe, weil unbegriffen: Das gesellschaftliche Ganze, von Menschen gemacht, bilde sich „hinter ihrem Rücken“.
  •        Dort, wo Gödsche nun eine invisible Verschwörer-Clique wähnt, mythisch eingenebelt, von ihm aber sogleich als jüdisch enttarnt.[3]
„Who will be heaviest? No one! Because the Jew holds the scale“: Plakat im von Deutschen besetzten Belgrad 1941/42 | US Holocaust Memorial Museum

Äußerst anschlussfähig, seine Fiktion, weil sie alles umgreift, das wirtschaftliche, das politische, das private Leben. Die sich darum an alle sozialen Bewegungen ankoppeln lässt, seien sie reaktionär oder liberal, links oder rechts, bürgerlich oder proletarisch. Gödsches Roman bahnt Liaisons an. Nicht nur die vertikale  –  weiterhin führt eine gottgleiche Macht Regie, ein frommes Bewusstsein zittert nach   – , auch die horizontale Liaison:

Auf der einen Seite „das Kapital“, ihm gegenüber „die ärmeren Klassen“, in Fabrikarbeiter verformt, ein Machtfaktor. Weshalb „Israel“   –  als Gödsche dies schrieb, war die SPD noch nicht einmal gegründet  –  nun auch „die Leitung“ der Arbeiterbewegung übernommen habe mit dem Ziel, sozial erforderliche Reformen zu radikalen Revolutionen aufzupeitschen. „Deshalb“, lässt Gödsche seine „Stammeshäupter“ sagen, „deshalb waren unsere Leute voran auf der Tribüne“, hätten sie für „fortwährende Unruhe“ gesorgt und täten dies weiterhin: „Jede Revolution zinst unserm Kapital.“

Zum Vergleich das Zitat eines anderen Autoren: „Es war derselbe Jude, der auf der einen Seite als kapitalistischer Tyrann die Massen zur Verzweiflung treibt, um auf der anderen diese Verzweiflung so lange zu steigern, bis die Massen endlich reif wurden zum Instrument in seiner Faust“. Kapitalismus, Kommunismus, alles derselbe Jude, das Zitat stammt von Adolf Hitler, Februar 1925.

Gödsches originäre Leistung ist nicht, dass er Hitlers Weltbild gemalt hätte, sondern dass er eine Synthese schafft. Keinen Bauplan für den Holocaust, aber einen für Totalität, für totalitäres Denken, das sich die Welt aus einem Punkt erklärt. Man könnte hegelianisch nennen, was er braut: These, Antithese, die Juden. Völlig fiktiv, scheinbar hart an der Wirklichkeit entlang bringt er die Welt in Ordnung, eine Ordnung, in der, was ist, seinen Platz gewinnt und was widersprüchlich scheint, einen tieferen Sinn. Es hat scholastisches Format.

Fiktion wird soziale Skulptur

Der „Judenkirchhof von Prag“, das Kapitel, das diese Welt in eine Ordnung bringt, steht in Gödsches „Biarritz“ wie eingekapselt. Als sei es eingeheftet in den schwülstigen Roman wie ein Schnittmusterbogen[4], der sich heraustrennen lässt, um die Moderne aufs Mustermaß zu schneidern. Eben das passiert, der gödsche Roman-im-Roman macht sich selbständig, er wird zur sozialen Skulptur  –  zu einem Artefakt, das von denen modelliert wird, die es goutieren, und das auf gerade diese Weise sein Form gewinnt. Hier ein paar Stationen:

1870er Jahre     Weit entfernt im zaristischen Russland kursieren erste billige Broschüren mit dem Roman-im-Roman: Die erfundene Rabbiner-Versammlung in Prag wird wie ein Tatsachenbericht präsentiert.

1881     taucht in Paris eine französische Bearbeitung des gödschen Mini-Romans auf, der „Discours du Rabbin“ wird in Le Contemporain veröffentlicht, einer Zeitschrift, die ein katholisch-konservatives Publikum bedient: Die Reden der zwölf „Stammeshäupter“ sind hier in einer Rede eines Rabbiners zusammengefasst, Gödsche selber wird als Zeuge präsentiert, der Roman entliterarisiert. Weil der Autor dieser Fassung Pseudonyme nutzt, winden sich bis heute geheimdienstliche Ranken um diese Spur der Protokolle.

1887     nimmt Theodor Fritsch  –  Leipziger Verleger, Politiker, Publizist  –  die gödsche Wahnwelt in seinen „Antisemiten-Catechismus“ auf, ein Handbuch des Hasses, über Jahrzehnte vielfach aufgelegt.

1890er Jahre     Die „Rede des Rabbiners“ zirkuliert im antisemitischen Zeitgeist.

April 1903          Pogrom in Kischinjow, heutiges Chișinău, Hauptstadt der Republik Moldawien: tagelanges Wüten gegen die Juden der Stadt, eine große Gemeinde; aufgepeitscht wird der Mob von religiösen Schauermärchen in der regionalen Presse; deren Verleger: Pawel Kruschewan.

August 1903     Kruschewan veröffentlicht die „Rede des Rabbiners“, die auf Gödsches Fiktion aufbaut, in seiner überregionalen Zeitung Znamja  –  und frisiert sie mit knapp 160 Passagen, die einem völlig anderen Werk entstammen, einer politischen Satire von Maurice Joly, die gegen Napoleon III gerichtet ist und in der Joly die Mechanismen einer Tyrannei entblößt.[5] Als Mitverschwörer wandern jetzt Freimaurer-Logen ein in die Fiktion, die in der Unterzeile erstmals den Titel Protokolle trägt.

1903 – 1906       Eine Pogromwelle flutet die Juden Russlands, ihren Höhepunkt erreicht sie im Oktober 1905 mit knapp 60 Pogromen in 12 Tagen; mehr als 3000 Juden werden ermordet.

1905     Sergej Nilus, ein russisch-orthodoxer Mystiker, veröffentlicht ein frommes Weltuntergangswerk, das sich bestens verkauft; im Anhang: die Protokolle, jetzt aufgeladen zur „Charta des Reichs des Antichristen“: Die religiöse Spur, von Gödsche ausgelegt, tritt sich breit.[6]

1917     Dritte Auflage von Nilus Werk, sie schließt die gödsche Fiktion mit Zionismus kurz: Die Protokolle, heißt es jetzt im Jahr der Balfour-Deklaration, dokumentierten ein Programm, das 1897 auf dem Ersten Zionistischen Kongress in Basel beschlossen worden sei, es ziele darauf, jüdische Weltherrschaft zu erringen.[7] Es ist diese Basel-Variante der Protokolle, die  –  wohl über russische Migranten, die der bolschewistischen Revolution entfliehen  –  im Westen weitergedichtet wird:

1919     erscheint die erste deutsche Sprachfassung dieser Version, herausgegeben und kommentiert von einem Gottfried zur Beek, bürgerlich Ludwig Müller aus Wesel; er baut das apokalyptische Moment in völkisches Denken hinein und zugleich die Basel-Legende aus: „Der Judenstaat“ sei „nicht das Endziel“, sondern lediglich „Mittel“, um die „verheißene Weltherrschaft zu erlangen“, er werde die „Hausmacht des jüdischen Herrn der Welt bilden“. Dutzende Auflagen; 1929 sichert sich die NSDAP die Rechte an dem Buch. Noch in 1919 kommt auch die erste englischsprachige Version der Protokolle in Großbritannien auf den Markt.

1920     folgt die erste französische Buchausgabe und die erste japanische. In den USA veröffentlicht Henry Ford, der Auto-Tycoon, die Protokolle in seinem Dearborn Independent, Titel jetzt: „The International Jew: The World’s Problem“. Das Blatt liegt in Fords Autohäusern kostenlos aus, Auflage: knapp 1 Mio.; die Buchversion erreicht mehr als 500 000 Leser und wird in 16 Sprachen übersetzt.

1921     erscheint Fords „Der internationale Jude“ auf Deutsch, verlegt von Theodor Fritsch; die Übersetzung wird in den kommenden 15 Jahren 33 x aufgelegt. Im August 1921 beruft sich Adolf Hitler erstmals nachweisbar auf „Die Weisen von Zion“. Die Protokolle selber erscheinen in Italien, Schweden, Norwegen und

1923     in Polen. In Deutschland veröffentlicht Alfred Rosenberg, Chef-Mythologe der Nazis, „Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik“; ihm bestätigen sie alles „bis ins Einzelne“.

Protocolos de los sabios de Sion 1930 | Public domain

1924     Hitler schreibt „Mein Kampf“, sein Hass-Programm ist von dem Gödschen kaum zu unterscheiden, auch stilistisch wirken beide wie Cousins; Hitler erklärt, die Protokolle als Fälschung zu behaupten, sei „der beste Beweis dafür, dass sie echt sind“.

1925      Ende Juli liegt „Mein Kampf“ zum Kauf im Buchhandel aus. In den Protokollen, erklärt Hitler im September im Völkischen Beobachter, „finden wir in großen Zügen das Aktionsprogramm dieser größten Welteroberung, besser aber Völkerausrottung und Völkervernichtung, hingeworfen“: Kapitalismus, Marxismus, Presse, in und hinter allem „der gleiche Jude“.

1925     erscheint die erste arabische Übersetzung der Protokolle[8]

Von der Börse bis ins Bett

Wer die Protokolle heute liest, kommt nur mit Vorsatz über Seite 3 hinaus, der Text ist  –  im Vergleich zum gödschen Original  –  speckig geworden und wirr, schleimig schlaumeiernd, auf kleinliche Weise großkotzig. Hier ein Durchgang durch die  –  im Buchhandel erhältlichen und kommentierten  –  fiktiven Protokolle, die von fiktiven „24 Sitzungen“ gefertigt worden seien, die 1897 auf dem „1. Zionisten-Kongress“ in Basel niemals abgehalten worden sind:

Das Gödsche Programm von der Börse bis ins Bett wird zu einem „ABC der Staatskunst“ aufgebläht, weiterhin geht es   –  und zwar wild durcheinander  –  um

  •        Wirtschaftspolitik: So etwa heißt es jetzt, „wir haben umfangreiche Stockungen (Krisen) im Wirtschaftsleben hervorgerufen“,
  •        weiterhin geht es darum, „die Masse“ zu lenken mittels der
  •        „Presse“ und
  •        „jüdischer Freimaurer-Logen“, mittels
  •        „Polizeispitzel“ (wie Gödsche einer war), mittels
  •        „Recht“ („liegt in der Macht“) und der
  •        „Religion“ („die Macht des Papstes endgültig zerstören“), weiterhin geht es um
  •        „unsittliches Schrifttum“, „Verbot der Trunksucht“, also um Alltagsethik und um
  •        „unsere zersetzende Urteilskraft“, die „Kritik“, die solange „Zweifel und Zwietracht“ säe, „bis die Nichtjuden sich nicht mehr zurechtfinden“; das
  •        „Gift des Freisinns“ sei allen eingeflößt, inzwischen seien „alle Staaten von der Zersetzung des Blutes befallen“, nämlich dem
  •        politischen Pluralismus: „In unserem Dienst stehen Leute aller Anschauungen und Richtungen: Monarchisten, Freisinnige, Demokraten, Sozialisten, Kommunisten und allerhand Utopisten“, 
  •        die alle zusammen auf eine Art Frühform der Spaßgesellschaft setzten, nämlich auf „Ermüdung durch schöne Reden“.  

Parallel dazu die Herrschaft des Terrors, eines

  •        „allumfassenden Terrors“,
  •        der selbst den Judenhass in jüdischen Dienst stelle: „Wir brauchen den Antisemitismus“.
  •        Letztes Mittel des Terrors  –  und vorstellbar, dass Yahya Sinwar die Protokolle kannte  –  letztes Mittel werde sein, aus den Tunneln der U-Bahnen heraus „alle Hauptstädte der Welt… in die Luft zu sprengen“,
  •        so dass „wir den Weltkrieg entfesseln müssen“. 

Die Strategie, die darin stecke:

  •        „die Nichtjuden derart zu ermüden, dass sie gezwungen sein werden, uns die Weltherrschaft anzubieten“, weil ihnen klar geworden sei, dass
  •        „die Juden das auserwählte Volk“ seien und
  •        „die Natur selbst“  –  die Natur, nicht die Religion  –  „uns zur Herrschaft über die ganze Welt vorausbestimmt hat“.
„Von dort aus soll alles dirigiert werden“: Tel Aviv im Februar 1934

Der Clou dieses phantasierten Programms, im Text verstreut: Jüdische Weltherrschaft werde eine Art Wohlfahrtstaat errichten für alle, die willenlos seien und untertan. Einen despotischen Staat, aber fürsorglich, der alles biete, was die Menschen fürchten und wünschen. De facto nehmen die Protokolle die Tyrannei einer Gefälligkeitsdiktatur vorweg, sie klingen wie Erich Mielke auf seinen letzten Metern:

  •        Jüdische Weltherrschaft, heißt es, nehme den „Schein altväterlicher Sorge um das Wohl und Wehe unserer Untertanen“ an, alle würden „mit liebevoller Sorge“ überwacht und würden
  •        steuerlich entlastet (mittels „Vermögenssteuer“, das müssten „die Reichen einsehen“)
  •        während der „Weltherrscher“ –  dies der Schlusssatz  –  „alle persönlichen Freuden dem Wohle seines Volkes und der Menschheit zum Opfer bringen muss… er muss ein leuchtendes Beispiel für Alle sein“.

Eine Kleine-Jungen-Phantasie, diese Protokolle, ein ritterlicher Adolf tritt aus den Büschen, der Blumen flechtet in Gretels blondes Haar. Ist aber mehr als das, nämlich ein „Hausbuch“ für die Organisation der Welteroberung, so Hannah Arendts Urteil in „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“:

„Die Nazis waren die ersten, die entdeckten, dass die Massen sich gar nicht so sehr vor der jüdischen Weltherrschaft fürchteten, als dass sie interessiert daran waren, diesen angeblichen Weltherrschern das Handwerk abzusehen, und dass die ungeheure Popularität der Protokolle nicht dem Judenhass, sondern eher der Bewunderung der Juden und dem Wunsch, etwas von ihnen zu lernen, geschuldet war.“

Was lernen? Organisation. Die Nazis, so Arendt, „organisierten sich mehr oder weniger bewusst nach dem Modell“, das die Protokolle vorgezeichnet haben und taten dies derart augenscheinlich, dass sie sich je länger je weniger auf die Protokolle selber beriefen: Ein arisches Weltreich, das sich auf einen Schmierenroman stützt? [9] Totalitäre Propaganda, so Arendt, „hat ihr Ziel nicht erreicht, wenn sie überzeugt, sondern wenn sie organisiert.“

„… wenn sie organisiert“

Hier ein paar Momente aus den jüngsten Jahrzehnten, sie zeigen, auch wenn man sie nur überfliegt: Die Protokolle organisieren sich als soziale Skulptur, eine global-soziale, sie schwirren von links nach rechts und vom Westen in den globalen Süden und wieder zurück. Die Protokolle produzieren sich selber, sie erdichten eine Wirklichkeit, die sie erschaffen, eine creatio ex nihilo: 

März 1970 sind die Protokolle Berichten zufolge der meistverkaufte Nonfiction-Titel auf dem kommerziellen Buchmarkt des Libanons. Faisal, saudisch-arabischer König von 1964-1975, verschenkt regelmäßig Ausgaben der Protokolle an seine Staatsgäste. Insgesamt dürfte es bis heute mehr als 60 arabisch-sprachige Übersetzungen geben.

August 1988 legt Hamas ihre Charta vor, darin Artikel 32 über den „zionistischen Plan“, der in den Protokollen „niedergelegt“ sei; Artikel 22 listet das Programm, wie es sich ähnlich bereits bei Gödsche findet, motivisch auf.

1991 montiert in den USA die Nation of Islam, bekannt als Black Muslims, sowohl Kolonialismus wie Rassismus  –  in der gödschen Version fehlen sie erstaunlicherweise  –  in die Protokolle-Logik hinein; zentrale These in „The Secret Relationship Between Blacks and Jews“: eine jüdische Verschwörung habe den atlantischen Sklavenhandel, die Plantagenwirtschaft und das Jim-Crow-System organisiert; die Historikerin Deborah Lipstadt nennt dies die „African American-oriented version“ der Protokolle.

Ab 1991 erscheinen in Russland diverse Alt- und Neu-Auflagen der Protokolle, endzeitlich aktualisiert; Tenor: Zuerst hätten Juden das kommunistische Imperium aufgebaut, jetzt seien sie es, die es zerstören, alles derselbe Jude.

2000 publiziert die Regierung des Irans eine offizielle Ausgabe der Protokolle auf Farsi.

2002 dramatisiert der ägyptische Serien-Blockbuster „Knight Without a Horse / Fares Bel Gawad“ die Protokolle in 41 Folgen für ein Millionenpublikum: Die jüdische Verschwörung ziele nun, nach Ägypten verlegt, auf die Zerstörung der arabischen Welt. Ähnlich

2003 die syrisch-libanesische, 29-folgige TV-Produktion „The Diaspora / Al-Shatat“, sie überdacht die gödsche Fiktion mit einer Meta-Fiktion: Die jüdische Weltverschwörung sei tatsächlich eine Erfindung, diese Erfindung aber sei selber Teil der jüdischen Weltverschwörung; der Gedanke ist infam: Auch der Holocaust, erklärt die „jüdische Weltregierung“ jetzt, diene ihren Zielen, nämlich die Welt davon zu überzeugen, dass die Protokolle eine Lüge seien; derart eingeschläfert, werde man „eine geheime und stille Offensive starten, um die Wahrheit dieses Buches zu beweisen, bis die Welt uns wieder zutiefst fürchtet und ohne Krieg von uns besiegt werden wird. Also lasst uns anstoßen auf diesen Großen Krieg!“  –  den Holocaust.

2003 behauptet der malaysische Premierminister Mahathir bin Mohamad beim Gipfeltreffen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC): „The Jews rule this world by proxy  … they invented socialism, communism, human rights and democracy …“

2004 nimmt Wal-Mart, US-Supermarkt-Kette, die Protokolle in sein Online-Sortiment.

Tür mit Einschusslöchern: Synagoge Halle an Yom Kippur 2019 by Reise Reise cc 4.0

2009 singt Xavier Naidoo über „Baron Totschild“, der im Bankenwesen „den Ton“ angebe; zwölf Jahre später, im Februar 2021, teilt Naidoo die Protokolle  –  in der Nazi-Version von Alfred Rosenberg  –  auf seinem Telegram-Kanal.

2010 gibt Necmettin Erbakan bekannt, Zionismus sei, „dass die Juden die Herren sind und die übrige Menschheit als ihre Sklaven existieren soll“. An der Spitze der „Weltregierung“, so der politische Mentor von Recep Tayyip Erdogan, dem seit zwölf Jahren amtierenden Präsidenten der Türkei, stehe ein „Rat von 13 kabbalistischen Rabbinern“.

2016 rappt Kollegah über „den Geheimvertrag“: Eine Verschwörer-Clique, deren Boss mit Davidstern gemarkert ist, arbeite an der Welteroberung …

2019 versucht Stephan Balliet, schwerbewaffneter Rechtsextremist, die jüdische Gemeinde in Halle/Saale zu massakrieren. In seinem Livestream der Mordattacke erklärt er, der Feminismus sei für den Niedergang des Abendlandes durch Masseneinwanderung verantwortlich, „die Wurzel all dieser Probleme ist der Jude.“

April 2020 fragt die AfD: „Halten israelische/jüdische Gelder die Migration nach Deutschland am Laufen?“ Hintergrund: Seenot-Rettungsaktionen, die auch von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) unterstützt wurden. Ebenfalls im

April 2020 wird Achille Mbembe von Stefanie Carp, damalige Intendantin, als Vordenker der Ruhrtriennale präsentiert. Mbembes „Ansatz“ zeige auf, erklärt Carp, wie sich das „koloniale Projekt“ heute in den „Ausgrenzungspraktiken von rassistisch erniedrigten Menschen“ fortsetze. Schwieriger Fall, lesen wir  –  kleiner Exkurs  –  bei Mbembe nach:

In seinem „Politik der Feindschaft“, 2017 von Suhrkamp verlegt, bezeichnet Mbembe „das israelische Projekt“  –  genauer: „das israelische Trennungsprojekt“ –   als ein „Versuchslabor“, es diene dazu, Techniken zu entwickeln, um Menschen zu unterdrücken, die man „für eine Bedrohung hält“. Diese Techniken würden aus dem Labor heraus „sur la planète“ verbreitet und nun weltweit angewandt gegen „die verschleierte junge Frau“, gegen „einsame Wölfe und schlafende Terrorzellen“, sie seien alle nur „Schreckgespenste“. Was Mbembe dann allerdings an „Techniken“ auflistet, um solche „Schreckgespenste“ einzuhegen  –  er nennt „Kontrolle der Steuern“, „ständige Schikanen“, „Checkpoints mit Betonklötzen“, „Mauern“, „Ausgangssperre“, „Razzien“, „gezielte Morde“, „Profiling“, „Überwachung“ u.a.m.,  –  ist durchweg uralt und wird allerorts digitalisiert, dennoch zeigt Mbembe auf Israel und nur auf Israel: Er kartographiert  –  wie Goedsche seinen Friedhof  –  ein „Labor“, an dem Unterdrückung erforscht werde; er erklärt  –  wie Goedsche seine Friedhofsmauer  – , dass dieser Ort nicht einsehbar sei, er aber  –  wie Goedsche  – dennoch wisse, dass alles auf Unterdrückung hinauslaufe; er benennt  –  wie Goedsche  –  eine lange Liste von Techniken, mit denen diese Unterdrückung organisiert werde, und er suggeriert  –  wie Gödsche  – , dass es das alles nicht geben würde, gäbe es kein „Labor“.[10] //  Mbembe hat die Laborthese nicht erfunden, nur popularisiert, zeitgleich nimmt sie Fahrt auf in den USA:

Mai 2020 wird George Floyd in Minnesota festgenommen und erdrosselt; die Körpertechnik, die der im Jahr darauf wegen Mordes verurteilte Polizist angewandt hat, habe der vom israelischen Geheimdienst erlernt. Einer der Kolporteure dieser Mär: Roger Waters.

Binjamin Segels „Erledigung“ der Protokolle 1924 | Yaffa Eliach Collection by Oleg Yunakov cc 4.0

September 2020 spricht Björn Höcke (AfD)  –  Rede beim AfD-Kreisverband Märkisch-Oderland  –  von „globalen Strippenziehern“ und „globalen Geldeliten“, die sich mit „Kryptokommunisten“ verbündet hätten; gemeinsames Ziel: eine „Weltregierung“, so Höcke im Juli 2021 in Memmingen. Damit spielt er auf George Soros an, US-amerikanischer Investor, der diene der AfD, heißt es im AfD-Gutachten des Verfassungsschutzes, als „Inbegriff ‚des Juden‘“.

Ende August d. J. berichtet Thomas Thiel in der FAZ über eine luxemburgische Influencerin, die Lehrerin Fatima Kurtic: Deren weit im linken Milieu verbreitete Botschaften zeichneten das Bild einer israelischen Weltdiktatur“, die Strippen ziehe „Jacob Rothschild“, der hetze die Staaten in Kriege usw.

Usf., es klingt alles vertraut, wenn man „Biarritz“ im Ohr hat. Gödsche hat „Israel“  –  81 Jahre vor Gründung des Staates Israel  –  38 x adressiert in seinem Mini-Roman: von der Frage „Wie gewinnt Israel die Macht und die Herrschaft über alle Völker der Erde“ über „das Kapital“¸das „in den Händen Israels“ sei weiter zu dem „fortschreitenden Siege Israels“ bis hin zur Feststellung, „das neue Jahrhundert gehört Israel“. Alles Gödsche.

Die Geburt der Leser

Sein „Biarritz“ wabert und wuchert wie ein Rhizom[11], wechselt Medien und Gattungen, Orte und Zeiten, Religionen und Kulturen, wird ab- und um- und fortgeschrieben wie eine open source. Eine Schwarm-Verschwörung, wenn man so will, die keinem Kommando folgt, keinem geheimen Plan, nur dem je eigenen Instinkt, den eigenen Vorlieben. Henry Ford etwa informiert im September 1921 in seinen Protokollen über „How Jews Degraded Baseball“. Die Idee einer jüdischen Verschwörung bringt wirklich alles mit allem zusammen, eine Gussstahlglocke in Bochum mit russischen Bolschewisten mit einem Antichristen, der gekommen sei, den Baseball zu zerstören.

Gödsche hat eine Form dafür geschaffen, Unvereinbares zu vereinen, den Terror mit Wohlfahrt, die Welteroberung mit Weltuntergang, den Kapitalisten mit dem Kommunisten mit dem Katechon, den Ausbeuter mit dem Agitator mit dem Ahasver. Eine Form, die seinem Roman Nacht für Nacht als soziale Skulptur entsteigt und zu leben beginnt. Man könnte vom „Tod des Autors“ sprechen, dem  –  Roland Barthes zufolge  –  „die Geburt des Lesers“ entspricht. Jener Leser, die Gödsches Figur modellieren, ohne Gödsche zu kennen, die hier was hinzutun, dort was hinwegnehmen, die Figur selber bleibt sie selbst. Ein kollektiv geformtes Artefakt.

Was sich darin beweist: die Intelligenz des Rudels, das sich zur Hatz formiert. Das zusammenrottet, was passt, und zurücklässt, was hinderlich ist beim Jagen.

Hinderlich vor allem: die romanhafte Form. Alles was in „Biarritz“ an einen Abenteuerroman erinnert  –  der Friedhof, die geisterhaften Gestalten, die Figuren von „Signor Lasali“ und „Dr. Faust“, wie sie mitternachts über Mauern klettern  –  all das wird weggemeißelt. Auch der Autor  –  „“Sir John Retcliffe“, Gödsches pompöses Pseudonym  –  wird erst zum „Zeugen“ gemodelt und verschwindet später ganz, ab 1903 gilt die Fiktion als Protokoll.

Aber verschwindet mit der Rahmenhandlung und deren Autor nicht auch die gödsche Idee, die alles mit allem verleimt, die „jüdische Weltverschwörung“?

Nur auf den ersten Blick, sagt Julian Timm, der Literaturwissenschaftler hat die Spuren der Idee zurückverfolgt: Ihre einzelnen Module, verstreut über viele Jahrhunderte und Genres, habe Gödsche erstmals zu einem „Knotenpunkt“ verflochten, zu einem Narrativ, einer „großen Erzählung“, er zuerst habe die schwirrenden Motive „organisiert, aktualisiert und reaktiviert“. Mit dem Effekt, dass seine Fiktion zu bestätigen scheine, was „hartnäckig lange“ gemutmaßt worden sei: Die Fiktion sei zum Siegel der vielen Fiktionen geworden. Eine Echokammer.

Bis heute. Was Timm herausarbeitet: dass die gödsche Rahmenerzählung nicht mehr eigens ausformuliert werden muss, sie spult sich selber ab in den Köpfen. Wer heute  –  sei es Hamas, BDS oder Pop  –  von „Ostküste“ raune, von „Medienmacht“ und „Marionetten“, beziehe sich, so Timm, faktisch auf „Biarritz“, einen Hintertreppen-Roman, in dem alles „in dieser Form zuerst von Herrmann Gödsche (…) zusammengesponnen wurde.“

Ein anderes „Biarritz“

Der Roman selber? Vergessen. Gödsche? Kein Karl May. Biarritz? „Wäre schön“, sagt die Mutter in Andrea Sawatzkis Roman, die Tochter fragt: „Wieso Biarritz?“, Antwort: „Das klingt so schön.“

Ein sehr realer Sehnsuchtsort, dieses „Biarritz“ in Sawatzkis Buch, es gebe „keine beabsichtigte Bezugnahme“ auf Gödsches „Biarritz“, erklärt ihr Verlag. Eine unbeabsichtigte aber gibt es doch, Sawatzkis Roman nimmt eine semantische Gegenbesetzung vor: Sie steht mit ihrem „Biarritz“ auch dafür, dass sie über ein verschwörerisches Schweigen spricht, „das mich in Deutschland seit dem 7. Oktober (den Hamas-Massakern an Israelis; thw) umgibt. Das Gefühl, allein zu sein in dieser Situation.“ Irritierend das Schweigen der deutschen Filmwirtschaft, von der es „kein offizielles Statement gab“. Und, so Sawatzki im Januar 2024 gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, „ich bin auch irritiert darüber, dass sich nur so wenige Kollegen und Kolleginnen äußern.“ Dazu, dass einer ihrer Kollegen, David Cunio, eine Geisel der Hamas war 738 Tage und Nächte lang.

Verschwörung beginnt mit Schweigen. Auch das eine soziale Skulptur.

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ANMERKUNGEN

[1]             Muss man erwähnen, dass der Jüdische Friedhof in Prag kein „Kirchhof“ ist?

[2]             Die Ahasver-Legende reicht mindestens ins frühe 17. Jahrhundert zurück: Ahasver habe der Kreuzigung Jesu beigewohnt und sei seitdem dazu verflucht, als Zeuge eines Gottesmordes durch die Welt zu wandern. Gödsche gibt der Figur des „Lasali“ ähnliche Züge, auch sie ist sowohl bekehrt wie verdammt wie Zeuge. Was Gödsche der Ahasver-Legende überdies entnimmt: die Idee, dass jeder der zwölf Stämme Israels einen spezifischen Beitrag zur Weltherrschaft leiste so wie damals zum Mord  –  der eine Stamm habe Jesus verraten, der andere ihn gegeißelt, der dritte die Dornenkrone geflochten usw.

[3]             Hat Marx das nicht ähnlich in seiner „Zur Judenfrage“ ein viertel Jahrhundert vor Gödsche geschrieben? Ja und nein, 1843 hat Marx noch keinen Begriff von „Kapital“, er identifiziert wie Gödsche „das Geld“  –  im späteren Jargon: die Zirkulationssphäre, also nicht die der Produktion  –  als die alles regierende Macht. Und zweitens identifiziert er wie Gödsche das Geld mit „dem Juden“, Inbegriff des Händlers. Marx denkt wie überliefert. Das Interessante an seiner „Zur Judenfrage“: wie er sich von dieser Figur des Juden löst, er personalisiert nur noch scheinbar, weil er nach dem „Geist“ des Ganzen sucht, der Idee der Moderne hinter der Figur. Gödsche geht den genau umgekehrten Weg, hinter dem Ganzen entdeckt er „den Juden“.

[4]             Schnittmusterbögen wurden 1863, also nahezu zeitgleich mit Gödsches „Biarritz“, von dem Ehepaar Butterick in Massachusetts erfunden.  –  Der Historiker und langjährige Spiegel-Redakteur Heinz Höhne hat die Protokolle 1966 als „Lizenz zum Pogrom“ auf den Begriff gebracht.

[5]             In Jolys (1829 – 1878) fiktiven Dialogue, 1864 erschienen, vertritt Montesquieu, Vordenker der Gewaltenteilung, die demokratischen Ideen, Machivelli setzt eine unbeirrte Machtpolitik dagegen. In die Protokolle eingegangen sind, klar, nur Machiavelli-Passagen.

[6]             Ideengeschichtlich führt diese Spur hinüber zum Katechon, jener pseudo-paulinischen Figur, die  –  in rechten Medien derzeit viel diskutiert  –  den „Antichristen“ aufhalten möge: Erneut wird er, der „Antichrist“, mit dem liberalen Westen identifiziert, der Sicherheit vorgaukele und Stabilität, während die Welt dem Untergang entgegen rase, den nur einer, eben der Katechon, stoppen könne: „Trump ist der Katechon!“, erklärte der AfD-Mann Maximilian Krah im jüngsten Januar. Mehr zu dem Thema bei Volker Weiß

[7]             Tatsächlich in Basel beschlossen worden war: dass der Zionismus „für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“ anstrebe.

[8]             Natürlich wurden die Protokolle „fast von der ersten Stunde an bezweifelt, bekämpft und entlarvt“, so Jeffrey L. Sammons. 1924 etwa veröffentlichte der Journalist Binjamin Segel (1866 – 1931) eine akribisch recherchierte „Erledigung“, kürzlich im ca-ira-Verlag neu aufgelegt; im November 1926 schrieb Thomas Mann an Segel, „dass es nun wohl endgültig jedem Menschen von gesunder Vernunft und intellektueller Reinlichkeit unmöglich gemacht ist, mit dieser Absurdität in irgendeiner Weise sich noch gemein zu machen“. Im Herbst 1933 erstatteten die Jüdischen Gemeinden der Schweiz Anzeige wegen Verstoßes gegen das Schundgesetz; das Urteil des Berner Gerichts im Mai 1935 definierte die Protokolle detailliert begründet als „Fälschung“ und rechnete sie der Schundliteratur zu, der Berner Richter nannte das Werk „lächerlichen Unsinn“.

[9]             Michael Hagemeister, emeritierter Historiker und Slawist an der Ruhr-Uni Bochum: „Bereits 1936 hatte Alexander Stein im Titel seines Buches Adolf Hitler einen ‚Schüler der Weisen von Zion‘ genannt, und im Jahr darauf verglich Iwan Heilbut die Praktiken der Nazis mit den angeblichen Plänen des Judentums in den Protokollen. Vielleicht wurden gerade deshalb  –  wegen der allzu deutlichen Entsprechungen  –  die Protokolle nach 1939 in Nazi-Deutschland nicht mehr aufgelegt und ein bereits druckfertiges Buch über die Protokolle zurückgehalten.“

[10]           Im August 1920 hat Adolf Hitler von einem „Zionistenstaat“ nicht als Labor, aber als einer „Hochschule“ gesprochen, „von dort aus soll alles dirigiert werden.“ Mbembe wird Goedsche kaum wohl kennen und sich jede Nähe zu Hitler völlig zu Recht verbitten. Umso dringender die Frage, auf welchen Wegen sich ein solches Denkmuster fortschreibt in Köpfen, die so verschieden denken: Offensichtlich erklärt Mbembe  –  was er sich selber schuldig wäre  –  nicht etwa Hamas und deren Terror-System zum Exerzierfall für Totalität, sondern eine Demokratie. Die Labor sei dafür, sich weltweit zu exportieren …

[11]            Ein Rhizom „verbindet einen beliebigen Punkt mit einem anderen beliebigen Punkt, und keines seiner Merkmale verweist notwendigerweise auf Merkmale der gleichen Art“, um einmal Gilles Deleuze / Félix Guattari (Berlin 1977) zu zitieren: Die Protokolle sind fürwahr postmodern.   –   Und um das nachzutragen: Der Begriff der „sozialen Skulptur“ oder auch „sozialen Plastik“ stammt von Joseph Beuys, von dem im Oktober 1967 an der Kunstakademie Düsseldorf eingeführt und  –  seinem Biographen HP Riegel zufolge  –  unmittelbar mit Rudolf Steiners anthroposophischen Gesellschaftsmodell verkettet: Gesellschaft als „Organismus“. Organismen sind  –  wie auch immer, aber immer  –  gesteuert, die Gefälligkeitsdiktatur der Nazis war sicherlich organisch. Aber Beuys beiseite, was die Protokolle deutlich machen: dass alle mitschreiben am Judenhass, sei es durch Verschwören oder durch Verschweigen.

 

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