„Fauda“: Als die Realität den schlimmsten Albtraum übertraf

Mitglieder der israelischen Spezialeinheit Yamas treffen im Februar 2018 auf Darsteller und Mitarbeiter der israelischen Fernsehserie „Fauda“. Foto: Mark Neyman / Government Press Office of Israel, CC BY-SA 3.0
Mitglieder der israelischen Spezialeinheit Yamas treffen im Februar 2018 auf Darsteller und Mitarbeiter der israelischen Fernsehserie „Fauda“. Foto: Mark Neyman / Government Press Office of Israel, CC BY-SA 3.0

Am 8. September feierte die fünfte Staffel der israelischen Serie „Fauda“ ihre Premiere auf Netflix. Die Handlung spielt zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 und greift die Ereignisse des Hamas-Massakers auf. Damit verarbeitet die Serie nicht nur ein Ereignis, das die israelische Gesellschaft nachhaltig geprägt hat, sondern auch Erfahrungen, die ihre Macher und Schauspieler selbst gemacht haben.

Die erste Staffel der israelischen TV-Serie „Fauda“ feierte 2015 ihre Premiere. Sie handelt von einer Mista’arevim-Spezialeinheit des israelischen Inlandsgeheimdienstes „Schin Bet“. Mista’arevim-Einheiten operieren getarnt als Araber oder „Palästinenser“ und werden vor allem in der Terrorismusbekämpfung und bei Sabotageeinsätzen eingesetzt. Die Hauptfigur der Serie ist der Undercover-Agent Doron Kabilio, der bei seinen Einsätzen immer tiefer in einen Kreislauf aus Gewalt, Vergeltung und persönlichen Konflikten gerät.

Lior Raz spielt die Rolle von Doron und ist gleichzeitig zusammen mit Avi Issacharoff der Schöpfer der Serie. Laut Raz beginnt der Schreibprozess für eine neue Staffel immer auf dieselbe Weise: mit der Frage, was das schlimmste Ereignis sei, das für die israelische Bevölkerung eintreten könnte.

Ein Albtraum wird Realität

Vor einigen Jahren hatte Raz vorgeschlagen, einen Albtraum, der ihn seit Kindestagen plagt, in das Drehbuch von „Fauda“ zu integrieren. Die Idee handelte davon, dass Terroristen eine israelische Siedlung überrennen und Geiseln nehmen. Issacharoff, der als Journalist jahrelang über den Konflikt mit den „Palästinensern“ berichtete, lehnte dies mit der Begründung ab, dieses Szenario sei unrealistisch und unmöglich. Nach dem 7. Oktober 2023 revidierte er dies und sagte zu Raz, dass die Realität noch viel schlimmer sei.

Das Drehbuch für die fünfte Staffel wurde daraufhin komplett überarbeitet. Sie beginnt zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023, der wie ein dunkler Schatten über allem, was passiert, zu schweben scheint. Ein ehemaliger Kollege Dorons reist gemeinsam mit einem Freund in das französische Marseille, um auf eigene Faust einen Hamas-Terroristen aufzuspüren, der bei dem Terrorangriff, den wir heute 10/7 nennen, seine beiden Kinder und seine Frau ermordet hat. Doron, der inzwischen im Ruhestand ist und mit den psychischen Folgen seiner Einsätze kämpft, versucht, die beiden aufzuhalten. Doch stattdessen gerät er selbst wieder in eine Undercover-Operation und schleust sich in ein Hamas-Netzwerk ein, das von Europa aus einen weiteren Angriff auf Israel plant.

„Fauda“ kehrt zum 7. Oktober zurück

Die siebte Folge beginnt, anders als die davor, mit einer Warnung. Der auf Hebräisch und Arabisch eingeblendete Text besagt, dass die nächsten beiden Folgen Inhalte, Bilder und Geräusche enthalten, die schwer aushaltbar sein können. Sie würden an die schrecklichen Ereignisse des 7. Oktobers zurückkehren, und es sei möglich, sie auszulassen, ohne dass die Haupthandlung der Staffel darunter leiden würde. Raz und Issacharoff erklärten, dass die Warnung aus einem Gefühl der ethischen Verantwortung heraus verfasst wurde, da ein großer Teil des Publikums in Israel direkt oder indirekt von den traumatischen Ereignissen betroffen sei und so vermieden werden solle, dass die Rückblenden zu akuten PTBS-Triggern führen.

Zwischen Fiktion und Realität

Raz und Issacharoff ließen seit Beginn von „Fauda“ ihre persönlichen Erlebnisse in die Serie einfließen. Raz absolvierte nach dem Abschluss der Schule den Militärdienst und wurde Teil der Spezialeinheit „Jechidat Duvdevan“, die gegen Terroristen in Judäa und Samaria vorging. Danach arbeitete er in den USA als Bodyguard für Persönlichkeiten wie Arnold Schwarzenegger, dessen Frau Maria Shriver und Klaus Kinskis Tochter Nastassja Kinski.

Issacharoff leistete seinen Militärdienst in der „Duvdevan“-Einheit, die wie die Einheit, um die es in „Fauda“ geht, Undercover-Operationen inmitten der arabischen Bevölkerung durchführt. Er studierte an der Ben-Gurion-Universität im Negev und hat einen Master in „Middle Eastern Studies“ und Literatur. Issacharoff ist als Journalist für „The Times of Israel“ mit Fokus auf „palästinensische“ Angelegenheiten tätig und Korrespondent für „palästinensische“ und arabische Angelegenheiten der „Haaretz“.

Wie die Macher den 7. Oktober erlebten

Dennoch weist die fünfte Staffel von „Fauda“ Parallelen zur Realität auf, die für die Macher unangenehm nah an ihren eigenen Erlebnissen sind. Lior Raz sagte in einem Interview, dass er sich am 7. Oktober 2023 in Rumänien befand, wo er einen Vortrag hielt. Seine Schwester habe ihn aus dem Kibbuz Erez angerufen und gesagt, dass sie von Terroristen umzingelt seien. Er habe umgehend versucht, nach Israel zu kommen, was sich aber als schwierig herausstellte, da Israel das einzige Land sei, aus dem im Kriegsfall die Bevölkerung nicht fliehen würde, sondern stattdessen Leute von überallher in das Land kommen, um es zu verteidigen. Trotz der schwierigen Voraussetzungen sei er bereits am 8. Oktober in Israel gelandet. Er habe seiner Frau gesagt, dass er sich mit einem Freund zum Kaffeetrinken verabredet habe. Stattdessen habe er sein Gewehr in sein Auto geladen und sei an die Grenze zum Gazastreifen gefahren, wo er geholfen habe, Zivilisten zu evakuieren.

Im Interview sagt Raz, dass in Israel die Kunst immer nur die Realität imitieren würde. So habe eine Frau, an deren Haustür er geklopft habe, um sie aus dem Gefahrenbereich zu bringen, ihn für seine Rolle als Doron Kabilio gehalten. Und so wurden viele Inhalte aus „Fauda“ tatsächlich von wahren Begebenheiten inspiriert. Als Beispiele nennt Issacharoff die Geschichte von Eli, einem Beduinen, dessen Familie von Hamas-Terroristen ermordet wurde, obwohl diese wussten, dass sie Muslime waren, oder Dorons Gedächtnislücken, die viele, die das Grauen von 10/7 erleben mussten, heute haben.

Jonathan David Sudaei, der Danino spielt, schreibt in einem Post auf dem offiziellen Instagram-Profil von „Fauda“, dass er kurz nach Beginn des Angriffs als Reservist einberufen worden sei. Obwohl er an die Front wollte, sei er zur Arbeit in einem Nachschublager eingeteilt worden. Während seiner Arbeit dort habe ihn die Nachricht erreicht, dass einer seiner Freunde beim Nova-Festival ermordet worden sei. Als er nach dessen Beerdigung an seinen Arbeitsplatz zurückkehren wollte, habe er einen Nervenzusammenbruch erlitten. Anders als Danino, den er in „Fauda“ verkörpert, habe er sich selbst nicht als Held wahrgenommen. Während andere ihre Frauen und Kinder zurückgelassen hätten, um zu kämpfen, habe er sich schwach, wütend und ausgelaugt gefühlt und sich zu Hause versteckt, kaum in der Lage, zu essen oder zu trinken. Es habe eine Weile gedauert, bis er verstanden habe, dass es nicht seine Bestimmung gewesen sei, ein Held zu sein, sondern die Geschichte der zahlreichen Helden zu erzählen, die durch die Hölle gegangen seien, sodass andere weiterleben konnten.

 

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71 Minuten, die schwer auszuhalten sind

Die beiden Folgen, die den 7. Oktober zeigen, waren nur schwer zu ertragen. Sie zeigen die grausame Brutalität, mit der die Terroristen vorgegangen sind, und die Folgen für diejenigen, die diesen Tag überlebt haben.

Selbst als hartgesottener Horrorfilmfan haben diese 71 Minuten ein Unbehagen in mir ausgelöst, das ich vorher nicht kannte. Nichts, was in den beiden Folgen von „Fauda“ zu sehen ist, ist neu. Alles konnte man bereits wenige Stunden nach 10/7 lesen oder gar in den Videos sehen, die die Terroristen selbst aufgenommen und verbreitet haben.

Wer sich die fünfte Staffel von „Fauda“ anschauen kann und danach immer noch vom „Widerstand“ faselt, dem ist nicht zu helfen. Diagnose: Antisemitismus.

 

Autorenseite: Andreas Wolf
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