
Zu meinen liebsten Wochenendbeschäftigungen gehört es seit Jahren, die nähere Umgebung zu erkunden. Man muss schließlich nicht jedes Mal ins Auto steigen und drei Stunden fahren, um etwas Neues zu entdecken. Das Ruhrgebiet hat genug Ecken, die sich in den vergangenen Jahren erstaunlich verändert haben. Einige davon habe ich hier im Blog der Ruhrbarone in den vergangenen Jahren schon vorgestellt.
Eine davon ist das Emscherland in Castrop-Rauxel. Auf dem Gelände der ehemaligen Kläranlage in Ickern ist auf rund 30 Hektar ein Naherholungsgebiet entstanden, das eindrucksvoll zeigt, was aus einst wenig einladenden Industrieflächen werden kann. Wo früher Abwasser durch Betonrinnen rauschte, präsentiert sich heute eine erstaunlich grüne Landschaft. Die Emscher wurde renaturiert, Wege wurden angelegt, alte Industrieelemente integriert und neue Aufenthaltsorte geschaffen.
Kurz gesagt: Hier wurde richtig Geld in die Hand genommen – und man sieht es.
Wenn plötzlich die Pflanzen fehlen
Umso größer war mein Ärger am vergangenen Sonntag. Schon auf den ersten Metern meines Rundgangs stieß ich auf mehrere kleine Schilder in Beeten und Rabatten. Der Inhalt sinngemäß: Die dort angepflanzte Pflanze sei leider gestohlen worden.
Es waren nicht ein oder zwei solcher Hinweise. Es waren gleich mehr als ein Dutzend, die mir alleine zu Beginn meines Spaziergangs auffielen. Und irgendwann fragt man sich unweigerlich: Wer zum Teufel beklaut eigentlich ein Naherholungsgebiet?
Offenbar gibt es tatsächlich Zeitgenossen, die sich denken: Was hier so schön wächst, würde sich bestimmt auch ganz hervorragend im eigenen Garten oder auf dem Balkon machen. Also wird kurzerhand ausgegraben, was andere mit viel Aufwand angepflanzt haben.
Hauptsache, der eigene Balkon blüht
Das ist schon eine ziemlich spezielle Form von Egoismus. Da investieren Stadt, Planer und letztlich die Allgemeinheit Millionen in die Aufwertung einer ehemaligen Industriefläche. Es entstehen Biotope, Streuobstwiesen, Blumenbeete und neue Lebensräume. Menschen können spazieren gehen, Fahrrad fahren, joggen, picknicken oder einfach auf einer Bank sitzen.
Und irgendein Spezialist denkt sich offenbar: Prima, da nehme ich mir doch gleich etwas mit.
Natürlich kann eine Stadt nicht jede einzelne Pflanze rund um die Uhr bewachen. Aber vielleicht wäre es ja schon schön, wenn ein bisschen mehr gemeinschaftliches Denken vorhanden wäre. Schließlich sind die Pflanzen nicht dort, damit sich irgendjemand kostenlos den eigenen Garten verschönern kann.
Das Emscherland gehört allen. Genau deshalb sollte man es auch so behandeln.
Zu schön, um es kaputtzumachen
Besonders ärgerlich ist das Ganze, weil das Emscherland wirklich gelungen ist. Der Aussichtsturm auf dem alten Faulturmfundament, die Relikte aus der Klärwerkszeit, die renaturierte Emscher, die Wiesen und Biotope: Hier ist aus einem früher wenig attraktiven Ort ein Stück neues Ruhrgebiet geworden.
Ich komme deshalb gerne wieder. Und vermutlich werde ich auch in Zukunft beobachten, wie sich die Natur dort weiterentwickelt.
Nur wäre es schön, wenn die Pflanzen dabei auch eine faire Chance bekämen.
Denn wer das Emscherland besucht, darf dort selbstverständlich Erinnerungen, Fotos und vielleicht einen Kaffee mitnehmen. Aber bitte keine Stauden. Die gehören nämlich allen.
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