
Ein Verkäufer lud Aufkleber mit dem Aufdruck „FCK HMS“ hoch. Die Verkaufsplattform reagiert, indem sie das Profil des Anbieters sperrt. Auf mehrfache Erklärungen und Nachfragen reagieren Mitarbeiter des Kundeservice ohne Verständnis und halten an der Entscheidung fest.
Die Online-Plattform „Vinted“ ging aus der 2008 in Litauen gegründeten Firma „Miju Projects“ hervor. 2009 ging das zugehörige Verkaufsportal „Kleiderkreisel“, das anfangs eine reine Tauschplattform war, online. 2021 wurde „Kleiderkreisel“ deaktiviert und die Benutzer sollten auf das gerebrandete „Vinted“ wechseln. Dort kann man nun neben Klamotten auch Accessoires, Kosmetikprodukte und Elektroartikel verkaufen.
Ein Nutzer stellte dort selbst gestaltete Aufkleber ein, die den Aufdruck „FCK HMS“ enthielten. Nach einer Weile erhielt er eine Nachricht des Kundenservice, in der es hieß:
„In mindestens einem deiner Angebote wurden diskriminierende oder hasserfüllte Inhalte identifiziert. Damit verstößt du gegen unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Katalogregeln. Deshalb haben wir keine andere Wahl, als deinen Vinted-Account dauerhaft zu sperren. Grund dafür ist, dass Artikel, die Diskriminierung oder Hass zeigen oder fördern, gemäß unseren Katalogregeln nicht auf Vinted erlaubt sind. Auch unsere allgemeinen Geschäftsbedingungen erlauben keine Inhalte, die Hassrede oder Diskriminierung loben, fördern oder dazu anstiften. Wir mussten die schwerwiegende Maßnahme ergreifen, um unsere Community zu schützen.“ (Screenshots liegen der Redaktion vor.)
Als Antwort darauf schrieb der Nutzer, der anonym bleiben möchte, dass er gegen diese Entscheidung Beschwerde einlegen wolle. Das Angebot des Artikels habe keine hasserfüllte oder diskriminierende Absicht gehabt und die Botschaft habe sich ausschließlich gegen die Terrororganisation Hamas gerichtet, die auch von der EU als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Außerdem beteuerte er, dass es seine Intention gewesen sei, Solidarität mit den Opfern von Terrorismus und mit der jüdischen Community zu zeigen. Aus diesen Gründen verlangte der Nutzer, den Fall erneut und differenziert zu prüfen. Doch auch diese kam zum selben Schluss – der Account bleibt gesperrt, und falls ein neuer erstellt werden würde, würde dieser ebenfalls entfernt.
Das Design des Stickers ist vom Logo der amerikanischen Hip-Hop-Band „Run-D.M.C.“ inspiriert. An dieses angelehnt erschienen politische Merchandise-Artikel mit Aufschriften wie „FCK NZS“ oder „FCK AFD“ aus der linksradikalen bis linksextremen Szene. Bei erstgenanntem Slogan, der ausgeschrieben „Fuck Nazis“ bedeutet, wurden die Vokale weggelassen. Diese Variante scheint die beliebteste zu sein. Auch Neonazis griffen diesen Trend auf und verkauften Artikel mit Aufdrucken wie „HKN KRZ“.
Nach einer kurzen Recherche fanden sich auf „Vinted“ zahlreiche Artikel – vom Hoodie, über Socken, bis hin zu kitschigen Tellern – mit dem Aufdruck „FCK NZS“ oder „FCK AFD“. Zwar gab es keine Artikel mit dem Code für Hakenkreuz, dafür aber mehrere mit dem Aufdruck „Intifada“.
„Intifada“ ist arabisch und bedeutet so viel wie „Erhebung“ oder „Abschüttelung“ und bezeichnet mehrere palästinensische Terrorwellen, die sich gegen die israelische Bevölkerung wendeten. Allein in der von 2000 bis 2005 stattgefundenen „Al-Aqsa-Intifada“ zählten die Israelis 20.406 Terroranschläge, darunter 138 Selbstmordanschläge, 13.730 Überfälle, bei denen Schusswaffen zum Einsatz kamen, und 460 Raketenangriffe. Auf palästinensischer Seite kam man auf über 3.000 Tote, von denen ca. ein Drittel Opfer von anderen Palästinensern (Verdacht auf Kollaboration mit Israel, innerpalästinensische Machtkämpfe zwischen Fatah, Hamas und anderen Milizen, sogenannte Ehrenmorde oder Lynchjustiz und anderweitige politische Abrechnungen im Chaos der Intifada) getötet wurden.
Dass ein Artikel, der sich gegen eine Terrororganisation richtet, dazu führt, dass der Anbieter von der Verkaufsplattform verbannt wird, während ein anderer mit einer Aufschrift, die als Solidaritätsbekundung mit einer eben solchen verstanden werden muss, weiterhin angeboten werden darf, ist mit Vernunft und Logik nicht zu erklären. Deswegen unternahmen wir den Versuch und haben mehrere solcher Artikel bei „Vinted“ gemeldet.
Ein Shirt mit dem Aufdruck „INTIFADA“ und „REBELLION OR UPRISING, OR A RESISTANCE MOVEMENT. IT CAN BE USED TO REFER TO ANY UPRISING AGAINST OPPRESSION“ samt eines Abbilds eines mit Kufiya – dem Bluttuch der Judenvernichtung – vermummten Terroristen verstieß laut dem Kundenservice nicht gegen die Richtlinien von „Vinted“.

Ein anderer gemeldeter Artikel, bei dem es sich ebenfalls um ein Shirt handelt, verstieß aber doch gegen die Richtlinien. Auf der Vorderseite sind die Umrisse der palästinensischen Gebiete plus das komplette israelische Staatsgebiet abgedruckt. Darunter steht auf Arabisch „Die Intifada der Steine“ und die Jahreszahl der ersten Welle der Gewalt im Rahmen der Intifadas, 1987. Auf der Rückseite ist auf Arabisch und Englisch „Wenn ich einen Stein werfe, bedeutet das, dass ich die Ungerechtigkeit ablehne“.

Es verwundert, dass dieses Shirt gegen die Richtlinien verstößt, das andere aber nicht. Denn bei der ersten Intifada handelte es sich tatsächlich noch um einen „Volksaufstand“, der von Demonstrationen, Streiks und Boykotten, Barrikaden, Steinwürfen und Angriffen auf israelische Soldaten und Polizeikräfte geprägt war. Zwar gab es vereinzelt Messerangriffe, Angriffe mit Schusswaffen und Anschläge auf Zivilisten, allerdings ging erst die zweite Intifada (2000–2005) dazu über, den Terror als Aktionsform zu fokussieren.
Es ist unklar, wie und wer darüber entscheidet, ob ein gemeldeter Artikel gegen die Richtlinien verstößt. Die Vehemenz, mit der dem betroffenen Nutzer begegnet wurde, wirft die Frage auf, ob bei der Entscheidung möglicherweise persönliche Einstellungen der beteiligten Mitarbeiter eine Rolle gespielt haben.
Der Betroffene wandte sich mit seinem Fall an das Europäische Verbraucherzentrum (EVZ), dessen Mitarbeitern der Schriftverkehr mit „Vinted“ vorliegt. Eine Beurteilung des Falles durch das EVZ steht noch aus.