
Die Bilder vom Dienstagabend in Fürth werden die Fans von Rot-Weiss Essen noch lange verfolgen. Spieler, die völlig entkräftet auf dem Rasen zusammensacken. Mitgereiste Anhänger, die fassungslos ins Leere starren. Und ein Klub, der den Aufstieg in die 2. Bundesliga nach 19 Jahren Sehnsucht auf dramatische Art und Weise verspielt hat.
Ausgerechnet jetzt fällt vielen Beobachtern wieder jene Szene vom Relegations-Hinspiel ein, als Essener Fans demonstrativ einen mutmaßlich aus Duisburg gestohlenen Torpfosten im Stadion präsentierten. Eine Aktion, die damals als kreativer Spott gefeiert wurde. Heute wirkt sie wie ein Sinnbild für die gefährliche Grenzüberschreitung zwischen Rivalität und Überheblichkeit.
Denn der Fußball hat seine ganz eigene Art, Rechnungen zu begleichen.
Der verhöhnte Nachbar – und die große Essener Schadenfreude
Als MSV Duisburg am letzten Spieltag der Drittligasaison den Relegationsplatz noch aus der Hand gab, kannte die Freude in Essen keine Grenzen. Verständlich war das zunächst durchaus. Schließlich hatte RWE in letzter Sekunde noch den Sprung auf Rang drei geschafft und durfte plötzlich vom großen Ziel Zweite Liga träumen.
Doch vielen Essenern ging die Freude über den eigenen Erfolg nicht weit genug. Der Schmerz des Revierrivalen wurde genüsslich zelebriert. Besonders deshalb, weil Duisburgs Rasim Bulic beim 1:1 gegen Viktoria Köln in der Nachspielzeit nur den Pfosten getroffen hatte, während Essen zeitgleich in Ulm noch den Lucky Punch landete.
Dass anschließend sogar ein mutmaßlich aus Duisburg entwendeter Torpfosten im Stadion präsentiert wurde, war allerdings weit mehr als gewöhnlicher Fußball-Spott. Es war der Moment, in dem aus Rivalität billige Häme wurde. Natürlich lebt Fußball von Emotionen, von Sticheleien und Provokationen. Aber zwischen einem Derby-Banner und der öffentlichen Demütigung eines am Boden liegenden Rivalen liegt eben doch ein Unterschied.
Und genau deshalb fühlt sich das Scheitern von Essen nun für viele wie eine bittere Ironie an.
Große Moral, wenig Qualität: Warum Essen trotzdem stolz sein darf
So schmerzhaft dieses 0:2 bei SpVgg Greuther Fürth auch war – einen Vorwurf muss sich diese Mannschaft nicht machen lassen. Ganz im Gegenteil.
Die Essener haben in Fürth alles investiert. Kampf, Leidenschaft, Wille – all das war vorhanden. Alleine in der Schlussphase hätte RWE die Partie mehrfach in die Verlängerung retten können. Pfostentreffer, vergebene Großchancen, zwei aberkannte Tore wegen Abseits – es war ein Fußball-Abend, an dem einfach alles gegen Essen lief.
Doch am Ende entschied eben auch Qualität. Während Fürth trotz einer schwachen Zweitligasaison individuell deutlich besser besetzt ist, kämpfte Essen mit den begrenzten Möglichkeiten eines Drittligisten. Der Marktwertvergleich spricht Bände: Rund sieben Millionen Euro auf Essener Seite stehen etwa 27 Millionen Euro beim Kleeblatt gegenüber.
Und genau das sah man letztlich auch in den entscheidenden Momenten. Fürth nutzte seine Chancen eiskalt. Essen eben nicht.
Das ist bitter, aber kein Grund, diese Mannschaft niederzumachen. Trainer Uwe Koschinat hat aus diesem Kader enorm viel herausgeholt. Dass RWE überhaupt so nah an die 2. Bundesliga herankam, war bereits eine bemerkenswerte Leistung.
Der Fußball vergisst nie
Gerade deshalb wäre etwas mehr Demut vielleicht angebracht gewesen. Denn der Fußball besitzt eine beinahe grausame Dramaturgie. Wer heute lacht, kann morgen selbst am Boden liegen. Genau das mussten nun auch die Essener erleben.
Die große Chance auf einen weiteren Zweitligisten aus dem Ruhrgebiet wurde vergeben. Und sowohl Essen als auch Duisburg müssen nun mit ihren jeweiligen Enttäuschungen leben.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser verrückten Relegation: Schadenfreude fühlt sich im ersten Moment wunderbar an. Doch sie wird gefährlich, wenn man vergisst, wie schnell sich im Fußball alles drehen kann.