Wie ein Hardcorekonzert gegen Antisemitismus pro-„palästinensische“ Aktivisten entlarvt

Der Instagram-Post zur Bewerbung des Konzerts. Screenshot: Andreas Wolf
Der Instagram-Post zur Bewerbung des Konzerts. Screenshot: Andreas Wolf

Ein Punkkonzert in Leipzig will unter dem Motto „Love Hardcore – Hate Antisemitism“ ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen. Doch unter dem Instagram-Post zur Veranstaltung zeigen sich genau jene antisemitischen Ressentiments, gegen die das Konzert Stellung beziehen will. Die Kommentare machen dabei nicht nur sichtbar, wie offen Judenhass mittlerweile in Teilen der Szene artikuliert wird – sie offenbaren auch eine erschreckende Nähe zu antisemitischen Denkmustern, wie sie bereits Adolf Hitler propagierte.

Am sechsten September 2026 findet im Leipziger Club „Conne Island“ ein Konzert unter dem Motto „Love Hardcore – Hate Antisemitism“ statt. Die Veranstaltung ist Teil des Programms von Tacheles 2026, dem Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen, und wird vom Kulturdezernat der Stadt Leipzig und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen gefördert.

 

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Es spielen „Jude“ aus dem polnischen Lodz, deren Musik als Doom/Industrial beschrieben wird. Die Hamburger HC-Punkband „Loser Youth“. Die Ausreden“, Punk aus Berlin und die Melodic-Hardcore-Band „Daimajin“ aus Leipzig.

Um das Konzert zu bewerben, lud das „Conne Island“ gemeinsam mit dem Profil von „Tacheles Sachse“ den Flyer auch auf Instagram hoch. In der Kommentarspalte entlud sich kurz darauf der Hass. Die Kommentarfunktion wurde daraufhin geschlossen.

Auswahl einiger Kommentare unter dem Instagram-Post zur Bewerbung des Konzerts. Screenshot: Andreas Wolf
Auswahl einiger Kommentare unter dem Instagram-Post zur Bewerbung des Konzerts. Screenshot: Andreas Wolf

Obwohl weder auf dem Flyer noch im Text, mit dem das Konzert angekündigt wird, Israel überhaupt erwähnt wird, finden sich zahlreiche Kommentare, die sich gegen den jüdischen Staat richten. Außerdem enthalten viele Kommentare Solidaritätsbekundungen mit „Palästina“ und dem zum Befreiungskampf umgedeuteten Terror. Beide Varianten der Agitation gegen Israel sind mittlerweile keine Besonderheit mehr und gehören seit dem genozidalen Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 zum guten Ton in der Hardcore-Szene.

Der Hass ohne Umweg

Was eine neue Qualität darstellt, ist das unverhohlene Hetzen gegen Juden, ohne überhaupt den Versuch zu unternehmen, den Antisemitismus als Antizionismus oder „Israelkritik“ zu tarnen. Das bloße Eintreten gegen Judenhass verleitet die Kommentatoren dazu, ihrem Ressentiment freien Lauf zu lassen. Darüber hinaus zeigen einige Kommentare, dass es sich beim Antizionismus um nichts anderes handelt als Antisemitismus im neuen Gewand.

Im freien Westen und vor allem im postnationalsozialistischen Deutschland war es nach der Shoah verpönt, offen antisemitische Äußerungen zu tätigen. Deswegen schwenkten vor allem rechtsextreme Parteien auf eine Umwegkommunikation um. Plumpe Hetze gegen die Juden hätte unweigerlich dazu geführt, dass man im gesellschaftlichen Aus gelandet wäre. Von nun an war der Feind nicht mehr „der Jude“, sondern Israel, der „Jude unter den Staaten“. Gleichdenkende verstanden dies und die Chiffre etablierte sich. Dass sich jetzt Menschen zugleich als Antizionisten und als Antisemiten outen, zeigt, dass das gesellschaftliche Tabu des Antisemitismus bröckelt.

Wenn einige Kommentatoren die alte Leier von den Israelis als den „neuen Nazis“ in die Tastatur hacken, zeigt das, dass sie das etablierte Feindbild „Nazi“, das ohnehin häufig inflationär verwendet wird, für ihre Zwecke nutzen wollen und vor allem, dass sie von Geschichte keine Ahnung haben und in der Lage sind, die Realität beachtenswert auszublenden. Denn dass es sich bei der Trennung von Antisemitismus und Antizionismus um eine lediglich künstliche handelt, wird klar, wenn man sich ansieht, wie Adolf Hitler sich zum Zionismus geäußert hat.

Hitler und der Antizionismus

In „Mein Kampf“ beschreibt er, wie er im kosmopolitischen Wien auf Juden traf, die anders aussahen als die, die er vorher kannte, da sie in einen langen Kaftan gehüllt waren und schwarze Locken trugen. Er fragt sich zunächst, ob das nun auch Juden seien und ob es sich bei ihnen auch um Deutsche handeln könne.

Dass es sich bei den Juden nicht bloß um Deutsche mit einer anderen Konfession handle, sondern um ein Volk für sich, sei für ihn durch eine Stellungnahme eines Teiles der Juden selbst bewusst geworden (vgl. Hitler 1943: 59 f.). Damit sind die Zionisten gemeint. Zwar sei der Zionismus nur von einem kleinen Teil der Juden in Wien vertreten worden, jedoch ändere der Widerspruch der Juden „liberaler Denkart“ nichts an der Gleichheit beider Vertreter, da liberale Juden den Zionismus lediglich ablehnen würden, weil dieser ein unpraktisches, vielleicht sogar gefährliches öffentliches Bekenntnis zum Judentum generell darstelle (vgl. ebd. 1943: 60 f.). Für Hitler war also klar, dass es zwischen liberalem Judentum und dem zionistischen keinen nennenswerten Unterschied gibt und dass beide gleichermaßen abzulehnen und zu bekämpfen sind. „An ihrer Zusammengehörigkeit änderte sich gar nichts“ (ebd. 1943: 61).

Dass ein Kommentator die Trennung zwischen Zionisten und Juden auch nicht so ernst nimmt beziehungsweise beides ablehnt, zeigte sich in seinem Kommentar: „Love hardcore, hate kikes“.

„Kike“ ist eine stark abwertende, antisemitische Beleidigung im englischsprachigen Raum, die ihren Ursprung darin hat, dass Einwanderer, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten von Amerika kamen und des lateinischen Alphabets nicht mächtig waren, ihre Dokumente mit einem „X“ unterzeichnen mussten. Zu dieser Zeit kamen viele Juden aus Osteuropa über den Atlantik, und da sich das „X“ an ein christliches Kreuz erinnerte, benutzten sie stattdessen einen Kreis, der auf Jiddisch „Kikel“ (קײַקל) heißt.

Einige hundert Seiten später greift Hitler die Idee des Zionismus, was er damals ja noch war, erneut auf.

Die Herrschaft des Juden im Staate erscheint schon so gesichert, daß er sich jetzt nicht nur wieder als Jude bezeichnen darf, sondern auch seine völkischen und politischen letzten Gedankengänge rücksichtslos zugibt. Ein Teil seiner Rasse bekennt sich schon ganz offen als fremdes Volk, nicht ohne dabei auch wieder zu lügen. Denn indem der Zionismus der anderen Welt weiszumachen versucht, daß die völkische Selbstbesinnung des Juden in der Schaffung eines palästinensischen Staates seine Befriedigung fände, betölpeln die Juden abermals die dummen Gojim auf das gerissenste. Sie denken gar nicht daran, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen, um ihn etwa zu bewohnen, sondern sie wünschen nur eine mit eigenen Hoheitsrechten ausgestattete, dem Zugriff anderer Staaten entzogene Organisationszentrale ihrer internationalen Weltbegaunerei; einen Zufluchtsort überführter Lumpen und eine Hochschule werdender Gauner.“ (Hitler 1943: 356).

Noch bevor der jüdische Staat zur Wirklichkeit wurde, schrieb Hitler, dass die Juden das Ziel eines eigenen Staates nicht verfolgen würden, um einen Schutzraum zu haben, in dem sie den Übergriffen ihrer Feinde nicht schutzlos ausgesetzt sind, sondern sie würden eine Organisationszentrale errichten wollen, von wo aus sie im Verborgenen die Strippen der Weltpolitik zu ziehen beabsichtigten.

Alte Argumentationsmuster, neue Feindbilder

Dasselbe Narrativ findet sich heute bei Antisemiten sämtlicher Couleur wieder. Mal sind es die Israelis, die den Ansturm von 50.000 marokkanischen Migranten auf die Grenzanlage in Ceuta orchestrierten, mal war es der israelische Geheimdienst Mossad, der eigentlich hinter den Terroranschlägen am 11. September 2001 steckte, um die USA in einen Krieg gegen die islamische Welt zu zwingen, oder es wurde behauptet, dass die COVID-19-Pandemie gewollt hervorgerufen worden wäre, um eine „Neue Weltordnung“ unter jüdischer Führung zu etablieren.

Hitler schrieb weiter:

„Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgendeiner Form, vor allem des kulturellen Lebens, an der nicht wenigstens ein Jude beteiligt gewesen wäre?
Sowie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie die Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom plötzlichen Lichte, ein Jüdlein.
Es war eine schwere Belastung, die das Judentum in meinen Augen erhielt, als ich seine Tätigkeit in der Presse, in Kunst, Literatur und Theater kennenlernte“ (Hitler 1943: 60).

Es scheint, als gelte dies nach wie vor. Juden sind in Presse, Kunst, Literatur und Theater unerwünscht. Und das schließt Hardcore mit ein. Voller Inbrunst schreiben Instagram-User Dinge wie „Love hardcore, hate zionism!“ und wähnen sich dabei in der Rolle des Guten. Obwohl die Argumentation der Gegner Israels der von Hitler in nichts nachsteht bzw. gar nahezu deckungsgleich ist, leugnet man die Realität und wirft mit Täter-Opfer-Verdrehungen wie „Israel sind die neuen Nazis“ um sich.

Die Dämme sind gebrochen. Antisemitismus ist nichts mehr, wofür man sich schämt, man ist auch noch stolz darauf. Deswegen beginnt man nun dazu überzugehen, Judenhass nicht mehr zu camouflieren, sondern ihn einfach in Kommentarspalten zu tippen.

Dass Juden Europa zunehmend verlassen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen, wird weiterhin stoisch geleugnet – doch „Nie wieder“ ist längst Realität.

Quellen:

Hitler, Adolf (1943): Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. Ungekürzte Ausgabe. München: Zentralverlag der NSDAP.

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