700 Milliarden Euro für „veraltete Rüstungsprojekte“? Was das BSW NRW verschweigt

Schützenpanzer Puma und Bayerwald-Grenadiere bei einer Vorführung während des Tages der offenen Türe 2025 in der Bayerwaldkaserne/Regen. (Foto: Peter Ansmann)
Schützenpanzer Puma und Bayerwald-Grenadiere bei einer Vorführung während des Tages der offenen Türe 2025 in der Bayerwaldkaserne/Regen. (Foto: Peter Ansmann)

Das Büdnis Sahra Wagenknecht (BSW) in NRW hat einen Top-Ökonomen entdeckt. Leider nur zur Hälfte. Prof. Dr. Moritz Schularick kritisiert, wie Deutschland seine Rüstungsmilliarden ausgibt.  Das BSW NRW macht daraus Werbung gegen höhere Verteidigungsausgaben.  Dumm nur: Schularick will nicht weniger Aufrüstung, sondern eine effektivere.

Hauptsache eine große Zahl

In einem Facebook-Reel vom 10. August 2026 behauptet das BSW NRW, bis 2030 flössen 700 Milliarden Euro in „veraltete Rüstungsprojekte“. Mit dem Geld könne jede der im Video genannten 40.000 Schulen fünf Millionen Euro erhalten. „Hauptsache die Kasse der Rüstungsindustrie klingelt“, heißt es weiter.

Wenn selbst Top-Ökonomen den Kopf schütteln… 💸
700 Milliarden Euro fließen bis 2030 in veraltete Rüstungsprojekte, während das Geld an jeder Ecke fehlt. Wisst ihr eigentlich, was man mit dieser astronomischen Summe machen könnte? Wir könnten jede Schule in Deutschland mit 5 Millionen Euro in einen High-Tech-Palast verwandeln – und hätten immer noch den Löwenanteil übrig, um unsere marode Wirtschaft und Infrastruktur zu retten! Hauptsache die Kasse der Rüstungsindustrie klingelt, während bei uns die Schulen wegschimmeln. Wir sagen: Schluss mit dem Wahnsinn. Wirtschaftliche Vernunft statt Milliarden-Verpulverung! 🕊️💼

700 Milliarden. Das klingt groß, böse und nach einem zuverlässigen Reaktionsbeschleuniger für Facebook. Mehr muss eine Zahl in der politischen Kommunikation des BSW zunächst nicht leisten.

Das BSW NRW behauptet, 700 Milliarden Euro flössen bis 2030 in „veraltete Rüstungsprojekte“. (Screenshot: Facebook)
Das BSW NRW behauptet, 700 Milliarden Euro flössen bis 2030 in „veraltete Rüstungsprojekte“. (Screenshot: Facebook)

Die Zahl ist nicht erfunden. Sie beschreibt das bis 2030 vorgesehene Programm zur Modernisierung der Bundeswehr. Auch die Kritik an der Verwendung stammt nicht vom BSW. Sie stammt vom Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick.

"Deutschland investiert laut IfW-Präsident Schularick sein Geld für Verteidigung nicht in die richtigen Systeme. Er fordert einen Kurswechsel hin zu KI, Drohnen und Robotik." (Screenshot Facebook)
Deutschland investiert laut IfW-Präsident Schularick sein Geld für Verteidigung nicht in die richtigen Systeme. Er fordert einen Kurswechsel hin zu KI, Drohnen und Robotik.“ (Screenshot: Facebook)

Schularick wirft Verteidigungsminister Boris Pistorius vor, einen großen Teil des Geldes weiter für Panzer, Fregatten und andere aus seiner Sicht veraltete Technologien auszugeben. Das Programm drohe deshalb zu „verpuffen“, berichten Tagesschau und ZDFheute.

Damit endet die Übereinstimmung zwischen Schularick und dem BSW.

Genauer gesagt: An dieser Stelle hört das BSW – bzw. BSW-NRW-Vorstandsmitglied Ralf Broegelmann – auf, ihm zuzuhören.

Wenn selbst Top-Ökonomen den Kopf schütteln“, kommentiert das BSW den Beitrag. Nur kritisiert der Top-Ökonom eben nicht die höheren Verteidigungsausgaben. Die sind, angesichts der Drohungen aus dem Kreml und des seit Jahren andauernden hybriden Krieges, den Russland gegen Deutschland führt, leider notwendig.

Prof. Dr. Moritz Schularick kritisiert vielmehr, dass das Geld nicht wirksam genug für die Verteidigung eingesetzt wird.

Schularick will nicht abrüsten

Schularick fordert NICHT, die 700 Milliarden Euro in Schulen umzuleiten. Er will das Geld militärisch wirksamer einsetzen. Deutschland habe weder die Soldaten noch die Zeit, seine Verteidigung vor allem auf immer mehr bemannte Fahrzeuge und Kasernen zu stützen. Stattdessen nennt er KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik.

Auch bei der Produktion verlangt er einen Umbau. Nicht einzelne, hochkomplexe Systeme in kleiner Stückzahl seien das Ziel, sondern schnell hochfahrbare Kapazitäten. Sein Beispiel: Der Staat solle nicht nur 200 Flugabwehrraketen bestellen, sondern die Fabrik ermöglichen, die im Ernstfall 2.000 Raketen pro Jahr herstellen kann.

Als Kronzeuge für weniger Verteidigungsausgaben eignet sich Schularick damit ungefähr so gut wie ein Feuerwehrmann, der einen besseren Feuerwehrwagen verlangt, als Kronzeuge gegen effektiven Brandschutz.

Seine Position ist in einem Papier des IfW vom Mai noch deutlicher. Die Autoren – darunter Schularick – verlangen zusätzliche Investitionen in europäische Verteidigungsfähigkeit. Für zehn strategische Fähigkeitslücken veranschlagen sie 150 bis 200 Milliarden Euro bis 2030 und rund 500 Milliarden Euro über das kommende Jahrzehnt. Schularick nennt Verteidigungsinvestitionen in Hochtechnologie ausdrücklich „Technologiepolitik mit Sicherheitsrendite“.

Das ist keine Abrüstungsforderung. Es ist das Plädoyer eines Ökonomen für eine technologisch modernere, europäisch koordinierte und industriell schneller skalierbare Aufrüstung.

Aber „Mehr Drohnen, Raketen und militärische Fabriken“ wäre vermutlich ein eher mäßiger Slogan für einen BSW-Clip.

Panzer gegen Drohnen?

Ob Schularick Panzer und Fregatten zu pauschal als alte Technik behandelt, ist eine ernsthafte Debatte. Pistorius verweist darauf, dass der Krieg in der Ukraine gerade zeigt, dass Panzer, Flugzeuge, Schiffe und Infanterie weiterhin benötigt werden. Zugleich investiere Deutschland in Drohnen und unbemannte Systeme.

Moderne Streitkräfte wählen nicht zwischen Panzer oder Drohne, Artillerie oder Software. Sie müssen diese Systeme verbinden. Auch der Schützenpanzer Puma ist nicht deshalb nutzlos, weil Drohnen über dem Gefechtsfeld fliegen. Aber eine kleine Zahl teurer Fahrzeuge ohne Ersatzteile, Munition, Aufklärung, Drohnenabwehr und ausreichende Produktionskapazitäten hilft im Ernstfall ebenfalls wenig.

Ein gutes Beispiel ist die Panzerhaubitze 2000. Sie wurde lange vor dem aktuellen Drohnenkrieg entwickelt – und hat sich trotzdem im Einsatz der Ukraine bewährt. Die Bundeswehr überschrieb ihren Bericht über die ersten Einsätze 2022 mit „Deutsche Geschütze bewähren sich“. Oberst Dietmar Felber, damals Leiter der Artillerieschule, sagte über die gelieferten Systeme: „Sie standen im Gefecht von Beginn an, und sie sind erfolgreich.

Die Panzerhaubitze 2000 in der Bayerwaldkaserne. Das System hat sich im Einsatz in der Ukraine bewährt, verlangt aber regelmäßige Wartung. (Foto: Peter Ansmann)
Die Panzerhaubitze 2000 in der Bayerwaldkaserne. Das System hat sich im Einsatz in der Ukraine bewährt, verlangt aber regelmäßige Wartung. (Foto: Peter Ansmann)

Die Panzerhaubitze verbindet hohe Präzision mit großer Reichweite. Mit Standardmunition erreicht sie laut Bundeswehr 30 Kilometer, mit reichweitengesteigerter Munition bis zu 40 Kilometer. Sie ist allerdings kein Wundergerät: Regelmäßige Wartung und Reparaturen sind für ihre Einsatzbereitschaft unverzichtbar. Genau darin liegt der Punkt: Drohnen machen Rohrartillerie nicht überflüssig. Sie verändern, wie sie aufgeklärt, geschützt und eingesetzt werden muss.

Der Trick des BSW

Aus dieser militärischen und industriepolitischen Auseinandersetzung macht das BSW einen einfachen Gegensatz: hier Schulen, dort angeblich sinnlos verpulverte Rüstungsmilliarden. Die Rechnung im Video ist simpel: 40.000 mal fünf Millionen Euro ergeben 200 Milliarden Euro. Es bliebe also tatsächlich der größere Teil der genannten Summe übrig.

Nur beantwortet diese Rechnung keine einzige sicherheitspolitische Frage. Bildung und Landesverteidigung sind Aufgaben des Staates. Wer Geld effizienter ausgeben will, muss erklären, welche Fähigkeiten Deutschland angesichts des russischen Angriffskrieges nicht benötigt und wie die entstehende Lücke geschlossen werden soll.

Das BSW erklärt nichts davon.

Russland, Abschreckung, Munitionsvorräte, Luftverteidigung, Produktionskapazitäten: lauter störende Details, wenn man gerade 700 Milliarden Euro an ein paar maroden Schulfassaden vorbeiziehen lassen möchte.

Reaktionen unter dem BSW-Beitrag. Benutzernamen und Profilbilder der Kommentierenden wurden verpixelt. (Screenshot: Facebook)
Reaktionen unter dem BSW-Beitrag. Benutzernamen und Profilbilder der Kommentierenden wurden verpixelt. (Screenshot: Facebook)

Das BSW leiht sich die Autorität eines Ökonomen, streicht dessen Forderung nach wirksamerer Aufrüstung und lässt nur die Zahl von 700 Milliarden Euro stehen.

Aus einer Debatte über die richtigen Waffen wird Werbung gegen sinnvolle Verteidigung.

Politisch ist das ausgesprochen effizient: Kein einziges militärisches Problem wird gelöst, aber die Kasse der Rüstungsindustrie durfte einmal bedrohlich klingeln.

Das ist kein Faktencheck. Es ist Etikettenschwindel.

Wahlkampf mit der Wirklichkeit

Der Beitrag ist mutmaßlich kein zufälliger Ausrutscher. Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt, und das BSW kämpft um den Einzug. Dabei setzt es offenbar auch auf genau diese Art von Populismus: eine große Zahl, marode Schulen, ein empörungstaugliches Feindbild – und bloß keine Erklärung, was der zitierte Ökonom tatsächlich fordert.

Ein Einzug des BSW wäre fatal. Nicht nur, weil damit eine weitere Partei im Landtag säße, die komplexe sicherheitspolitische Fragen zu billigen Rechenkunststücken verarbeitet. Die BSW-Führung hat sogar vorgeschlagen, nach der Wahl einen „überparteilichen“ Ministerpräsidenten mit wechselnden Mehrheiten unter Einbindung der AfD regieren zu lassen. Das ist keine Unterstellung, sondern stand in einem Schreiben der BSW-Parteiführung.

Ob Sachsen-Anhalt im September komplett zur Oblast wird, hängt auch davon ab, ob genügend Wähler die populistischen Nebelkerzen (wie diese) von AfD und BSW durchschauen – zwei Parteien, deren sicherheitspolitischer Kompass auffällig zuverlässig nach Moskau zeigt.

Autorenseite: Peter Ansmann
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Fakt ist, weltweit werden Fregatten neue Einheiten gebaut, um U-Boote aufzuspüren. Sie waren und sind das Rückgrat der U-Jagd.

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