AfD Sachsen-Anhalt: Rückwärts denken heißt jetzt „Deutschdenken“

Bauhaus Dessau (Foto: Aufbacksalami, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Sachsen-Anhalt wirbt mit „moderndenken“. Die AfD hat darin eine „Politik der Identitätslosigkeit“ erkannt und verspricht Heilung: Nach einem eventuellen Wahlsieg soll im Oblast Sachsen-Anhalt künftig „Deutsch denken“.

Im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt heißt es, gerade das Bauhaus habe „jedes Anzeichen von nationaler Verwurzelung“ vermeiden wollen. Deshalb soll aus der Kampagne „moderndenken“ die Kampagne „#deutschdenken“ werden. Wo die Moderne stört, hilft offenbar eine neue Beschriftung.

Bauhaus – Weiße Stadt Tel Aviv (Foto: Peter Ansmann)

Das Bauhaus als Krankheitsbild

Der kulturpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, hatte das Bauhaus bereits 2024 im Landtag zum „Irrweg der Moderne“ erklärt.

Es habe das menschliche Bedürfnis nach „Geborgenheit und Behaglichkeit nach allen Regeln der Kunst vergewaltigt“. Seine Ideen müssten „historisiert und ins Museum gestellt werden“.

Ulrich Siegmund klingt kurz vor der Wahl etwas vorsichtiger. Gegenüber der Nachrichtenagentur AP erklärte er, das Bauhaus selbst sei nicht das Problem. Sachsen-Anhalt dürfe seine Kultur nur nicht darauf beschränken. Das ist die versöhnliche Kurzfassung eines Programms, das dem Land eine kulturelle „Identitätsstörung“ bescheinigt und die passende Therapie gleich mitliefert.

Vom „Irrweg“ zum Weltkulturerbe

Das 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründete Staatliche Bauhaus wollte Kunst, Handwerk und industrielle Gestaltung zusammenführen. Nachdem die rechtsbürgerliche Regierung in Thüringen die Mittel kürzte, zog die Schule 1925 nach Dessau.

Dort entstanden unter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe jene sachlichen Gebäude, Möbel und Alltagsgegenstände, die später zum Inbegriff der klassischen Moderne wurden. Dessau liegt im heutigen Sachsen-Anhalt. Das Bauhaus gehört damit ausgerechnet zu den international bekanntesten kulturellen Erbschaften jenes Bundeslandes, dessen AfD seine Ideen gern aus der Gegenwart verabschieden würde.

Mit den jüdischen Architekten, die vor den Nationalsozialisten aus Deutschland und Europa flohen, gelangten die Ideen des Bauhauses und des Internationalen Stils ins britische Mandatsgebiet Palästina. Tel Aviv wuchs damals rasant und bot ihnen die Gelegenheit, eine moderne Stadt nahezu neu zu errichten. Die europäische Architektur wurde dabei an das mediterrane Klima angepasst: Helle Fassaden reflektierten die Sonne, Balkone spendeten Schatten, Flachdächer dienten als Aufenthaltsorte und offene Grundrisse sorgten für Luftzirkulation.

Bauhaus Center Tel Aviv (Foto: Peter Ansmann)
Historisch: Zionistische Werbung im Bauhaus Center Tel Aviv (Foto: Peter Ansmann)

Nach Palästina gelangten allerdings nicht nur Ideen. Über das 1933 geschlossene Haavara-Transferabkommen konnten verfolgte deutsche Juden einen Teil ihres in Deutschland blockierten Vermögens retten: Mit dem Geld wurden deutsche Waren gekauft, nach Palästina exportiert und dort verkauft; die Auswanderer erhielten anschließend den Erlös. Zu diesen Waren gehörten Maschinen und Baumaterialien.

Ein erheblicher Teil davon wurde beim Bau der Weißen Stadt verwendet – darunter Fliesen, Glasfenster, Tür- und Fenstergriffe, Armaturen, Metall und Beton. Mancher Eingangsbereich wirkt deshalb trotz mediterranen Lichts wie ein Gelsenkirchener Nobelviertel, dessen Bauherr beim deutschen Beschlagkatalog einmal zu oft „Nehmen wir“ gesagt hat.

In Tel Aviver Häusern finden sich deshalb bis heute Bauteile und Materialien aus Deutschland.

Das Bauhaus kam nach Tel Aviv also nicht nur als Idee. Es steckt teilweise buchstäblich in Fenstern, Fliesen und Türgriffen. Mit rund 4.000 Gebäuden besitzt die Stadt heute das weltweit größte zusammenhängende Ensemble dieser Architektur.

Die „Weiße Stadt“ wurde 2003 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Einen Eindruck davon vermittelt auch mein Ruhrbarone-Reisebericht „Israel erleben, Teil 3: Schabbat Schalom – ein Samstag in Tel Aviv“.

Was die AfD heute als fehlende „nationale Verwurzelung“ beklagt, erwies sich international als erstaunlich lebensfähig.

Bauhaus Tour Tel Aviv (Foto: Peter Ansmann)
Bekannt für seine Bauhaus-Architektur: Weiße Stadt / Tel Aviv (Foto: Peter Ansmann)

Bundeskulturstaatsminister Wolfram Weimer warf der AfD gegenüber AP vor, das Bauhaus mit denselben Begriffen anzugreifen, die schon die Nationalsozialisten benutzt hätten. Der Bund werde die Stiftung auch unter einer möglichen AfD-Regierung weiter unterstützen.

Das Bauhaus hat Architektur und Design weltweit geprägt.

Die AfD antwortet mit einem Hashtag, der klingt, als habe eine Werbeagentur im Kaiserreich endlich seinen Internetanschluss in Betrieb genommen.

Rückwärts denken heißt jetzt „Deutschdenken“.

In der App öffnen Autorenseite: Peter Ansmann
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