
Elif Eralp will ins Rote Rathaus. Die Neuköllner Linksjugend will eine Absage ans Mitregieren. Ein Bundestagsabgeordneter liefert den Zusammenhaltsspruch. Und die passende Gegenlektüre zum Jugendaufruf stammt aus der eigenen Fraktionsführung. Die Berliner Linke bietet ihren Wählern dieselbe Partei für entgegengesetzte Vorhaben.
Im Wahlkampf müssen Parteien erklären, was sie mit den Stimmen ihrer Wähler anfangen wollen. Die Linke Berlin führt vor, wie man diese Frage gleichzeitig in zwei Richtungen beantwortet. Eralp bewirbt sich um das Amt der Regierenden Bürgermeisterin. Die Linksjugend [’solid] Neukölln fordert Kandidierende in ihrem Aufruf vom 6. September 2026 dagegen auf, Regierungsbeteiligungen abzulehnen und Parlament sowie Wahlen für den Klassenkampf zu nutzen.
Das ist ein Aufruf der Jugendgruppe, kein Beschluss des Landesverbands. Politisch macht es die Sache trotzdem reizvoll: Die einen sammeln Stimmen für den Einzug ins Rathaus, die anderen Argumente gegen den Einzug.
Der Fraktionschef hat die Gegenlektüre schon geschrieben
Die Fraktionsvorsitzendenkonferenz beschloss am 13. Juni 2026 ein Diskussionspapier, das parlamentarische Arbeit ausdrücklich gegen ihre Verengung auf Bewegungs- und Parteiaufbau verteidigt. Mitverfasst hat es Tobias Schulze, Vorsitzender der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, zusammen mit Christian Schaft und Thomas Lohmeier.

Die Vorstellung vom Parlament als Klassenkampfbühne bezeichnet das Papier als „leninistische Idee“, die nicht dem Verständnis einer demokratisch-sozialistischen Partei entsprechen könne. Es verbindet wirksame Opposition, Regierungsarbeit und gesellschaftliche Bewegung.
Der Text ist älter als der Neuköllner Aufruf. Er ist keine nachträgliche Retourkutsche, sondern belegt einen bereits formulierten strategischen Gegensatz. Was die Jugendgruppe zum Wahlkampfziel erklärt, hat die eigene Fraktionsführung als unzureichendes Parteiverständnis zurückgewiesen.
Andere Parteien suchen im Wahlkampf die Schwachstellen ihrer Gegner. Bei der Linken genügt die Lektüre der eigenen Veröffentlichungen.
Koçak liefert das Gemeinschaftsgefühl
Unter genau dem Neuköllner Aufruf kommentierte der Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak am 6. September 2026: „Jetzt erst recht! Niemals allein – Immer gemeinsam!“

Eine ausdrückliche Absage an Koalitionen formuliert Koçak damit nicht. Der Kommentar beantwortet auch nicht, wie der Anti-Regierungs-Aufruf mit Eralps Bewerbung ums Rathaus zusammenpassen soll. Er liefert die Solidaritätsformel zum offenen Richtungsstreit.
Gemeinsam geht offenbar auch in entgegengesetzte Richtungen. Man muss nur beim Gemeinschaftsgefühl bleiben und darf nicht nach dem Ziel fragen.
Die Bundespartei hält sich beide Wege offen
Bundestagsfraktionschefin Heidi Reichinnek hatte die Regierungsfrage beim Parteitag am 20. Juni 2026 gegenüber phoenix anders gewichtet: Entscheidend seien erreichbare Veränderungen. Dafür kämen Regierung wie Opposition infrage; die Lage im jeweiligen Bundesland und politische Grenzen müssten berücksichtigt werden.

Der Bundesparteitagsbeschluss vom 21. Juni 2026 nennt für Berlin das Ziel, stärkste Kraft zu werden. Regierungskoalitionen und vertragliche Tolerierungen knüpft er an ein insgesamt fortschrittliches Programm. Auch das ist eine frühere Grundsatzposition, keine Reaktion auf den September-Aufruf.
Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner wurde für Berlin konkreter: Eine Regierungsbeteiligung müsse die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne bringen. Das erklärte sie im stern-Podcast, über den die dts Nachrichtenagentur am 6. August 2026 berichtete. Die Bundesvorsitzende formuliert damit eine Bedingung für das Mitregieren. Die Neuköllner Jugendgruppe fordert dessen grundsätzliche Ablehnung.

Schwerdtner und Eralp stehen bei der Vergesellschaftung auf derselben Seite. Der Gegensatz verläuft zur kategorischen Regierungsabsage. Selbst ein gemeinsames politisches Ziel beantwortet noch nicht die Frage, ob die Partei zu seiner Umsetzung eine Regierung bilden soll. Das Wahlprogramm verspricht Veränderung; der interne Streit betrifft bereits das Werkzeug.
Für Wähler ist das keine akademische Debatte. Sie sollen Eralp ins Rathaus wählen; die Jugendgruppe wirbt bei Kandidierenden dafür, draußen zu bleiben. Die Partei liefert zum Regierungsangebot gleich die Anleitung, es auszuschlagen. Geschlossenheit lässt sich offenbar in Einzelteilen bestellen.
Rote Linien mit Lautstärkeregler
Beim Streit um den Auftritt von Dahabflex am 29. August 2026 ging es unter anderem um eine Textzeile zur Vernichtung der israelischen Armee. Auch hier bot die Bundesführung unterschiedliche Tonlagen. Bundesgeschäftsführer Janis Ehling erklärte der taz am 31. August 2026: „Die Forderung nach dem Tod von Menschen ist niemals eine linke Forderung.“
Parteichef Luigi Pantisano lehnte bei seiner Pressekonferenz am selben Tag ebenfalls Gewaltaufrufe ab, ausdrücklich auch solche, die als Gewaltaufrufe verstanden werden könnten. Zugleich kritisierte er die anschließende Diskussion. Mit Blick auf Israels Politik sagte er laut t-online: „Das sind die Themen, über die diskutiert werden müsste, nicht irgendwelche Lieder von irgendwelchen Rappern.“
Der Unterschied lag in der Gewichtung: Ehling markierte eine Grenze, Pantisano erklärte die Beschäftigung mit dem Vorgang zugleich zur falschen Themenwahl. Die rote Linie bekam einen Lautstärkeregler.
Bundestagsfraktionschef Sören Pellmann erklärte im Freitag-Interview vom 1. September 2026 sein Vertrauen, dass Eralp die Parteibeschlüsse zu Israels Politik konsequent vertreten werde. Zum Dahabflex-Auftritt sagte er, Gewaltaufrufe seien keine Lösung; er erwarte Aufklärung aus Neukölln.
Drei Tage später, am 4. September 2026, erklärte sich die Neuköllner Linksjugend mit Dahabflex solidarisch: „Elif Eralp spricht nicht für uns.“ Eralp bekräftigte im rbb-Interview vom 8. September 2026 ihre Verurteilung des Auftritts und verwies auf die weitere Aufarbeitung in Parteigremien.
Eine Spitzenkandidatin soll für die Partei sprechen. Ein Teil ihres Nachwuchses erklärt öffentlich, dass sie das für ihn gerade nicht tut. Geschlossenheit sieht in Berlin offenbar aus wie eine Sammlung von Gegendarstellungen.
Den Aufruf gegen das Mitregieren und die Vorgeschichte des Konflikts haben wir im ersten Teil dokumentiert: Die Linke Berlin: Die Selbstzerlegung braucht keine Bühne mehr.
Nach der Wahl ist vor dem internen Streit
Für Eralp hat die Debatte einen praktischen Haken. Nach dem Berliner Parteitagsbeschluss vom 15. November 2025 entscheidet ein Landesparteitag über mögliche Sondierungen. Über den Eintritt in eine Koalition entscheiden die Mitglieder. Die Spitzenkandidatin kann den Regierungskurs also nicht allein festlegen.
Mitgliederentscheide gehören zur innerparteilichen Demokratie. Brisant wird das Verfahren durch die Positionen, die aufeinandertreffen. Ob die Regierungsgegner dafür eine Mehrheit gewinnen könnten, ist offen. Einen automatischen Durchmarsch ins Rathaus verspricht die Beschlusslage jedenfalls nicht.
Eralp muss damit um zwei Mehrheiten werben: eine politische Mehrheit für einen Regierungswechsel und eine in der eigenen Partei für den Weg dorthin. Ihre Genossen liefern schon vor der Wahl die Argumente für die zweite Auseinandersetzung.
Ein Wahlsieg wäre für Eralp erst die halbe Miete. Die andere Hälfte müsste sie bei den eigenen Genossen eintreiben.
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