
Vorgestern jährte sich der islamistische Anschlag vom 11. September 2001 zum 25. Mal. Einen Tag zuvor wurde des ersten Todestages des US-amerikanischen Podcasters und Aktivisten Charlie Kirk gedacht. Beide Ereignisse weisen ein altes Muster auf, das die Menschheitsgeschichte durchzieht – in Windeseile können einige die vermeintlich wahren Schuldigen benennen: die Juden.
9/11 dürfte die Geburtsstunde der modernen Verschwörungstheorien gewesen sein. Kurz nach dem Terroranschlag, bei dem knapp 3.000 unschuldige Menschen getötet wurden, verbreiteten sich alternative Versionen davon, was sich an jenem Tag, nach dem nichts mehr so sein sollte, wie es einmal war, tatsächlich zugetragen haben soll.
Natürlich gab es auch schon vorher Verschwörungstheorien. Hinter dem Attentat auf den damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963 steckte angeblich gar nicht Lee Harvey Oswald, und bereits während der Französischen Revolution und während der Pestepidemien im Mittelalter gab es fest verankerte Mythen.
Dennoch markierte der 11. September 2001 den Übergang in eine völlig neue Ära des Zweifels. Forscher sprechen vom Startpunkt der alternativen Fakten.
Die neue Ära der Verschwörungstheorien
Vor 9/11 wurden Verschwörungstheorien über obskure Magazine, Bücher oder Nischen-Treffen verbreitet. Die Anschläge von 2001 fielen aber mit dem rasanten Aufstieg des Internets und damit Plattformen wie YouTube zusammen. Zum ersten Mal konnten Amateure ihre eigenen „Beweisketten“ global und in Echtzeit an Millionen Menschen ausspielen.
Warum wir an große Verschwörungen glauben
Doch warum entstehen Verschwörungstheorien überhaupt? In der Sozialpsychologie gibt es einen Erklärungsansatz, der „Proportionality Bias“ (auf Deutsch etwa Proportionalitätsverzerrung) genannt wird. Dabei handelt es sich um einen psychologischen Denkfehler: die menschliche Tendenz zu glauben, dass große Ereignisse auch eine große, bedeutende Ursache haben müssen. Ein unbedeutender Einzeltäter wie Lee Harvey Oswald kann keinen Präsidenten einer mächtigen Weltmacht töten. Es muss also eine größere Kraft im Hintergrund agiert haben.
Viele Verschwörungserzählungen zu 9/11 beinhalten den Staat Israel, jüdische Personen oder den Mossad. Mal wird behauptet, dass am 11. September rund 4.000 jüdische Angestellte des World Trade Centers nicht zur Arbeit erschienen wären, da sie vorab durch den israelischen Geheimdienst gewarnt worden seien, mal hat der Mossad gar selbst die Anschläge als False-Flag-Operation ausgeführt, um die USA in einen Krieg gegen die islamische Welt zu zwingen.
Am 11. September 2025, einen Tag nach der Ermordung des Podcasters und Aktivisten Charlie Kirk, wurden die sozialen Medien mit Behauptungen geflutet, dass auch hier die Israelis dahinterstecken würden. Candace Owens, die als eine der Leitfiguren der US-amerikanischen „Woke Right“ bezeichnet wird, begann in ihrem Podcast intensiv zum Fall zu recherchieren und behauptete, Kirk sei aus seinem eigenen Umfeld verraten worden. Sie behauptete eine weitreichende Vertuschung unter Beteiligung des „Deep State“, des FBI sowie des Mossad.
Der „Proportionality Bias“ kann erklären, warum Menschen nach einer Ursache suchen, die der Größe eines Ereignisses vermeintlich angemessen ist. Aber warum landen die meisten Erklärungsversuche dann schlussendlich beim Antisemitismus? Um dies zu erklären, gehen wir in der Menschheitsgeschichte rückwärts, um uns dem Ursprung anzunähern.
Ein altes Muster
1881 wurde Alexander II., der regierende Zar des Russischen Reiches, am 13. März bei einem Bombenanschlag in St. Petersburg getötet. Die Täter gehörten einer radikalen, sozialrevolutionären Untergrundorganisation namens „Narodnaja Wolja“ an. Unter den Attentätern befand sich die Jüdin Gesja Helfmann.
Obwohl der Anschlag radikal-sozialistisch motiviert war, machten Regierungsstellen die gesamte jüdische Bevölkerung für den Mord verantwortlich. Es verbreitete sich die verschwörungstheoretische Behauptung, die Juden würden im Hintergrund einen geheimen Umsturz planen. Dies führte zu einer Welle von schweren Pogromen in Russland und in der Ukraine. Bis 1884 kam es zu Hunderten solcher gewalttätigen Ausschreitungen, bei denen zahlreiche Juden getötet, Tausende verletzt und jüdische Besitztümer im Wert von Millionen von Rubel zerstört wurden. Das Regime unter dem Zarennachfolger Alexander III. nutzte die Stimmung, um verschärfte antijüdische Gesetze durchzusetzen.
Am 14. April 1865, nur wenige Tage nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs, fiel der amtierende US-amerikanische Präsident Abraham Lincoln im Ford’s Theatre in Washington, D.C., einem Attentat zum Opfer. Der Schauspieler John Wilkes Booth, ein Anhänger der Konföderierten, verschaffte sich Zugang zur Präsidentenloge und schoss Lincoln von hinten in den Kopf.
Bis heute hält sich die Verschwörungstheorie, dass die jüdische Bankiersfamilie Rothschild hinter dem Attentat stecke. Lincoln hatte sich während des Krieges geweigert, hochverzinsliche Kredite von europäischen Banken anzunehmen. Stattdessen ließ er eigene, zinsfreie Banknoten (die sogenannten Greenbacks) drucken, um den Krieg zu finanzieren.
Es wird nun behauptet, die jüdischen Banker hätten in Lincoln eine Bedrohung für ihr vermeintlich angestrebtes Finanzmonopol und das Geldwesen gesehen. Deshalb hätten sie den Attentäter bezahlt, um den Präsidenten zu ermorden und das amerikanische Bankensystem wieder unter Kontrolle zu bringen. Historisch gibt es dafür keinerlei Beweise.
Außerdem konzentrierte sich ein weiterer Strang der Erzählung auf den Außenminister und ehemaligen Justiz- und Kriegsminister der Konföderation, Judah P. Benjamin, einen der prominentesten jüdischen Politiker in der Geschichte der USA.
Da Benjamin neben dem Präsidenten Jefferson Davis als Kopf der konföderierten Regierung galt und über ein großes Netzwerk im Ausland verfügte, wurde behauptet, dass er der eigentliche Drahtzieher hinter dem Attentat gewesen sei. Benjamins jüdische Herkunft wurde dabei gezielt genutzt, um das antisemitische Vorurteil vom geheimen, im Hintergrund Strippen ziehenden Juden zu bedienen. Obwohl der Attentäter Kontakte zum konföderierten Geheimdienst hatte, gab es nie eine Verbindung zu Benjamin.
Die Wurzel des christlichen Antijudaismus
Kommen wir nun zum Ursprung dieses Schemas, das sich durch die Geschichte der Menschheit zieht. Man kann heute kein genaues Datum bestimmen. Allerdings kann der Zeitraum des Ereignisses auf 30 bis 33 nach Christus eingegrenzt werden. Die Rede ist von Jesus von Nazaret.
Jesus war ein jüdischer Wanderprediger und Lehrer, der im heutigen Israel lebte und eine Anhängerschaft um sich scharte. Die große Mehrheit der Historiker ist sich einig, dass er tatsächlich gelebt hat. Es existieren außerbiblische Quellen, die dafür sprechen. Jesus wurde von seinen Anhängern als der versprochene Messias gefeiert. Im damaligen jüdischen Verständnis war der Messias eine königliche Figur, die das Volk von der römischen Fremdherrschaft befreien sollte. Auch die führenden jüdischen Autoritäten, insbesondere der Hohepriester und der Hohe Rat, sahen in Jesus eine Bedrohung für die religiöse und die gesellschaftliche Ordnung. Deshalb wurde Jesus aus einer Kombination von religiösen und politischen Gründen zum Tode verurteilt. Da das jüdische Gericht zu dieser Zeit keine Todesstrafen vollstrecken durfte, lieferten die religiösen Führer Jesus an den römischen Statthalter Pontius Pilatus aus. Sie formulierten einen religiösen Vorwurf in eine politische Anklage um, damit Pilatus zum Handeln gezwungen war.
Obwohl Jesus nachweislich von der römischen Besatzungsmacht gekreuzigt wurde, konstruierten frühe Kirchenväter die Erzählung, dass die jüdische Bevölkerung die treibende, bösartige Kraft hinter der Hinrichtung gewesen sei.
Aus einer Passage im Matthäusevangelium, in der eine aufgebrachte Menge ruft: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“, wurde eine ewige Blutschuld abgeleitet. Die Juden wurden pauschal als Christusmörder gebrandmarkt. Erst im Jahr 1965 nahm die katholische Kirche diese Kollektivschuld offiziell zurück.
Judas Iskariot, der Jünger, der Jesus für Geld verriet, wurde in der christlichen Kunst und Erzähltradition systematisch zum Prototyp des Juden verzerrt. Er wurde oft mit stereotypischen Merkmalen (Hakennase etc.) und Eigenschaften wie Geldgier, Hinterlist und Falschheit dargestellt. Seine Tat wurde als jüdische Verschwörung interpretiert, um den Messias aus Habgier zu vernichten. Hier liegt die Wurzel des bis heute existierenden Stereotyps des gierigen und verräterischen Juden.
Diese Verschwörungstheorien und Mythen dienen über mehrere Jahrtausende als theologische Scheinrechtfertigung für Diskriminierung, Vertreibung und mörderische Pogrome an jüdischen Minderheiten. Das gefährliche psychologische Muster hinter diesen Theorien ist eine paradoxe Machtzuschreibung. Denn den damals weitestgehend rechtlosen und ausgegrenzten Juden wurde angedichtet, sie besäßen die geheime, übernatürliche Macht, den Sohn Gottes und damit Gott selbst zu töten. Wer über eine solche Macht verfügt, dem traute man im mittelalterlichen Weltbild auch jede andere geheime Weltverschwörung, wie zum Beispiel das Vergiften von Brunnen während der Pest, zu.
Vom religiösen Mythos zur Verschwörungserzählung
Von diesem Startpunkt aus wurde das immer gleiche Muster immer wieder angewandt, um Juden die Schuld an Ereignissen mit schwerwiegenden Folgen zuzuweisen. Es entstand eine ganze Verschwörungsindustrie, in der Protagonisten Geld mit Büchern, Podcasts, Filmen, Vorträgen etc. verdienen.
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