Ein Sommernachtstraum Foto: Matthias Horn/Ruhrtriennale Lizenz: Copyright
Barbara Frey inszeniert zum Auftakt der Ruhrtriennale 2023 William Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“.
Da stehen wir also am Eingang einer Riesenhalle und schauen erwartungsvoll in eine schier endlose Dämmerung. Dann ist Einlass, alle Zuschauer schreiten die knapp 170 Meter des Industriedenkmals Kraftzentrale ab, und Schritt für Schritt nähern wir uns einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang, obwohl doch
Jedes Bild ist Täuschung, aber während der Ursprungsmythos der Kunst von Zeuxis und Parrhasios erzählt, den Malern, die darum streiten, die Welt der Dinge täuschend echt nachzuahmen, und von Vögeln, die an gemalten Trauben picken, will der digitale Alchemist Anadol uns weißmachen, wir könnten Algorithmen beim Träumen zuschauen. Seine LED-Installation „Natur Dreams“, zelebriert virtuelles Farbmagma.
Am Anfang stand die Nachahmung wirklicher Natur, die Transformation dreidimensionaler Dinge in die Zwei-Dimensionalität zwischen der senkrechten und der waagrechten Koordinate eines Zeichenblattes. Nach tausenden Jahren der Kulturgeschichte haben wir es gegenwärtig offenbar mit der Transformation digitaler Bilddateien in „virtuelle Natur“ zu tun. Die täuschend echte Darstellung einer Rebe hier als höchst Kunst, amorphe Farbwallungen dort, die begleitender Erzählungen in Gestalt von Musik und Sprache bedürfen.
Soll der Geier Vergißmeinnicht fressen? fragt Hans Magnus Enzensberger in seinem berühmten Gedicht vor mehr als sechzig Jahren, in dem er uns Menschen in unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit aufspießt. Die Absurdität der menschlichen Existenz ist damals bei Philosophen und Dichtern hoch im Schwange, und die Konzeptkunst macht sich auf, mit Raffinesse und Tiefgang Widersprüche in der Gesellschaft zu beleuchten.
David Tudor and Compsers Inside Electronics. Rainforest V, 1963, Foto Dirk Rose/Kunstmuseen Krefeld
Eine Ausstellung im Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld widmet sich dem Klang des Materials in der Kunst der 1950er bis 1970er Jahre.
Im schalltoten Raum hörst Du nur Dein Herz klopfen – eine künstliche Versuchsanordnung. Klack! Klack! Klack! Der Knopf, auf den ich mehrmals drücke, macht ein Geräusch, aber weiter passiert nichts. Die „Revolution“ von Günther Uecker bricht akustisch nicht aus, weil die gleichnamige Installation aus einer Vielzahl metallischer Objekte gerade nicht betriebsbereit ist, wie sich herausstellt. Kein Höllenlärm also, weil dafür die Blecheimer, Hammer, Stangen und Ketten, in Bewegung versetzt, einander berühren und Geräusche erzeugen müssten. Andere Installationen operieren mit Ton-Konserven vom Band. Ohne diese „Tonspur“ fehlt diesen Kunstwerken ihre bessere Hälfte. Das
Das weite Land Foto: Matthias Horn/Ruhrtriennale Lizenz: Copyright
Barbara Frey inszeniert bei der Ruhrtriennale Arthur Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land“.
Wie übersättigt muss eine Gesellschaft sein, um einen Krieg als „reinigendes Gewitter“ willkommen zu heißen? In Zeitlupe scheinen die Walzer-Seligen der Fin de siècle-Bälle zu erstarren, aber unterschwellig gärt die Lebens- und Liebesgier der gnädigen Herrschaften und findet in Amouren und Affären ihren Ausdruck. Dieses Szenarium beäugte Arthur Schnitzler in Wien aus nächster Nähe und seziert in seiner 1910 uraufgeführten Tragikomödie „Das weite Land“ lebende Seelen. Er hält der Gesellschaft seiner Zeit einen Spiegel vor und gleichzeitig stellt er Sinnfragen in den Raum, die auch heute wieder ihre Berechtigung haben.
Kraftwerk Scholven mit Windrad Foto: Mischa Leinkauf/VG Bild-Kunst Lizenz: Copyright
Mischa Leinkaufs Fotoserie im Programmmagazin der Ruhrtriennale 2022
Mischa Leinkauf setzt einen Menschen hinein in die kolossalen Kulissen der Schwerindustrie, die einst Geld und Macht repräsentierten und entdeckt Fotografie um Fotografie Motive, die den Mythos Ruhrgebiet umkreisen. Sein „Avatar“ lässt sich durch Gebäude-Schluchten und Landschaften der Region treiben, wie ein Vogel scheint er sich vom Wind trägen zu lassen und zu landen, wo er gerade will. Immer sitzt des Fotografen Stellvertreter weit oben, dort, wo gewöhnlich Sterbliche nicht hingelangen, und wendet uns den Rücken zu. Wir sehen ihm beim Schauen zu und teilen seine Aussicht.
In Zeiten, da „Fake“ eine Museumsausstellung wert ist, schlingern wir wie Bojen in der bewegten See widersprüchlicher „Wahrheiten“ und können „Im Augenblick“, dem Motto von Karin Kneffels aktueller Ausstellung im Max-Ernst-Museum Brühl folgend, unseren Augen nicht mehr trauen.
Der Künstlerin „Augenblick“ scheint an zeitentrückten Orten zwischen Traum und Imagination zu spielen, denn keines der 80 versammelten großen Ölgemälde und kleineren Aquarellformate ist aus den vergangenen drei Jahren, die 18 Schaffensjahre davor, geronnen zur Dauer eines Fingerschnippens.
Unversehens sehen wir uns nicht nur in einem charakteristischen gesellschaftlichen Konflikt unserer Gegenwart sondern mitten drin im Gründungsmythos mimetischer Malerei, demnach Zeuxis und Parrhasios sich stritten, wer die Dinge der Welt täuschender abbilden könne, hat die Künstlerin doch in einem früheren Gemälde jene berühmten Trauben so täuschend echt gemalt, dass selbst Vögel danach picken würden – doch dem steht ihre Riesenhaftigkeit entgegen, die sie als Objekte einer imaginierten Welt ausweisen, in der Geschichte und Gegenwart sich überlagern, Innen- und Außenwelt changieren.
Mischa Kuball: Les Fleurs Du Mal Lizenz: Copyright
Schön, wenn einem ein Licht aufgeht! Es mag sich an Ideen entzünden wie Mischa Kuball sie im Laufe seines 30jährigen Künstlerlebens in den öffentlichen Raum geworfen hat, als Störung im bürgerlichen Alltagstrott, Provokation oder Aufforderung zur Teilhabe. Als einziger Hochschullehrer für Kunst im öffentlichen Raum springt er überraschend wie ein Partisan aus
Erwachender (1935), Ehrenmal in Lüdenscheid Foto: Silvercork Lizenz: CC BY-SA 3.0
Werden Kunstobjekte im öffentlichen Raum als Straßenmöbel übersehen, oder wie kommt es, dass 76 Jahre nach dem Ende des Tausendjährigen Reichs in Deutschland und Österreich immer noch Objekte aus der Hitler-Diktatur im öffentlichen Raum herumstehen oder Theaterfoyers und Ämter „schmücken“, dass Künstler unbehelligt sowohl nationalsozialistischer Propaganda sich andienen als auch nach Kriegsende sich in Trauerarbeiter verwandeln und so die Opfer verhöhnen konnten? Die Mühlen der Geschichte mahlen langsam.
Deutschland zu entnazifizieren, hatten 1945 die Siegermächte im Potsdamer Abkommen sich vorgenommen, 596 Objekte wurden als Propaganda identifiziert und von amerikanischen Soldaten in die USA geschafft, wo sie bis heute, weitgehend abgeschottet von der Öffentlichkeit, lagern. Nach wie vor befürchten amerikanische Kunsthistoriker, diese Werke könnten Neonazis anstacheln oder sich unter Rechtsradikalen zu Ikonen verwandeln, während in der hiesigen Museumspraxis mittlerweile NS-Kunst, sachgemäß kommentiert, in größeren thematischen Zusammenhängen gezeigt wird.
Die hauchdünne Seide des über ein Bambusrohr geworfenen Kimonos scheint in einem Walzertakt zu wehen, der von fern erklingt, anziehend schön. Beim Herantreten an das Objekt stutze ich: Flaggen prangen dort, wo auf dem kostbaren Stoff Blüten, Kraniche oder Fächer zu erwarten sind, wie sich herausstellt Nationalflaggen von Italien, Japan und NS-Deutschland, die 1940 den Dreimächtepakt schlossen. Blitzartig sehe ich mich In meiner Neugier und Bewunderung in der Tradition jener, die um die Zeit des Fin de siècle fremde Kulturen