Die Causa Omar Artan – Primär geht es um Antiamerikanismus

Omar Artan (links) auf dem Spielfeld. Foto: Fédération Guinéenne Football / Flickr, Lizenz: CC PDM 1.0
Omar Artan (links) auf dem Spielfeld. Foto: Fédération Guinéenne Football / Flickr, Lizenz: CC PDM 1.0

Nachdem dem somalischen Schiedsrichter die Einreise in die USA verweigert wurde, überschlugen sich deutsche Medien mit Solidaritätsbekundungen. Wenn man sich den Fall allerdings genauer ansieht, wird klar, dass es in erster Linie darum geht, die Vereinigten Staaten ins Visier zu nehmen.

Omar Abdilkadir Artan ist ein somalischer Fußballschiedsrichter, der seit 2018 auf der FIFA-Schiedsrichterliste steht. Bei der aktuell in den USA, Mexiko und Kanada stattfindenden WM sollte Artan einer der 52 Schiedsrichter sein, die bei dem Wettkampf zum Einsatz kommen. Doch am Miami International Airport war die Reise zu Ende. Die Vereinigten Staaten verweigerten ihm trotz gültigen Visums die Einreise. Die US-Regierung hielt sich mit der Begründung kurz. Man habe Verbindungen zu mutmaßlichen Mitgliedern terroristischer Organisationen feststellen können und sei zu dem Schluss gekommen, dass Personen mit böswilligen Absichten, die unter dem Deckmantel der Fußball-Weltmeisterschaft ins Land zu gelangen versuchen, keinen Zugang zu den Vereinigten Staaten erhalten.
Nach einem mehrstündigen Verhör durch die Grenzbehörden, in dem es um die politische Lage in Somalia sowie um die islamistische Terrormiliz „Al-Shabaab“ ging, wurde Artan in Gewahrsam genommen und mit einem Flug zurück nach Istanbul geschickt. Da sich die WM-Schiedsrichter bereits in Miami vorbereiten, kann Artan die Spiele in Mexiko und Kanada nicht pfeifen.

Die Reaktionen in den deutschen Medien rahmten den Fall als weiteren Beleg dafür, dass auch die USA als WM-Gastgeber unter menschenrechtlichen Gesichtspunkten kritisch zu betrachten seien, und ordneten die WM 2026 in eine Reihe umstrittener FIFA-Turniere der vergangenen Jahre ein.

Bei der WM 2018 in Russland wurden ganz zurecht kritische Stimmen laut, die die Einschränkung der politischen Opposition in Russland, Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien, die Diskriminierung von Homosexuellen und die schlechten Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen kritisierten. Außerdem wurde auf die Unterstützung des Assad-Regimes im Syrienkrieg hingewiesen.

Bei der Weltmeisterschaft in Katar, die 2022 stattfand, wurde die Ausbeutung von Arbeitsmigranten, von denen einige aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen ums Leben kamen, die Diskriminierung von Homosexuellen, die Einschränkung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit und die Unterdrückung der Frauen stark kritisiert.
In beiden Fällen wurde der Vorwurf des „Sportwashing“ erhoben – also die Idee, dass autoritäre oder problematische Staaten internationale Sportgroßereignisse nutzen, um ihr Image aufzupolieren und von Menschenrechtsverletzungen abzulenken.

In Teilen der deutschen Medienberichterstattung entsteht der Eindruck, dass die USA – ebenso wie zuvor Katar und Russland – die menschenrechtlichen Mindeststandards, die an Gastgeberländer von Fußballweltmeisterschaften angelegt werden, nicht erfüllen. Die Menschenrechtsorganisation „Sport and Rights Alliance“ sprach sogar von einem „Klima der Angst“, in dem die WM stattfinden würde. Die FIFA habe ein sicheres, einladendes und inklusives Turnier versprochen. Die menschenrechtsfeindliche Rhetorik und die Einwanderungspolitik von US-Präsident Donald Trump schüre stattdessen Angst.

Die ehemalige Bundesministerin des Auswärtigen und aktuell Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen, Annalena Baerbock, setzte sich persönlich für Artan ein und verlangte, dass die FIFA ihm die Einreise in die USA ermöglichen solle. Das konnte die FIFA scheinbar nicht durchsetzen. Stattdessen bezahlt der weltweite Dachverband des Fußballs Artan seine volle Vergütung als Turnier-Referee. Bei Weltmeisterschaften können Schiedsrichter zwischen 50.000 und 100.000 Euro verdienen.

Mittlerweile sind Posts von Artan aufgetaucht, die das Einreiseverbot der US-Behörden bekräftigen. In einem 2014 abgesetzten Social-Media-Post äußerte er sich zur damaligen „Operation Protective Edge“, einer Eskalation des Nahostkonflikts, bei der die palästinensische Terrororganisation Hamas über 4.500 Raketen und Mörsergranaten aus dem Gazastreifen auf israelisches Staatsgebiet abgefeuert hat, was durch Luftschläge der israelischen Luftwaffe beantwortet wurde.

Ein Post, der von Omar Artan abgesetzt wurde. Screenshot: Andreas Wolf
Ein Post, der von Omar Artan abgesetzt wurde. Screenshot: Andreas Wolf

Aufgrund der Sprachbarriere lässt sich der Tweet unterschiedlich interpretieren. Der ursprünglich auf Somali verfasste Text kann entweder bedeuten:

„Die Juden haben die Muslime zu ihrem Vorteil benutzt, und den Arabern wurde das Blut ausgesaugt.“

oder:

„Die Juden profitieren auf Kosten der Muslime, und die Araber wurden ausgebeutet.“

Durch die antisemitische Anspielung auf die Ritualmordlegende ist die erste Version zwar deutlich heftiger, allerdings ist die andere Variante schon schlimm genug. Es handelt sich nicht um eine neutrale Aussage, sondern um eine pauschalisierende und antisemitische Aussage. Insbesondere die Vorstellung, Juden würden andere Gruppen ausnutzen oder ihnen im übertragenen Sinne das Blut aussaugen, greift auf klassische antisemitische Stereotype zurück.
Die Ritualmordlegende besagt, dass Juden aus Hass gegen Christus und die Christen alljährlich in der Osterzeit unter Anleitung von Rabbinern und gemäß ihrer Lehre ein unschuldiges christliches Kind in ritueller Form ermorden würden. Dies geschehe, um die Passion Christi zu verhöhnen. Dem Opfer, meistens ein Knabe, würde unter langwierigen Martern und unter Schmerzen das Blut entzogen, das zu verschiedenen magischen oder religiösen Zwecken gebraucht werde. Die erste nachantike Beschuldigung fand in Norwich statt und ist auf 1144 datiert. Von dort aus breitete sich die Ritualmordlegende über ganz Europa aus und löste regelmäßig Judenverfolgungen aus. Bis heute werden verschiedene Varianten und an die Gegebenheiten angepasste Versionen verbreitet. Wie auch in diesem Fall wird heutzutage behauptet, das israelische Militär würde gezielt Kinder töten. Das äußert sich durch Fake News, die in sozialen Medien verbreitet werden, oder durch das Skandieren von Slogans wie „Kindermörder Israel“ auf Demonstrationen.

Unter diesen Umständen kann man die Entscheidung der US-Behörden, Artan nicht ins Land zu lassen, verstehen. Es herrscht nämlich tatsächlich ein Klima der Angst. Aber nicht so, wie die „Sport and Rights Alliance“ es ursprünglich meinte. Seit dem Terroranschlag auf Israel, den die palästinensische Hamas am 7. Oktober 2023 verübt hat, und den darauffolgenden Militärschlägen der IDF, haben sich große Teile der Bevölkerung im Westen auf die Seite der Hamas und der antisemitischen Aggressoren gestellt. Dieses Bild zeichnet sich auch in Presse und Politik ab. Die Zahl der registrierten antisemitisch motivierten Straftaten ist seitdem stetig gestiegen und erreichte ihren bisherigen Höchststand. Juden in Europa, in den Vereinigten Staaten und eigentlich überall auf der Welt sehen sich mit einer neuen Welle des Hasses konfrontiert, der viele nur die Alija, der Auswanderung in das Land Israel, entgegenzusetzen haben.

Dass die Gefahr real ist, lässt sich mit einem historischen Beispiel aufzeigen. Am 5. September 1972 beging die palästinensische Terrororganisation „Schwarzer September“ einen Anschlag auf die israelische Mannschaft bei den 20. Olympischen Sommerspielen in München.
Am frühen Morgen überfielen Terroristen das Wohnquartier der israelischen Mannschaft im Olympischen Dorf. Dabei wurden zwei Athleten ermordet und neun weitere als Geiseln genommen. Nach erfolglosen Verhandlungen, bei denen die Freilassung von über zweihundert in Israel inhaftierten Palästinensern gefordert wurde, kam es in der Nacht zum 6. September auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck zu einem misslungenen Befreiungsversuch, bei dem alle Geiseln, ein Polizist sowie fünf der insgesamt acht Geiselnehmer getötet wurden.
Die Terroristen sind im Vorfeld des Anschlags von deutschen Neonazis unterstützt worden. Der damalige Rechtsextremist Willi Pohl, der Fahrzeuge besorgte, die für den Anschlag verwendet wurden, schrieb: „Wir erhielten die Erlaubnis, auf von der Fatah kontrolliertem jordanischen Gebiet einen Stützpunkt zu errichten. Als Gegenleistung boten wir Unterstützung im Kampf gegen Israel an.“
Einer der Drahtzieher, Abu Daoud, Mitglied der von Arafat geführten Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), lebte eine Zeit lang in Berlin. Er kannte sich in Deutschland aus, besorgte die Waffen und begleitete die Terroristen bis an den Zaun des Olympischen Dorfs.
Die drei überlebenden Terroristen wurden wenige Wochen nach der Tat durch die Entführung der Lufthansa-Maschine „Kiel“ aus deutscher Haft freigepresst. Das Olympia-Attentat war nie Gegenstand eines ordentlichen Gerichtsverfahrens.

Ruft man sich die Geschehnisse der Olympischen Spiele ins Gedächtnis, erscheint die Entscheidung der US-Behörden, Artan nicht ins Land zu lassen, mehr als gerechtfertigt. Das Verbreiten antisemitischen Hasses und vermutete Verbindungen zu islamistischen Terrorgruppen genügen als Begründung. Nur verwundert es, dass man hierzulande so gut wie nichts darüber liest. Lieber haut man ständig in dieselbe Kerbe, um die Vereinigten Staaten zu diskreditieren, weil die Amerikaner die Frechheit besitzen, zu kontrollieren, wer ihr Land betritt und wer nicht.

Der deutsch-jüdische Publizist Henryk M. Broder schrieb nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001: „Warum also hassen so viele Deutsche die Amerikaner? Weil sie ihnen so viel verdanken. Erstens haben die Amerikaner die Deutschen vom Nationalsozialismus befreit[…]. Zusammengenommen bedeutet das alles eine gewaltige Demütigung.“

 

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