Die Berliner Linke diskutiert über Abgrenzung. Ihre LAG Palästinasolidarität und die Linksjugend Südberlin veröffentlichten am 19. August 2026 gemeinsam mit dem Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee einen Demo-Aufruf. Auf der Website eines Berliner Bündnisses stehen das VPNK und mehrere Linke-Gliederungen zudem ausdrücklich unter den Mitgliedern.
Was der Verfassungsschutz über Hamas-Anhänger im VPNK berichtet, war längst öffentlich nachzulesen. Für politische Orientierung gibt es eben verschiedene Angebote: Behördenberichte und die eigene Bündnisliste.
Ali Hassanniya im Krankenhaus. Foto: Ali Hassanniya
Ein Iraner floh, um der politischen Verfolgung durch das Regime zu entgehen. In Deutschland klärt er in den sozialen Medien über Islamismus, Antisemitismus und den Iran auf. Im Berliner Neukölln wurde er erkannt und auf offener Straße angegriffen. Ruhrbarone sprach wenige Tage nach der Tat mit dem Geschädigten.
Vom Polizisten zum Regimekritiker
Ali Hassanniya lebte bis 2014 im Iran, wo er bei der Polizei arbeitete. Die Ungerechtigkeiten, die er erlebte, führten dazu, dass er nicht weiter für ein Regime arbeiten wollte, „das seine eigenen Leute vergewaltigt, ermordet und unterdrückt“. Hassanniya begann, sich gegen das Mullah-Regime zu positionieren, und saß deswegen im Gefängnis. Nach seiner Entlassung flüchtete er zunächst in die Türkei und 2015 weiter nach Deutschland, wo er jetzt in Berlin lebt. Er sei nach eigenen Aussagen der erste iranische Polizist, der vor dem Regime geflüchtet und nun politisch aktiv ist. Hassanniya betont, wie dankbar er dafür ist, in Deutschland leben zu dürfen und eine neue Heimat gefunden zu haben.
Die rote Linie bleibt. Sie steht nur täglich woanders. (Karikatur: Ruhrbarone, KI-generiert und erneut bearbeitet mit OpenAI; Fotovorlage für Elif Eralp: Ferran Cornellà / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Karikatur ebenfalls CC BY-SA 4.0.)
Die Berliner Linke verfügt über klare Erklärungen gegen Antisemitismus. Gleichzeitig veröffentlichen Teile ihres Jugendverbands und die LAG Palästinasolidarität Intifada-Parolen und Solidaritätsadressen an fragwürdige Bündnispartner. Israel wird zur „zionistischen Entität“. Wer die älteren Beiträge liest, erkennt: Diese politische Zumutung hat eine Vorgeschichte.
Auslöser des aktuellen Streits war das Wahlkampfkonzert der Linken Neukölln am 29. August 2026, bei dem Dahabflex laut Tagesspiegel „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ rappte. Am folgenden Tag verurteilte Spitzenkandidatin Elif Eralp den Auftritt und verlangte Aufklärung und Konsequenzen; auch Landeschefin Kerstin Wolter forderte Konsequenzen.
Elif Eralp (Die Linke): Jetzt eskaliert auch noch die Katze. (Karikatur: Ruhrbarone, KI-generiert mit OpenAI; Bearbeitung nach einem Foto von Ferran Cornellà, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons; Karikatur ebenfalls CC BY-SA 4.0)
Endlich mehr Dialektik: Bei der Linkspartei in Berlin kommt der Ärger über das Neuköllner Konzert inzwischen aus entgegengesetzten Richtungen. Die LAG Shalom macht die Landesführung für die Entwicklung mitverantwortlich. Rapper Dahabflex beklagt dagegen, dass sie sich von ihm distanziert.
Der Neuköllner Parteinachwuchs sorgt derweil für den nächsten Eklat: Nach einem Bericht des Tagesspiegels verteilte ein Vertreter der Linksjugend Neukölln am Freitag an der Fritz-Karsen-Gesamtschule Sticker an Schüler.
Die Sticker zeigen die palästinensische Flagge, den Aufruf „Organize classwar“ („Organisiert den Klassenkampf“) und eine Katze mit einem Sturmgewehr.
Die Berliner Linke findet nach dem Dahabflex-Auftritt keinen Ausgang aus ihrer Antisemitismusdebatte. Während die LAG Palästinasolidarität dem Rapper und dem Neuköllner Bezirksverband ihre „volle Solidarität“ erklärt, kursiert auf X erneut ein älterer Satz von Hannah Bruns, Mitglied der Linkspartei in Berlin-Reinickendorf:
Tel Aviv solle „wieder in der Hand von Palästina“ liegen.
Elif Eralps (Die Linke) späte Überraschung. (Karikatur: Ruhrbarone, KI-generiert mit OpenAI; Bearbeitung nach einem Foto von Ferran Cornellà, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons; Karikatur ebenfalls CC BY-SA 4.0)
Nach dem Auftritt des Rappers Dahabflex verlangt die Berliner Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp, Aufklärung und Konsequenzen. Das ist richtig. Es kommt nur reichlich spät. Denn der Rapper hat das Problem der Linken in Berlin-Neukölln nicht erfunden. Er hat ihm lediglich einen Beat gegeben.
Lange bevor auf einer Wahlkampfbühne „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ erklangen, hatte der Kreisverband öffentlich gezeigt, welches Verhältnis Teile seiner Kandidaten zum jüdischen Staat haben. Man musste nur hinsehen. Offenbar war dafür erst ein Refrain nötig.
„Death to the IDF“ ist dabei kein besonders radikaler Sprechchor gegen irgendeine beliebige Behörde. Ohne eine handlungsfähige israelische Armee wäre der jüdische Staat gegen die Judenmörder der Hamas und vergleichbare islamistische Terrorgruppen weitgehend wehrlos – gegen Akteure, die Israel mit terroristischen Mitteln bekämpfen und zu seiner vollständigen Vernichtung aufrufen.
Wer ausgerechnet den Tod der Armee besingt, die ihnen den Weg versperrt, fordert praktisch: freie Fahrt für die Vernichtung des jüdischen Staats.
Das kann man antisemitisch nennen.
Kritik an Einsätzen der IDF ist legitim; „Death to the IDF“ ist keine Kritik. Es ist der Wunsch, Israel möge sich entwaffnen und darauf vertrauen, dass die Judenmörder beim nächsten Mal ausgerechnet an ihrer guten Kinderstube scheitern.
PFLP-Terroristin Leila Chaled als Wandmotiv in Bethlehem (Foto: Peter Ansmann)
Nach dem Auftritt des Rappers Dahabflex bei einer Wahlkampfveranstaltung der Linken in Berlin-Neukölln hatte die Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp (Die Linke) Aufklärung und Konsequenzen verlangt. Der Bezirksverband antwortet nun: mit demonstrativer Geschlossenheit, uneingeschränkter Rückendeckung für den Songtitel „Stop the Genocide“ und dem festen Willen, die Zumutung einer Selbstkritik unbeschadet zu überstehen.
Zur „uneingeschränkten Rückendeckung“ gehört auch das politische Inventar des Liedes.
Wer Leila Chaled zum Stilvorbild erklärt, macht eine Ikone des politischen Terrors zur ästhetischen Referenz.
„Aufrufe zur Gewalt und zur Tötung von Menschen sind absolut inakzeptabel“, erklärte Eralp (Die Linke) nach dem Konzert. Sie sei entsetzt; die Verantwortlichen hätten sofort intervenieren müssen. Vom Neuköllner Bezirksverband erwarte sie Aufklärung darüber, wie es zu der Grenzüberschreitung kommen konnte, und dass es Konsequenzen gebe.
Wer danach mit einem kleinen Anfall von Selbstkritik gerechnet hatte, hat die Neuköllner Linke offenbar mit einer anderen Organisation verwechselt.
Auf einer Wahlkampfveranstaltung der Linken in Berlin-Neukölln rappte Dahabflex am Samstag „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“. Der „Künstler“ war nicht unangekündigt auf die Bühne geraten: Der Bezirksverband hatte ihn zuvor ausdrücklich als Live-Act beworben. Nach Angaben des Tagesspiegels griff während des Auftritts niemand aus der Partei ein. Die Distanzierungen kamen am Sonntag. Glaubwürdig sind diese Distanzierungen nicht.
Die Überraschung von Die Linke über die Eskalation der Veranstaltung überrascht selbst: Der Instagram-Account des eingeladenen Rappers lässt keine Fragen zu seiner Einstellung offen.
In seinen „Songs“ geht es (unkritisch) um Stalin, Sprengsätze auf den Bundestag, Molotov-Cocktails und darum, die ganze Stadt in Brand zu setzen.
Die Band „The Restarts“ auf der Bühne. Screenshot: Andreas Wolf
Ein Mitglied der britischen Punkband „The Restarts“ trug bei einem Konzert ein Trikot einer „palästinensischen“ Fußballmannschaft, das den Spielernamen „October“ und die Nummer 7 aufgedruckt hatte – eine Anspielung auf den Terrorangriff der Hamas auf Israel am siebten Oktober 2023. Der Musiker ist außerdem Teil einer in den USA und in Großbritannien verbotenen Gruppierung und saß in der Vergangenheit wegen Aktionen gegen einen israelischen Rüstungskonzern auf der Anklagebank.