
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schreibt in den sozialen Medien zum ukrainischen Unabhängigkeitstag – am 24. August 2026 – „Slawa Ukrajini“.
Die AfD erkennt deshalb in Friedrich Merz einen „ukrainischen Kanzler“, BSW-Politikerin Sevim Dağdelen wenige Stunden später nur noch den „Kanzler der Ukraine“. und am Nachmittag erklärt Sahra Wagenknecht, wie man AfD-Forderungen nach russischem Öl und Gas im Landtag zu Mehrheiten verhilft.
Das Hufeisen war anscheinend nie weg. Es wurde wohl nur an eine russische Pipeline angeschlossen.
Es war offensichtlich ein ausgesprochen produktiver Montag für die politische Konvergenzforschung. Am 24. August 2026 veröffentlichte Friedrich Merz (CDU) um 9.10 Uhr auf X und Facebook ein knappes „Slawa Ukrajini! Слава Україні!“ samt Video zum ukrainischen Unabhängigkeitstag.
Das reichte. Wer in Deutschland beruflich aus Solidarität mit einem angegriffenen Land einen nationalen Verrat bastelt, hatte damit für den Rest des Tages Material.
Ein Gruß, zwei Loyalitätstests

Um 11.14 Uhr (24. August 2026) schrieb der offizielle AfD-Account auf X, Merz feiere sich für die Unterstützung der Ukraine, obwohl „ausschließlich die deutschen Steuerzahler“ dafür aufkämen. Dann folgte der eigentliche Vorwurf: „Wir wissen nicht, ob sich Merz eigentlich als ukrainischer Kanzler fühlt.“ Sicher sei nur: „Deutschland kommt für uns immer zuerst!“

Um 14.12 Uhr (24. August 2026) war Sevim Dağdelen an der Reihe. Die BSW-Politikerin machte aus der Frage der AfD eine Feststellung: „Merz ist nur noch der Kanzler der Ukraine.“ Er wünsche „fremden Streitkräften ‚Ruhm‘“ (Was vollkommener Stuss ist. Sevim Dağdelen bleibt sich in dieser immerhin Hinsicht treu!), treibe das eigene Land in die Eskalation und richte es zugrunde. Seinen Amtseid habe er „offenbar völlig vergessen“.

Wortgleich sind die beiden Angriffe nicht. Das wäre die bequemste, aber falsche Zuspitzung. Belegt ist etwas Interessanteres: Beide Accounts reagieren am selben Tag auf denselben Merz-Post und setzen im Abstand von knapp drei Stunden nahezu dieselbe nationale Loyalitätsunterstellung.
Aus der Unterstützung für die von Russland angegriffene Ukraine wird ein Kanzler, der angeblich nicht mehr zu Deutschland gehört.
Eine Absprache ist nicht belegt. Für ein Hufeisen braucht es schließlich keine AfD-BSW-WhatsApp-Gruppe. Es genügt, wenn beide Enden dieselbe Wirklichkeit so lange zurechtbiegen, bis in der Mitte Russlands Angriffskrieg verschwunden ist.
„Ruhm“ ist nicht „Ruhm den fremden Streitkräften“
Was die große Verratsoper außerdem stört:
„Slawa Ukrajini“ bedeutet „Ruhm der Ukraine“ beziehungsweise „Glory to Ukraine“. Das ukrainische Parlament dokumentiert, dass der Ausdruck 2018 als erster Teil des militärischen Grußpaares „Slawa Ukrajini“ – „Herojam slawa“ eingeführt wurde. („Herojam slawa!“ bedeutet „Ruhm den Helden!“)
Friedrich Merz schrieb den ersten Teil des Grußpaares. Dağdelens Formulierung, der Bundeskanzler wünsche „fremden Streitkräften Ruhm“, ist deshalb keine Wiedergabe seines Wortlauts, sondern ihre ganz eigene verquere politische Deutung.

Auch die AfD-Behauptung von den „ausschließlich“ deutschen Steuerzahlern hält nur, solange man die Europäische Union, ihre Mitgliedstaaten und sogar die Erträge aus eingefrorenen russischen Vermögenswerten aus dem Gesamtbild schneidet.
Die EU-Kommission beziffert die europäische Unterstützung für die Ukraine und Ukrainer derzeit auf 220,2 Milliarden Euro. Darin stecken Mittel aus dem EU-Haushalt, militärische Hilfen, Unterstützung der Mitgliedstaaten und 3,8 Milliarden Euro aus Erträgen immobilisierter russischer Vermögenswerte. Eine gute Investition übrigens, wenn man nicht vorhat irgendwann in den nächsten Jahren nochmal Russisch lernen zu müssen.
Die Ausschließlichkeit ist damit eine AfD-Behauptung, keine belastbare Bilanz.
Das Hufeisen bekommt einen Gasanschluss
Man könnte die Sache als den üblichen Social-Media-Loyalitätstest abheften. AfD und BSW reden ähnlich über die Ukraine, am nächsten Morgen beginnt ein neuer Empörungszyklus. Nur veröffentlichte Sahra Wagenknecht am selben Nachmittag die parlamentarische Gebrauchsanweisung dazu.
In einem am 24. August veröffentlichten SPIEGEL-Interview und später in einem zweiteiligen X-Thread erklärt Wagenknecht die „Brandmauer“ für undemokratisch. Sie räumt ein, dass es in der AfD Leute gebe, „die man früher in der NPD getroffen hätte“. Trotzdem sei es undemokratisch, eine 40-Prozent-Partei von Einfluss fernzuhalten.
Die 40 Prozent beziehen sich auf Sachsen-Anhalt, nicht auf ein Bundestagswahlergebnis. Eine INSA-Umfrage vom 10. August sah die AfD dort bei 42 Prozent; das BSW lag bei fünf Prozent. Umfragen sind Momentaufnahmen, keine Wahlergebnisse. Die angegebene Fehlertoleranz betrug 3,1 Prozentpunkte.
Wagenknechts Ausweg ist ein überparteilicher Ministerpräsident, der mit wechselnden Mehrheiten und „unter Einbeziehung aller demokratisch gewählten Parteien“ regiert. Anschließend wird sie konkret: Die AfD habe „vernünftige Forderungen im Programm“. Dazu zähle, wieder russisches Öl und Gas zu beziehen. „Selbstverständlich würden wir solchen Forderungen im Landtag eine Mehrheit verschaffen.“

Das ist keine Unterstellung. Es ist Wagenknechts öffentliches Angebot. Die AfD soll nicht nur weniger „dämonisiert“ werden. Für ausgewählte AfD-Forderungen, ausdrücklich auch in der Russlandpolitik, will das BSW parlamentarische Mehrheiten organisieren.
Im zweiten Teil fordert Wagenknecht dann eine Landesregierung, die sich für ein Ende der Russlandsanktionen einsetzt. Merz könne Deutschland mit seiner Politik in einen direkten Krieg mit Russland führen. Der Verfassungsschutz werde zur „neuen Geheimpolizei“, der autoritäre Umbau laufe angeblich längst „auf Hochtouren“.

Das vorgeschlagene Modell hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund lehnt wechselnde Mehrheiten nach eigener Aussage ab. Er brauche eine stabile Regierung, sagte er der dpa. Wagenknecht baut also einen parlamentarischen Laufsteg für eine Partei, die nicht einmal versprochen hat, auf der markierten Spur zu bleiben.
Keine Verschwörung, nur ein öffentliches Angebot
Die Abfolge des gestrigen Tages ist nüchtern genug, um keine Verschwörungstheorie zu benötigen:
Bundeskanzler Friedrich Merz erklärt Solidarität mit der Ukraine. Die AfD deutet das als Zweifel an seiner deutschen Loyalität. Dağdelen macht daraus den „Kanzler der Ukraine“ und einen vergessenen Amtseid. Wagenknecht erklärt anschließend, wie AfD-Forderungen nach russischem Öl und Gas zu Mehrheiten in deutschen Länderparlamenten kommen sollen.
Dass sich AfD und BSW in Russlandfragen, Feindbildern und politischen Milieus immer wieder berühren, wurde bei den Ruhrbaronen vor wenigen Tagen ausführlich dokumentiert.
Der 24. August 2026 liefert dazu keine geheime Verbindung, sondern etwas viel Peinlicheres: ein öffentliches Protokoll.
Das Hufeisen muss man nicht mehr suchen. Es hängt offen über der Tür. Und aus dem Rohr daneben soll, wenn es nach Wagenknecht geht, bald wieder russisches Gas kommen.
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