AfD in Stolberg: Vom Parteibüro zum „patriotischen“ Gegenmilieu

Andreas Klöcker vor dem Alternativen Zentrum Stolberg
Andreas Klöcker vor dem Alternativen Zentrum Stolberg. Anhand der Schilder neben der Eingangstür ist zu erkennen, wer die Adresse nutzt (Screenshot: Facebook).

Das „Alternative Zentrum Stolberg“ ist Parteizentrale, Wahlkreisbüro, Veranstaltungsort, Mitgliederwerbestelle und Geschäftsadresse zugleich. Vom 13. bis 16. August veranstaltete die AfD dort ein Campingtreffen. Inzwischen wirbt sie mit Trauungen und Notunterkünften. In Stolberg entsteht nicht einfach ein Parteibüro.

Die AfD baut sich ein eigenes Gegenmilieu.

Ein Parteibüro ist normalerweise ein ziemlich langweiliger Ort. Ein paar Schreibtische, Wahlkampfplakate, eine Kaffeemaschine, deren Entkalkungszustand gegen diverse internationale Abkommen verstößt, und gelegentlich kommt jemand zur Bürgersprechstunde.

In Stolberg hat die AfD anscheinend größere Pläne.

Das „Alternative Zentrum Stolberg“ in der Königin-Astrid-Straße 117 wird von der Partei selbst als „Parteizentrale“ bezeichnet. Es ist zugleich das Wahlkreisbüro des AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Matzerath, Veranstaltungsort des AfD-Kreisverbandes Aachen, Treffpunkt der Parteijugend, Adresse mehrerer geschäftlicher Angebote von Andreas Klöcker und Ausgangspunkt für Aktivitäten in der Stadt. Auch die Reichweite des Stadtverbandes auf Facebook ist nicht zu verachten: Ich folge weder dem Kreisverband der AfD in Aachen noch dem Stadtverband der AfD in Stolberg.

Trotzdem bekomme ich regelmäßig Beiträge zu den Aktivitäten in meinen Newsfeed gespült.

Die Angebotsliste des Alternativen Zentrums in Stolberg ist inzwischen beachtlich: Bürgersprechstunde, Vortragsabend, Jugendtreff, Grillplatz, Campinggelände, Mitgliederwerbung, Shuttle zum Weinfest, geplante Hochzeitslocation und eine – seit dem 16. August 2026 – angebotene Notunterkunft.

Fehlt eigentlich nur noch eine AfD-Betriebskrankenkasse, ein eigener Kreißsaal – in dem künftige Neumitglieder zur Welt kommen – und ein eigener alternativer Bestatter.

Vier Tage AfD-Camping

Vom 13. bis 16. August veranstaltete die Partei auf dem Gelände ein viertägiges Camping-Event. Angesprochen wurden AfD-Mitglieder aus Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus. Wohnmobile, Wohnwagen und Zelte waren willkommen. Politik, Freizeit und Mitgliedergewinnung wurden ausdrücklich miteinander verbunden.

Das Programm begann am Donnerstag mit Beatrix von Storch und einem Grillabend. Am Freitag standen ein „Walderlebnisspaziergang“ mit dem rheinland-pfälzischen AfD-Landtagsabgeordneten Bernhard Cürten, der Besuch des Stolberger Weinfestes samt Infostand und „Gelegenheit zur Neu-Mitgliedschaft“ sowie ein Redebeitrag des NRW-Landtagskandidaten Serge Menga auf dem Plan. Für Samstag wurden das AfD-Sommerfest in Baesweiler oder erneut das Weinfest und anschließend ein geselliger Abend am Zentrum angekündigt.

Das Lagerfeuer fiel wegen Waldbrandgefahr aus.

Lichterketten mussten die nationale Glut ersetzen.

Werbegrafik zum AfD-Camping-Event vom 13. bis 16. August 2026 im Alternativen Zentrum Stolberg
Mit Camping, Essen, Politik und „geselligem Beisammensein“ warb die AfD für vier gemeinsame Tage am Alternativen Zentrum (Screenshot: AfD Stolberg).

Als Schirmherren nannte die AfD Matzerath, Klöcker, Cürten und Menga. Auch Nichtmitglieder durften einzelne Veranstaltungen besuchen. Anmeldungen liefen über Andreas Klöcker und die Mobilnummer 0170 6662225.

Dass die Veranstaltung nicht nur angekündigt wurde, belegt die Partei mit eigenen Nachberichten. Am 14. August veröffentlichte der Stadtverband Fotos von Storchs Besuch. Nach Darstellung der AfD kamen „zahlreiche Bürger“. Vor allem schrieb die Partei, viele Besucher hätten den eigens eingerichteten „Neumitglieder-Pavillon“ genutzt und seien der AfD beigetreten.

Wie viele Menschen tatsächlich anwesend waren und wie viele Mitgliedsanträge unterschrieben wurden, lässt sich von außen nicht überprüfen. Belegt ist aber, dass die AfD die Verbindung von politischem Vortrag, Camping, Grillen und Rekrutierung selbst offensiv als Erfolg darstellt.

Facebook-Nachbericht der AfD Stolberg über den Besuch von Beatrix von Storch und den Neumitglieder-Pavillon
Die AfD erklärt den Auftakt mit Beatrix von Storch zum Erfolg und behauptet, zahlreiche Besucher seien am „Neumitglieder-Pavillon“ der Partei beigetreten (Screenshot: Facebook).

Am folgenden Tag veröffentlichte der Stadtverband außerdem einen Redebeitrag Mengas vom Stolberger Weinfest. Wieder wurde zum Parteieintritt eingeladen. Der angekündigte Freizeitteil war also keine Dekoration um eine politische Tagung. Er war Teil der politischen Arbeit.

Man kann vier Tage gemeinsam grillen, wandern, campen und Wein trinken und darin nichts Politisches erkennen. Man kann auch glauben, Parteitage dienten hauptsächlich der Versorgung notleidender Cateringunternehmen.

Die Parteijugend grillt Mitglieder heran

Die neue AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ nutzt das Zentrum ebenfalls. Am 13. Juni nahm eine Gruppe am Hindernislauf StolRun teil. Danach wurde im Alternativen Zentrum gegrillt. Die AfD bezeichnete die Veranstaltung später als „gelungenen Auftakt für die Parteijugend in Stolberg“ und behauptete, dabei „einige neue Mitglieder“ gewonnen zu haben.

AfD-Werbegrafik für StolRun und anschließendes Grillen mit Generation Deutschland
Sport, Grillen und Parteiarbeit: So bewarb die AfD den ersten Stolberger Termin ihrer neuen Jugendorganisation (Screenshot: AfD Stolberg).

Nicht jedes Mitglied der Generation Deutschland ist automatisch rechtsextrem. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen beschreibt jedoch eine konkrete personelle und organisatorische Kontinuität:

Der zuvor als völkisch-nationalistisch eingestufte Personenzusammenschluss der im März 2025 aufgelösten Jungen Alternative NRW bestehe faktisch fort, habe an der Gründung von Generation Deutschland mitgewirkt und setze seine Aktivitäten und seine extremistische Agenda fort. Zwei frühere Führungsmitglieder der JA NRW gehören nach Angaben der Behörde dem Bundesvorstand der neuen Jugendorganisation an.

Das ist mehr als eine historische Fußnote. Es erklärt, warum ein örtlicher Grillabend nicht nur als harmlose Nachwuchsfolklore betrachtet werden sollte. In Stolberg wird die Jugendorganisation in eine Infrastruktur eingebunden, die Freizeit, Gemeinschaft und Mitgliedergewinnung miteinander verbindet.

Maaßen, Vincentz und die große Bühne

Auch für größere Auftritte wird das Zentrum genutzt. Anfang Juli meldete der Stadtverband nach eigenen Angaben mehr als 200 Besucher bei einer Veranstaltung mit dem früheren Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz Hans-Georg Maaßen, dem nordrhein-westfälischen AfD-Landesvorsitzenden Martin Vincentz, Matzerath und Klöcker.

Maaßen sprach dort über Meinungsfreiheit und den aus seiner Sicht politischen Missbrauch des Verfassungsschutzes. Vincentz, Matzerath und Klöcker lieferten das regionale Begleitprogramm. Andreas Klöcker moderierte. Die Anmeldung lief über das Bundestagsbüro Matzeraths.

Damit ist die Königin-Astrid-Straße 117 nicht nur ein lokaler Treffpunkt. Dort werden Bundes-, Landes-, Kreis- und Stadtverband zusammengeführt. Ein Hinterzimmer sieht anders aus.

Heiraten mit der AfD

Im Juli erklärte die AfD, das Zentrum künftig auch als Hochzeitsort anbieten zu wollen. Markus Matzerath und Andreas Klöcker hätten beim Standesamt beantragt, den Ort für Eheschließungen zuzulassen und selbst als ehrenamtliche Standesbeamte Trauungen vorzunehmen. Gesucht wurde bereits „unser erstes Hochzeitspaar“.

AfD-Werbegrafik für geplante Hochzeiten im Alternativen Zentrum Stolberg
Noch bevor eine öffentliche Bestätigung der Stadt auffindbar ist, sucht die AfD bereits nach dem ersten Hochzeitspaar für ihr Zentrum (Screenshot: AfD Stolberg).

Wichtig ist, was hier belegt ist – und was nicht: Belegt ist die Ankündigung der AfD. Eine öffentlich zugängliche Bestätigung, dass die Stadt Stolberg den Ort als Trauort zugelassen oder Matzerath und Klöcker zu Eheschließungsstandesbeamten bestellt hat, war bis zum 16. August nicht zu finden. Eine Werbegrafik macht aus dem beantragten Ort noch keinen genehmigten Trauort. Selbst dann nicht, wenn auf der Grafik sehr viel Abendrot liegt.

Politisch ist die Absicht trotzdem aufschlussreich. Die Parteizugehörigkeit soll nicht an der Bürotür enden. Sie begleitet den Sport, den Grillabend, das Wochenende – und nach dem Willen der AfD Stolberg künftig womöglich auch die Hochzeit.

Notunterkunft als Parteidienstleistung

In der Nacht zum 16. August veröffentlichte die AfD angesichts der Waldbrandlage in der Eifel ein weiteres Angebot. Menschen aus Monschau stellte sie auf dem Außengelände ihrer „Parteizentrale“ mindestens 20 kostenlose Stellplätze und eine Grundversorgung in Aussicht.

Facebook-Grafik der AfD Stolberg mit dem Angebot kostenloser Stellplätze für von Waldbränden bedrohte Menschen aus Monschau
Die AfD bietet Menschen aus Monschau mindestens 20 kostenlose Stellplätze auf dem Gelände ihrer Parteizentrale an. Ob das Angebot genutzt wurde, ist nicht belegt (Screenshot: Facebook).

Auch hier gilt: Das Angebot ist dokumentiert. Ob Menschen dort tatsächlich untergebracht wurden, ist bislang nicht belegt. Hilfe für Bedrohte ist zunächst einmal Hilfe. Wer sie anbietet, verdient dafür nicht automatisch Misstrauen.

Im Zusammenhang mit den übrigen Aktivitäten erweitert das Angebot aber erneut die Funktion des Zentrums. Die AfD tritt nicht nur als Partei auf, sondern als Anbieterin alltagsnaher Leistungen: Gespräch, Freizeit, Transport, Gemeinschaft, Hochzeit, Unterkunft.

Sprechstunde? AfD.

Freizeit? AfD.

Jugendgruppe? AfD.

Shuttle zum Weinfest? AfD.

Hochzeit? Wenn das Standesamt irgendwann mitspielt: AfD.

Notunterkunft? Ebenfalls AfD.

Eine Adresse, viele Funktionen

Die Adresse wird auch ganz offiziell für parteipolitische Arbeit in der Region genutzt. Der Deutsche Bundestag führt sie als Wahlkreisbüro Matzeraths. Mehrere Kommunalwahlprogramme des AfD-Kreisverbandes Aachen – unter anderem für Aachen, Herzogenrath und die Städteregion – nennen ebenfalls die Königin-Astrid-Straße 117 und Andreas Klöcker als Verantwortlichen. Die Anschrift fungiert damit praktisch als regionaler Medien- und Wahlkampfstützpunkt.

Der Kreisverband selbst sitzt laut Impressum der Stolberger AfD-Seite formal in Eschweiler. Für die Inhalte der Seite ist Andreas Klöcker verantwortlich. Klöcker ist Stadtsprecher und Fraktionsvorsitzender in Stolberg, stellvertretender Sprecher des AfD-Kreisverbandes Aachen sowie dort zuständig für IT und Medien.

Daneben gibt es eine auffällige geschäftliche Überlagerung. Die Medienagentur Klöcker GmbH nennt dieselbe Anschrift als Sitz ihrer Agentur. Geschäftsführer ist Andreas Klöcker. Auch die Klöcker Spedition nennt die 117 als Standort; das Stellplatzangebot Miet-Stellplatz nutzt sie als Anfahrtsadresse.

Selbst die Telefonnummer verbindet die Bereiche: 0170 6662225 steht beim Campingtreffen und dem Notunterkunftsangebot als Kontakt, bei der Medienagentur als Vertriebsnummer und beim Stellplatzangebot ebenfalls als Mobilnummer. Menschen sind manchmal erfreulich kooperativ bei der Recherche über sich selbst.

In einem Video, in dem die romantische Hochzeitslocation der Extraklasse beworben wird, ist anhand der Schilder neben der Eingangstür zudem zu erkennen, wer die Adresse nutzt.

Entscheidend ist, was dort geschieht

Die Eigentumsfrage ist interessant, aber für die politische Bedeutung dieses Ortes nicht entscheidend. Aus öffentlich zugänglichen Quellen geht nicht hervor, wem die Immobilie juristisch gehört oder welche Miet- und Zahlungsbeziehungen zwischen Unternehmen, Abgeordnetenbüro und Partei bestehen. Klöcker oder die AfD als Eigentümer zu bezeichnen oder eine Finanzierung der Partei durch Klöckers Unternehmen zu behaupten, wäre deshalb unseriös.

Dokumentiert ist etwas anderes: An der Königin-Astrid-Straße 117 laufen Klöckers Unternehmen, das Wahlkreisbüro eines AfD-Bundestagsabgeordneten, die Arbeit von Stadt- und Kreisverband, Veranstaltungen, Nachwuchsarbeit und Mitgliederwerbung zusammen. Hinzu kommen Angebote, die weit über den üblichen Betrieb einer Geschäftsstelle hinausgehen.

Für die politische Einordnung ist nicht das Grundbuch entscheidend. Entscheidend ist, wer den Ort wie nutzt. Und bei dieser Frage ist die Quellenlage ausgesprochen deutlich.

Das Gegenmilieu

Parteien brauchen Büros. Sie brauchen Versammlungsräume, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter, Telefone, Drucker und Menschen, die sich freiwillig mit der Reisekostenordnung beschäftigen. Daran ist nichts anrüchig.

In Stolberg geht es aber um mehr. Das Zentrum bindet politische Ansprache, Bundestagsarbeit, regionale Medienproduktion, Freizeit, Nachwuchsarbeit, Rekrutierung und Hilfeangebote an einen Ort. Es schafft Gelegenheiten, bei denen politische Zugehörigkeit in den Alltag hineinreicht.

Das ist mit „Gegenmilieu“ gemeint: kein Geheimbund, keine verbotene Parallelgesellschaft und kein Tatvorwurf. Sondern eine von der Partei aufgebaute Umgebung, in der möglichst viele soziale Funktionen innerhalb der eigenen politischen Gemeinschaft stattfinden.

Wer dort auftaucht, kann einen Bundestagsabgeordneten sprechen, einen Landespolitiker hören, mit der Parteijugend laufen, mit Parteifreunden campen, sich zum Weinfest fahren lassen, Mitglied werden und im Krisenfall den Wohnwagen abstellen.

Falls die Stadt zustimmt, kann irgendwann vielleicht auch geheiratet werden.

Die AfD muss dieses Projekt nicht verbergen. Sie bewirbt jeden einzelnen Baustein selbst.

Man muss die Bausteine nur zusammensetzen.

Autorenseite: Peter Ansmann
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