Cansın Köktürk (Die Linke): Die Moral ist geklärt. Der Rest stört.

Cansın Köktürk, Bundestagsabgeordnete der Linken aus Bochum
Cansın Köktürk (Die Linke). Foto: Presse/Privat, Ruhrbarone-Archiv.

Bei Cansın Köktürk bekommt inzwischen auch das Mitgefühl eine Hausordnung. Einwände bitte draußen lassen. In Instagram-Stories vom 29. Oktober 2026 rechnet die Bochumer Bundestagsabgeordnete der Linken mit Politik und Journalismus ab. Es geht um das Leid der Menschen in Gaza. Und darum, was sie denen vorwirft, die aus diesem Leid offenbar nicht dieselben Schlüsse ziehen wie sie.

Die Redaktion hat ein Charakterproblem

Köktürk beklagt verdrehte Wahrheiten, rassistische Erzählungen und die Leugnung dessen, was sie als Genozid bezeichnet. Sie wirft anderen vor, über das Leid palästinensischer Kinder hinwegzusehen, weil Macht und eigene Interessen wichtiger seien. Parteien würden taktieren, während die Menschlichkeit auf der Strecke bleibe. Eine schwere Anklage. Die Angeklagten bleiben bemerkenswert unscharf.

Zum Journalismus fragt sie wörtlich: „Warum soll ich Journalismus der so unseriös und hässlich ist ernst nehmen?“ Welche Redaktion gemeint ist, welche Meldung falsch sein soll und welche Darstellung sie korrigiert haben möchte, benennt sie in dieser Story nicht. Für die Abrechnung reicht offenbar die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen.

Cansın Köktürks Instagram-Story mit pauschaler Kritik an Politik und Journalismus
Pauschale Abrechnung mit Politik und Journalismus. (Screenshot: Instagram)

Medienkritik braucht keine höfliche Verpackung. Journalisten können irren, einseitig berichten und Zusammenhänge unterschlagen. Eine Abgeordnete darf ihnen das vorhalten. Belastbar wird der Vorwurf allerdings dort, wo sie den Fehler zeigt. Wer stattdessen die moralische Beschaffenheit des Journalismus besichtigt, hat die Berichterstattung noch nicht widerlegt. Er hat zunächst nur sein Missfallen veröffentlicht. Instagram bietet dafür ausreichend Platz.

Bereits Anfang Oktober erklärte Köktürk Kritiker ihrer Aussagen zu Menschen, die die Gefahr für jüdisches Leben vergrößerten. Unser damaliger Beitrag untersuchte, wie aus einer Auseinandersetzung mit Vorwürfen eine Anklage gegen die Motive der Kritiker wurde.

Ein kleines Wort stört

In einer weiteren Story fragt Köktürk ihre Adressaten, ob sie gefühllos seien, wegschauten und diejenigen angriffen, die nicht schweigen wollten. Dann kommt der Satz, der ihre Zuspitzung besonders knapp zusammenfasst: „Dass ihr erst ein ‚Aber‘ fühlt statt Empathie?“

Cansın Köktürks Instagram-Story über Empathie und das Wort Aber
Das „Aber“ als Gegenpol zur Empathie. (Screenshot: Instagram)

Das lässt sich zunächst als Aufforderung lesen, das Leid von Menschen nicht sofort wegzureden. Daran wäre nichts auszusetzen. Tote und hungernde Kinder sind kein Anlass für ein rhetorisches Ausweichmanöver. Nur folgt aus dem Entsetzen über ihr Leid noch keine Einigung über jede Tatsachenbehauptung, jede politische Forderung oder jede Form des Protests. Zwischen Mitgefühl und Zustimmung liegen Fragen, die sich nicht durch die richtige Gefühlslage erledigen.

Köktürks Appell an die Empathie ersetzt auch bei Gaza keine Quellenprüfung. Wie nötig die bleibt, zeigt unsere Analyse: Andere Akteure machten aus einer Abschätzung, die auch künftige Kriegstote einbezog, eine bereits feststehende Opferbilanz.

Man kann eine Demonstration unterstützen und ihren Rednern widersprechen oder eine komplett andere Meinung zu einem Thema haben. Auch ein Journalist, der Aussagen prüft oder Widersprüche beschreibt, muss dafür nicht erst seine Empathie nachweisen. Sonst entscheidet die Person, über die berichtet wird, gleich mit darüber, wer moralisch zur Berichterstattung befugt ist. Ein ausgesprochen komfortables Redaktionsstatut.

Wie nötig konkrete Nachfragen sind, zeigte zuletzt Köktürks Vonovia-Reel: Der gefeierte Kursverlust lieferte keinen Beleg für einen politischen Erfolg des Duos und bedeutete keine Entlastung der Mieter.

Das Börsenvideo ist ein anderes Thema. Der Maßstab bleibt derselbe: Eine politische Inszenierung darf nach ihrem tatsächlichen Gehalt befragt werden. Auch dann, wenn ihre Urheberin für eine gute Sache eintreten will. Gute Absichten beantworten keine Sachfrage. Und Empörung ist kein Beleg dafür, dass der Einwand unmenschlich war.

Köktürks Stories lassen für diese Unterscheidungen wenig Raum. Wer relativiert oder schweigt, bekommt von ihr fehlendes Mitgefühl attestiert, welche konkrete Kritik berechtigt sein könnte, bleibt offen. So wird aus dem Appell an die Menschlichkeit ein ziemlich praktischer Schutz vor Widerspruch. Das Leid ist real.

Der Anspruch, daraus ein Monopol auf die richtige Antwort abzuleiten, bleibt trotzdem anmaßend.

Gerade weil eine Abgeordnete Öffentlichkeit sucht, muss sie damit rechnen, dass ihre Formulierungen öffentlich geprüft werden. Das gehört zur Kontrolle derjenigen, die im Namen anderer Politik machen. Ein Bundestagsmandat ist schließlich kein Abonnement auf wohlwollende Begleitung.

Am Ende muss sich dann der Fragende rechtfertigen. Die Abgeordnete kann ihr gutes Gewissen behalten.

Praktisch, wenn man beruflich eigentlich Antworten schuldet.

Autorenseite: Peter Ansmann
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