
Bei der Linksjugend, dem eigenständigen, von der Partei Die Linke anerkannten Jugendverband, darf es in Essen politisch gern krachen. Schwieriger wird es, wenn jemand nachfragt, warum. Unter der Einladung zu einem Konzert mit Dahabflex lässt sich besichtigen, wie aus Kritik an einem Künstler ein Vergehen gegen die gute Stimmung wird. Und wie eine Landessprecherin bei der PFLP noch eine offenbar vorzeigbare Vergangenheit entdeckt.
Kritik war nicht gebucht
Am 2. Juni kündigte die Essener Basisgruppe ihr Sommerfest für den 13. Juni 2026 an: Workshops, Karaoke, Dahabflex und Ché. Der Instagram-Beitrag wurde gemeinsam mit Ché, dem BAK Klassenkampf und dem Account der Linken Essen veröffentlicht. Die Partei lobte die Aktion auch in einem eigenen Kommentar. Das war zunächst eine begeisterte Veranstaltungswerbung. Die Auseinandersetzung folgte in den Kommentaren.
Ein Nutzer, der sich als Mitglied von Partei und Jugendverband bezeichnet, kritisiert positive Bezüge auf Stalin und die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) in Dahabflex’ Texten. Privat könne jeder hören, was er wolle. Er fragt nach der politischen Entscheidung, diesen Künstler einzuladen. Eine ziemlich naheliegende Frage bei einem Verband, der politische Bildung im Programm hat.

Samuel van Look, 2025 in das Essener Sprecherteam gewählt, antwortet unter dem Account someonesam. Er hält dem Kritiker vor, die Arbeit der Basisgruppe mit Gejammer über den Künstler zu quittieren. Dann schreibt er: „Die Texte treffen gerade genau den Nerv den sie Treffen sollen.“
Im weiteren Wortwechsel weist van Look ausdrücklich zurück, dass er oder Dahabflex Massenmord oder sexuelle Gewalt forderten. Man möge die Gruppe ihr Sommerfest feiern lassen; niemand müsse kommen. Der BAK Klassenkampf fragt einen Kritiker unterdessen: „warum hasst du Kunstfreiheit?“ Die Einladung soll also politisch begeistern. Wer sie politisch kritisiert, versteht offenbar Kunst nicht.
Dahabflex’ Auftritt im Neuköllner Wahlkampf wurde später zum Problem für die Berliner Linke. Unser Beitrag dokumentiert die dortigen Parolen und unterscheidet sie ausdrücklich vom übrigen Repertoire des Rappers.
Die gute alte PFLP
Noch aufschlussreicher ist die Antwort von Ellie van Look. Der NRW-Verband der Linksjugend führt sie als Mitglied seines Landessprecherrats, die Essener Basisgruppe stellte sie ebenfalls als Sprecherin vor. Unter dem Namen elliemagerdbeeren erklärt sie zunächst, der Musikausschnitt zur Ankündigung sei ihr von Instagram vorgeschlagen worden. Sie habe ihn gut gefunden.
Eine Nutzerin fragt nach der Idealisierung der PFLP und verweist auf den 7. Oktober 2023. Van Look antwortet: „Ne aber die PFLP vor der zusammenarbeit mit den Islamisten“.

Das ist kein Lob des 7. Oktober. Van Look zieht ausdrücklich eine zeitliche Grenze. Nur liegt auf der anderen Seite dieser Grenze keine harmlose Traditionspflege. 1977 entführte ein PFLP-Kommando die Lufthansa-Maschine „Landshut“; der Pilot Jürgen Schumann wurde ermordet. Wer die ältere Organisation als bessere Alternative anbietet, sollte erklären können, was daran bewundernswert war. Das Alter eines Terrorakts ist noch kein Entlastungszeugnis.
Van Look liefert im selben Thread auch ein grundsätzliches Argument: Texte müssten im musikalischen Zusammenhang gelesen werden, Kunst arbeite mit Stilmitteln. Ein dreiminütiger Song könne keine ausführliche kritische Auseinandersetzung mit früheren sozialistischen Führungsfiguren leisten. Diese Arbeit sei Aufgabe des Verbandes.
Einverstanden: Ein Song ist kein Parteitgsbeschluss. Eine Einladung ist aber auch kein Naturereignis. Die Organisatoren wählen aus, wem sie ihre Bühne geben. Dafür dürfen sie Gründe nennen. Und dafür dürfen die eigenen Mitglieder Gründe dagegen haben, ohne zu Feinden der Kunst erklärt zu werden.
Wie Kritik am eigenen Nachwuchs zur Medienfrage umgedeutet wird, zeigt auch Sascha Staničićs Verteidigung von Linksjugend-Mitgliedern. Sie bezog sich auf eine andere Auseinandersetzung; die Forderung nach Schonung ist in unserem Berlin-Dossier dokumentiert.
Das Bemerkenswerte an diesem Wortwechsel ist deshalb nicht, dass irgendwo im Internet jemand etwas Abseitiges schreibt. Hier verteidigen Funktionäre des Jugendverbandes eine konkrete Einladung. Die Einwände waren da. Man hatte nur anderes vor.
Politische Bildung stand schließlich schon auf dem Programm.
Man kann nicht erwarten, dass sie auch die Party überlebt.
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