Die Linke im Eralptraum: Schuld ist der böse Wecker

Elif Eralp bei der konstituierenden Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses am 29. Oktober 2026
Elif Eralp bei der konstituierenden Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses am 29. Oktober 2026. (Foto: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; Hintergrund seitlich KI-gestützt erweitert, Format auf 1200 × 630 Pixel angepasst)

Die Linke hat am Donnerstag einen Gegner gefunden, gegen den sie sich erstaunlich unerschrocken wehrt: Das Nachrichtenmagazin SPIEGEL. Bodo Ramelow schickt Elif Eralp ein Herzchen, die Parteispitze stellt sich vor ihre Familie. Der Brandenburger Landesvorstand diagnostiziert Sexismus. Das alles beantwortet allerdings noch nicht die unangenehmere Frage: Was folgt politisch aus den Zuständen, über die nun alle reden?

Am 29. Oktober 2026 lässt sich auf X besichtigen, wie aus Fragen an die Berliner Linke Vorwürfe gegen die Berichterstattung werden. Ramelow veröffentlicht „Yes she can!“, garniert mit Herz und Sonnenbrillen-Emoji. Dazu ein Bild Eralps und sein Urteil: Sie verfüge über die Eigenschaften, die eine Regierende Bürgermeisterin brauche. Die Prüfung ist bestanden. Das Prüfprotokoll besteht aus einem Sharepic.

Bodo Ramelow unterstützt Elif Eralp auf X mit einem Sharepic und Yes she can.
Bodo Ramelow wirbt für Eralp als Regierende Bürgermeisterin. (Screenshot: X)

Ramelow verlinkt ein Interview mit dem Stern. Darin kritisiert er die Veröffentlichung intern gemeinter Anmerkungen Eralps. Wie auch der Deutschlandfunk berichtet, wirft er dem Magazin vor, eine ohnehin verunsicherte Person gezielt zu verletzen. Seine Verteidigung zielt damit auf den Umgang mit Eralp. Über den Umgang ihrer Partei mit den politischen Verbindungen, die den Anlass der Debatte bilden, sagt dieser Post nichts.

Stefan Laurin hat den politischen Kern bereits beschrieben: Wer die Linke beurteilt, muss auch ihr Vorfeld betrachten. Eine Solidaritätserklärung für die Spitzenkandidatin erledigt diese Frage nicht.

Der Leak kam aus der eigenen Pressestelle

Wie die internen Notizen bei der Redaktion landeten, schildern die beteiligten Journalisten im SPIEGEL-Podcast „Mad Kings“ ausführlich ab Minute 5:24: Am Montag führten sie das Interview, am Dienstag ging die verschriftlichte Fassung zur Autorisierung an Eralps Sprecher. Am Mittwoch um 9.46 Uhr kam sie zurück. Die Rücksendung enthielt nach ihrer Darstellung interne Kommentare: Die Nachfrage zu Ibrahim Ibrahim und Eralps Antwort waren gestrichen. In einer Anmerkung begründete sie das mit ihren Sicherheitsbedenken.

Die Redaktion war also Empfängerin einer Rückmail aus Eralps Büro. Für die Panne beim Versand ist die Pressestelle verantwortlich, für die anschließende Veröffentlichung der SPIEGEL.

Eine Redaktion ist keine Reperaturabteilung für missglückte Pressearbeit.

Im Podcast schildern die Journalisten auch ihre Abwägung zwischen Eralps Schutzinteressen und der politischen Bedeutung des Vorgangs. Dabei betont SPIEGEL-Redakteurin Anna Reimann, sie habe Eralp selbst nicht als israelfeindlich erlebt. Die Brisanz sehen die Journalisten im Verhältnis zwischen der Spitzenkandidatin und jenen Parteifreunden, die Kontakte zu den Menschen pflegen, vor denen Eralp sich fürchtet.

Pressefreiheit gilt auch bei Linken

Solchen Widersprüchen nachzugehen und über politisch relevante Erkenntnisse zu berichten, gehört zum Auftrag von Medien. Wer regieren will, muss sich Fragen zur eigenen Handlungsfähigkeit und zum politischen Umfeld seiner Partei gefallen lassen. Das öffentliche Interesse daran verschwindet nicht mit dem Hinweis, die betreffende Information sei intern gewesen.

Ein passender Vergleich sind die AfD-Leaks von NDR und WDR aus dem Jahr 2022: Die Sender werteten mehr als 40.000 interne Chatnachrichten aus, die ihnen ein Whistleblower zugespielt hatte. Sie dokumentierten damit unter anderem radikale Äußerungen von Abgeordneten. Der Vergleich betrifft den journalistischen Auftrag, nicht den Inhalt der Nachrichten. Und der Übermittlungsweg unterscheidet sich erheblich: Bei Eralp geht es um den Austausch zur Interviewautorisierung.

Deshalb ist die Veröffentlichung einzelner vertraulicher Details gesondert zu begründen. Der Pressekodex schützt vereinbarte Vertraulichkeit grundsätzlich und verlangt bei geheimen Vorgängen eine sorgfältige Abwägung mit dem öffentlichen Informationsinteresse. Der taz-Journalist Felix Zimmermann hält den Autorisierungsaustausch für vertraulich und kritisiert die Veröffentlichung. Diesen Einwand muss sich der SPIEGEL gefallen lassen. Die politischen Fragen an die Linke beantwortet dieser Einwand nicht.

Pressefreiheit wäre eine sonderbare Veranstaltung, wenn sie bei den Interna der AfD ihren Zweck erfüllte und bei denen der Linken vor allem die Stimmung verdürbe.

Schutz für Eralp. Und die Konsequenzen?

Eralp und ihre Familie haben Anspruch auf Schutz. Eine Politikerin muss persönliche Risiken nicht demonstrativ ignorieren, um ihre Eignung für ein Amt zu beweisen. Daraus ergibt sich jedoch kein Anspruch der Partei, ihre eigene Vorgeschichte aus der Debatte herauszuhalten.

Die Vorsitzenden Ines Schwerdtner und Luigi Pantisano erklären am selben Tag laut AFP: „Wir stellen uns vor Elif und vor ihre Familie.“ Sie kritisieren die Veröffentlichung als Gefährdung ihrer Sicherheit. Beide erklären zugleich Kontakte zu Menschen, die Gewalt verherrlichen oder Terror relativieren, für unvereinbar mit den Werten der Partei.

Das ist ein Maßstab, an dem man die Linke messen kann. Welche Zusammenarbeit wird überprüft? Welche Einladungen werden künftig unterlassen? Welche früheren Erklärungen werden korrigiert? In der von AFP wiedergegebenen Stellungnahme werden solche konkreten Schritte nicht benannt. Die Werte sind klar. Ihre Anwendung wäre die interessantere Nachricht.

Unser vorheriger Beitrag dokumentiert anhand der eigenen Veröffentlichungen der Neuköllner Linken, wie sie 2025 die Zusammenarbeit mit dem Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee verteidigte und die Einschätzung des Verfassungsschutzes zurückwies.

Eralp selbst hat am Donnerstag öffentlich angekündigt, konsequent gegen organisierte Kriminalität, Gewalt und Terror vorzugehen und sich nicht einschüchtern zu lassen. Ihr Sprecher verwies zudem auf Empfehlungen der Sicherheitsbehörden, politische Probleme öffentlich nicht an einzelnen Personen festzumachen. Ihre persönlichen Sorgen sind weder ein Beweis eigener Verstrickung noch ein Beleg dafür, dass eine bestimmte Person sie bedroht hat. Politisch zu prüfen bleibt, ob ihre Partei die angekündigten Grenzen auch in den eigenen Strukturen durchsetzt.

Brandenburg hat den Schuldigen schon gefunden

Der Brandenburger Landesvorstand liefert am 29. Oktober die passende Grafik: „Keine Angst vor starken Frauen!“ Der Begleittext, auch auf Facebook veröffentlicht, erklärt den SPIEGEL-Bericht zum gezielten Versuch, Eralp persönlich zu diskreditieren. Der Umgang mit Risiken für die Familie zeige Stärke. Dann folgt die Gewissheit: „In Bezug auf einen Mann wäre dieser Text niemals so erschienen.“

Die Linke Brandenburg verteidigt Elif Eralp mit dem Slogan Keine Angst vor starken Frauen.
Die Linke Brandenburg stellt sich mit einer Solidaritätsgrafik hinter Eralp. (Screenshot: Instagram)

Sexismus in der politischen Berichterstattung ist ein berechtigtes Thema. Der Landesvorstand benutzt den Vorwurf hier allerdings als fertige Erklärung: Einen vergleichbaren Fall mit einem männlichen Politiker führt er nicht an. Für die Berliner Sicherheitslage verweist er auf den bisherigen CDU-Regierungschef. Damit benennt er staatliche Verantwortung. Welche Verbindungen die eigene Partei politisch akzeptiert, beantwortet er damit nicht. Dafür müsste sich der Blick vom Roten Rathaus auch einmal ins eigene Parteibüro richten.

Das Ergebnis ist eine bemerkenswert bequeme Arbeitsteilung: Die CDU ist für die Sicherheitslage zuständig, der SPIEGEL für die Zumutung, darüber zu berichten. Der Linken bleibt die Solidaritätsgrafik.

Am Nachmittag ist dann die CDU dran

Um 17.41 Uhr folgt Ramelows nächster X-Beitrag. Jetzt geht es um die Wahl zum Präsidium des Berliner Abgeordnetenhauses. Der AfD-Kandidat Martin Trefzer erhielt 40 Ja-Stimmen; seine Fraktion hat 29 Mitglieder. Ramelow richtet seine Spitze an den CDU-Vorsitzenden und endet ironisch mit den Worten „denn Elif ist Schuld“.

Bodo Ramelow verbindet die zusätzlichen Stimmen für den AfD-Kandidaten mit einer Spitze gegen die CDU und die Eralp-Debatte.
Ramelow kommentiert die Stimmen für den AfD-Kandidaten mit einer Spitze gegen die CDU. (Screenshot: X)

Die 40 Stimmen sind vom Abgeordnetenhaus dokumentiert. Trefzer wurde trotzdem nicht gewählt. Die Abstimmung war geheim. Aus dem Ergebnis lässt sich nicht ablesen, aus welcher Fraktion die zusätzlichen Stimmen kamen.

Natürlich sind diese Stimmen ein Thema. Sie beantworten nur keine der Fragen an die Linke. Ramelow führt eine zweite politische Baustelle vor, als ließe sich die erste damit schließen. Für die empörte Stammkundschaft reicht das womöglich.

Die Vorgeschichte verschwindet nicht

Die politischen Konflikte bestanden schon vor der Veröffentlichung. Das gilt auch für die Mobilisierung gegen eine Regierungsbeteiligung vor dem Landesparteitag am 31. Oktober. Ein Protestaufruf ist keine Drohung. Er belegt aber, dass die Parteiführung ihre Konflikte mit dem eigenen politischen Umfeld nicht durch eine Beschwerde über Journalisten erledigen kann.

Den früheren Protestaufruf unter Beteiligung von Palästina-LAG und -BAG haben die Ruhrbarone bereits dokumentiert. Die Chronologie ist wichtig: Der Streit wurde nicht erst von einer Zeitschrift in die Partei getragen.

Selbst ein vollständiger Erfolg gegen den SPIEGEL würde aber weder eine frühere Kooperation rückgängig machen noch die Gegner einer Regierungsbeteiligung überzeugen. Für all das braucht es politische Entscheidungen, die auch den eigenen Leuten wehtun können.

Ramelow hat seine Entscheidung schon mitgeteilt: „Yes she can!“ Jetzt müsste die Linke nur noch zeigen, was sie kann, sobald der Gegner nicht mehr in einer Redaktion sitzt.


Berlin: Der Senat heiligt die Mittel

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Autorenseite: Peter Ansmann
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