Die Berliner Grünen halten ihr Problem für ein Modell

Nina Stahr im Porträt, Aufnahme von Sonja Macholl aus dem Jahr 2020.
Nina Stahr denkt beim Berliner Bündnis schon an den Bund. Marianne Birthler hätte vorher gern belastbare Ergebnisse. (Foto: Sonja Macholl / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; Aufnahme von 2020, Ausschnitt.)

Eine neue Regierung gibt es in Berlin aktuell noch nicht. Die Berliner Grünen haben aber schon Pläne für deren Nachahmung. Landeschefin Nina Stahr sieht in einem Bündnis mit Linken und SPD ein mögliches Signal für den Bund.

Marianne Birthler verlangt derweil, erst einmal die Voraussetzungen fürs gemeinsame Regieren zu schaffen.

Schon exportfähig

Gefragt nach Rot-Grün-Rot im Bund 2029, verweist Stahr im Interview der Berliner Morgenpost vom 20. Oktober 2026 auf die mögliche Wirkung guter Regierungsarbeit in Berlin. Ihre Einschränkung lautet: „Wenn wir das gut hinbekommen“. Dann könne das Bündnis über die Hauptstadt hinaus Hoffnung machen.

„Wenn wir das gut hinbekommen, kann unsere gemeinsame Arbeit eine Strahlkraft entwickeln und den Menschen wieder Zuversicht und Hoffnung geben. Dann kann dieses Bündnis auch ein Zeichen sein.“

(Quelle: Berliner Morgenpost, 20. Oktober 2026)

Die Einschränkung Wenn ist gut gewählt. Dass ein Teil der Partei Die Linke in Berlin ein Antisemitismusproblem hat, räumt Stahr im selben Gespräch selbst ein. Sie vertraut darauf, dass die Parteiführung es erkannt hat und nun angeht. Der Beweis steht also noch aus. Für die Aussicht aufs bundespolitische Vorbild reicht es trotzdem schon.

Überschrift des Morgenpost-Interviews mit Nina Stahr über Rot-Grün-Rot als mögliches Signal für den Bund.
Die Regierung steht noch aus, die Perspektive für den Bund steht schon in der Überschrift. (Screenshot: Berliner Morgenpost, 20. Oktober 2026)

Birthler hätte da noch Bedingungen

Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin und Grünen-Politikerin Marianne Birthler ist da weniger leicht zufriedenzustellen. Im RedaktionsNetzwerk Deutschland beschreibt sie die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus als gerade erst begonnen. Ein innerhalb der Linken umstrittenes Papier belege zunächst den guten Willen eines Teils der Partei. Gemeinsam regieren könnten die Grünen erst, „wenn spürbare Veränderungen zu verzeichnen sind und wenn die Partei als Ganzes dahintersteht“.

Birthler fordert außerdem klare Solidarität mit der Ukraine im Koalitionsvertrag und kritisiert das geplante Ende der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Bundeswehr. Der Protest gegen diesen Kurs kommt auch aus der SPD.

Mona Naubaur (Foto: Peter Ansmann)
Mona Naubaur sieht Rot-Grün-Rot kritisch. (Archivfoto: Peter Ansmann)

Birthler steht mit ihren Bedenken nicht allein. Auch Mona Neubaur sah die Voraussetzungen für eine Koalition mit der Berliner Linken am 12. Oktober nicht erfüllt. Die grüne NRW-Vizeministerpräsidentin verwies auf die Proteste aus der Linken gegen die Antisemitismusvereinbarung. Was Stahr als mögliches Vorbild verkauft, wirft also schon in der eigenen Partei erhebliche Fragen auf.

Felix Banaszak im Porträt (Archivfoto).
Grünen-Chef Felix Banaszak fordert, die Konflikte vor dem Koalitionsstart zu klären. (Archivfoto: Peter Ansmann)

Auch Grünen-Chef Felix Banaszak warnte am 18. Oktober beim Bundeskongress der Grünen Jugend in Leipzig vor ungeklärten Konflikten über Antisemitismus und Israel: „Wenn alle paar Wochen irgendwo von Teilen dieser Koalition Leute eingeladen werden, die zur Intifada aufrufen, dann wird dieses Projekt nicht fünf Jahre stabil halten.“ Er wünscht dem Bündnis ausdrücklich Erfolg. Seine Warnung gilt gerade dessen möglicher Vorbildrolle im Bund: Wer die Probleme beim Start übergeht, riskiert später das Scheitern.

Es fehlt also nicht an Warnungen. Auch die offenen Konflikte der möglichen Koalition sind bekannt. Nina Stahrs Antwort darauf ist die Hoffnung, dass es schon gut gehen werde. Als Motivation für Verhandlungen mag das reichen. Für eine Empfehlung an den Rest der Republik ist es dürftig.

Erst Ergebnisse liefern, dann als Vorbild antreten: Dafür fehlt offenbar die Geduld. Für die Probleme der Linken hat man mehr davon.

Autorenseite: Peter Ansmann
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