Ich schäme mich für Sie, Gerhard Schröder!

Gerhard Schröder als Bundeskanzler zusammen mit dem damaligen US-Präsidenten George Bush. Quelle: Wikipedia, Lizenz: Gemeinfrei

Es gibt Dinge im Leben, die man im Laufe der Jahre irgendwann bitter bereut. Für mich zählt dazu, dass ich in meinen jungen Jahren Gerhard Schröder und seine SPD unterstützt, in den Jahren mit ihm als Spitzenkandidaten für das Bundeskanzleramt auch stets gewählt habe.

Man, was habe ich mich damals gefreut, als Schröder im Herbst 1998 Helmut Kohl und seine CDU aus dem Kanzleramt vertrieben hat. Bis 2005 regierte Schröder dieses Land bekanntlich. Es waren Jahre, in denen ich mich mit ihm und seiner auch damals schon umstrittenen Art, noch ganz gut identifizieren konnte. Der Mann hatte etwas. Mir gefiel seine Ausstrahlung und sein Charisma. Ach, was war ich doch naiv damals.

Auch in den Schröder-Jahren vernahm ich schon deutliche Kritik an seiner Politik. Die Agenda2010 der SPD, die auch er mit zu verantworten hatte, wurde beispielsweise vielfach kritisiert. Ich hörte das, es betraf mich aber (noch) nicht. Daher nahm ich es nicht so wichtig. Das sollte sich ein paar Jahre später ändern. Und das veränderte dann auch kolossal meine Wertschätzung, die ich Schröder und seiner SPD von da an entgegenbrachte.

In einer beruflich komplizierten Phase, als ich meine Selbstständigkeit irgendwann zwischenzeitlich aufgab, gehörte der Gang zum Jobcenter irgendwann urplötzlich zu meinem Alltag. Ich erkannte rasch, was unter SPD- und Schröder-Führung auf dem Arbeitsmarkt abgegangen war, wie sehr sich der Umgang mit den ‚Kunden‘ im Jobcenter im Vergleich zu den früheren Zeiten beim ‚Arbeitsamt‘ zum Nachteil der arbeitssuchenden verändert hatte.

Ich begriff, dass die Unterstützung der Bundesregierung in den Jahren zuvor ein grober Fehler von mir war, dass ich die Vorgänge bis dahin total unterschätzt bzw. nicht wirklich wahrgenommen hatte. Plötzlich bereute ich selber ein Stück weit zum Machterhalt Schröders durch meine Stimme am Wahltag beigetragen zu haben.

Meine einstige Unterstützung der SPD ist bis heute übrigens nicht wieder zurückgekehrt, auch wenn sich meine berufliche Situation zum Glück seither wieder deutlich verbessert hat. Warum ich das hier und heute erzähle? Weil aus der damals in mir aufgekommenen Kritik an der Politik Schröders inzwischen eine regelrechte Missachtung geworden ist.

Dass Schröder sich seit Jahren auch als fortgesetzter Putin- und Gazprom-Freund bzw. -Mitarbeiter seinen Ruf in diesem Land schwer beschädigt hat, war und ist bekannt. Doch die Tatsache, dass sich der Ex-Kanzler auch in den Tagen des Ukraine-Krieges bisher nicht klar positioniert hat, dass er noch immer nicht deutlicher mit dem Kurs seiner russischen Freunde gebrochen hat, kostet den SPD-Politiker bei mir (und sicherlich auch bei vielen anderen Zeitgenossen) in diesen Stunden den letzten Rest an Respekt und Sympathie.

Wann, wenn nicht jetzt, will Schröder sich eigentlich klar und deutlich zu den Werten dieses Landes bekennen und seinen bisherigen Russland-freundlichen Kurs verlassen? Es ist doch einfach nicht zu verstehen, wie ein Mann, der einst Millionen von ‚kleinen Leuten‘ in diesem Lande schon durch die von ihm eingeführten Veränderungen am Arbeitsmarkt so sehr schadete, in diesen Tagen politisch noch deutlich weiter ins Abseits geraten konnte.

Meine Sympathie von einst, ist inzwischen jedenfalls in das völlige Gegenteil verkehrt worden. Ich schäme mich inzwischen regelrecht dafür, Schröder einst aktiv mit ins Amt des Bundeskanzlers gewählt und ihn bei der Wiederwahl dort gehalten zu haben. Aber manche Dinge im Leben begreift man eben erst hinterher.

Vielleicht geht es Schröder in den kommenden Tagen in Bezug auf Russland und seine aktuelle Führung ja ähnlich und er zieht auch endlich die Konsequenzen aus seinem offenkundigen Fehler, so wie ich es einst auch tat, als ich mir fest vornahm nie wieder die SPD wählen bzw. unterstützen zu wollen…

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11 Kommentare

  1. #1 | thomas weigle sagt am 4. März 2022 um 15:34 Uhr

    Kein "Basta" zu Wladimir dem Schrecklichen vom "BastaKanzler." Traurig und beschämend.

  2. #2 | Edeltraud Riedel sagt am 4. März 2022 um 18:31 Uhr

    Ich schäme mich ebenfalls, dass ich diesen Menschen schon mal zum Bundeskanzler gewählt habe.
    Wie muss er sich wohl dabei fühlen, wenn er einen Lügner und Mörder umarmt und noch vor Tagen den Aufmarsch der russischen Armee an der Grenze zur Ukraine verharmlost hatte?

  3. #3 | Christian Scharlau sagt am 4. März 2022 um 22:40 Uhr

    Aber er hat doch einen Aufsichtsposten aufgegeben und damit seine Prioritäten klargemacht. Nicht die bei seinem Korruptor Putin, sondern beim deutschen Tunnelbohrmaschinenhersteller Herrenknecht.

    https://www.manager-magazin.de/unternehmen/gerhard-schroeder-lieber-aufsichtsrat-bei-rosneft-als-bei-herrenknecht-a-27fedc78-d758-4d0b-b37a-336a696db513

    Sicher aus Protest dagegen, daß Herrenknecht seine volle Unterstützung für die Sanktionen erklärt hat.

    Und da Gerd "Die korrupteste Versuchung, seit es Bundeskanzler gibt" Schröder ja auch die russische Staatsbürgerschaft hat, wäre doch jetzt der logische nächste Schritt, seinen Wohnsitz in Deutschland aufzulösen und zu seinem Idol nach Rußland zu ziehen.

  4. #4 | Burger sagt am 4. März 2022 um 23:59 Uhr

    Schröder und Putin – eine langjährige unverbrüchliche Männerfreundschaft, die über Leichen geht. Sollte man in diesem Kontext nicht doch lieber von einer Komplizenschaft sprechen?…

  5. #5 | Christian Scharlau sagt am 5. März 2022 um 02:47 Uhr

    @ #4 Burger: Absolut richtig. Zumal die beiden ja gemeinsam den Nord-Stream-Plan ausgeheckt haben, um Deutschland NOCH abhängiger von Putin zu machen und gleichzeitig den osteuropäischen Ländern im Krisenfall die Gasversorgung abschneiden zu können, weil das Gas für Deutschland durch die Ostsee direkt zu uns kommt.

    Als Schröder damals als Kanzler diesen Deal einfädelte und gleichzeitig aus allen Rohren seine Sprüche über Putin als "lupenreinen Demokraten" verbreitete, habe ich mir ehrlich den Kopf zebrochen, ob der Mann wirklich so blöd ist oder nur so tut. Auf die aus heutiger Sicht naheliegende Lösung, daß er einfach gekauft ist, bin ich damals nicht gekommen. Das überstieg irgendwie meinen Vorstellungshorizont.

  6. #6 | Konrad H. sagt am 5. März 2022 um 07:26 Uhr

    Ich schäme mich ebenfalls, denn einen Mörder als Freund zu haben ist eine Schande.
    Ich bin ebenfalls durch die Agenda 2010 mit 54 Jahren aus meinem Beruf heraus gekommen. Musste mich dann 11 Jahre bis zu meiner Rente, mit Zeitarbeitsfirmen herumschlagen.
    Ich könnte ein Buch schreiben, was ich alles an negatives in dieser Zeit erlebt habe. Bis Heute habe ich Probleme, Krankenkassen sitzen mir im Nacken.
    Ich wollte immer schon Gerhard Schröder aufsuchen, und Ihn ins Gesicht sp…..n.
    Heute komme ich kaum mit meiner Rente über die Runden, obwohl ich Facharbeiter bin.
    Ich bin so enttäuscht von unserem Staat.

  7. #7 | Jupp Schmitz sagt am 5. März 2022 um 07:40 Uhr

    Mittlerweile bin ich an dem Punkt, daß ich gar nicht mehr möchte, daß Schröder die Seiten wechselt.
    Wer zehn Tage braucht, um Grundwerte des menschlichen Daseins zu verstehen, kann es ja gar nicht mehr ernst meinen, den Angriffskrieg zu verurteilen.

  8. #8 | Jens sagt am 5. März 2022 um 11:29 Uhr

    Man sollte nicht vergessen, dass er unserer ehemaligen Kanzlerin sehr von Nutzen war. So schäbig sich Schröder auch verhält, die Russland Politik der letzten 16 Jahre geht auf Frau Merkels Konto. Das scheint etwas in Vergessenheit geraten zu sein.

  9. #9 | Heather sagt am 5. März 2022 um 21:43 Uhr

    Gerhard Schröder ist ein skrupelloser Lobyist. In seiner Gier sieht er über Leichen hinweg. Aber warum keine Wut und Vorwürfe gegen Angela Merkel? Merkel und die Große Koalition hat Europa in diese Situation manövriert. Schröder ist seit vielen Jahren nicht mehr Kanzler. Es ist Merkel.

  10. #10 | Andreas Weiss sagt am 5. März 2022 um 21:45 Uhr

    Schröder ist ein prinzipienloser Mensch, der für Geld alles tut. Obwohl er als Altkanzler weiterhin eine sehr üppige Pension kassiert, Millionen auf dem Konto hat und längst ausgesorgt hat, will er dennoch weiterhin die blutgetränkte Russenkohle einstreichen, auf die er beileibe nicht angewiesen ist. Diese Gier ist einfach nur noch beschämend und widerlich. Aber in der SPD gibt es ja einige, die ihre ehtischen Prinzipien längst über Bord geworfen haben, siehe Schwesig…

  11. #11 | Ukraine-Krieg: Die Klitschko-Brüder wurden nach der Profi-Box-Karriere zu noch größeren Helden | Ruhrbarone sagt am 7. März 2022 um 08:02 Uhr

    […] Ich schäme mich für Sie, Gerhard Schröder! von Robin Patzwaldt in Politik, Wirtschaft […]

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