Der Kiepenkerlbrunnen in Waltrop wird durch einen ‚Klimaplatz‘ ersetzt – Fördergeld macht es möglich. Foto(s) Robin Patzwaldt
Dass viele Städte im Ruhrgebiet finanziell längst nur noch auf dem Zahnfleisch kriechen, ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Doch was sich aktuell wieder zwischen klammen Stadtkassen, grotesken Förderprogrammen und kommunalpolitischer Realitätsverweigerung abspielt, lässt einen als halbwegs denkenden Bürger regelmäßig zwischen Fassungslosigkeit und Galgenhumor pendeln.
Man konnte sich in den letzten Wochen wirklich kaum retten: Überall dieses Dauerfeuer an guter Laune, Zukunftsvisionen und geschniegelt-glatten Imageclips. Olympia in NRW! Endlich wieder wer! Endlich Weltbühne! Der WDR im Dauer-PR-Modus, als hätte man den Zuschlag schon heimlich im Keller unterschrieben. Nur ein kleines Detail ging dabei irgendwie unter: Es ging erstmal bloß um die Frage, ob man sich überhaupt bewerben will. Kein Zuschlag. Kein Finale. Nicht mal eine Shortlist. Einfach nur: „Wollen wir mitspielen?“ – und NRW so: „JA!“, als hätte jemand Freibier versprochen.
Zu Besuch bei Phoenix des Lumières in Dortmund im März 2026. Foto(s): Robin Patzwaldt
Seit vergangener Woche läuft im Phoenix des Lumières in Dortmund-Hörde das neueste Programm – und für die Ruhrbarone war ein Besuch natürlich Pflicht. Die Erwartungshaltung war dabei durchaus hoch, auch wenn sich bei mir, wie vermutlich bei vielen regelmäßigen Besuchern, längst ein gewisser Gewöhnungseffekt eingestellt hat. Wer bereits frühere Produktionen wie die naturwissenschaftlichen Themenwelten rund um Ozeane oder das Weltall erlebt hat, weiß schließlich, was dort technisch möglich ist – und wird entsprechend schwerer zu überraschen sein.
Nagersichtung direkt am Marktplatz in Waltrop. Foto: Robin Patzwaldt
Es gibt diese Nachrichten, bei denen man unweigerlich innehält. Nicht, weil sie so spektakulär wären. Sondern weil man sich fragt: Meinen die das ernst? Eine solche Meldung flatterte in dieser Woche aus dem beschaulichen Waltrop in die Öffentlichkeit. Die Schule Oberwiese wurde geschlossen. Der Grund? Ein „Nagerbefall“. Klingt dramatisch, ein bisschen nach Katastrophenschutz, vielleicht sogar nach einem Drehbuch für eine mittelmäßige Netflix-Serie.
Inzwischen wissen wir: Es sind Mäuse. Ja, richtig gelesen. Mäuse. Und wegen dieser Mäuse bleibt eine Schule über eine Woche dicht.
Diskutiert wird über die B474n schon Jahrzehnte. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt
Es gibt diese Geschichten, die sind so typisch für das Ruhrgebiet, dass sie längst mehr sind als bloße Einzelfälle. Sie stehen sinnbildlich für eine Region, die sich seit Jahrzehnten schwer damit tut, ins Handeln zu kommen. Für träge Verfahren, endlose Diskussionsschleifen und politische Rituale, die mehr dem eigenen Gewissen als der Lösung realer Probleme dienen.
Der geplante Neubau der Bundesstraße 474n in Waltrop, also die angedachte Verlängerung der A45 von Dortmund-Mengede in Richtung Münsterland, ist genau so eine Geschichte – und sie erklärt ziemlich gut, warum sich viele Bürger regelrecht veräppelt fühlen, wenn Lokalpolitiker alle paar Jahre wieder so tun, als wollten sie die Dinge nun endlich beschleunigen.
Aktuell kommt das Thema wieder einmal frisch auf die Tagesordnung.
Die Ankündigung des Waltroper Parkfests 2025 kam etwas bieder daher – so wie das Programm. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt
Das Eingeständnis kam spät – aber es kam. Nachdem die ‚Waltroper Zeitung‘ das Parkfest über Jahre hinweg mit einer Mischung aus Durchhalteparolen, Erfolgsmeldungen und wohlwollender Schönfärberei begleitet hat, musste sie in dieser Woche erstmals offen einräumen, was viele Besucherinnen und Besucher längst spüren: Das Parkfest läuft wirtschaftlich nicht so gut, wie es immer dargestellt wurde.
Rote Zahlen, trotz angeblich wieder steigender Besucherzahlen und trotz eines „tollen Programms“. Plötzlich steht das traditionsreiche Stadtfest am Scheideweg. Für viele vor Ort ist das allerdings keine Überraschung, sondern eher eine verspätete Bestätigung.
Die Fußgängerzone in Waltrop ist inzwischen häufig menschenleer. Foto: Robin Patzwaldt
Bei mir vor der Haustür hier in Waltrop flammt sie gerade wieder auf, die altbekannte Diskussion um den Wochenmarkt. Seit Jahren taucht das Thema immer wieder in der Öffentlichkeit auf – meist dann, wenn die Leere auf dem Marktplatz und in der Fußgängerzone nicht mehr zu übersehen ist.
Nun also erneut der Vorschlag, den Wochenmarkt von seinem angestammten Platz in die Innenstadt zu verlegen. Ein Versuch, Leben dorthin zu bringen, wo es kaum noch pulsiert. Eine Idee, die im Kern sympathisch ist – und dennoch kaum das leisten kann, was man sich von ihr erhofft.
Die Villa Hügel in Essen im Oktober 2025. Foto(s): Robin Patzwaldt
Vor ein paar Tagen war ich zum ersten Mal in der Villa Hügel in Essen. Für jemanden, der seit Anfang der 1970er-Jahre im Ruhrgebiet lebt, wurde das höchste Zeit. Schließlich ist die Geschichte dieser Region untrennbar mit der Familie Krupp verbunden – und damit auch mit diesem Haus, das so viele Mythen, Machtfantasien und Widersprüche in sich trägt.
Ich wusste natürlich, wie die Villa aussieht. Aus Filmen, Fotos, Dokumentationen. Aber sie dann tatsächlich zu betreten, über diese makellos gepflegten Wege zu gehen, auf die weiten Rasenflächen zu blicken, das war etwas anderes. Es war – das klingt vielleicht pathetisch – fast wie ein kleiner Kulturschock.
Beim Herbstleuchten 2025 im Maximilianpark Hamm. Foto(s): Robin Patzwaldt
Das Ruhrgebiet – für viele ist es ein Synonym für graue Betonlandschaften, verkehrsgeplagte Innenstädte und industrielle Hinterlassenschaften. Zwischen Fördertürmen, Schnellstraßen und Einkaufszentren scheint Romantik auf den ersten Blick selten Platz zu finden.
Doch wer an einem milden Oktoberabend den Maximilianpark in Hamm betritt, lässt diese Klischees erstaunlich schnell hinter sich. Das Herbstleuchten 2025 (läuft noch bis zum 2. November) beweist einmal mehr, wie leicht es sein kann, die rauen, manchmal spröden Seiten der Region zu vergessen – wenn Licht, Natur und Fantasie miteinander verschmelzen.
Ein Besuch im Eisenbahnmuseum in Bochum-Dahlhausen. Foto(s): Robin Patzwaldt
Es gibt noch immer Orte im Ruhrgebiet, die neu für sich zu entdecken sich lohnt. Am vergangenen Wochenende durfte ich einmal wieder einen solchen kennenlernen. Ein Besuch im Eisenbahnmuseum in Bochum-Dahlhausen, das ich zuvor nur vom Namen her kannte, hat mich positiv überrascht, weshalb ich es heute hier kurz einmal vorstellen möchte. Mein Aufenthalt dort wirkte auf mich wie eine Zeitreise – eine rund zweistündige Rückkehr in längst vergangene Zeiten, interessant nicht nur für eingefleischte Eisenbahnfans.
Schon wenn man das weitläufige Gelände betritt, riecht es nach Öl, Metall und Ruhrgebiets-Geschichte. Wo früher Lokführer ihre Dampfrösser für den nächsten Einsatz rüsteten, kann man heute in aller Ruhe durch die beeindruckende Sammlung schlendern und Eisenbahn-Historie hautnah erleben.