
Das von der Terrororganisation Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium in Gaza hat neue Zahlen veröffentlicht: Sein Sterbebericht für 2025 schlüsselt registrierte Todesfälle nach Ursachen auf. Eine neue Gesamtbilanz des Krieges liefert er nicht. Wie viele Tote Kämpfer waren und wie viele Zivilisten, bleibt ebenfalls ungeklärt.
Der neue Bericht ist Anlass, genauer hinzusehen: Was wurde gezählt, was geschätzt – und wie machten Aktivisten daraus bereits feststehende Opferzahlen?
Am Anfang dieser Bilanz steht der von der Hamas geführte Terrorüberfall aus Gaza auf Israel am 7. Oktober 2023. Die Massaker und Geiselnahmen lösten diesen Krieg aus. Ohne diesen Überfall wäre Gaza dieser konkrete Krieg erspart geblieben. Eine frühzeitige Freilassung der Geiseln und eine Kapitulation der Hamas hätten wesentliche Voraussetzungen für ein früheres Kriegsende geschaffen.
Die Hamas trägt die Verantwortung für den Überfall vom 7. Oktober 2023, der diesen Krieg auslöste. Wer über dessen Opfer spricht, darf diese Verantwortung nicht ausblenden. Die gesonderte Prüfung einzelner militärischer Handlungen ändert daran nichts.
Die israelische Sicherheitsperspektive kam bei Arye Sharuz Shalicars Lesung in Düsseldorf zur Sprache. Im Ruhrbarone-Bericht vom 10. Oktober 2025 erläutert er, weshalb er Friedensbereitschaft und militärische Stärke zusammen denkt: (
„Israel ist friedensorientiert, aber man will keinen Selbstmord beginnen“). Diese Perspektive gehört zum Verständnis der israelischen Debatte – die Prüfung konkreter militärischer Handlungen bleibt davon unberührt.
Wie die Hamas-Führung zivile Verluste politisch einordnete, beschrieb das Wall Street Journal in einem bei To Vima am 11. Juni 2024 veröffentlichten Bericht: In von der Zeitung eingesehenen Nachrichten habe Yahya Sinwar von „notwendigen Opfern“ gesprochen und auf wachsenden internationalen Druck auf Israel gesetzt. Hamas-Sprecher Ghazi Hamad bestritt die Darstellung am 12. Juni 2024. Es handelt sich um einen bestrittenen Bericht über interne Nachrichten, nicht um ein öffentliches Eingeständnis.
Ismail Haniyeh erklärte dagegen öffentlich am 26. Oktober 2023 nach der von Palestinian Media Watch dokumentierten Übersetzung, das Blut der Kinder, Frauen und Älteren werde gebraucht, um Kampfgeist und Entschlossenheit zu stärken. Das dokumentiert die politische Verwertung des Leids.
Wie Aktivisten aus einer Schätzung eine Opferbilanz machten
Ein Beispiel liefert Die Linke.SDS: Im Beschlussheft vom 6. bis 8. Dezember 2024, Seite 22, heißt es neben damals offiziell genannten 43.000 Toten, es werde geschätzt, „dass bis zu 186.000 Menschen in Gaza getötet wurden“. Der SDS nennt die Zahl ausdrücklich eine Schätzung. Er formuliert sie aber als bereits eingetretene Todesfälle, ohne an dieser Stelle eine Quelle anzugeben. Das ist eine Aussage des Studierendenverbandes, nicht pauschal der gesamten Partei.
Die World Socialist Web Site behauptete am 9. Juli 2024 sogar, Israel habe innerhalb von neun Monaten 186.000 Menschen getötet. Als Beleg diente The Lancet. Derselbe Text warb für eine Antikriegsdemonstration.
Nur: Der Lancet-Korrespondenzbeitrag von Rasha Khatib, Martin McKee und Salim Yusuf vom 5. Juli 2024 enthielt keine Zählung von 186.000 bereits Verstorbenen. Die Autoren gingen von 37.396 gemeldeten Toten aus und setzten rechnerisch vier indirekte Todesfälle je direktem Todesfall an.
Dabei bezogen sie ausdrücklich auch Todesfälle durch Kriegsfolgen in kommenden Monaten und Jahren ein, selbst bei einem sofortigen Kriegsende. So gelangten sie zu einer möglichen Gesamtbelastung von rund 186.000 oder mehr Toten. Das war eine Abschätzung anhand einer Annahme aus anderen Konflikten, keine entsprechende Erhebung in Gaza.
Die World Socialist Web Site machte daraus eine bereits eingetretene Opferbilanz, die ihre Quelle nicht belegte. Beim SDS bleibt die unmittelbare Quelle offen. Das Wort „Schätzung“ erklärt noch nicht, was geschätzt wurde. Wissenschaftliche Autorität lässt sich leichter zitieren als ihre Einschränkungen.
Höhere Schätzungen sind deshalb nicht grundsätzlich falsch: Nicht registrierte Tote und indirekte Kriegsfolgen müssen untersucht werden. Registrierte Fälle, Schätzungen bereits eingetretener Todesfälle und Projektionen künftiger Kriegsfolgen sind drei verschiedene Dinge.
Was die Meldungen aus Gaza tatsächlich zählen
Das Portal „Gaza – The Living Memory“ meldete am 1. Oktober 2026 insgesamt 74.040 palästinensische Tote seit Kriegsbeginn und berief sich auf medizinische Quellen. Das ist eine veröffentlichte Meldung, keine von uns unabhängig überprüfte Gesamterhebung. Israelische Opfer sind darin nicht enthalten; sämtliche indirekten Kriegstoten erfasst sie ebenfalls nicht.
Das Gesundheitsministerium in Gaza steht unter Kontrolle der Terrororganisation Hamas, wie auch der britische Lagebericht vom Juni 2026 festhält. Eine vollständige unabhängige Überprüfung sämtlicher gemeldeter Fälle liegt uns nicht vor. Die Herkunft verlangt Quellenkritik; sie beweist für sich genommen keine Fälschung.
Neue Zahlen aus Gaza – aber keine neue Gesamtbilanz
Der nun vorliegende Sterbebericht des Ministeriums für 2025 zählt laut eigener Methodik 24.650 vollständig dokumentierte Todesfälle: 17.286 durch Kriegshandlungen, 1.584 durch Unfälle und rechnerisch 5.780 durch übrige Ursachen. Bearbeitungsstand ist der 11. Juli 2026; die Registrierung dauert an.

Die 17.286 korrigieren die kumulative Kriegstotenmeldung nicht. Der Bericht behandelt registrierte und vollständig bearbeitete Fälle eines Jahrgangs; laufende Kriegsmeldungen zählen seit dem 7. Oktober 2023 und enthalten Nachregistrierungen. Ein Vergleich muss diese unterschiedlichen Bezugsgrößen beachten.
Wie viele Kriegstote Zivilisten oder Angehörige bewaffneter Gruppen waren, bleibt offen. Die Kategorie „Kriegshandlungen“ beantwortet diese Frage nicht.
Der Bericht belegt weder eine Rücknahme der Opferzahlen noch eine statistische Widerlegung des Genozidvorwurfs. Umgekehrt beweist seine politische Sprache keine Absichten der israelischen Armee.
Was der Vergleich mit 2022 zeigt
Der Jahresbericht 2022, Seiten 55–57, verzeichnete 6.061 Tote; der Bericht 2025 zählt 24.650. Der männliche Anteil stieg von 52,8 auf 73,4 Prozent. Das beschreibt registrierte Sterbefälle, keine bereinigte Übersterblichkeit und keine Kämpferquote.

Auch die berichteten Kinderraten steigen: Säuglingssterblichkeit von 10,8 auf 15,8, Sterblichkeit unter fünf Jahren von 13,6 auf 33,4 je 1.000 Lebendgeburten. Die perinatale Sterblichkeit – Totgeburten und frühe Neugeborenentodesfälle – steigt von 9,73 auf 15,85 je 1.000 Geburten.

Tabelle 3 des neuen Berichts nennt für Herzkrankheiten 49,8 Tote je 100.000 Einwohner im Jahr 2022 und 89,0 im Jahr 2025. Bei bösartigen Neubildungen sinkt die Rate von 42,2 auf 19,3. Eine bessere Krebsversorgung lässt sich daraus nicht ablesen: Diagnostik, Registrierung und Zuordnung der Todesursachen beeinflussen die Werte.

Die registrierten Werte erlauben weder den pauschalen Ausschluss indirekter Kriegstoter noch deren genaue Bezifferung.
Krieg der Zahlen
Robert Herr griff bei den Ruhrbaronen am 14. August 2024 Abraham Wyners Kritik an den damaligen Meldedaten auf: (
Hamas-Opferzahlen: Der Datenmanipulation auf der Spur). Im Mittelpunkt standen der Verlauf der Meldungen und auffällige Beziehungen zwischen Alters- und Geschlechtsgruppen.
Als endgültigen Fälschungsbeweis sollte man diese Analyse nicht behandeln. Wyners Originaltext vom 7. März 2024 betrachtete Meldungen vom 26. Oktober bis 10. November 2023 und räumte fehlende Kontrolldaten für einen formalen Test ein. Lior Pachter zeigte am 8. März 2024, dass kumulierte Zahlen auch bei stark schwankenden Tageswerten nahezu geradlinig aussehen können. Dieses Argument trägt den Fälschungsvorwurf deshalb nicht allein.
Bemerkenswert ist zudem Wyners spätere methodische Kritik an einer Lancet-Studie, veröffentlicht im Februar 2025: Seine alternative Berechnung ergab laut Zusammenfassung eine Gesamtzahl aus Zivilisten und Kämpfern nahe der Ministeriumsangabe.
Die Jüdische Allgemeine berichtete am 3. April 2025 unter „Studie: Hamas-Opferzahlen ›völliger Unsinn‹“ und am 16. April 2025 unter „Krieg der Zahlen“ über dieselbe Untersuchung von Honest Reporting. Demnach fehlten in einer späteren Liste 3.400 zuvor aufgeführte Namen, darunter 1.080 Kinder. Die Autoren deuteten das als Fälschungsbeleg.
Zwei Berichte über dieselbe Untersuchung sind keine unabhängigen Bestätigungen. Die Listenänderungen haben wir nicht selbst fallweise überprüft. Fehlende Namen allein erklären weder den Grund der Streichung noch den Verbleib der Betroffenen.
Was neuere Untersuchungen zu den Gesamtzahlen beitragen
Die am 18. Februar 2026 veröffentlichte Gaza Mortality Survey stützt sich auf die Befragung von 2.000 Haushalten. Sie schätzt für den Zeitraum vom 7. Oktober 2023 bis zum 5. Januar 2025 75.200 gewaltsame Todesfälle, mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 63.600 bis 86.800. Hinzu kommen geschätzte 8.540 über das erwartete Niveau hinausgehende nicht gewaltsame Todesfälle. Grenzen der Erhebung sind unter anderem nicht erreichbare Gebiete und Haushalte ohne überlebende Auskunftsperson. Eine Einteilung in Kämpfer und Zivilisten liefert sie nicht.
Eine Modellrechnung von Forschern des CED und des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung vom Mai 2026 schätzt für die ersten beiden Kriegsjahre bis zum 6. Oktober 2025 mehr als 115.000 direkte Todesfälle, mit einem Unsicherheitsbereich von 104.000 bis 129.000. Sie korrigiert die Ministeriumsdaten anhand einer angenommenen Untererfassung von ungefähr 40 Prozent, gestützt auf frühere Untersuchungen. Das Ergebnis hängt entsprechend von dieser Annahme und dem Modell ab.
Diese Arbeiten sind ernst zu nehmende Hinweise auf eine Untererfassung. Sie unterscheiden sich grundlegend von der zuvor beschriebenen Umdeutung einer Zukunftsabschätzung in eine fertige Opferbilanz. Ihre Zahlen dürfen weder zum laufenden Meldestand addiert noch mit einer Kämpferschätzung für einen anderen Zeitraum verrechnet werden.
Wie viele Kämpfer?
Wie viele Tote Zivilisten waren und wie viele Angehörige bewaffneter Gruppen oder unmittelbar an Kämpfen beteiligt, ist nicht verlässlich bekannt. Die Gesamttotenzahl ist keine geprüfte Zivilistenzahl. Umgekehrt machen Alter, Geschlecht oder ein fehlender Zivilstatusnachweis niemanden zum Kämpfer.
Hugh Lovatt und Muhammad Shehada berichteten beim European Council on Foreign Relations am 11. Dezember 2024, die Hamas räume 6.000 bis 7.000 getötete Mitglieder ihres bewaffneten und ihres zivilen Flügels ein. Das ist eine indirekt wiedergegebene Angabe, keine reine Kämpferzahl. Die Hamas ist eine Terrororganisation; ihr politischer und administrativer Apparat gehört dazu. Eine solche Zugehörigkeit allein macht einen Menschen jedoch nicht zum Kombattanten. Maßgeblich sind seine Funktion und Beteiligung an Kampfhandlungen.
Reuters berichtete am 24. Januar 2025 unter Berufung auf zwei über US-Geheimdiensterkenntnisse informierte Kongressquellen von etwa 10.000 bis 15.000 getöteten Hamas-Kämpfern seit Kriegsbeginn. Das war eine US-Schätzung, keine Erklärung der Hamas.
Die Angaben betreffen unterschiedliche Zeitpunkte und Personengruppen, bilden also keine gemeinsame Spanne. Außerdem fehlen die Verluste des Islamischen Dschihad und weiterer bewaffneter Gruppen.
Die Jerusalem Post berichtete am 29. Januar 2026 unter Berufung auf die israelische Armee von ungefähr 70.000 Toten in Gaza, darunter etwa 25.000 Hamas-Kämpfer. Zugleich berichtete sie, die genauere Aufteilung werde noch erarbeitet. Diese Angaben sind eine israelische Schätzung, keine unabhängig bestätigte Personenliste.
Akzeptiert man beide Größen und behandelt den gesamten Rest als Zivilisten, ergibt sich:
70.000 minus 25.000 = 45.000; geteilt durch 25.000 ergibt das 1,8 Zivilisten je Kämpfer.
Das ist eine bedingte Rechnung. Sie steht und fällt mit der Richtigkeit und derselben räumlichen und zeitlichen Abgrenzung beider Ausgangswerte. Eine ältere Kämpferschätzung einfach von der inzwischen höheren Gesamtzahl abzuziehen, liefert keine aktualisierte Opferklassifikation.
Eine Recherche vom 21. August 2025 nennt für Mai 2025 hingegen 8.900 namentlich erfasste getötete oder vermutlich getötete Kämpfer in einer israelischen Datenbank.
Eine Namensdatenbank kann unvollständig sein. Alle übrigen Toten automatisch zu Zivilisten zu erklären, wäre deshalb ebenfalls unbelegt.
Aktuelles Video: Kindersoldaten, Opferzahlen und die Grenzen der Statistik
Eine aktuelle Einordnung liefert das am 4. Oktober 2026 veröffentlichte Video „Einordnung der Satellitenbilder aus Gaza“ von Tobias Huch. Darin kommentiert Tobias Huch (Offizieller YouTube-Kanal von Tobias Huch) einen Beitrag von Torsten Heinrich vom Kanal „Militär & Geschichte“. Dabei geht es auch um die Rekrutierung Minderjähriger durch bewaffnete Gruppen und die Unterscheidung zwischen Kämpfern und Zivilisten. Weitere Passagen behandeln die Aussagekraft von Zerstörungsbildern und Opferstatistiken.
Direkt zu den Themen im Video:
- 2:27 – Satellitenbilder: Zerstörung und ihre Einordnung
- 5:12 – Alters- und Geschlechtsverteilung der gemeldeten Toten
- 7:29 – Kindersoldaten: Aussagen zur Rekrutierung und zum Einsatz minderjähriger Kämpfer
- 8:03 – Grenzen der Statistik: Srebrenica und der Völkermord an den Jesiden
- 11:50 – Vernichtungsabsicht und Opferzahl: Huchs Erläuterung des Genozidbegriffs
- 19:18 – Zivilisten bleiben Zivilisten: Heinrich über die Folgen des Krieges
- 22:05 – Grenzen militärischer Rechtfertigung bei der Zerstörung von Gebäuden
Was der Vergleich mit anderen Kriegen zeigt
Die Zusammenstellung von Costs of War vom 1. September 2021 ermöglicht historische Rechenbeispiele. Für Afghanistan ergeben 46.319 zivile Tote geteilt durch 125.456 Angehörige von Militär, Polizei und bewaffneten Gruppen rund 0,37; für Syrien ergeben 95.000 geteilt durch 171.007 rund 0,56. Die folgende Grafik zeigt, warum diese Werte mit der Gaza-Rechnung nicht unmittelbar vergleichbar sind.
Die historischen Vergleichswerte sind Näherungen. Separat ausgewiesene Journalisten, Hilfskräfte und Auftragnehmer sind hier nicht umklassifiziert. Militär- und Polizeikategorien entsprechen zudem nicht automatisch einer rechtlichen Einzelfallprüfung als Kombattant. Die syrischen Teilreihen haben unterschiedliche Stichtage.

Ein außergewöhnlich niedriger Zivilistenanteil in Gaza ist damit nicht belegt. Für eine Rangfolge taugen die Werte ebenfalls nicht: Zeiträume, Kampfgebiete, Personengruppen und Erfassung unterscheiden sich. Die historischen Angaben umfassen mehrere Kriegsparteien, die Gaza-Rechnung ausschließlich palästinensische Tote.
Gerade Syrien zeigt die Unsicherheit: Das UN-Menschenrechtsbüro schätzte 306.887 direkt durch den Konflikt getötete Zivilisten zwischen März 2011 und März 2021. Diese statistische Schätzung umfasst einen anderen Zeitraum und nicht dokumentierte Fälle. Sie darf nicht mit einer beliebigen Kämpferzahl aus einer anderen Erhebung verrechnet werden. Quelle: UN-Menschenrechtsbüro.
Ukraine: Ein niedriger Quotient ist noch kein Urteil
Für den Zeitraum 24. Februar 2022 bis Ende Dezember 2025 betrachten wir ausschließlich die ukrainische Seite. Der UN-Bericht für Dezember 2025, Seite 4, nennt mindestens 14.999 zivile Tote in der Ukraine; die CSIS-Schätzung für denselben Zeitraum nennt 100.000 bis 140.000 getötete ukrainische Soldaten. Die UN-Reihe erfasst den Todesort, nicht ausschließlich die Staatsangehörigkeit. Militärische „Verluste“ einschließlich Verwundeter und Vermisster sind hier nicht gemeint.
| Ukrainische Seite, Stand Ende 2025 | Todesfälle | Erfassungsart |
|---|---|---|
| Zivilisten in der Ukraine | mindestens 14.999 | Von der UN bestätigte Fälle |
| Ukrainische Soldaten | 100.000–140.000 | CSIS-Schätzung |
| Rechnerisches Verhältnis Zivilisten / Soldaten | 0,11–0,15 : 1 | Keine belastbare tatsächliche Opferquote |
Der Quotient mischt eine zivile Mindestzahl mit einer militärischen Schätzung. Die tatsächliche zivile Opferzahl liegt höher; insbesondere aus besetzten Gebieten fehlen verifizierbare Fälle. Auch die Summe von rund 115.000 bis 155.000 aus diesen Angaben wäre deshalb keine vollständige Bilanz der ukrainischen Todesopfer.
Der niedrige Quotient beweist keine zivilschonende russische Kriegsführung. Er zeigt, weshalb Mindestzahlen und Schätzungen keine belastbare Rangliste von Armeen ergeben.
Israel hat Anspruch auf einen sauberen Maßstab
Der Hamas-geführte Überfall vom 7. Oktober 2023 löste diesen Krieg aus. Davon zu unterscheiden ist die Bewertung einzelner militärischer Einsätze: Ob sie rechtmäßig waren, lässt sich nicht aus dem Gesamtverhältnis getöteter Zivilisten und Kämpfer ableiten. Eine hohe Quote beweist für sich genommen weder ein Kriegsverbrechen noch Völkermord. Bei der Verhältnismäßigkeit geht es darum, ob die erwartbaren zivilen Schäden eines konkreten Angriffs im Verhältnis zum erwarteten konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil übermäßig wären. Quelle: Internationales Komitee vom Roten Kreuz.
Auch die von Israel zugelassenen und mitkoordinierten Hilfslieferungen gehören in die Bewertung einer behaupteten Vernichtungsabsicht. Das Welternährungsprogramm meldete am 24. Februar 2025, seit Beginn der Waffenruhe am 19. Januar 2025 seien mehr als 30.000 Tonnen WFP-Lebensmittel nach Gaza gelangt. Mit Lebensmitteln und weiteren Hilfen habe die Organisation eine Million Menschen erreicht. Das waren Lieferungen des WFP, deren Einfuhr Israel zuließ, keine israelischen Lebensmittelspenden.
Bei den Impfstoffen dokumentierte COGAT am 29. August 2024 die Koordination mit WHO und UNICEF. Die WHO bestätigte am 30. August 2024 rund 1,26 Millionen bereits eingetroffene Polio-Impfdosen. Nach der ersten Kampagnenrunde berichtete sie am 13. September 2024 von mehr als 560.000 geimpften Kindern; vereinbarte örtliche Kampfpausen hatten die Impfungen ermöglicht.
Solche Maßnahmen zum Schutz zivilen Lebens können als Gegenindizien gegen eine behauptete Vernichtungsabsicht angeführt werden. Wer den Genozidvorwurf erhebt, muss sich auch mit ihnen auseinandersetzen. Sie widerlegen ihn aber nicht allein. Zur Gesamtbewertung gehören Umfang, Kontinuität und tatsächliche Zugänglichkeit der Hilfe ebenso wie Beschränkungen: Das humanitäre UN-Länderteam berichtete am 4. Mai 2025, Israel blockiere seit neun Wochen sämtliche Lieferungen nach Gaza. Einzelne zugelassene Lieferungen belegen deshalb weder eine durchgehend ausreichende Versorgung noch erledigen sie die Prüfung einer möglichen Zerstörungsabsicht.
Wie eng Hilfslieferungen, Geiselfrage und Kriegsziele in der israelischen Debatte miteinander verknüpft sind, erläuterte der frühere IDF-Sprecher Arye Sharuz Shalicar im Ruhrbarone-Interview vom 11. Mai 2025. Er warf der Hamas vor, die humanitäre Not politisch auszunutzen, und beschrieb den Streit in Israel darüber, welchen Preis man für die Freilassung der Geiseln akzeptieren sollte: (
Arye Sharuz Shalicar: „Am Ende ist die Message: Judenmörder werden mit ihren Taten nicht davonkommen.“). Das Gespräch dokumentiert seine Sicht auf diesen Konflikt; die hier genannten Liefermengen belegen die verlinkten Hilfsorganisationen.
Wer Israel verteidigen will, kann auf Belegen und einer Prüfung konkreter Vorwürfe bestehen. Die Kritik an den 186.000 lautet nicht, höhere Opferzahlen seien prinzipiell unmöglich. Sie lautet: Die World Socialist Web Site behauptete bereits eingetretene Todesfälle, die ihre Quelle nicht belegte. Der SDS nannte eine Schätzung, ließ aber Quelle und Zeithorizont offen.
Auch der Genozidvorwurf lässt sich nicht durch einen Taschenrechner beweisen.
Mena-Watch erläuterte am 27. April 2024 eine Klarstellung der früheren IGH-Präsidentin Joan Donoghue zum damaligen Eilverfahren.
Weder die Gesamtzahl der Toten noch der Anteil von Frauen, Kindern oder Männern weist für sich genommen eine Absicht nach, die palästinensische Bevölkerung als Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören. Umgekehrt widerlegt eine niedrigere Opferquote als bei historischen Völkermorden eine solche Absicht nicht.
Die veröffentlichten Zahlen rechtfertigen weder die pauschale Erklärung aller Toten zu Zivilisten noch die Erklärung aller getöteten Männer zu Terroristen.
Wer Israel Völkermord vorwirft, muss diesen konkreten Vorwurf belegen. Die Wiederholung einer dramatischen Zahl ersetzt diesen Nachweis nicht.
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