
Der Eintritt ist frei. Das Urteil gibt es dazu. Die Hamburger Linke lud zu NAZA und präsentierte die Vorwürfe des Films als dokumentierte Wirklichkeit. Fragen waren für danach vorgesehen. Konkrete Einwände kamen in der Einladung nicht vor. Ein komfortables Angebot für alle, die ihre Gewissheiten gern bestätigt sehen.
Für den 2. November kündigte die LAG Völkerrecht eine kostenlose Sondervorstellung im Hamburger 3001-Kino an. Danach: Expertengespräch und Publikumsfragen mit Gerd Hankel, Jan Wilkens und Riad Othman. Anmeldung erforderlich, Awareness-Ansprechperson inklusive. Auch das Kino führte den Abend im Programm.
Die Antwort steht. Jetzt darf gefragt werden.
NAZA von Yuval Abraham und Rachel Szor beschäftigt auch Duisburg. Das Filmforum hatte den Film zunächst für den Jahrestag der Reichspogromnacht angekündigt. Dieser Termin ist inzwischen aus der Liste verschwunden. Die Begeisterung des Kinos steht noch da. In Duisburg sind rund um diesen Jahrestag weiterhin zwei Vorführungen angekündigt.
Der Duisburger Fall: Warum die NAZA-Ankündigung gerade am 9. November Kritik auslöste, welche Einordnung fehlte und was sich am Programm geändert hat, dokumentiert unser ausführlicher Beitrag.
Die Einladung kennt keine Zweifel.
Die entscheidenden Worte der Hamburger Einladung lauten „wird dokumentiert“. So stellt die Linke die Darstellung ziviler Opfer der israelischen Militäroperationen in Gaza vor. Die Vorwürfe erscheinen als aufgeklärter Sachverhalt. Dass die israelische Armee zentrale Aussagen bestreitet, erfährt man hier nicht.

Die LAG beschreibt ihre Perspektive selbst als antiimperialistisch und antikolonial. Eine Partei darf mit einem Film politische Arbeit machen. Nur wird aus ihrer Auswahl durch das Wort „Expertengespräch“ noch keine unabhängige Prüfung.
Auch ein anderer Hamburger Parteizusammenschluss sorgte bereits für Kritik: Die Palästina-LAG verurteilte die Hamas-Verbrechen und deutete den Angriff zugleich als Durchbrechen kolonialer Unterdrückung. Unser Beitrag zeigt, wie Distanzierung und politische Verklärung nebeneinanderpassen.
Was in der Einladung fehlt
Die Einwände sind öffentlich. Die israelische Armee bestreitet ausdrücklich, einen Angriff mit erwarteten 500 getöteten Zivilisten geplant, genehmigt oder ausgeführt zu haben. Sie unterscheidet außerdem zwischen Schwellenwerten, ab denen höhere Stellen zustimmen müssen, und einer Erlaubnis, eine bestimmte Zahl von Zivilisten zu töten.

Der Film verwische diesen Unterschied, so die IDF.
Das sagt die kritisierte Armee. Ihre Stellungnahme ist ebenso zu prüfen wie die Aussagen im Film. Wer einen solchen Abend als Aufklärung bewirbt, sollte die konkreten Streitpunkte benennen können. Eine Fragerunde wird interessanter, wenn die Einladung nicht schon so tut, als sei alles geklärt.
Aktivisten verbreiteten eine Abschätzung möglicher Kriegsfolgen als bereits eingetretene Opferbilanz. Unser Beitrag „Gaza: Wie Aktivisten aus Schätzungen Gewissheiten machen“ trennt registrierte Tote, Schätzungen und Zukunftsprojektionen.
Die Experten und ihre Positionen
Gerd Hankel ist Völkerrechtler mit langjähriger Forschung zu Ostafrika. Sein Buch Völkermord. Überlegungen zu einem umkämpften Begriff fordert begriffliche Genauigkeit. Die Fixierung auf den Genozidvorwurf könne andere schwere Verbrechen aus dem Blick drängen. Das bietet durchaus Stoff für Widerspruch gegen vorschnelle Gewissheiten.
Matthias Bertsch kritisierte im Deutschlandfunk allerdings Hankels Übertragung des Holocaust-Opferstatus auf Kinder und Enkel. Ein solcher „vererbter Opferstatus“ schirme gegen Kritik ab und sei weder juristisch noch durch die Traumaforschung gedeckt, argumentierte der Rezensent. Zugleich würdigte er das Buch. Hankel einfach als Lieferanten eines fertigen Gaza-Urteils abzubuchen, wäre deshalb selbst eine Verkürzung.
Jan Wilkens, Politikwissenschaftler an der Universität Hamburg mit Nahost- und Klimaforschung als Schwerpunkten, koordinierte die Vorlesungsreihe „Israel, Palästina und Deutschland – zwischen Menschenrechten und Staatsräson“ mit. Ihre Ankündigung kritisierte eine einseitige und autoritäre Verengung der deutschen Debatte.
In einem FR-Gastbeitrag mit Benjamin Schütze warf er einem Sammelband der Konrad-Adenauer-Stiftung vor, postkoloniale Theorie pauschal zu diffamieren und zu kriminalisieren. Der Perlentaucher kommentierte spitz: „Ein Antisemitismus-Problem hat die Linke ihrer Meinung nach nicht.“ Das ist die Wertung des Perlentauchers. Wilkens und Schütze wenden sich gegen aus ihrer Sicht pauschale Zuschreibungen. Eine Zustimmung zu jeder NAZA-These lässt sich daraus nicht ableiten.
Riad Othman ist Westasienreferent von medico international und ehemaliger Leiter des Büros für Israel und Palästina. Sein Leitartikel vom Juni 2025 richtet sich gegen ein aus seiner Sicht auf Landraub, Vertreibung und „jüdische Vorherrschaft“ gegründetes System. Er vertritt eine ausdrücklich politische NGO-Perspektive.
Auch die hat sich kritische Fragen gefallen zu lassen. Im taz-Interview fragte Serena Bilanceri, ob die geforderte Schließung der GHF-Verteilstellen nicht unverantwortlich sei: Trotz aller Gefahren lieferten diese wenigstens etwas Hilfe. Othman verwies auf israelische Rechtsbrüche und sein Ziel, das bisherige, bedarfsgerechte Hilfssystem wiederherzustellen. Die gute Absicht beantwortet die Frage nach den Folgen einer Forderung noch nicht.
Wie kontrovers der Hamburger Abend tatsächlich verlief, belegt die Einladung nicht. Die drei Namen ersetzen kein Protokoll. Dokumentiert ist der Werbetext. Und der bot Gewissheit an, bevor die erste Frage gestellt werden konnte.
Wie unterschiedlich Israelis über Kriegsziele und den Preis einer Geiselbefreiung denken, schilderte Shalicar im Interview vom Mai 2025. Solche Konflikte verschwinden leicht hinter pauschalen Urteilen über Israel.
Tarek Baé liefert das Urteil. Die Kinoliste folgt.
Tarek Baé präsentiert NAZA auf Itidal als weiteren Beweis für die gezielte Tötung von Zivilisten durch Israel. Die Aussagen nennt er „Beichten der Täter“, später schreibt er vom „industrialisierten Massenmord“. Dazu gibt es eine Kinoliste, unter anderem für Bochum, Düsseldorf und Essen. Die Entscheidung über Schuld ist bei ihm schon gefallen. Man muss nur noch eine Vorstellung auswählen.

Baé war nach eigener Darstellung leitender Redakteur der Islamischen Zeitung und schrieb für TRT World. Am 8. Oktober 2023 griff er Cem Özdemir an, der das Schweigen muslimischer Verbände zum Terror kritisiert hatte. Baé warf ihm rassistische, historisch betrachtet auch antisemitische Argumentation vor. Den Hamas-Angriff nannte er dabei ausdrücklich einen Terroranschlag. Seine Polemik galt Özdemir und einer pauschalen Erklärungspflicht für Muslime.
Die Vorgeschichte des Filmempfehlers
Die WELT porträtierte Baé 2021 unter der Überschrift „Islamismus in ‚woke‘“. Der Tagesspiegel berichtete schon 2019 über seine Arbeit für die AKP-nahe SETA-Stiftung und Auftritte bei DITIB- und Milli-Görüs-Verbänden. Baé bestätigt die zeitweilige Teilzeitbeschäftigung. Ein islamistisches Netzwerk bestreitet er in seiner Erwiderung; er beschreibt seine Arbeit als Forschung und seine Moscheevorträge als journalistische Bildungsarbeit.
Im Interview von 2020 lehnte er „Islamismus“ und „politischen Islam“ als Kampfbegriffe ab. Er verteidigte die Deutsche Muslimische Gemeinschaft gegen die Übertragung von Vorwürfen gegen die Muslimbruderschaft, äußerte aber auch grundsätzliche Kritik an dieser Bewegung. Der Verfassungsschutzbericht 2020 ordnet die DMG als zentrale Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft in Deutschland ein. Hinter dem Streit um die Wörter stehen also konkrete Organisationen und deren Politik.
Auch Baés Quellenarbeit ist umstritten. Ahmad Mansour warf ihm im Juli 2025 „Emotionalisierung ohne Evidenz“ vor. Er verwies auf einen Ende 2023 gestorbenen jordanischen Studenten in Hamburg. Baé hatte die Darstellung eines Mordes wegen propalästinensischer Beiträge verbreitet. t-online dokumentierte die gegenteilige Polizeiauskunft: keine Hinweise auf Fremdverschulden oder einen extremistischen Hintergrund. Der Fall wurde als Suizid eingeordnet. Hier ging es um eine überprüfbare Nachricht.
Michaela Dudley kritisiert bei Mena-Watch Baés Umgang mit den UN-Befunden zu sexualisierter Gewalt. Ihr Vorwurf: selektives Zitieren und entstellende Umdeutung. Im betreffenden Instagram-Beitrag betont Baé fehlende schlüssige Beweise für Vergewaltigungen, erwähnt aber zugleich hinreichende Grundlagen für sexuelle Gewalt.
Die UN selbst unterscheiden präzise: Das Team um Pramila Patten fand hinreichende Gründe für die Annahme von Vergewaltigungen an mehreren Orten während des 7. Oktober. Für sexuelle Gewalt gegen Geiseln lagen klare und überzeugende Informationen vor. Offene Fragen zu einzelnen Vorwürfen bedeuten nicht, dass keine sexuelle Gewalt stattgefunden habe. Wer anderen Beweiskraft bescheinigt, darf bei der eigenen Quellenarbeit nicht empfindlich werden.
Wo die Filmkritik Parteilinie ist
Rote Fahne News, das Nachrichtenportal der MLPD, verteidigt die Regisseure und spricht von einer „faschistischen israelischen Kriegsführung“. Auch hier wartet das politische Urteil nur noch auf die Leinwand.

Zur Einordnung gehört allerdings auch: Am 11. Oktober 2023 griff das Portal die DKP scharf an, weil sie den Überfall und die Massaker nicht verurteile. Die Hamas bezeichnete es als islamistisch-faschistisch. Eine Hamas-Unterstützung lässt sich daraus gerade nicht herleiten.
Die MLPD verfolgt ihre eigene Agenda. Der NRW-Verfassungsschutzbericht 2025 behandelt sie im Kapitel Linksextremismus (S. 163–164). Er beschreibt ihr Ziel einer revolutionär errichteten Diktatur des Proletariats und begründet ihre Beobachtung mit Bestrebungen gegen wesentliche Teile der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Auch das ist ein Absender der NAZA-Empfehlungen. Die Kulturkritik kommt mit politischem Programm.
Solidarität und ihr Vokabular
Palästina-Solidarität.de verbreitet einen Auszug aus einem taz-Kommentar von Yossi Bartal, empfiehlt einen ARD-Beitrag und verlinkt ein Guardian-Interview. Für eine Übersetzung dankt das Portal der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft Bremen (DPG). Bartal kritisiert die Drohungen israelischer Politiker, den Filmemachern die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Solchen Drohungen kann man widersprechen. Sie machen einen Film allerdings nicht automatisch wahr.

Unter dem Datum 7. Oktober 2023 veröffentlichte die Plattform auch eine Erklärung des Palestinian BDS National Committee, übersetzt von BDS-Kampagne.de. Darin ist vom „schlagkräftigen bewaffneten Aufstand der unterdrückten Palästinenser*innen in Gaza“ die Rede. Eine Verurteilung der Massaker fehlt. Die Kritik richtet sich gegen westliche Regierungen, die sich auf Israels Seite stellten. Das sind die Worte des BNC. Das Portal gab ihnen Raum.
Baé, Rote Fahne News und Palästina-Solidarität.de vertreten unterschiedliche Positionen, gerade zur Hamas. Eine gemeinsame Kampagnenleitung ist damit nicht belegt. Ihre Beiträge zeigen aber, wie mühelos NAZA in vorhandene politische Deutungen passt.
Die Vorgeschichte hat Namen
Zu einer Einordnung gehört auch die israelische Erfahrung des 7. Oktober 2023.
Der Politologe, Autor und Podcaster Arye Sharuz Shalicar spricht aus einer offen benannten Position: als Deutsch-Israeli persisch-jüdischer Herkunft und deutschsprachiger IDF-Sprecher der Reserve. Seine Schilderungen handeln von ermordeten Menschen, verschleppten Geiseln und der Angst vor weiteren Angriffen.
Im Interview vom 8. Oktober 2023 schilderte Shalicar den Schock nach dem Hamas-Angriff und die damals bekannte Lage. Es ist die Perspektive des angegriffenen Israel unmittelbar nach dem Massaker.
Nach der Bestätigung von Shani Louks Tod sprach er über die ermordete Deutsch-Israelin, die Geiseln und die israelischen Familien. Die Opfer des 7. Oktober haben Namen.
In der Fortsetzung erklärte Shalicar die damaligen militärischen Ziele und seinen Podcast „Nahost-Pulverfass“. Seine Rolle als Armeesprecher gehört zur Einordnung dazu.

Sein Buch „Überlebenskampf – Kriegstagebuch aus Nahost“ beschreibt 600 Tage Krieg und die Folgen für israelische Familien. Unser Beitrag stellt diese ausdrücklich subjektive Perspektive vor.
Diese Texte erschienen vor NAZA. Sie ersetzen keinen Faktencheck des Films. Sie erinnern daran, dass Israels Sicherheitslage eine Vorgeschichte hat. Wer sie weglässt, erleichtert das Urteil. Die Wirklichkeit wird dadurch nicht einfacher.
Duisburg: Ein Termin fehlt. Die Gewissheit bleibt.
Die Filmseite des Duisburger Filmforums nennt inzwischen nur noch den 8. November um 20.15 Uhr und den 10. November um 20.30 Uhr. Die zuvor angekündigte Vorstellung am 9. November fehlt. Eine Begründung steht dort nicht.

Geblieben ist das Prädikat des Filmforums Duisburg: „NAZA gehört ohne Frage zu den unbequemsten und wichtigsten Filmen des Jahres.“
Das Filmforum Duisburg erwähnt den Widerspruch des Militärs und den Verweis der Filmemacher auf ihre Recherche. Die konkreten Streitpunkte fehlen. Ein begleitendes Gespräch ist auf der Filmseite nicht angekündigt.
Eine israelische Gegenperspektive kennt Duisburg längst: Beim Israeltag in der Jüdischen Gemeinde sprach Shalicar über die Geiseln, den Alltag der Familien und das Versagen der Sicherheitsbehörden am 7. Oktober.
Eine Parteigliederung macht politische Werbung. Ein kommunales Kino sollte mehr bieten als deren kulturell gepflegte Variante. Im Licht dieser Resonanz wirkt die Duisburger Ankündigung wie ein Angebot für eine sehr spezielle Klientel: für ein Publikum, das sein Urteil über Israel mitbringt und dafür die kulturelle Bestätigung abholen möchte. „Ohne Frage“ ist dafür ein bemerkenswert passender Werbespruch.
Als Vorfilm eines entsprechend geplanten Diskussionsabends hätte sich NAZA: The Real Story von Roi Danino, Ariel Averbuch und Hagay Gutman angeboten. Die Gegenproduktion lässt IDF-Kommandeure über die Kriegsführung der Hamas und israelische Einsatzregeln sprechen. Danino und Averbuch sind selbst Reserveoffiziere. Auch ihre Darstellung gehört kritisch geprüft. Danach hätte man Aussagen und Belege beider Filme vergleichen können. Das wäre ein Abend, an dem ein mitgebrachtes Urteil tatsächlich etwas riskiert.
Die Linke in Hamburg spendierte den Eintritt. Das Filmforum in Duisburg liefert das Gütesiegel. Die Gewissheit bringen die Freunde des Films mit. Ein Vorfilm mit Gegenargumenten hätte diese schöne Arbeitsteilung womöglich gestört. Am Ende hätte noch jemand seine Meinung ändern müssen.
Für einen Kinoabend wäre das natürlich viel verlangt.
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