
Da ist er also wieder. Bundeskanzler Friedrich Merz ist aus seinem gut dreiwöchigen Sommerurlaub zurück und hat gleich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt gezeigt, dass er offenbar nicht nur das Licht der Öffentlichkeit, sondern auch jede Gelegenheit zur Selbstkritik gemieden hat.
Im Waldbrandgebiet in der Eifel wurde der Bundeskanzler ausgepfiffen und ausgebuht. Eine Gelegenheit, vielleicht einmal innezuhalten, Demut zu zeigen und sich zu fragen, warum die Stimmung im Land gegenüber seiner Regierung derart mies ist? Fehlanzeige.
Stattdessen gab es den bekannten Merz: schnippisch, selbstbewusst bis zur Schmerzgrenze und gegenüber Kritikern erstaunlich dünnhäutig. Man könnte fast meinen, der Kanzler sei der Ansicht, dass nicht er sich erklären müsse, sondern die Bürger gefälligst ihre Kritik überdenken sollten.
Ich frage mich inzwischen tatsächlich, ob Friedrich Merz der peinlichste Bundeskanzler ist, den ich in meinen 55 Lebensjahren erlebt habe. Bei Helmut Kohl habe ich mich während seiner Amtszeit zeitweise regelrecht fremdgeschämt. Aber selbst Kohl konnte am Ende auf unbestreitbare politische Verdienste verweisen. Bei Merz fällt mir das bislang deutlich schwerer.
Kanzler mit erstaunlich wenig Demut
Natürlich ist Merz erst seit Frühjahr 2025 im Amt. Eine endgültige Bilanz wäre deshalb überzogen. Aber was sich in den vergangenen Monaten angesammelt hat, ist schon bemerkenswert: schlechte Umfragewerte, eine holprige Regierungsarbeit, Personalchaos und immer wieder ein Auftreten, das weniger nach souveränem Regierungschef als nach beleidigtem Firmenboss klingt.
Besonders absurd wird es, wenn sich der Kanzler nach seinem Urlaub im Krisengebiet vor allem darüber beschwert, dass ihn Menschen ausbuhen. Kritik gehört zum Amt. Gerade in einer solchen Situation wäre ein Satz wie „Ich verstehe, dass die Menschen unzufrieden sind“ vermutlich hilfreicher gewesen als demonstrative Unbeeindrucktheit.
Noch schöner wurde es, als ein Landrat dem Kanzler den Rücken freihielt und Kritiker aufforderte, sich lieber selbst bei einer Hilfsorganisation zu engagieren. Was für ein praktischer Service: Der Kanzler muss sich nicht mit der Kritik beschäftigen, weil jemand anderes sie kurzerhand wegmoderiert.
Die AfD darf sich die Hände reiben
Das Ganze wäre schon peinlich genug. Wirklich gefährlich wird es aber, wenn man sich anschaut, welche politische Wirkung dieses Verhalten haben kann.
Die schwarz-rote Bundesregierung war einst als eine Art letzte Patrone der demokratischen Parteien verkauft worden, um einen weiteren Aufstieg der AfD zu verhindern. Und nun liefert ausgerechnet ihr Kanzler den politischen Gegnern beinahe frei Haus neues Futter.
Mehr als die Hälfte der Deutschen glaubt laut der im Hintergrund genannten YouGov-Umfrage nicht, dass Merz bis zur regulären Bundestagswahl 2029 im Amt bleibt. 36 Prozent erwarten eine Ablösung vor 2029, 18 Prozent sogar noch in diesem Jahr. Gerade einmal 29 Prozent trauen ihm die komplette Amtszeit zu.
Das sind keine besonders gemütlichen Zahlen für einen Regierungschef. Und auch innerhalb der Union bröckelt die Autorität. Nur neun Prozent halten Merz persönlich für geeigneter als Hendrik Wüst, während 25 Prozent den NRW-Ministerpräsidenten vorne sehen.
Man muss der AfD also fast dankbar sein, dass sie noch nicht Eintritt für dieses politische Schauspiel verlangt.
Vielleicht einfach mal zuhören, Friedrich!
Die kommenden Wochen könnten für Merz tatsächlich unangenehm werden. Landtagswahlen stehen an, die Union schwächelt, die Reformvorhaben geraten unter Druck und insbesondere bei der Rente droht Streit mit den eigenen Leuten. Dazu kommt eine Regierung, die nach der Sommerpause erst einmal beweisen muss, dass sie überhaupt noch einen gemeinsamen Kurs besitzt.
Und mittendrin steht Friedrich Merz. Der Mann, der offenbar überzeugt davon ist, immer noch genau zu wissen, was für dieses Land richtig und gut ist.
Vielleicht wäre genau jetzt ein kleines bisschen Demut angebracht. Ein Kanzler muss nicht jedem Demonstranten recht geben. Er darf Kritik zurückweisen. Er darf sogar wütend sein. Aber er sollte wenigstens erkennen, dass lautstarkes Pfeifen, miserable Umfragewerte und schwindender Rückhalt in der eigenen Partei nicht einfach nur das Problem der anderen sind.
Wer ständig nur den eigenen Kurs für richtig hält, während um ihn herum immer mehr Menschen mit dem Kopf schütteln, sollte irgendwann vielleicht auf die verrückte Idee kommen, dass nicht immer die anderen schuld sind.
Friedrich Merz könnte seinen Urlaub also noch sinnvoll verlängern. Nicht irgendwo am Strand. Sondern in der Selbstreflexion. Die scheint bei ihm nämlich noch immer dringend urlaubsreif zu sein.
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