150 jüdische Berliner verteidigen die Linke – jüdisches Mitglied fordert trotzdem Rücktritte

Rosa Jellinek im taz-Instagram-Beitrag zum Umgang der Linken mit Antisemitismus und Islamismus
(Screenshot: Instagram / taz, 25. September 2026)

Mehr als 150 Berliner Jüdinnen und Juden verteidigen die Linke gegen pauschale Antisemitismusvorwürfe. Fast gleichzeitig fordert Rosa Jellinek, selbst jüdisches Linke-Mitglied, Rücktritte wegen der Zusammenarbeit von Teilen der Partei mit islamistischen Personen. Das ist kein direkter Widerspruch. Es ist die unbequeme Ergänzung zur aktuellen Entlastungserzählung.

Der offene Brief „Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt“ wendet sich gegen die Behauptung, die Linke sei pauschal eine Gefahr für Juden oder eine Koalition mit ihr ein Sicherheitsrisiko. Die Unterzeichner werben für eine rot-rot-grüne Regierung. Über den Brief berichtete die taz am 24. September 2026.

Wer unterschrieben hat

Unter den Unterzeichnern finden sich auch Iris Hefets, Sprecherin, und Udi Raz, Schriftführerin der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“. Im Mai lehnte das Verwaltungsgericht Köln einen Eilantrag des Vereins gegen seine Einstufung im Verfassungsschutzbericht ab; Mena-Watch berichtete über den Beschluss 13 L 3120/25. Am 21. September entschied außerdem das OVG Berlin-Brandenburg, dass der Verein im Verfassungsschutzbericht 2024 vorläufig weiter als „gesichert extremistisch“ bezeichnet werden darf. Beide Entscheidungen ergingen im Eilverfahren und betreffen die Bezeichnung des Vereins – nicht die beiden Unterzeichnerinnen und auch nicht den offenen Brief.

Wie vergiftet die innerparteiliche Debatte inzwischen geführt wird, zeigte am Vortag eine gemeinsame Instagram-Kampagne der Berliner Palästina-LAG, der Bundesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität und weiterer Accounts: Genossen, die den Ausschluss von Hannah Bruns beantragt hatten, erschienen darin als Auftragnehmer der Grünen. Über den Ausschlussantrag war zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden. ( Die Linke Berlin: Keine Angst vor Antisemitismus. Ist nur ein Gespenst.)

Ausschnitt aus dem offenen Brief Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt
(Screenshot: Offener Brief „Für eine soziale und sichere Stadt“, September 2026)

Ein Leser fragte unter unserem gestrigen Beitrag, warum der offene Brief dort keine Rolle gespielt habe. Der Hinweis führt zum Kern des Konflikts: Der Brief nennt steigende Mieten, prekäre Beschäftigung, überlastete Schulen und soziale Spaltung als Spannungen, die nach Darstellung der Unterzeichner auch Judenhass fördern. Das ist ein Argument für Sozialpolitik und Rot-Rot-Grün. Es beantwortet aber weder Jellineks Vorwurf, Teile der Partei arbeiteten mit islamistischen Personen zusammen, noch macht es das Programm der Linken unangreifbar.

Wie selektiv Solidarität in der Partei bereits zuvor verteilt wurde, zeigt der Fall der bedrohten Neuköllner Kneipe Bajszel: Die Linksfraktion verurteilte die Drohungen, lehnte die ursprüngliche Solidaritätserklärung jedoch ab. Die AG Palästina-Solidarität erklärte dagegen, seit Monaten mit VPNK-Vertretern im Austausch zu stehen, gemeinsam auf die Straße zu gehen und ihnen „uneingeschränktes Vertrauen“ entgegenzubringen. Laut Berliner Senat arbeiten unter der Dachbezeichnung VPNK auch Anhänger von Hamas und PFLP zusammen. ( Die Linke Berlin: Solidarität nach Gesinnungsprüfung)

Gerade beim Wohnen ist die Bilanz widersprüchlich. Der von SPD und PDS getragene rot-rote Senat verkaufte 2004 die GSW mit rund 65.000 Wohnungen für 401 Millionen Euro an ein privates Konsortium. Beim Wahlversprechen von 75.000 dauerhaft bezahlbaren Wohnungen in zehn Jahren passen zudem die Prozentangaben der veröffentlichten Beispielrechnung nicht zusammen. Heute verspricht die Berliner Linke, große Immobilienkonzerne zu vergesellschaften. Der Berliner Rechnungshof erklärte 2024, die Finanzierbarkeit hänge vor allem von der Entschädigungssumme ab. Die amtliche Schätzung von 2018 nannte für 240.000 Wohnungen 29 bis 36 Milliarden Euro; andere öffentlich diskutierte Modelle setzten 8 oder 11 Milliarden Euro an. Soziale Ursachen von Ressentiments zu benennen ist richtig. Es ersetzt weder eine tragfähige Finanzierung noch die Aufarbeitung konkreter innerparteilicher Verantwortung.

Jellineks Gegenrede

Im taz-Interview mit Rosa Jellinek fällt die Bilanz weniger bequem aus. Wie Teile der Partei sich mit islamistischen Personen ( Die Linke Berlin: Die rote Linie zum Hamas-Umfeld steht auf Rollen) zusammentäten, sei „ein Tritt in den Rücken für jüdische Menschen in Berlin“, sagt die queer-jüdische Aktivistin. Beteiligte sollten ihre Ämter niederlegen; die Vorgänge müssten extern und unter Einbeziehung jüdischer Stimmen aufgearbeitet werden.

taz-Instagram-Grafik mit Rosa Jellineks Kritik an Kontakten von Teilen der Linken zu islamistischen Personen
Rosa Jellinek über Kontakte von Teilen der Linken zu islamistischen Personen. (Screenshot: Instagram / taz, 25. September 2026)

Jellinek sagt zugleich ausdrücklich, die Linke sei keine antisemitische Partei. Gerade deshalb ist ihre Kritik schwer als Angriff von außen abzuräumen: Wer die pauschale Verurteilung der Partei zurückweist, muss über konkrete Kontakte, Versäumnisse und Konsequenzen trotzdem reden.

Autorenseite: Peter Ansmann
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