„Islamo-Gauchismus“: Hannah Bruns hat gesprochen. Die Partei möge gehorchen.

Hannah Bruns im Interview bei 99 ZU EINS.
Hannah Bruns bei 99 ZU EINS, Archivaufnahme. (Screenshot: YouTube)

Die Berliner Linke hat aktuell noch genug mit ihren eigenen Konflikten ( Die Linke in Berlin-Neukölln plant den Koalitionsbruch. Die Koalition fehlt noch.) zu tun. Hannah Bruns liefert ihr am Morgen des Landesparteitags einen zusätzlichen Arbeitsauftrag: Die Partei soll eine von ihr als rassistisch bezeichnete Kampagne bekämpfen. Die Berliner Palästina-LAG und die Bundesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität veröffentlichen die Forderung gleich mit.

Rückendeckung lässt sich offenbar schneller organisieren als eine politische Klärung.

Der Auftrag steht im Begleittext

Am 31. Oktober 2026 veröffentlicht Hannah Bruns auf ihrem Instagram-Konto @das_herz_pocht_links ein neues Reel. Der Begleittext enthält einen einzigen Satz. Darin nennt sie das „Feindbild des Islamo-Gauchismus“, das nach Deutschland herüberschwappe. Die von ihr so beschriebene Kampagne, fordert sie, „muss von meiner Partei bekämpft werden“.

Der Ausdruck „Islamo-Gauchismus“ stammt aus Frankreich und bezeichnet politische Annäherungen zwischen Teilen der radikalen Linken und Islamisten, häufig verbunden durch Antiimperialismus und Feindschaft gegen Israel. Der Ideenhistoriker Pierre-André Taguieff prägte den Begriff Anfang der 2000er Jahre: Die Jungle World befragte ihn zu linkem Antizionismus und dessen ideologischen Verbindungen. Der Begriff ist umstritten: Muslime sind nicht mit Islamisten gleichzusetzen, die gesamte Linke nicht mit einzelnen Strömungen. Über das Wort lässt sich streiten. Über konkrete Bündnisse sollte man trotzdem sprechen können.

Damit ist die gewünschte Rollenverteilung klar: Bruns liefert die Einordnung, die Partei soll entsprechend handeln. Wer ihre Aussagen politisch kritisiert, hat zunächst einmal zu prüfen, ob er in dieser Erzählung überhaupt noch als Gesprächspartner vorkommt. Für eine rassistische Kampagne benötigt man schließlich keine Antwort auf die Sache, sondern Gegenwehr.

Hannah Bruns und der Begleittext ihres Instagram-Reels mit der Forderung an die Partei.
Bruns verlangt Gegenwehr von ihrer Partei. (Screenshot: Instagram)

Rassistische Angriffe werden durch politische Differenzen nicht akzeptabel. Auch Hannah Bruns hat Anspruch darauf, vor Drohungen und falschen Behauptungen geschützt zu werden. Der Streit beginnt dort, wo aus diesem selbstverständlichen Schutz ein Anspruch auf politische Rückendeckung wird. Ob eine konkrete Kritik berechtigt ist, entscheidet sich an ihrem Inhalt. Das Wort Kampagne nimmt niemandem diese Prüfung ab.

Die Arbeitsgemeinschaften stehen schon daneben

Die Autorenliste des Reels nennt neben Bruns die Berliner LAG Palästinasolidarität und die Bundesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität. Beide sind Mitveröffentlicher. Es geht also um eine gemeinsam verbreitete politische Botschaft. Einen Beschluss der gesamten Linkspartei belegt die Veröffentlichung nicht.

Instagram nennt Hannah Bruns, die Berliner LAG und die Bundes-BAG Palästinasolidarität als Mitautoren.
Berliner LAG und Bundes-BAG veröffentlichen mit. (Screenshot: Instagram)

Diese Unterstützung hat eine Vorgeschichte. Im September verbreiteten Hanna Bruns und mehrere Accounts aus dem Palästina-Flügel eine Erklärung gegen den Ausschlussantrag. Darin wurden die eigenen Genossen, die das Verfahren angestoßen hatten, als Lieferanten für die Grünen dargestellt. Die politische Konkurrenz bestelle, die Parteifreunde erledigten den Rest. Eine bequeme Erklärung: Wer widerspricht, muss offenbar einen Auftrag haben.

Die frühere Solidaritätskampagne erklärte linken Antisemitismus zum Schreckgespenst und griff die Antragsteller an. Dokumentiert ist damit die Abwehr des Verfahrens, kein Urteil über dessen Ausgang.

Die Positionen verschwinden nicht mit dem Etikett

Was die Auseinandersetzung auslöst, lässt sich nachlesen. Im Gespräch mit 99 ZU EINS vom 18. Oktober erläuterte Bruns ihre Vorstellung einer sozialistischen Einstaatenlösung mit gleichen Rechten für Palästinenser und Israelis. Ihre frühere Formulierung zu Tel Aviv bezeichnete sie als unglücklich; die politische Position gab sie nicht auf. Sie unterschied dabei ausdrücklich zwischen ihrer eigenen Auffassung und der Zweistaatenposition ihrer Partei.

Im selben Interview verurteilte Bruns Angriffe auf Zivilisten. Zugleich kritisierte sie die Aufforderung, sich vom 7. Oktober zu distanzieren, und verlangte vom Parteivorstand Schutz für die Basis. Wer über sie schreibt, muss diese Aussagen zusammen betrachten. Gerade dann bleibt genügend Stoff für eine politische Auseinandersetzung, die sich nicht durch die Benennung eines Feindbilds erledigt.

Unsere Auswertung des vollständigen Interviews dokumentiert Bruns’ Positionen, ihre Erläuterungen und die Forderung nach Rückendeckung. Der heutige Auftritt setzt diesen Anspruch fort.

Die Parteispitze bekommt Arbeit

Die neue Veröffentlichung fällt in eine ohnehin aufgeheizte Berliner Debatte. Schon vor dem Landesparteitag verbreiteten Parteizusammenschlüsse einen Protestaufruf gegen die Führung. Im Mittelpunkt standen Ibrahim Ibrahim und die Auseinandersetzung um Elif Eralps Sicherheitsbedenken. Bruns’ Begleittext enthält keine eigene Rücktrittsforderung gegen Eralp. Er verstärkt aber die öffentliche Forderung, dass die Partei gegen die behauptete Kampagne Stellung beziehen soll.

Wie die Neuköllner Palästina-AG und die Berliner LAG den Protest vor dem Parteitag unterstützten und welche Vorwürfe Basem Said an die Landespartei richtete, haben wir hier dokumentiert.

Die Parteiführung muss entscheiden, welche Positionen sie vertreten will und welche Kritik sie für berechtigt hält. Ihre Arbeitsgemeinschaften haben die gewünschte Antwort bereits mitveröffentlicht. Für die Spitze bleibt die Freiheit, sich anzuschließen.

So lässt sich innerparteiliche Geschlossenheit auch herstellen:

Die Linie kommt von unten.

Oben wird der Schutzschild gehalten.


Die Partei soll liefern. Das Barone-Archiv tut es längst:

25. Februar 2018 · Stefan Laurin
Linke NRW: Bundestagsnachrückerin tritt aus der Partei aus

Stefan Laurin dokumentierte Bruns’ Austritt und ihre Begründung.
Die mögliche Bundestagsnachrückerin setzte nun auf eine neue KPD.
Heute soll die Partei schützen. Damals sollte sie untergehen.

8. September 2026 · Peter Ansmann
Die Linke Berlin: Antisemitismus im Gepäck, das Freizeitprogramm steht

Peter Ansmann untersuchte die Camp-Werbung für einen Auftritt von Bruns.
Mitangekündigt: Hüseyin Doğru und Nora Ragab. Die LAG warb mit.
Die Partei diskutierte Konsequenzen. Die nächste Bühne war reserviert.

23. September 2026 · Peter Ansmann
Die Linke Berlin: Die Genossen machen Probleme. Schuld ist die Kritik.

Bruns wollte den Kampf gegen ihren Ausschlussantrag gewinnen.
Peter Ansmann dokumentierte die gemeinsame Werbung ihrer Unterstützer.
Das Verfahren war offen. Die Solidarität hatte es eiliger.

9. Oktober 2026 · Peter Ansmann
Die Linke Berlin: Die Einigung steht. Der Streit bleibt.

SPD, Grüne und Linke vereinbarten Regeln zum Umgang mit Antisemitismus.
Bruns und die LAG beklagten unterdessen eine Kampagne gegen die Partei.
Peter Ansmann zeigte den Abstand zwischen Einigung und Parteialltag.

24. Oktober 2026 · Stefan Laurin
„Die Massen dürsten nach Führung und Macht“

Stefan Laurin zeichnete Bruns’ Weg von Bochum nach Berlin nach.
Von früherer Israelsolidarität blieb in seinem Porträt wenig übrig.
Der Führungsanspruch erwies sich als beständiger als manche Überzeugung.

Autorenseite: Peter Ansmann
Diesen Artikel beobachten
Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x