
Hannah Bruns verteidigt im Gespräch mit 99 ZU EINS ihre Positionen zu Israel, zur „globalen Intifada“ und zur Seeblockade der Huthis. Vom Parteivorstand der Linken verlangt sie Schutz vor Einschüchterung. Das vollständige Interview zeigt, was hinter dieser Forderung steht – und weshalb die Unterstützung durch die Berliner Palästina-LAG und die Bundesarbeitsgemeinschaft für SPD und Grüne ein Problem bleibt.
Die Fragen sind schuld
Am 18. Oktober 2026 veröffentlichte 99 ZU EINS das knapp einstündige Gespräch mit Hannah Bruns. Der Titel lautet „Säuberungsversuch gegen weiteres Linksparteimitglied“. Das ist die Einordnung der Sendung. Der Moderator stellt Bruns als Sprecherin der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität vor und geht mit ihr die Vorwürfe aus dem Ausschlussantrag durch. Ihre Verteidigung verdient einen genaueren Blick. Sie besteht keineswegs nur aus dem Hinweis, alles sei aus dem Zusammenhang gerissen.
Ab Minute 8:56 schildert Bruns einen Auftritt vor einem Gericht, bei dem sie vom ARD-Magazin Kontraste befragt worden sei. Nach ihrer Darstellung war sie wegen eines Angehörigen des Revolutionären Jugendbunds dort, nicht wegen des ebenfalls verhandelten Falls eines mutmaßlichen Masar-Badil-Aktivisten. Das Fernsehteam habe die Teilnehmer wiederholt angesprochen. Sie habe sich schließlich auf ein Gespräch eingelassen, damit die anderen in Ruhe gelassen würden. Das ist ihre Darstellung; sie klärt den damaligen Ablauf nicht unabhängig auf.
Interessanter ist, wie Bruns ihre anschließende Weigerung erklärt, sich vom 7. Oktober zu distanzieren. Sie habe ein in Deutschland übliches Distanzierungsritual nicht mitmachen wollen. In derselben Antwort erklärt sie:
„Also wer angesichts des Grauens in Gaza immer noch als erstes Palästina Aktivisten fragt, wie sie zum 7. Oktober stehen, der macht sich eigentlich mitschuldig.“
Bruns sagt anschließend ausdrücklich, Angriffe auf Zivilisten seien nicht gerechtfertigt. Das gehört zu ihrer Position und darf nicht unterschlagen werden. Es ändert aber nichts an der Zumutung für Journalisten: Schon die Reihenfolge ihrer Fragen soll sie moralisch belasten. Eine Nachfrage nach dem größten Terrorangriff auf Israel wird so zur möglichen Mittäterschaft an dem, was danach in Gaza geschah.
Der Krieg begann mit dem von der Terrororganisation Hamas geführten Angriff am 7. Oktober 2023, mit Massakern und Geiselnahmen.
Tobias Huch beschrieb in „Israel: Das Grauen sichtbar gemacht“ die bei einer Pressevorführung gezeigten Aufnahmen der Morde und Verschleppungen. Wer nach der Haltung dazu fragt, stellt eine politische Frage. Dafür braucht er keine Genehmigung der Befragten.
Umgekehrt wäre es falsch, Bruns eine pauschale Ablehnung jeder Berichterstattung zuzuschreiben. Am Ende des Interviews lobt sie rbb und dpa ausdrücklich als fair. Sie unterscheidet also durchaus. Nur verlangt sie bei der Frage nach dem 7. Oktober eine Zurückhaltung, die sie selbst gegenüber Israel nicht kennt: In der Passage über Demonstrationsparolen bezeichnet sie den Staat als „Frauenmörder“ und „Menschenmörder“. Für die eigenen Aussagen soll der Kontext entscheiden. Beim angegriffenen Staat reicht das Etikett.
Bedauert wird die Formulierung
Besonders aufschlussreich ist ihre Erklärung zu der Rede vom 30. August 2025.
Die Ruhrbarone dokumentierten damals den Satz: „Die Befreiung Palästinas endet dann, wenn Tel Aviv wieder in der Hand von Palästina liegt!“
Ab Minute 15:45 räumt Bruns eine unglückliche Formulierung ein. Gemeint sei eine sozialistische Einstaatenlösung mit gleichen Rechten für die dort lebenden Palästinenser und Israelis. Sie hätte deutlicher sagen sollen, welche Vorstellung sie damit verbinde. Ihre politische Position nimmt sie nicht zurück.
Das von den Antragstellenden verwendete „Existenzrecht Israels“ bezeichnet sie als „Dog Whistle“ und „politischen Kampfbegriff“. Nach ihrer Lesart werde damit zugleich die von ihr als Apartheid bezeichnete Staatsordnung verteidigt; auch deutsche Militarisierung und Rüstungskooperation gehörten für sie dazu. Später verteidigt sie die Bezeichnung „zionistische Entität“ für Israel als sachlich zutreffend.
Bruns kennt den Unterschied zwischen ihrer Position und der ihrer Partei. Wenn Journalisten nach der Linken fragten, gebe sie deren Zweistaatenposition wieder. Werde sie nach ihrer eigenen Auffassung gefragt, vertrete sie diese. Ein Parteieintritt verpflichte schließlich nicht zur Zustimmung in jeder Frage.
Damit ist der politische Streit ziemlich klar beschrieben. Gleiche Rechte für alle Menschen sind ein berechtigtes Anliegen. Offen bleibt, wie in Bruns’ gemeinsamem Staat die Sicherheit und Selbstbestimmung beider Bevölkerungen gewährleistet werden sollen. Und die Partei muss erklären, welchen Stellenwert ihr Bekenntnis zu Israels Fortbestand hat, wenn ihre öffentlich auftretende LAG-Sprecherin persönlich ein anderes Staatsmodell anstrebt. Die Formulierung war unglücklich. Der Gegensatz bleibt.
Intifada mit Aufgabenliste
Auch die „globale Intifada“ lässt Bruns nicht als bloßes Schlagwort stehen. Ab Minute 25:23 nennt sie konkrete Formen: Studierende sollen Universitäten besetzen, Menschen massenhaft demonstrieren, Häfen mit Waffenlieferungen nach Israel blockiert werden. Hinzu kämen direkte Aktionen gegen Rüstungsunternehmen wie Elbit Systems.
Diese Aufzählung ist kein Beleg dafür, dass sie mit jedem dieser Proteste einen gewaltsamen Angriff meint. Sie zeigt aber, dass ihr Begriff weit über eine Forderung nach humanitärer Hilfe hinausgeht. Bruns will einen Konflikt mit Hochschulen, Transportwegen und Unternehmen organisieren, denen sie Beteiligung an der israelischen Kriegführung zuschreibt.
Ab Minute 31:14 verteidigt sie außerdem ihre positive Bezugnahme auf die Seeblockade der Huthis. Sie deutet diese als Reaktion auf die Kriegführung der USA und als Ausdruck internationaler Solidarität. Den daraus abgeleiteten Vorwurf, die Huthis insgesamt politisch zu unterstützen, weist sie zurück. Man könne eine Handlung richtig finden, ohne sämtliche Ziele ihrer Urheber zu teilen.
Diese Unterscheidung lässt sich nachvollziehen, ohne ihr Urteil zu übernehmen. Die Zustimmung zur konkreten Maßnahme bleibt bestehen. Bruns wird hier nicht lediglich durch die Nähe zu anderen belastet. Sie erläutert selbst, welche Aktion sie unterstützt.
Basis mit Lautsprecher
Ab Minute 47:44 erklärt Bruns die Ausschlussanträge zum Mittel der Einschüchterung gewöhnlicher Mitglieder. Es treffe die Basis statt Abgeordneter oder Vorstandsmitglieder. Menschen sollten Angst davor bekommen, wegen ihres Aktivismus Gegenstand von Medienberichten zu werden. Vom Parteivorstand wünsche sie sich, dass er sich schützend vor die Basis stelle. Andernfalls müsse man fragen: „Wird das mitgetragen?“
Bruns hat kein Parlamentsmandat. Sie ist aber auch nicht bloß eine Besucherin des nächsten Ortsverbandstreffens. Sie spricht öffentlich für eine Arbeitsgemeinschaft, gibt Interviews und wirbt für politische Positionen. Der Verweis auf die Basis beseitigt diese Verantwortung nicht.
Schutz vor Drohungen und falschen Behauptungen kann sie selbstverständlich verlangen. Daraus folgt kein Anspruch darauf, dass die Führung ihre Positionen übernimmt oder innerparteiliche Kritik abwehrt. Auch diejenigen, die einen Ausschlussantrag stellen, sind Parteimitglieder. Deren Einwände lassen sich nicht mit der Feststellung erledigen, dass Bruns viele Unterstützer hat.
Im Ruhrgebiet ist diese Auseinandersetzung mit der eigenen Partei nicht neu. Stefan Laurin zeichnete am 15. Oktober in der Jungle World Bruns’ Weg von der israelsolidarischen Szene über ihre Bochumer Parteikarriere zum Antizionismus nach.
Bei ihrem Parteiaustritt 2018 schrieb sie: „Die Massen dürsten nach Führung und Macht und nicht nach demokratischer Vertretung.“ Ihre Erklärung endete mit: „Nieder mit der Linkspartei und allen Illusionen!“
Inzwischen ist sie wieder Mitglied. Die Partei hat den gewünschten Untergang überlebt. Nun soll sie Rückendeckung liefern.
Die Arbeitsgemeinschaften liefern
An Unterstützung mangelt es Bruns schon jetzt nicht.
Bereits ihre Kampfansage gegen den Ausschlussantrag vom 22. September verbreiteten die Berliner LAG, die Bundesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität, die Linksjugend Berlin und „Keine Linke ohne Palästinasolidarität“ gemeinsam. Die Berliner LAG bewirbt auch das neue Gespräch bei 99 ZU EINS.
Die Arbeitsgemeinschaften führen derweil ihre eigenen Auseinandersetzungen mit den Kritikern der Partei. Am 18. Oktober veröffentlichten die Berliner LAG, die Bundes-BAG und der Account @nalaversum einen gemeinsamen Beitrag gegen die Junge Union. Das Motiv zeigt deren Bühne mit dem Schriftzug „Nie wieder ist jetzt“. Darunter steht der Vorwurf: „Die JU relativiert die Shoa…“ Der Begleittext erklärt, auf die angegriffene Darstellung fielen nur noch „absolut verwirrte Schwurbler“ herein. Beide Arbeitsgemeinschaften sind als Mitautoren ausgewiesen.
Am 19. Oktober folgte bei der Berliner LAG und @nalaversum ein zustimmend kommentierter Ausschnitt aus der Pressekonferenz von Ines Schwerdtner: „Unsere Vorsitzende @inesschwerdtner hat auf der Pressekonferenz heute gekocht“. Das belegt nicht, dass Schwerdtner sämtliche Positionen der LAG teilt. Es zeigt, wie die LAG den Auftritt ihrer Parteivorsitzenden aufnimmt.
Die Zusammenarbeit bleibt zudem praktisch. Zusammen mit BDS Berlin, dem Internationalistischen Bündnis Berlin und dem Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion veröffentlicht die LAG einen Aufruf zur Mahnwache am 24. Oktober in Adlershof. Gefordert werden ein umfassendes Waffenembargo gegen Israel, das Ende deutscher Käufe israelischer Waffensysteme und die Schließung einer Munitionsfabrik in Wedding. Die Bundes-BAG kündigt unterdessen, gemeinsam mit der Berliner LAG, ihre Mitgliederversammlung am 24. und 25. Oktober in Berlin an.
Diese Zusammenschlüsse sprechen nicht für die gesamte Linke. Sie verfügen aber über eigene Strukturen, gemeinsame Veröffentlichungen und die Bereitschaft, ihren Kurs öffentlich durchzusetzen. Wer Bruns als isolierten Einzelfall behandeln möchte, müsste zunächst ihren Verteiler übersehen.
Ein Antrag ist kein Urteil
Zum weiteren Verfahren nennt Bruns ab Minute 52:17 ihren Kenntnisstand: Sie habe bis Ende Oktober Zeit für eine schriftliche Stellungnahme. Die Antragstellenden seien außerdem aufgefordert worden, den behaupteten Parteischaden näher zu begründen. Einen Verhandlungstag erwartet sie möglicherweise im November. Das sind ihre Angaben; ein bestätigter Termin oder eine Entscheidung folgt daraus nicht.
Der Moderator deutet die Nachfrage der Schiedskommission als Zeichen von Zweifeln am Antrag. Auch das ist seine Interpretation. Über einen Ausschluss entscheidet die Schiedskommission, nicht die Sendung, in der sich die Betroffene verteidigt.
Die Rückendeckung regiert mit
Für SPD und Grüne ist entscheidend, was die Linke aus ihren öffentlichen Zusagen macht.
Das Sondierungspapier und die Vereinbarung zum Umgang mit Antisemitismus enthalten Verpflichtungen, an denen sich die Partei messen lassen muss. Bruns’ Parteiverfahren und mögliche Sanktionen innerhalb einer Fraktion sind unterschiedliche Vorgänge. Der politische Konflikt berührt jedoch dieselbe Frage: Welche Grenze will die Führung auch dann vertreten, wenn die eigenen Arbeitsgemeinschaften dagegen mobilisieren?
Bruns darf ihre Positionen erläutern und sich gegen einen Ausschluss wehren. Das vollständige Gespräch gibt reichlich Gelegenheit, ihre Argumente zu prüfen. Dabei wird deutlich: An wesentlichen Auffassungen hält sie fest. Die Partei soll ihr dafür Raum lassen und sie gegen Angriffe verteidigen.
Nach außen verspricht die Linke Verbindlichkeit. Nach innen soll schon deren Durchsetzung als Einschüchterung gelten. SPD und Grüne bekommen damit eine Koalitionspartnerin, deren Arbeitsgemeinschaften die Bedingungen der Zusammenarbeit öffentlich weiterverhandeln.
Die Unterschrift kommt von der Parteispitze. Die Gebrauchsanweisung liefern die eigenen Genossen nach.
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