Die Linke Berlin: Die Parteispitze sondiert, der Palästina-Flügel mobilisiert

Rede bei einer Demonstration in Hamburg: Standbild aus dem gemeinsamen Reel von Bridges of Resistance, BAG und Berliner LAG.
Palästinasolidarität und Kampf gegen die NATO: Standbild aus dem gemeinsamen Reel vom 26. September 2026. (Screenshot: Instagram / Bridges of Resistance)

Die Berliner Linke will regieren. In ihrem Palästina-Flügel wird derweil Verstärkung gesucht – ausdrücklich, um mehr Druck auf die eigene Partei zu machen. Die Aktivistin Nala bewirbt sich um ein Sprecheramt in der Bundesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität. Die Berliner LAG veröffentlicht ihre Bewerbung mit. Eine Rückzugserklärung sieht anders aus.

Nala kündigt ihre Kandidatur für die BAG Palästinasolidarität an.
Nala wirbt für ihre Kandidatur. Gemeinsamer Post mit der Berliner Palästina-LAG vom 26. September 2026. (Screenshot: Instagram)

Mehr Mitglieder, mehr Druck

Am 26. September 2026 kündigte Nala auf ihrem Instagram-Account @nalaversum die Kandidatur als Bundessprecherin der BAG Palästinasolidarität an. Die Mitgliederversammlung mit Wahl soll nach ihrer Ankündigung am 24. und 25. Oktober 2026 im Berliner Karl-Liebknecht-Haus stattfinden. Gewählt ist sie damit noch nicht.

Ihr Organisationsplan ist deutlich: Sie will mehr Genossinnen und Genossen für die Landesarbeitsgemeinschaften und die BAG gewinnen. Der Zweck steht gleich dabei: „Je mehr wir sind, desto mehr Druck können wir innerhalb der Partei machen.“

Nalas dritte Bewerbungsfolie: Mehr Mitglieder sollen mehr Druck innerhalb der Partei ermöglichen.
Mitgliederwerbung mit einem ausdrücklich innerparteilichen Ziel. (Screenshot: Instagram, 26. September 2026)

Dazu kommen der Kampf gegen das, was sie „innerparteiliche Repression“ nennt, und weitere Palästina-Demonstrationen der Linken. Diese sollen nach ihrer Vorstellung nicht bloß der Außendarstellung der Partei dienen. Als Erfahrung führt Nala ihre nach eigenen Angaben organisatorische Mitarbeit bei Thousand Madleens to Gaza und Sumud Flotilla Germany an.

Die Begründung liefert die zweite Folie: Die Linke knicke zu oft ein. Nala will eine Partei, die sich von der „bürgerlichen Presse“ nicht einschüchtern lasse und Israels Vorgehen in den von ihr verwendeten Kategorien von Besatzung bis Genozid benennt.

Zweite Bewerbungsfolie: Nala begründet die Kandidatur mit Kritik am Kurs der Linken.
Zu nachgiebig: So beschreibt Nala den bisherigen Kurs ihrer Partei. (Screenshot: Instagram, 26. September 2026)

Wer ist Nala?

Nala tritt auf Instagram unter @nalaversum auf und hatte beim Abruf am 27. September 2026 knapp 19.000 Follower. In ihrer Profilbeschreibung nennt sie sich Host des Podcasts „Social Sins“ und verweist auf die Flotilla-Initiative Thousand Madleens Germany. Die Kandidatur kommt damit von einer Aktivistin mit eigener Social-Media-Reichweite, nicht nur aus einer parteiinternen Arbeitsrunde. Ihre organisatorische Mitarbeit bei den Flotilla-Initiativen führt sie selbst als Qualifikation an; daraus folgt weder ein bereits ausgeübtes Sprecheramt der BAG noch eine Teilnahme an einer bestimmten Schiffsmission.

Wie sie die öffentliche Auseinandersetzung führt, zeigt die Begleitzeile eines Reels vom 23. September 2026: Dort spricht sie von einer „Instrumentalisierung der Shoah“ und bezeichnet die aktuelle Medienberichterstattung als „Hetze“. Der Angriff auf die „bürgerliche Presse“ in ihrer Bewerbung steht also nicht für sich: Nala stellt sich auch öffentlich gegen die Berichterstattung über ihre Partei.

Die BAG, in der sie ein Sprecheramt anstrebt, beschreibt sich auf der offiziellen Parteiseite als „revolutionäre, antiimperialistische Arbeitsgemeinschaft“. Sie verbindet Palästinasolidarität mit dem Kampf gegen Kapitalismus und Kolonialismus und bietet Genossen unter politischem Druck Vernetzung an. Zugleich erklärt sie ausdrücklich, gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus zu stehen. Nalas Bewerbung zielt auf Einfluss in diesem organisierten Parteizusammenschluss – nicht auf ein parlamentarisches Mandat.

Verstärkung aus NRW

Auch in Nordrhein-Westfalen wird an der personellen Aufstellung gearbeitet. Jason Osterhagen kündigte am 27. September 2026 in einem gemeinsam mit der NRW-Palästina-LAG veröffentlichten Instagram-Beitrag seine erneute Kandidatur als Bundessprecher der BAG an. Dafür will er zur nächsten Mitgliederversammlung sein Sprecheramt in der NRW-LAG aufgeben und sich stärker auf die Bundesebene konzentrieren. Als Ziele nennt er eine engere Vernetzung der Arbeitsgemeinschaften und den Gang in die Kreisverbände. Auf seiner Bewerbungsfolie steht: „Die Linke darf keine Angst vor der bürgerlichen Presse haben.“

Nala kommentiert zustimmend: „Let’s go Genosse“. Das belegt Unterstützung für seine Bewerbung, noch keine gemeinsame Kandidatenliste oder bereits erfolgte Wahl. Der Ausbau des Flügels bleibt jedenfalls nicht auf Berlin beschränkt.

Jason Osterhagen kündigt seine erneute BAG-Kandidatur an; gemeinsamer Instagram-Post mit der NRW-Palästina-LAG.
Jason Osterhagen kündigt seine erneute Kandidatur an; die NRW-LAG veröffentlicht den Post mit. Ausschnitt ohne Kommentarbereich. (Screenshot: Instagram / Jason Osterhagen und LAG Palästinasolidarität NRW, 27. September 2026)

Palästina und der Kampf gegen die NATO

Am 26. September 2026 erschien ein gemeinsam veröffentlichtes Reel aus Hamburg. Der Begleittext bezeichnet es als Rede auf einer Rheinmetall-Entwaffnen-Demonstration und formuliert: „Free Palestine heißt Kampf der NATO und Kampf dem Grenzregime!“ Instagram weist neben Bridges of Resistance auch die BAG Palästinasolidarität, die Berliner Palästina-LAG und Hannah Bruns’ Account @das_herz_pocht_links als Mitautoren aus. Hinzu kommen @flora_fuer_alle und @thawra_hamburg.

Das ist mehr als eine zufällige Markierung unter einem fremden Video: Die Accounts verbreiten den Beitrag gemeinsam. Es zeigt die gemeinsame Veröffentlichung, nicht die Beteiligung aller genannten Gruppen an jeder Aktion vor Ort. Die politische Verknüpfung ist dennoch deutlich: Aus Palästinasolidarität wird im Begleittext zugleich ein Kampf gegen NATO und Grenzpolitik. Wer den Flügel lediglich als Arbeitskreis für humanitäre Fragen behandelt, liest an dessen eigener Botschaft vorbei.

Rückendeckung für Bruns

Dazu passt die Abwehr des Parteiausschlussantrags gegen Hannah Bruns. Nach der vom rbb am 23. September 2026 veröffentlichten Bestätigung der Landesschiedskommission wurde der Antrag am 19. September 2026 eingereicht. Das belegt den Antrag, nicht einen beschlossenen Ausschluss. Bruns kündigte öffentlich Gegenwehr an; mehrere Parteigliederungen verbreiteten ihre Erklärung gemeinsam. ( Die Linke Berlin: Die Genossen machen Probleme. Schuld ist die Kritik.)

In der gemeinsamen Solidaritätserklärung vom 24. September 2026 behaupten die beteiligten Accounts, palästinasolidarische Stimmen sollten möglichen Koalitionsinteressen geopfert werden. Der Text endet mit: „Wir können nicht alle ausgeschlossen werden.“ Das ist ihre politische Deutung des Verfahrens, kein Beleg für die Motive der Antragsteller. Über den gleichzeitigen Angriff auf die eigenen Genossen haben wir berichtet. ( Die Linke Berlin: Keine Angst vor Antisemitismus. Ist nur ein Gespenst.)

Solidarität mit Ansage

Am 27. September 2026 um 18:24 Uhr veröffentlichte das Palästinaaktionsbündnis Leipzig eine weitere Solidaritätserklärung für Bruns. Instagram weist die Berliner Palästina-LAG, die Bundes-BAG, Handala Leipzig, Students for Palestine Leipzig und Bruns’ eigenen Account als Mitautoren aus. Hier wird nicht nur eine Aktivistin verteidigt, sondern der Parteiführung eine politische Forderung gestellt: „Antizionistische Positionen gehören in linke Parteien.“

Solidaritätserklärung für Hannah Bruns: Forderung nach Platz für antizionistische Positionen in linken Parteien.
Ansage an die Parteiführung: sechste Folie der gemeinsamen Erklärung vom 27. September 2026. Ausschnitt ohne Kommentarbereich. (Screenshot: Instagram / Palästinaaktionsbündnis Leipzig und Mitautoren)

Auf der folgenden Folie verlangen die Verfasser eine konsequente linke Opposition statt einer Annäherung an SPD und Grüne. Sie begrüßen, dass Bruns den Ausschlussantrag zum Anlass nehme, offensiv für antizionistische Positionen in der Partei einzutreten. Ihre Behauptung einer gegen Bruns gerichteten Hetzkampagne bleibt ihre Deutung. Belegt ist die gemeinsame Veröffentlichung – kein entsprechender Beschluss der gesamten Berliner Linken. Die Führung soll verhandeln dürfen. Nur die Kompromisse stören schon vorab.

Opposition mit Organisationsplan

Die Distanz zum Regieren hat zudem einen älteren organisatorischen Hintergrund. In ihrer Dokumentation vom 14. September 2026 nennt die Sozialistische Linke die BAG Palästinasolidarität als Unterstützerin der Erklärung „Alle wollen regieren, wir wollen verändern: Hoffnung durch Opposition!“. Weitere Unterstützer sind die Sozialistische Linke, die Antikapitalistische Linke und die BAG Frieden und Internationale Politik. Die Veröffentlichung wirbt dafür, die Erklärung als Antrag in Parteigliederungen einzubringen. Das ist kein neuer Beschluss gegen eine konkrete Berliner Koalition. Es zeigt aber: Die Skepsis gegenüber Regierungsbeteiligungen wurde schon vor der Berlin-Wahl über mehrere Zusammenschlüsse hinweg organisiert. Nalas Mitgliederwerbung trifft auf vorhandene Strukturen.

Die Jugend erhöht den Druck

Der Widerstand gegen den Regierungskurs reicht über die Palästina-Arbeitsgemeinschaften hinaus. Im Interview mit der jungen Welt vom 28. September 2026 hält Nessa Dann, Mitglied im Landessprecher*innenrat der Berliner Linksjugend Solid, an der Ablehnung einer Regierungsbeteiligung fest. Initiativen, Parteibasis und Bezirksverbände sollen nach ihrer Vorstellung gemeinsam den Druck auf die Parteispitze erhöhen.

Titel und Datum des Interviews mit Nessa Dann in der jungen Welt vom 28. September 2026.
Schon die Interviewüberschrift beschreibt Kompromisse als etwas, das abgewehrt werden soll. (Screenshot: junge Welt, 28. September 2026)

Dann berichtet außerdem, ein Antrag sei abgelehnt worden, die Sondierungen ohne verbindliche Zusage zur Umsetzung des Enteignungsvolksentscheids abzubrechen. Das ist ihre Darstellung des internen Vorgangs, keine hier unabhängig bestätigte Beschlusslage. Politisch bleibt die Aussage deutlich: Der Regierungskurs trifft auch in der Jugendorganisation auf Widerspruch. Eine gemeinsame Steuerung mit dem Palästina-Flügel lässt sich daraus nicht ableiten. Zusätzlicher Gegenwind für die Parteispitze allerdings schon.

Der Streit bekommt Personal

Der Anspruch passt zur bisherigen Linie der Berliner Palästina-LAG. Sie hatte nach der Wahl bereits gefragt, wie unabhängig Palästinasolidarität unter einer Regierung der eigenen Partei bleiben könne und was bei Druck von SPD und Grünen geschehe. ( Die Linke will ins Rote Rathaus. Ihre Palästina-LAG bevorzugt betreutes Regieren.)

Auch aus Nordrhein-Westfalen kam eine bemerkenswerte Rollenbeschreibung: Die dortige Palästina-LAG gratulierte Berliner Kandidatinnen zu ihrem Erfolg und feierte sie zugleich als künftige oppositionelle Stimmen. Das war eine Botschaft der Arbeitsgemeinschaft, keine gemeinsame Erklärung der angesprochenen Politikerinnen. ( Wahlsieg der Linkspartei in Berlin: Die NRW-Genossen gratulieren schon mal zur Opposition)

Die LAG Shalom setzt einen anderen Akzent: Sie unterstützt den Weg in eine rot-rot-grüne Regierung, verlangt aber eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der eigenen Partei und warnt vor weiteren Provokationen. ( Linke will ins Rote Rathaus – eigene LAG warnt vor Sabotage und „antizionistischen Sektierer*innen“)

Nalas Bewerbung beweist weder eine geplante Sabotage von Koalitionsgesprächen noch einen Kurs der gesamten Linken. Sie zeigt etwas Konkreteres: Eine Kandidatin will die Arbeitsgemeinschaften vergrößern, um ihren Einfluss auf die Partei auszubauen. Die Berliner Palästina-LAG gibt diesem Programm mit dem gemeinsamen Post eine Bühne.

Die Parteiführung sucht Mehrheiten zum Regieren. In diesem Teil der Partei werden Mitglieder gesucht, damit die Führung mehr Gegenwind bekommt. Beschäftigung für die Genossen wäre also gesichert.

Regieren unter Vorbehalt

Für SPD und Grüne dürfte schon die Verhandlung mit einer derart zerstrittenen Partei zur Geduldsprobe werden: Was ist eine Zusage der Führung wert, wenn organisierte Teile der eigenen Partei den nötigen Kompromiss bereits als Niederlage behandeln? Im Senat würde diese Frage nicht verschwinden. Dort müssten Beschlüsse umgesetzt werden, während die eigene Partei womöglich schon den Protest dagegen organisiert. Eine Koalition hätte dann nicht nur eine Opposition im Abgeordnetenhaus, sondern eine weitere beim Koalitionspartner. Für Berlin wäre das ein guter Grund, auch andere Mehrheiten zu prüfen. Regieren ist schließlich kein Beschäftigungsprogramm für innerparteiliche Konflikte.

Ein alternatives Szenario für Berlin:

Szenario Kenia: Berlin kann auch ohne die Linke

Autorenseite: Peter Ansmann
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