
Wer den Medien das Vertrauen entzieht, braucht für die eigene Anklage natürlich eine verlässliche Quelle. Vanessa Emde (Die Linke Berlin) hat eine, in der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen, gefunden. Die Wissenschaft darf als Zeugin auftreten. Bei der Zuordnung ihrer Antwortkategorien wird es anschließend etwas großzügig.
In einem gemeinsamen Instagram-Beitrag mit der Berliner Palästina-LAG begründet Emde, weshalb sie sich derzeit bei vielen etablierten Medien zurückhält. Sie erhebt Vorwürfe von sexistischen und rassistischen Narrativen, Lügen und einer Berichterstattung im Interesse des Establishments. Klicks und Quoten spielen in ihrer Abrechnung ebenfalls eine Rolle. Die Haltung ist entschieden, der Ton abschließend: Basta!
Dann kommt die Zahl. Emde schreibt:
„73 Prozent der Befragten begegnen der Medienberichterstattung zu Israel/Palästina mit Skepsis oder Misstrauen“
Als Quelle nennt sie die Mainzer Langzeitstudie. Eine beeindruckende Mehrheit. Man muss nur aufpassen, wer in ihr alles untergebracht wird.

Vier Antworten, eine sehr brauchbare Zahl
Die veröffentlichte Auswertung der Erhebung 2024, Abbildung 5 auf Seite 12, weist bei der Frage zum Vertrauen in die Berichterstattung über den Krieg im Gazastreifen, den die Hamas am 7. Oktober 2023 mit dem Angriff auf Israel gestartet hat, folgende gerundete Werte aus:
| Antwort | Anteil |
|---|---|
| Vertrauen | 27 Prozent |
| Teils, teils | 44 Prozent |
| Misstrauen | 27 Prozent |
| Weiß nicht / keine Angabe | 2 Prozent |
Die Ergebnisseite des Forschungsteams beschreibt das Verhältnis entsprechend: 27 Prozent Vertrauen stehen 27 Prozent Misstrauen gegenüber. Vertrauen fasst die positiven, Misstrauen die negativen Antworten zusammen. Dazwischen steht die gemischte Bewertung.
Emde behauptet ausdrücklich nicht, 73 Prozent misstrauten der Berichterstattung vollständig. Sie schreibt von Skepsis oder Misstrauen. Das ist ein Unterschied, den man ihr bei aller Lust an der Zuspitzung lassen muss. Wer die 44 Prozent „teils, teils“ als skeptisch bezeichnet, hat damit eine auslegungsbedürftige Zusammenfassung gewählt. Aber selbst dann ergeben 44 plus 27 zunächst 71 Prozent.
73 erhält man, wenn man schlicht 27 von 100 abzieht. In diesem Rest stecken auch die zwei Prozent ohne inhaltliche Antwort. Ob Emde tatsächlich so gerechnet oder den Wert anders übernommen hat, ist ihrem Post nicht zu entnehmen. Die veröffentlichte Verteilung trägt ihre Zuordnung jedenfalls nicht: Keine Antwort ist keine erklärte Skepsis. Auch eine revolutionäre Prozentrechnung kann Schweigen nicht nachträglich ausfüllen.
Die Berliner Linksjugend ließ in ihrem Frankreich-Beschluss bereits Millionen Arme aus dem Ausgangsjahr verschwinden: Der tatsächliche Zuwachs passte ziemlich genau zu ihrer falschen Ausgangszahl. Bei Emde bekommen nun sogar die Antwortlosen einen Platz im Lager der Medienskeptiker – die politische Grundrechenart bleibt offenbar: Es muss zur Anklage passen.
Eine Umfrage ist kein Lügendetektor
Zwei Prozentpunkte entscheiden nicht darüber, ob Medienkritik berechtigt ist. Auch 71 Prozent gemischte oder negative Bewertungen wären ein ernst zu nehmender Befund. Der größere Fehler liegt deshalb nicht im Abstand zwischen zwei Zahlen, sondern in dem, was die Studie für diese Abrechnung leisten soll.
Eine Befragung zum Vertrauen ermittelt Einstellungen der Befragten. Sie prüft nicht, welche konkrete Nachricht richtig ist, welcher Artikel einen Fehler enthält oder welche Redaktion absichtlich Unwahrheiten verbreitet. Über die Qualität einer Berichterstattung entscheidet keine Mehrheitsabstimmung. Sonst wäre eine gut organisierte Kampagne gegen Journalisten bereits deren Widerlegung.
Genau diese Grenze erläuterte der beteiligte Forscher Nikolaus Jackob im WDR-Interview zur Studie: Ob Berichterstattung einseitig sei, lasse sich ohne eine entsprechende Inhaltsanalyse nicht beurteilen. Vertrauen und Misstrauen sind Forschungsgegenstände. Sie sind keine Gütesiegel für die Nachrichten und erst recht keine Beweise für Lügen.
Unser Beitrag „Gaza: Wie Aktivisten aus Schätzungen Gewissheiten machen“ zeigt, wie eine Abschätzung möglicher Kriegsfolgen zur bereits eingetretenen Opferbilanz umgedeutet wurde. Die Quellen dürfen die Zahlen liefern; was sie bedeuten sollen, übernimmt dann offenbar die politische Verwertung.
Das lässt Emde jede Möglichkeit, einzelne Berichte zu kritisieren. Sie könnte falsche Tatsachen benennen, Gegenbelege vorlegen, Auslassungen zeigen. Nur nimmt ihr eine Prozentzahl diese Arbeit nicht ab. Für eine Politikerin, die den Medien pauschale und verzerrende Darstellungen vorhält, wäre diese Genauigkeit ein naheliegender Anfang.
„Die Linke im Eralptraum“ dokumentiert, wie die Debatte über Eralp und das Umfeld ihrer Partei auf den SPIEGEL verlagert wurde. Auch berechtigte Einwände gegen eine Veröffentlichung beantworten die politischen Fragen an die Linke nicht.
Im Fall der Berliner Linksjugend ging es um eine falsche Ausgangszahl, hier um die Zuordnung von Umfrageantworten. Daraus folgt weder eine gemeinsame Urheberschaft noch der Nachweis absichtlicher Täuschung. Auffällig bleibt der Kontrast zwischen dem großen Anspruch an fremde Sorgfalt und dem kleinen Interesse an den Kategorien der eigenen Quelle.
Die Wissenschaft hat vier Antwortgruppen veröffentlicht. Emde braucht für ihre Abrechnung offenbar vor allem eine möglichst große Zahl.
Die zwei Prozent ohne Antwort können sich immerhin beruhigen: Sie mussten sich nicht entscheiden. Die politische Vertretung ihres Schweigens war schon erledigt.
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