
Seit Jahren macht mich der ungeschickte Umgang vieler politischer Gegner mit der AfD sprachlos. Na gut, fast sprachlos. Denn irgendwie komme ich doch immer wieder dazu, mich hier im Blog daran abzuarbeiten. Eine wirklich überzeugende Erklärung für dieses Dilemma habe ich allerdings bis heute nicht gefunden. Und eine Lösung schon gar nicht.
Nun liefert der „Spiegel“ mit seinem aktuellen Titel über Ulrich Siegmund, den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, allerdings wieder einmal Anschauungsmaterial, das (auch) mich ratlos zurücklässt. „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ steht auf dem Cover. Gemeint ist das vermutlich als Warnung. Herausgekommen ist jedoch etwas, das für Siegmund und seine Partei kaum besser hätte laufen können.
Man muss der AfD nicht auch noch helfen
Ich will gar nicht darüber diskutieren, ob Siegmund tatsächlich eine gefährliche politische Figur ist. Das kann und sollte man anhand seiner politischen Positionen, seiner Aussagen und seines Handelns beurteilen. Genau darum geht es schließlich bei seriösem Journalismus.
Aber muss man einem Politiker, der gerade Wahlkampf macht, wirklich die große Bühne in Form einer dramatischen „Most Wanted“-Inszenierung bereiten? Muss man ihn auf das Titelbild heben und ihm damit genau jene Aufmerksamkeit verschaffen, von der er politisch lebt?
Siegmund selbst hat die Steilvorlage dankbar angenommen. Er bezeichnete das Cover als „sehr gute Werbung“ und verbreitete sogar ein Video, in dem er Exemplare des „Spiegel“ signierte. Mehr unfreiwillige Wahlkampfhilfe geht eigentlich kaum.
Und genau hier liegt mein Problem.
Die Opferrolle wird frei Haus geliefert
Die AfD hat über Jahre gelernt, sich als Opfer eines angeblich feindseligen politischen und medialen Systems zu inszenieren. Das gehört längst zu ihrem politischen Geschäftsmodell. Kritik wird nicht selten als Beweis für die eigene Bedeutung verkauft, Empörung als Auszeichnung und Gegenwind als Bestätigung der eigenen Erzählung.
Wer dieser Partei nun ein Cover liefert, das sich problemlos als Fahndungsfoto interpretieren lässt, darf sich anschließend nicht wundern, wenn genau diese Mechanismen funktionieren.
Das bedeutet keineswegs, dass Medien AfD-Politiker schonen sollten. Im Gegenteil. Sie sollten genau hinschauen, kritisch nachfragen, Widersprüche offenlegen und politische Aussagen einordnen. Aber zwischen harter Berichterstattung und einer Inszenierung, die dem Betroffenen selbst als Trophäe dient, liegt ein gewaltiger Unterschied.
Journalismus darf nicht beim Effekt stehen bleiben
Der „Spiegel“ verteidigt seine Entscheidung mit dem Hinweis auf die Relevanz des Themas. Chefredakteur Dirk Kurbjuweit verweist zudem auf das alte Motto „Sagen, was ist“. Das ist selbstverständlich ein legitimer journalistischer Anspruch.
Nur: Journalismus besteht nicht allein darin, etwas für relevant zu erklären. Journalismus muss auch darüber nachdenken, wie man etwas erzählt und welche Wirkung eine Inszenierung entfalten kann.
Wer einen AfD-Spitzenkandidaten unmittelbar vor einer wichtigen Wahl zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ macht, sollte zumindest damit rechnen, dass dieser Titel nicht nur als Warnung verstanden wird. Die AfD ist schließlich keine völlig ahnungslose politische Nachwuchsorganisation. Sie weiß sehr genau, wie man Aufmerksamkeit in politische Energie umwandelt.
Jammert hinterher bitte nicht
Und deshalb fürchte ich schon jetzt das bekannte Szenario. Wenn die AfD bei den kommenden Wahlen wieder kräftig zulegt, werden Politiker und Kommentatoren entsetzt fragen, wie es dazu kommen konnte. Es werden Analysen erscheinen, die gesellschaftliche Ursachen untersuchen. Es wird von einer „neuen Herausforderung für die Demokratie“ gesprochen werden. Und natürlich wird man sich gegenseitig versichern, dass man jetzt endlich entschlossener gegen die Rechten vorgehen müsse.
Vielleicht sollte man vorher einmal darüber nachdenken, was man selbst dazu beiträgt.
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