Die AfD im Glück: Ihre Gegner helfen kräftig mit

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt. Foto (Ausschnitt): Roy Zuo Lizenz: CC BY-SA 4.0

Seit Jahren macht mich der ungeschickte Umgang vieler politischer Gegner mit der AfD sprachlos. Na gut, fast sprachlos. Denn irgendwie komme ich doch immer wieder dazu, mich hier im Blog daran abzuarbeiten. Eine wirklich überzeugende Erklärung für dieses Dilemma habe ich allerdings bis heute nicht gefunden. Und eine Lösung schon gar nicht.

Nun liefert der „Spiegel“ mit seinem aktuellen Titel über Ulrich Siegmund, den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, allerdings wieder einmal Anschauungsmaterial, das (auch) mich ratlos zurücklässt. „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ steht auf dem Cover. Gemeint ist das vermutlich als Warnung. Herausgekommen ist jedoch etwas, das für Siegmund und seine Partei kaum besser hätte laufen können.

Man muss der AfD nicht auch noch helfen

Ich will gar nicht darüber diskutieren, ob Siegmund tatsächlich eine gefährliche politische Figur ist. Das kann und sollte man anhand seiner politischen Positionen, seiner Aussagen und seines Handelns beurteilen. Genau darum geht es schließlich bei seriösem Journalismus.

Aber muss man einem Politiker, der gerade Wahlkampf macht, wirklich die große Bühne in Form einer dramatischen „Most Wanted“-Inszenierung bereiten? Muss man ihn auf das Titelbild heben und ihm damit genau jene Aufmerksamkeit verschaffen, von der er politisch lebt?

Siegmund selbst hat die Steilvorlage dankbar angenommen. Er bezeichnete das Cover als „sehr gute Werbung“ und verbreitete sogar ein Video, in dem er Exemplare des „Spiegel“ signierte. Mehr unfreiwillige Wahlkampfhilfe geht eigentlich kaum.

Und genau hier liegt mein Problem.

Die Opferrolle wird frei Haus geliefert

Die AfD hat über Jahre gelernt, sich als Opfer eines angeblich feindseligen politischen und medialen Systems zu inszenieren. Das gehört längst zu ihrem politischen Geschäftsmodell. Kritik wird nicht selten als Beweis für die eigene Bedeutung verkauft, Empörung als Auszeichnung und Gegenwind als Bestätigung der eigenen Erzählung.

Wer dieser Partei nun ein Cover liefert, das sich problemlos als Fahndungsfoto interpretieren lässt, darf sich anschließend nicht wundern, wenn genau diese Mechanismen funktionieren.

Das bedeutet keineswegs, dass Medien AfD-Politiker schonen sollten. Im Gegenteil. Sie sollten genau hinschauen, kritisch nachfragen, Widersprüche offenlegen und politische Aussagen einordnen. Aber zwischen harter Berichterstattung und einer Inszenierung, die dem Betroffenen selbst als Trophäe dient, liegt ein gewaltiger Unterschied.

Journalismus darf nicht beim Effekt stehen bleiben

Der „Spiegel“ verteidigt seine Entscheidung mit dem Hinweis auf die Relevanz des Themas. Chefredakteur Dirk Kurbjuweit verweist zudem auf das alte Motto „Sagen, was ist“. Das ist selbstverständlich ein legitimer journalistischer Anspruch.

Nur: Journalismus besteht nicht allein darin, etwas für relevant zu erklären. Journalismus muss auch darüber nachdenken, wie man etwas erzählt und welche Wirkung eine Inszenierung entfalten kann.

Wer einen AfD-Spitzenkandidaten unmittelbar vor einer wichtigen Wahl zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ macht, sollte zumindest damit rechnen, dass dieser Titel nicht nur als Warnung verstanden wird. Die AfD ist schließlich keine völlig ahnungslose politische Nachwuchsorganisation. Sie weiß sehr genau, wie man Aufmerksamkeit in politische Energie umwandelt.

Jammert hinterher bitte nicht

Und deshalb fürchte ich schon jetzt das bekannte Szenario. Wenn die AfD bei den kommenden Wahlen wieder kräftig zulegt, werden Politiker und Kommentatoren entsetzt fragen, wie es dazu kommen konnte. Es werden Analysen erscheinen, die gesellschaftliche Ursachen untersuchen. Es wird von einer „neuen Herausforderung für die Demokratie“ gesprochen werden. Und natürlich wird man sich gegenseitig versichern, dass man jetzt endlich entschlossener gegen die Rechten vorgehen müsse.

Vielleicht sollte man vorher einmal darüber nachdenken, was man selbst dazu beiträgt.

Autorenseite: Robin Patzwaldt
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5 Comments
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Frank
Gast
Frank
29 Tage vor

„Die AfD hat über Jahre gelernt, sich als Opfer eines angeblich feindseligen politischen und medialen Systems zu inszenieren.“

Das braucht sie gar nicht inszenieren. Was sehen die Leute?

Auf der einen Seite die Politik. Alle Altparteien. Den Klerus. Die Wirtschaft. Kultur und Science. Den Staat samt seiner Exekutive, den Geheimdiensten. Nahezu alle Medien. Weite Teile der Justiz.
Dazu noch die ganzen steuerfinanzierten „NGO“ samt der dranhängenden „Zivilgesellschaft“.

Auf der anderen Seite?
Die AFD. Sonst nix.

Tja. 🤷‍♂️
Das Wörtchen „angeblich“ fällt da nicht zwangsläufig ein.

Frank Wohlgemuth
Frank Wohlgemuth
29 Tage vor

@ Frank

Auf der einen Seite die Politik. Alle Altparteien. …. Science. Den Staat samt seiner Exekutive, den Geheimdiensten….. Weite Teile der Justiz.

….

Auf der anderen Seite?

Die AFD. Sonst nix.

Doch. Viele ganz normale Kriminelle, die sich allerdings nicht als Partei formiert haben.
Es hat bei uns einen Grund, wenn die Justiz gegen einen ist.

Alf
Gast
Alf
29 Tage vor

Wir müssen uns nicht wundern, wenn die AFD in Nordrhein-Westfalen weiterhin mehr Stimmen bekommt. Manche Gedanken sind auch viel zu sehr kopfgesteuert, um nach Gründe zu suchen, warum die AFD mmer mehr gewählt wird.

Wenn Bürger die Innenstadt oder manch anderer Stadtquartier meiden, dann wird ein oder andere davon auch die AFD wählen. Mancher fühlt sich schon sehr unwohl, wenn er abends um 22 Uhr in der Straßenbahn, in Richtung Schönebeck sitzt und feststellt, das 80% der Menschen einen Immigrationshintergrund haben. Ebenso ziehen Bürger aufs Land, damit ihre Kinder wieder in einer Schule gehen wo hauptsächlich deutsch gesprochen wird.

Letztendlich haben die Altparteien, ob CDU oder SPD, auch die Verantwortung dafür zu tragen. Das wohnen in den Städten wird immer problematischer. Gewiss, Fachleute die Einwanderung bedrohen keine anderen Menschen. Doch in unseren Innenstädten sieht es nun mal anders aus. Die Altparteien, Gerichte und Staatsanwälte wirken dagegen relativ hilflos.

trackback

[…] Sicht ziemlich ungeschickten Umgang von Politik und Medien mit der AfD habe ich mich hier im Blog gestern bereits […]

Tagedieb
Gast
Tagedieb
28 Tage vor

„Seit Jahren macht mich der ungeschickte Umgang vieler politischer Gegner mit der AfD sprachlos.“  

Ich bin sprachlos ob der Tatsache, dass die konkreten Probleme und Interessen der breiten Masse der Bevölkerung in Deutschland nur eine untergeordnete Rolle in der politischen Diskussion und dem Umgang mit der AfD spielen. Letztlich ist die Diskussion zum „Umgang mit der AfD“ und der Vermeidung der Machtergreifung durch die AfD vor Allem eine „Haltungsfrage“.

Bezüglich der konkreten Politik wird im Wesentlichen weiter wie bisher gemacht, bestes Beispiel ist der Umang mit der „Bürgergeldlücke“ bezüglich der Beiträge für Bürgergeldempfänger zur GKV. War mal kurz Thema (große Ungerechtigkeit, grooße Ungerechtigkeit), spielt aber keine Rolle mehr, weil die aktuelle Bundesregierung lieber Möglichkeiten austariert, die Einnahmesituation des Bundeshaushaltes weiter zu verbessern. Parallel dazu reduziert man flächendeckend die Leistungen für Versicherte (Effizienz verbessern, Qualität erhöhen durch Krankenhausschließungen, jajaja).

Beispiel CO2-Steuer, wo bleibt das Klimageld? (Was werden CDU/CSU/SPD/Bündnis90/Die Grünen/Die Linke/FDP froh sein, wenn die CO2-Steuer ab 2028 im EU-Emissionshandel (ETS 2) aufgeht, denn dann kann man ja gar nichts mehr machen, ist ja dann eine EU-Sache).

Beispiel Deutschlandticket, da feiern sich Bund und Bundesländer, eine Formel gefunden zu haben, mit der man fröhlich an der Preisschraube für diese wirklich tolle Instrument drehen kann, ohne letztlich dafür verantwortlich zu sein (der Index gibt die Preiserhöhung her, damit haben wir nix zu tun).

Die Liste nicht angeganger konkreter Probleme auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene lässt sich beliebig verlängern. Dass daher viele wahlberechtigte Bürger den Stimmzettel für einen Stinkefinger gegenüber CDU/CSU/SPD/Bündnis90/Die Grünen/Die Linke/FDP nutzen werden, ist nachvollziehbar.

PS: Die AfD ist allerdings die denkbar schlechteste Alternative für den Stinkefinger. Und das ausgrechnet in den ostdeutschen Bundesländern dieses autoritäre Konstrukt einen so großen Zulauf für den Stinkefinger erfährt, ist bedenklich.

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