
Wie praktisch, dass die SPD einen Wertekompass besitzt. In Berlin sucht man offenbar noch die Bedienungsanleitung. Während die Landespartei mit Linken und Grünen den Weg in eine gemeinsame Regierung vorbereitet, warnen 20 sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete vor genau diesem Bündnis. Ihre Einwände lassen sich schwer als Wahlkampf der CDU abtun.
Der SPD-Wertekompass
Wie BILD am 18. Oktober 2062 berichtet, sprechen sich die Abgeordneten unter den gegenwärtigen Voraussetzungen gegen Koalitionsverhandlungen mit der Berliner Linken aus. Zu den Unterzeichnern gehören dem Bericht zufolge die frühere Bundesinnenministerin Nancy Faeser, Helge Lindh und der Essener Abgeordnete Ingo Vogel.
Die Erklärung trägt den Titel: „Unser Wertekompass ist niemals verhandelbar.“
Adressat ist damit auch Steffen Krach, Berlins SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzender. Er hatte am 17. Oktober 2026 gemeinsam mit Linken und Grünen das Sondierungspapier vorgestellt und den Einstieg in Koalitionsverhandlungen empfohlen.
Der Vorwurf ist grundsätzlicher als der übliche Streit um Ressorts: Wiederkehrende Antisemitismuskonflikte und Kontakte in extremistische Milieus ließen an der politischen Verlässlichkeit des Landesverbandes zweifeln. Die bereits geschlossene Vereinbarung gegen Antisemitismus räume diese Zweifel nicht aus. Entscheidend sei, ob sie innerhalb der Linken tatsächlich akzeptiert und durchgesetzt werde.
Die Unterzeichner respektieren die Entscheidungshoheit der Berliner SPD. Einen Freibrief erteilen sie ihr damit nicht. Sebastian Fiedler hat die gemeinsame Erklärung inzwischen auch auf Instagram veröffentlicht. Dort wird ausdrücklich zwischen der Berliner Linken und der AfD unterschieden: Die Rechtsextremen bleiben aus Sicht der Unterzeichner die größte Gefahr für die Demokratie. Die Kritik an der Linken ist also keine Einladung zur Verharmlosung der AfD.
Widerspruch aus dem Ruhrgebiet
Mit Sebastian Fiedler gehört ein Bundestagsabgeordneter aus dem Ruhrgebiet zu den Initiatoren des Vorstoßes. Der in Herdecke geborene innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion vertritt den Wahlkreis Mülheim–Essen I. Er ist Kriminalbeamter und war von 2018 bis 2021 Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Wenn er über organisierte Kriminalität und Sicherheitsbehörden spricht, hat er sich das Thema jedenfalls nicht erst für die Berliner Koalitionsdebatte angelesen.
Bereits am 24. September 2026 veröffentlichte Fiedler einen Ausschnitt aus einer Bundestagsrede. In der Beschreibung stellt er einen Zusammenhang zwischen organisierter Kriminalität, Terrororganisationen und der Berliner Linken her. Das ist seine politische Anklage; der Clip stammt aus der Zeit vor dem jetzigen Protestbrief. Er zeigt, wie lange die Warnungen aus der eigenen Partei schon auf dem Tisch liegen.
Konkret kritisierte Sebastian Fiedler in seiner Rede vom 23. September den Kontakt des Linken-Abgeordneten Ferat Koçak ins Remmo-Umfeld: Dabei sei es um Reichweite für Koçaks Video zur Clankriminalität gegangen. Zuvor hatte er vor Überschneidungen zwischen organisierter Kriminalität und Terrororganisationen wie Hamas und PFLP gewarnt. Solche Kontakte könnten politischen Zugang und Einfluss eröffnen. Eine Unterwanderung der Partei sei damit noch nicht bewiesen, betonte Fiedler ausdrücklich. Er sehe darin aber eine „strukturelle Verwundbarkeit“ der Berliner Linken.
„Organisierte Kriminalität, Terrororganisationen und die Berliner Linke. Ein beunruhigender Zusammenhang, um den es in meiner gestrigen Rede ging.“
Begleittext zu Sebastian Fiedlers Instagram-Video vom 24. September 2026.
Die Berliner SPD hat sich trotzdem mit Linken und Grünen auf ein Sondierungspapier verständigt. Am 17. Oktober 2026 meldeten die drei Parteien den Abschluss ihrer Gespräche. Über den Einstieg in Koalitionsverhandlungen müssen die Parteien entscheiden. Eine Regierung steht damit noch nicht. Aber die Konflikte, die sie beschäftigen würde, sind bereits gut dokumentiert.
Die Folterkammer heißt jetzt Koalitionsausschuss
Unser Bericht zeigt, was hinter den freundlichen Gruppenbildern wartet: Streit über den Umgang mit Antisemitismus, Widerstand der LAG Palästinasolidarität, der Linksjugend und der Strömung Linke in der Linken gegen den Kurs der Parteiführung. Dazu kommen Konflikte um Wohnungen, Haushalt und Polizei. Eine Unterschrift der Parteispitze beantwortet eben noch nicht die Frage, wer ihr in der eigenen Partei folgt.
Wie konkret der Widerstand ist, zeigt der offene Brief „Nicht in unserem Namen!“ vom 11. Oktober 2026. Palästina-LAG, Linksjugend Berlin und die Vernetzung Linke in der Linken gehören zu den Erstunterzeichnern. Sie fordern die Rücknahme der Antisemitismusvereinbarung vom 8. Oktober 2026, die Aufnahme aller gewählten Linken-Abgeordneten in die Fraktion und den Verzicht auf darauf gestützte Satzungsänderungen und Sanktionen. Ausdrücklich verteidigen sie Vedi Emde.

Genau hier trifft Fiedlers Kritik auf den Berliner Alltag: Was taugt eine Zusage, wenn die künftigen Koalitionspartner anschließend jede Konsequenz wieder mit Teilen der eigenen Partei ausfechten müssen? Ein Koalitionsausschuss kann vieles vertagen. Einen fehlenden Konsens über Antisemitismus kann er nicht herbeimoderieren.
Die Warnungen werden lauter
Die eigenen Genossen haben die Risiken und Nebenwirkungen schon vorher erklärt. Franziska Giffey verlangte eine glaubwürdige, von der Partei getragene Haltung gegen Antisemitismus. Martin Hikel, Wolfgang Thierse und Fritz Felgentreu unterstützten den Berliner Appell für ein Bündnis aus CDU, SPD und Grünen. Die Einwände unterscheiden sich, ihr gemeinsamer Nenner ist aber deutlich: Ein rechnerisch mögliches Bündnis ist noch lange kein politisch verlässliches.
Auch Mona Neubaur sah die Voraussetzungen für Rot-Grün-Rot in Berlin nicht erfüllt. Nordrhein-Westfalens grüne Vize-Ministerpräsidentin verwies am 12. Oktober auf den Widerstand innerhalb der Linken gegen die Antisemitismusvereinbarung. Das war ihre politische Bewertung, kein formales Veto der Bundespartei. Für die Berliner Grünen bleibt die Frage dennoch unangenehm: Warum sollen die Warnungen ihrer Parteifreundin aus Nordrhein-Westfalen weniger wiegen als die Zusicherungen der Linken?
Es gibt eine andere Mehrheit
Das Szenario Kenia zeigt: Berlin kann auch ohne die Linke. CDU, SPD und Grüne kommen nach dem endgültigen Wahlergebnis gemeinsam auf 79 von 153 Sitzen. Für eine Mehrheit sind 77 nötig. Unser älterer Beitrag rechnet noch mit dem vorläufigen Ergebnis; an der Möglichkeit einer solchen Koalition ändert die endgültige Verteilung nichts. Auch dieses Bündnis müsste sich politisch verständigen. Eine parlamentarische Zwangslage, die nur durch eine Koalition mit der Linken aufzulösen wäre, besteht aber nicht.
Wer den Weg zu Rot-Grün-Rot trotzdem gehen will, muss ihn politisch begründen.
Steffen Krach und die Berliner SPD können sich jedenfalls nicht darauf berufen, niemand habe sie gewarnt. Die Risiken stehen diesmal nicht einmal im Kleingedruckten. Die eigenen Genossen lesen sie laut vor. Man muss für einen Senatsposten nur lange genug weghören.
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